Liebes Tagebuch,
es gibt Dinge im Leben, über die denkt man immer wieder nach, selbst wenn man sie lieber vergessen würde. Ich, Gisela, war über Jahre hinweg einfach die Andere. Mein eigenes Eheglück hat sich nie eingestellt. Bis zu meinem dreißigsten Geburtstag war ich immer noch ledig, und irgendwann beschloss ich, dass ich wohl doch einen Mann finden musste. Anfangs wusste ich nicht, dass Thomas verheiratet war. Aber als er merkte, dass ich mich in ihn verliebt hatte, hörte er auf, es zu verheimlichen.
Ich habe Thomas nie einen Vorwurf gemacht. Nur mich selbst habe ich verurteilt für diese Affäre und meine Schwäche. Ich hatte oft das Gefühl, nicht genug zu sein, weil ich mit der Suche nach dem Richtigen zu lange gewartet hatte. Und die Zeit lief erbarmungslos weiter. Dabei war ich alles andere als unattraktiv: kein Model vielleicht, mehr eine gemütliche, leicht rundliche Frau das hat mich sicher älter erscheinen lassen, aber ich fand mich dennoch ansprechend.
Die Beziehung mit Thomas führte ins Nichts. Ich wollte nicht länger die Andere bleiben, aber loslassen konnte ich ihn auch nicht, aus Angst, am Ende ganz allein zu sein.
Eines Tages stand plötzlich mein Cousin Dieter vor meiner Wohnungstür. Er war beruflich in München unterwegs und hat spontan ein paar Stunden bei mir vorbeigeschaut. Seit Jahren hatten wir uns nicht gesehen. Beim Mittagessen in der Küche redeten wir über Gott und die Welt wie damals als Kinder. Am Ende habe ich ihm sogar mein Herz ausgeschüttet und Tränen vergossen über meine unglückliche Liebe.
Da klingelte meine Nachbarin bei mir und fragte, ob ich kurz helfen könnte, ihre neuen Einkäufe zu begutachten. Zwanzig Minuten war ich drüben. In genau dieser Zeit klingelte es wieder und Dieter öffnete die Tür er dachte wohl, ich sei schon zurück. Doch da stand Thomas! Dieter wusste sofort, dass das der Mann war, wegen dem ich so gelitten hatte.
Thomas war sichtlich überrascht, in meiner Wohnung einem großen, stämmigen Mann in Jogginghose und Unterhemd zu begegnen, der gerade ein Wurstbrot aß.
Ist Gisela da?, fragte Thomas irritiert.
Die ist gerade im Bad, antwortete Dieter sofort, und fragte scheinbar beiläufig: Und Sie sind?
Ich bin also kennen Sie sie gut?, stammelte Thomas.
Ich bin ihr Lebensgefährte, im Moment zumindest, antwortete Dieter trocken, packte Thomas am Kragen und sagte leise aber sehr bestimmt: Sind Sie etwa der verheiratete Schönling, von dem Gisela mir erzählt hat? Hören Sie, tauchen Sie hier nie wieder auf, sonst haben Sie mich am Hals. Klar?
Thomas riss sich los und floh die Treppe hinunter.
Als ich zurückkam, erzählte mir Dieter von dem Besuch. Ich war entsetzt: Was hast du getan? Wer hat dich denn darum gebeten? Jetzt ist alles vorbei! Er kommt nie wieder.
Ich fiel aufs Sofa und verbarg mein Gesicht in den Händen.
Aber Dieter blieb dabei: Glaub mir, besser so. Hör auf zu trauern. Ich habe da einen guten Mann für dich im Auge ein Witwer aus unserem Dorf. Die Frauen laufen ihm nach, seit seine Frau gestorben ist, aber bisher will er seine Ruhe. Ich komme nach meiner Dienstreise nochmal vorbei, dann fahren wir gemeinsam hin und ich stelle euch vor.
Mir war das peinlich, ich sträubte mich: Dieter, das geht doch nicht! Ich kann doch nicht einfach so jemanden kennenlernen, den ich nicht kenne. Was denken die Leute?
Guck mal, erwiderte Dieter, mit einem fremden Ehemann ins Bett zu steigen, ist schlimmer als einen anständigen Mann kennenzulernen. Los jetzt, du kommst mit. Und meine Frau Lotte hat sowieso Geburtstag.
Ein paar Tage später fuhren wir ins Dorf. Lotte deckte im Garten am alten Apfelbaum eine Kaffeetafel. Es kamen die Nachbarn, Freunde und Dieters alter Kumpel Alexander, der Witwer. Die Nachbarn kannten mich schon aus Kindertagen, aber Alexander sah ich zum ersten Mal.
Die Feier war schön und gemütlich. Wieder zuhause in München dachte ich noch lange an Alexander er war still, ein wenig schüchtern. Er trauert sicher noch immer um seine Frau. So einer gibt sein Herz nicht leicht her, dachte ich.
Eine Woche später, an einem sonnigen Samstag, klingelte es unerwartet. Niemand hatte sich angekündigt. Ich öffnete die Tür und da stand Alexander mit einer Papiertüte.
Darf ich reinkommen, Gisela? Ich war kurz beim Markt, hab an Sie gedacht und gedacht, jetzt bin ich schon hier, dann besuch ich Sie doch.
Ich war völlig überrascht, ließ ihn aber gerne herein. Beim Tee erzählte er, was er alles eingekauft hatte. Plötzlich reichte er mir einen kleinen Strauß Tulpen. Meine Augen leuchteten.
Wir saßen in der Küche, redeten über das Wetter und die Preise auf dem Viktualienmarkt. Als wir fertig waren, brachte Alexander seinen Mut auf. Schon im Flur, als er fast gehen wollte, drehte er sich noch einmal um.
Wenn ich jetzt gehe und nichts sage, bereue ich es mein Leben lang. Gisela, ich habe die ganze Woche nur an Sie denken können. Ehrlich. Ich habe von Dieter Ihre Adresse bekommen
Ich errötete, wusste nicht, wohin mit meinem Blick.
Wir kennen uns doch kaum, murmelte ich.
Das macht nichts. Hauptsache, Sie mögen mich? Darf ich du sagen? Ich muss dir noch etwas sagen: Ich habe eine kleine Tochter, sie ist acht. Gerade ist sie bei Oma.
Er zitterte leicht vor Aufregung.
Das ist doch schön, sagte ich ehrlich. Ich wollte immer schon eine Tochter haben.
Er fasste sich ein Herz, nahm meine Hände und zog mich sanft zu sich heran und küsste mich.
Nach dem Kuss schauten wir uns an. Mir standen Tränen in den Augen.
Bin ich dir unsympathisch? fragte er, unsicher.
Nein, im Gegenteil. Ich hätte nie geglaubt, dass ich so etwas empfinden kann Es ist so süß, so ruhig. Ich stehle es niemandem.
Danach trafen wir uns regelmäßig jedes Wochenende. Zwei Monate später heirateten wir standesamtlich und fingen ein gemeinsames Leben im Dorf an. Ich arbeitete im Kindergarten. Ein Jahr später wurde unsere Tochter geboren. So wuchsen zwei Mädchen in unserer Familie auf, beide gleich geliebt und umsorgt.
Alexander und ich wurden mit der Zeit nur glücklicher, als würde unsere Liebe wie guter Wein reifen.
Bei jedem Familienfest zwinkerte mir Dieter zu: Na Gisela, was sagst du zu dem Ehemann, den ich dir vermittelt habe? Immer hübscher wirst du! Auf mich kannst du dich verlassen hör immer auf deinen Cousin!Ich musste lachen und schüttelte den Kopf. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mein Cousin das Glück bringen würde, das ich mir so lange gewünscht hatte? Jeder Tag mit Alexander und den Kindern war wie ein ruhiges, warmes Lied im Ohr ohne falsche Töne, nur leise Freude, manchmal sogar Übermut über so viel späte Erfüllung.
Eines Abends, als wir unter dem knorrigen Apfelbaum saßen, legte Alexander seine Hand auf meine. Gisela, sagte er, man muss nicht der Erste im Leben eines Menschen sein aber vielleicht der, bei dem sie endlich ankommen. Ich wusste, er hatte recht. Alle langen Umwege, alle Tränen, allen Kummer nahm ich dankbar in mein Herz auf. Sie hatten mich vorbereitet auf dieses Glück.
Und so blieb ich nicht die Andere, nicht die Verliererin, sondern einfach: Ich. Gewollt, gebraucht, geliebt. Manchmal, wenn das Dorf in goldenes Licht getaucht war und die Kinder über die Wiese jagten, dachte ich: Das Leben hat seinen eigenen Sinn für Timing. Vielleicht kommt das Glück nicht zu früh sondern genau dann, wenn man es wirklich annehmen kann.
Im Wind klirrten die Gläser, Dieter prostete mir von weitem zu, und ich nahm meinen Platz am Tisch ein, umringt von Lachen, Leben und meiner kleinen, ganz eigenen Familie. Mein Herz war endlich angekommen.





