Eine Bekannte ist untröstlich: Ihr Sohn will ein Mädchen heiraten, das einfach nicht zu unserer Gese…

Vor langer Zeit, als ich selbst noch mit den Sorgen um meine Kinder rang, hörte ich von meiner Bekannten, Frau Schröder, wie schwer ihr das Herz war. Ihr Sohn hatte sich entschlossen, ausgerechnet eine junge Frau zu heiraten, die in ihren Augen so gar nicht in unsere Kreise passte. Ich konnte ihre Unruhe gut verstehen auch ich hätte mir den Kopf zerbrochen an ihrer Stelle.

Damals fiel mir eine andere Geschichte ein, die von Frau Baumann. Ihr Sohn hatte sie ohne große Vorankündigung vor vollendete Tatsachen gestellt das ist Steffi, und wir haben standesamtlich geheiratet.

In der Familie Baumann reihten sich Wissenschaftler, ein habilitierter Professor, zwei Doktoranden, eine Ballettlehrerin, ein Hauptingenieur, ein Literaturkritiker, eine angesehene Kardiologin und andere illustre Gestalten aneinander. Und nun, Steffi: Herkunft zweifelhaft, Umgangsformen weniger als vornehm, der Vater seit Jahren aus dem Leben verschwunden, die Mutter Melkerin (eine Melkerin!), Ausbildung Maler und Verputzer, kein anständiges Äußeres. Es fühlte sich an, als hätte das Schicksal einfach blind getroffen.

Steffi, das muss man sagen, verhielt sich still und anständig man merkte sie kaum, hörte sie noch seltener, manchmal huschte sie leise durch den Flur.

Abwarten, Ingrid, raunte ihre Freundin Brigitte, die wird schon noch auftauen, dann wirst du deine Tränen noch brauchen.

Im Herbst musste der Sohn zu einer Geschäftsreise nach Amerika aufbrechen. Bei dem Gedanken, dass das arme Wesen nun zurückblieb und durch die Wohnung schlich, hatte Frau Baumann wenig Lust, nach Hause zurückzukehren, wie sie Brigitte gestand.

Zum Jahreswechsel war der Sohn wieder da, doch im März verkündete er: Erstens, in den USA hätte man ihm einen Vertrag angeboten; zweitens, dort habe er Judith kennengelernt; drittens, am Donnerstag werde er sich von Steffi scheiden lassen und am Freitag schon abfliegen. Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich rufe an.

Frau Baumann verdrückte ein paar Tränen, winkte ihm nach.

Steffi packte ihre wenigen Sachen eine Reisetasche und eine Plastiktüte vom Supermarkt, das war alles. Sie sah aus wie ein geschlagener Straßenhund.

Trotz allem fragte Frau Baumann, sich selbst überwindend: Hast du irgendwo, wo du unterkommen kannst?

Steffi antwortete leise: Im Wohnheim wird in einem Monat ein Bett frei. Bis dahin darf ich bei den Mädels auf der Klappcouch schlafen.

Noch einmal betrachtete sie das Mädchen und sagte dann: In einem Monat kannst du immer noch ausziehen. Pack wieder aus. Dann schimpfte sie sich selbst eine Närrin, was auch Freundin Brigitte bestätigte.

Morgens verschwand Steffi zur Baustelle und kam spät, ausgepowert und grau vor Müdigkeit zurück. Sie versuchte für Unterkunft etwas dazuzugeben und erklärte stolz, genug zu verdienen.

So lebten sie drei Wochen zusammen, bis Frau Baumann plötzlich schwer erkrankte sechs Wochen Krankenhaus, es war knapp.

Der Sohn rief einige Male aus Übersee an: Halte durch, Mama. Ich schicke dir ein Foto von uns: Judith, ich und die Niagara-Fälle. Nun ja, Judith nichts Außergewöhnliches.

Freundin Brigitte kam selten zu Besuch Familie, Verpflichtungen, da ist es schwer, Zeit zu finden.

Steffi kochte Brühen, Kompotte, bereitete sanft gedämpfte Hähnchenfrikadellen, überredete Frau Baumann, noch ein Löffelchen zu essen.

Dieses Samaritergehabe ist mir nicht ganz geheuer, unkte Brigitte, nicht, dass sie doch dauerhaft eingezogen ist? Sind noch alle Möbel da? Frikadelle gefällig? Nein? Sicher nicht? Ich bin direkt vom Büro, bin hungrig.

Als Frau Baumann entlassen wurde, brachte Steffi sie nach Hause, half ihr in die Wohnung. Sie selbst kam nicht mit hinein keine Zeit, bat nur kurz um Entschuldigung.

Alles blitzblank. In der Küche lag eine Notiz:
Frau Baumann, herzlichen Dank. Mittagessen ist im Kühlschrank. Gute Besserung. S.

Die Ersparnisse waren unberührt, alles wie verlassen in des Sohnes Zimmer.

Eine Woche später ging Frau Baumann in den lärmenden Flur des Wohnheims, klopfte an. Drei Betten, ein Tisch, eine Klappcouch unter dem Tisch.
Sie sagte: Zieh erst aus, wenn du deine eigene Wohnung hast. Los, pack deine Sachen, das Taxi wartet, der Taxameter läuft.

Im September fuhren sie gemeinsam los, um ein Herbstmantel zu kaufen sie schämte sich, in welcher Kleidung das junge Mädchen lief, und anständige Stiefel fehlten ihr auch. Im Einkaufszentrum begegneten sie Freundin Brigitte.

Brigitte meinte schnippisch: Gutes Personal ist schwer zu finden! Und deins sogar umsonst du bist clever, Ingrid!

Das ist keine Dienstmagd, sondern meine Schwiegertochter. Komm, Steffi, wir müssen noch nach einer Tasche schauen, und vielleicht auch nach einer Hose, und ich wollte mir einen Schal gönnen.

Dann sprach Frau Baumann: Sie hat für die Anzahlung der Wohnung selbst gespart, keinen einzigen Cent von mir genommen, das Haus wird bald fertig, ich suche schon nach ordentlichen Tapeten. Sie arbeitet von früh bis spät, neulich kam sie kaum nach Hause, ich drehte mich um, um Tee einzuschenken da schlief sie sitzend ein.

Und schließlich: Ich quäle mich, denke ständig daran so jung, hübsch, tüchtig, bald mit eigener Wohnung, Steffi ist klug, aber auch Kluge können sich blenden lassen, du glaubst gar nicht, wie schlecht ich schlafe, stets die Angst, dass ihr irgendein Nichtsnutz aus einem fremden Milieu die Zukunft verbaut ……Aber dann sehe ich sie an, wie sie über den Rand ihres dampfenden Teebechers blinzelt, die Haare mit Farbe an den Fingerspitzen, und ich frage mich: Wer sind wir eigentlich, dass wir Grenzen ziehen? Was wissen wir schon, von anderen und von ihrem Glück?

Abends, als die Herbstsonne das Fenster vergoldet, sitzt Steffi am Küchentisch und zeichnet stumm Kreise auf einen Notizzettel. Ich bringe ihr meine bestickte Schürze. Sie lacht verlegen, zieht sie an, als hätte sie so etwas nie getragen. Wir kochen gemeinsam Marmelade, zum ersten Mal nicht nebeneinander, sondern miteinander.

In diesem Moment wird mir klar: Es geht nicht um Kreise oder Herkunft. Es geht darum, das Herz für neue Menschen zu öffnen und zuzusehen, wie etwas Unerwartetes wächst. Der Sohn schickt Urlaubsfotos Amerika, Judith. Fremde Gesichter, ein neues Leben. Unser Leben aber geht weiter.

An diesem Abend schütte ich Tee in zwei Tassen, höre das Lachen aus dem Bad, das etwas Neues in diese alte Wohnung bringt. Ich lehne mich zurück und lächele. Vielleicht, denke ich, hat das Schicksal diesmal nicht blind getroffen sondern ganz genau.

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Homy
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