Meine Mama und mein Papa Meine Mutter war eine wunderschöne Frau. „War“ – weil sie vor einem hal…

Meine Mutter und mein Vater

Meine Mutter war so schön. War weil sie vor einem halben Jahr gestorben ist, zwei Wochen nach meinem Vater. Und obwohl sie beide schon weit über achtzig waren, habe ich das Gefühl, dass sie viel zu kurz gelebt haben. Denn sie waren doch meine Mama und mein Papa.

So ist das also… Meine Mutter war wirklich eine Schönheit. Ich habe es selbst gesehen, denn ich bin ja nicht nur ihr Sohn, sondern auch ein Mann. Und mein Vater hat mir das mein ganzes Leben immer wieder gesagt. Auch wenn meine Mutter mal böse auf mich war, weil ich eine schlechte Note aus der Schule nach Hause brachte oder sonst etwas angestellt hatte, kam mein Vater leise in mein Zimmer, seufzte schwer, setzte sich neben mich und drückte wie ich die Hände zwischen die Knie, seufzte noch einmal, schwieg lang. Und am Ende unseres schweigsamen Zwiegesprächs murmelte er leise:

Ach, Junge, sei nicht böse auf unsere Mama Ja, sie hat geschimpft, ja, sie hat dich getadelt, aber wir zwei sind ja auch nicht gerade einfach. Sie sie ist doch unser Mädchen. Wir brauchen sie beide wie die Luft zum Atmen. Geh doch hin und entschuldige dich bei ihr.

Und ich, ja ich! Ich holte tief Luft, wollte protestierend losschreien und blitzte ihn wütend mit den Augen an. Doch mein Vater, als ahnte er schon meine Reaktion, streckte die Hand aus, die offene Handfläche mir zugewandt, als wolle er mir den Mund zuhalten, und sagte ruhig, aber streng:

Und wag es ja nicht, je ein böses Wort über meine Frau zu sagen!

Da erstarb ich und wagte es nicht. Denn ich liebte meinen Vater sehr. Und meine Mutter sie liebte ich auch. Und zwar sehr.

Das alles lag vielleicht daran, dass ich wusste, wie sie Mann und Frau geworden waren. Mein Vater hatte es mir im Geheimen erzählt, hinter Mamas Rücken. Und meine Mutter natürlich auch, aber so, dass mein Vater es nicht wissen durfte.

Meine Mutter studierte damals an der Universität, im ersten Semester. Sie war eigentlich mit einem gewissen Erik verlobt. Eines Tages brachte Erik seinen Freund Karl mit zu einem Treffen, weil der gerade in unsere große Stadt gezogen war und nicht wusste, was er abends allein machen sollte. Also lud Erik ihn kurzerhand zum Treffen mit seiner Braut ein. Oder besser gesagt, seiner angeblichen zukünftigen Frau.

Erik stellte Karl meiner damals zukünftigen Mama vor. Karl das war, wie ihr euch wohl schon denken könnt, mein zukünftiger Vater.

Die drei verbrachten den Abend zusammen. Sie gingen im Stadtpark spazieren, schauten sich von der Dachkante eines Pavillons aus, damit sie kein Eintrittsgeld zahlen mussten, einen unfassbar lustigen Film im offenen Sommerkino an. Das mit dem Dach war Papas Idee (Erik hätte das nie im Leben selbst erfunden!). Und zu meiner Mutter auf das Dach half er ihr, weil er schon damals kräftig und breit gebaut war. Nicht so wie jener Erik, den ich nie gesehen, aber immer als eher schwächlich empfand, im Gegensatz zu meinem Vater.

Den ganzen Abend über machte Erik Witze, rezitierte Gedichte, erzählte, wie er und Mama schon bald nach dem Universitätsabschluss leben würden. Mein Vater aber schwieg nur, hörte zu und schnaufte leise vor sich hin (so erzählte es Mama). Als sie sich am Ende verabschiedeten, sagte mein Vater, während er Mamas kleine und warme Hand in seinen großen, warmen Händen hielt:

Sabine! Der ist nichts für dich. Heirate lieber mich!

Mama erschrak und fragte überrascht:

Wann denn…?

Papa, vollkommen fokussiert (so stelle ich es mir vor), entgegnete sofort:

Morgen…

Und, um alle, auch Erik, vollends zu schocken, setzte er noch hinzu:

Wir werden einen Sohn bekommen. Und wir werden ihn beide über alles lieben. Und dadurch werden wir uns noch inniger lieben. Und wir nennen ihn Bernd. Wie einen alten Herzog…

Na gut, sagte Mama sofort. Und so heirateten sie.

Erik war auf der Hochzeit der Trauzeuge des Bräutigams.

Danach schlossen Mama und Papa ihr Studium ab und zogen zusammen in den Schwarzwald, denn beide waren vom Beruf Geologin und Geodät, so stand es in ihren Diplomen. Dort, in den Bergen, bekamen sie ihre erste eigene Wohnung, die der Betriebsleiter aus einem Gerümpel-Raum hinter dem Vereinsheim für die lang ersehnten jungen Fachkräfte herrichten ließ.

Schon bald darauf wurde der ersehnte Bernd geboren das war ich. Und sie liebten mich beide über alles, wie Papa damals versprochen hatte.

Papa organisierte von der örtlichen Koppel das alte Pferd Frieda, um mit Mama und mir aus der Klinik nach Hause zu fahren.

Als wir drei zu unserer kleinen Wohnung ritten (so erzählte Papa), stand Erik vor dem Haus, die silberne Babybadewanne in den Armen. Die hatte er auf geheimen Wegen besorgt. Diese Badewanne wurde für mich sowohl zur Waschwanne als auch anfangs (so erzählte Mama) zum Bettchen. Da legte sie ein großes Daunenkissen hinein, das sie als Aussteuer von ihrer Mutter bekommen hatte, überdeckte es mit einem Tuch und so lag ich da. Kam die Badezeit, wurde das Kissen auf das Elternbett gelegt und ich bekam mein Wasserbad. Papa hetzte von der Arbeit heim, um das Baden denkt ihr, ich sag jetzt des roten Pferdes? Nein meines! nicht zu verpassen. Er hielt meinen kleinen Kopf (so erzählte Mama), während Mama, die Geologin, mein herzogliches Leibchen wusch.

Na ja, ein Herzog bin ich nicht geworden, aber wenigstens ein ganz passabler Geologe, wie meine Eltern.

Das Kuriose: Meine Frau ist auch Geologin. Wir haben uns nach dem Studium im Betrieb kennengelernt. Meine Mutter war sofort begeistert von meiner Anja. Und Papa auch ganz besonders. Wenn sie uns besuchten oder wir bei ihnen waren und mein Vater mit mir zum Rauchen auf den Balkon trat, sagte er oft:

Tja… Weißt du, ich glaube, ich hatte zweimal unglaubliches Glück im Leben: das erste Mal, als ich deine Mutter getroffen habe, das zweite Mal, als du Anja geheiratet hast. Hüte sie gut, sie ist wie unsere Mama doch ein Mädchen…

Papa starb plötzlich in einer Nacht. Mama merkte sofort, dass er nicht mehr da war, und wachte auf…

Nach seinem Tod alterte sie plötzlich ganz schnell und fing an, vieles zu vergessen. Sie vergaß zum Beispiel, dass Papa nicht mehr lebte. Und selbst als wir sie zu uns nahmen, saß sie oft am Fenster, schaute hinaus und wartete, dass Papa von der Arbeit heimkam. Bis zu ihrem letzten Tag bereitete sie ihre wunderbaren Frikadellen zu, so wie Bernd sie liebtManchmal stand ich dann neben ihr am Fenster, wir beide wortlos, jeder mit eigenen Gedanken. Ich spürte ihre Sehnsucht, doch irgendwann wurde sie stiller. Einmal drehte sie sich zu mir um und sagte leise:

Du, Bernd, siehst ihm jetzt so ähnlich. Wenn du lachst, ist es, als wäre er noch einmal hier.

Da lächelte ich sie an, und für einen Moment blitzte das alte, schelmische Leuchten in ihren Augen auf. Es war, als hätte ich ihr meinen Vater für einen Augenblick zurückgegeben.

An ihrem letzten Tag, als der Abend sich über unser Haus legte, bat sie mich, ihr das Fotoalbum zu bringen. Wir blätterten durch Speckseiten voller Aufnahmen: junge Gesichter im glühenden Herbstlicht, Papa mit schiefgebundenem Schlips auf der Hochzeit, ich als Kleinkind in der silbernen Badewanne, alle zusammen neben dem roten Pferd unter dem blühenden Apfelbaum. Mama fuhr mit dem Finger sanft über Papas Bild und seufzte:

Ach, wir hatten es schön, nicht wahr?

Ich nickte nur, weil meine Stimme nicht reichte.

Kurz vor dem Einschlafen flüsterte sie: Danke, dass du unseren Traum weiterträgst, Bernd. Dann schloss sie die Augen, mit einem Ausdruck von Frieden, wie ich ihn bei ihr selten gesehen hatte.

Heute, wenn ich mit Anja durch die Wälder gehe, Steine sammle und den feuchten Waldboden rieche, mischen sich in meinen Gedanken Trauer und Dankbarkeit. Ihr Lachen, Papas Geschichten, Mamas Wärme sie leben weiter, leise und sicher, in mir, in uns, vielleicht, wenn alles gut geht, auch irgendwann in unserem Kind.

Dann blicke ich in den Himmel, lächle und weiß: Liebe vergeht nicht, sie verwandelt sich nur und bleibt für immer unser Zuhause.

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Homy
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