Der kleine Moritz war schon fast aus der Wohnung gestürmt, als das schrille Klingeln des Telefons durch das Zimmer schnarrte. Unwillig blieb er stehen seine Freunde warteten doch schon unten am Hauseingang. Gerade noch hatte er den Fußball weggelegt, der wichtige Entscheidungsspiel auf dem Bolzplatz hinterm Haus stand bevor. Moritz zögerte im Flur, vielleicht würde das Telefon ja bald aufhören. Doch das altmodische Wählscheibengerät ließ nicht locker und drängte ihn, doch zurückzugehen.
Wer ruft denn jetzt noch an?, murmelte er mürrisch, lief ohne die Schuhe auszuziehen ins Wohnzimmer und griff zum Hörer, bereit, irgendeine Bitte von Mama oder Omas übliche Fragen anzuhören: Ob er nach der Schule schon gegessen oder die Hände gewaschen hätte. Warum Erwachsene sich nur immer solche Sorgen machten, verstand er nicht.
Hallo, brummte er missmutig ins Telefon.
Ja, hallo? Moritz? ertönte eine unbekannte Männerstimme.
Die Eltern sind nicht da, erwiderte er rasch, schon im Begriff aufzulegen, doch die Stimme hielt ihn zurück.
Moritz, bitte hör mir zu. Leg nicht auf. Es ist sehr wichtig. Die Stimme stockte einen Moment und sprach dann leise weiter. Du glaubst mir bestimmt nicht, aber ich flehe dich an: Tu, was ich dir sage nimm jetzt einen Stift. Schreib alles mit. Ich habe wenig Zeit. Ich ich bin du, aus der Zukunft. Das klingt absurd, ich weiß. Aber bitte hör mich an. Hast du Papier und Stift?
Eigentlich hätte Moritz am liebsten wortlos das Gespräch beendet, doch sein Anstand hielt ihn zurück. Und Oma hatte immer gesagt, mit Narren sollte man nicht streiten einfach zuhören, dann sein eigenes Ding machen. Dass der Anrufer ganz schön seltsam war, bezweifelte Moritz nicht. Oder es sollte ein Streich sein? Solche Telefonstreiche hatten er und seine Freunde auch schon gemacht. Da fragt man einfach: Haben Sie Wasser? Dann machen Sie doch bitte eine Badewanne voll, wir bringen gleich einen Elefanten zum Baden vorbei! Das brachte fast immer Lacher.
Habs genommen, antwortete Moritz nun gespielt ernst. Und hab ich in der Zukunft ein eigenes Telekopfon?
Tele… was? Nein, Moritz, ich mach keinen Spaß, stammelte die Stimme. Wenn du tust, was ich dir sage, und alles notierst, bekommst du später ein eigenes iPhone und noch viel mehr.
Na gut, ich schreib mit, antwortete Moritz, während er mit dem Stift spielte, zur Fensterscheibe schielte und im Fensterrahmen kratzte. Wahrscheinlich würden seine Kumpels gleich ungeduldig losziehen dann verpasste er das große Spiel. Lieber schnell das Gespräch beenden, damit er noch rechtzeitig nach draußen kam.
Dann nannte die Stimme eine Reihe von Daten und Jahreszahlen. Er solle sich auf keinen Fall mit einer Leonie aus der Parallelklasse einlassen und große Bogen um windige Geschäfte machen. Komische Tipps zu D-Mark, dann später zum Euro. Er solle mal einen Dollar kaufen und dann wieder verkaufen, dann Bitcoins kaufen, zwischendurch in Immobilien investieren und Bankautomaten meiden. Unverständliche Begriffe wie Schwarzer Freitag, Automaten, Casinos, Kryptowährung Es rauschte nur so aus dem Hörer.
Hast alles aufgeschrieben?, fragte die Stimme.
Alles, klar.
Ich zähle auf dich. Hüte diesen Zettel wie einen Schatz. Zeig ihn niemandem und verliere ihn nicht, mahnte der Fremde. Dann nur noch das monotone Tuten aus dem Telefon.
Moritz legte seufzend den Hörer auf und stürzte endlich nach draußen. Im Laufe des Abends erzählte er nach dem Abendbrot seinen Eltern von dem merkwürdigen Anruf, von dem Mann, der behauptete, sein zukünftiges Ich zu sein.
Nie mit fremden Leuten reden, tadelte sein Vater. Vor allem nicht mit irgendwelchen Spinnern, die einem Dollar aufschwatzen wollen. Sofort auflegen oder sagen, dass du gleich die Polizei anrufst!
Eben, pflichtete die Mutter bei. Mit diesen Dollars kannst du doch hier nichts anfangen
***
Jahre gingen ins Land Moritz hatte längst vergessen, was in jenem Anruf alles gesagt worden war. Alltag und Sorgen von Kindern verdrängten Gedanken an Schwarzen Freitag und Bitcoin. Es folgten unbeschwerte Schuljahre. In der achten Klasse wechselte ein neues Mädchen namens Greta an Moritz Schule. Sie gefiel ihm auf Anhieb, obwohl sie in der Parallelklasse war. Er wagte es, sie nach Hause zu begleiten, schrieb kleine Zettelchen. Bald wurde aus schüchterner Freundschaft zarte Liebe.
Nach seiner Bundeswehrzeit heiratete Moritz schließlich Greta. Die 90er Jahre überrollten Deutschland, Farben, Geräusche und fremde Produkte füllten die Regale und allmählich wich der taumeilende Konsum Sorgen und Katerstimmung. Kaum hatte Moritz genug Geld für Gretas neue Stiefel beiseitegelegt, reichte es doch wieder nur für Hausschuhe. Die kleine Einzimmerwohnung drückte mit ihren Wänden und dem monatlichen Kredit.
***
Viele Jahre später saß Moritz nun Michael genannt auf einer Parkbank am Rande eines kleinen Münchner Parks. Er zog eine halbe Maß Bier aus der Tasche, nippte vorsichtig daran und steckte sich eine Zigarette an. Sein Blick schweifte ziellos über Passanten und Bäume, alles wirkte wie ein grauer Schleier. Erst als ein älterer Herr mit Brille und großem Lederkoffer sich zu ihm setzte, blickte Michael auf.
Ist es Ihnen recht, wenn ich mich setze?, fragte der Mann höflich.
Michael zuckte kurz und nickte, dann trank er noch einen Schluck.
Trübes Wetter heute, meinte der Herr, scheinbar zu sich selbst.
Wie das ganze Leben, entgegnete Michael.
Komisch, meinen Sie nicht?, wandte sich der Mann jetzt an Michael. Es scheint, erst mit dem Alter werden die Tage grau. In der Kindheit war immer Sonne Frühling mit Bachläufen und Papierbooten, Sommerduft von frischem Gras, bunte Herbstblätter, glitzernde Winter. Kein einziger grauer Tag in der Erinnerung!
Kinder haben keine Sorgen, erklärte Michael. Die färben die Tage grau. Wer hätte gedacht, dass das Leben so verläuft?
Als hätte sich eine innere Tür geöffnet, begann Michael dem fremden Mann von allen gescheiterten Hoffnungen und Jahren zu erzählen: Vom Bankrott der berüchtigten Schneeballsysteme, den Casinos in Fußgängerzonen, leeren Glücksversprechen und Krediten. Wie ihm am Ende die Frau und das Glück abhandenkamen, wie Greta mit einem anderen nach Konstanz verschwand und er sich mit Nebenjobs über Wasser hielt.
Aber ich habe jetzt eine neue Idee, lächelte Michael plötzlich. Hab da so einen Onlinekurs Millionärsdenken belegt darin empfiehlt dieser Coach, in Kryptowährungen zu gehen. 500% Rendite pro Woche, hundertprozentig sicher! Habs nur die letzten Jahre falsch angepackt.
Der ältere Herr schob seine Brille auf die Stirn. Verzeihen Sie, was haben Sie gelernt? Und jetzt arbeiten Sie?
Arbeiten ist was für Spießer, winkte Michael ab und nippte wieder am Bier. Man muss Geld machen! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was sich lohnt das wärs!
Kurze Stille auf der Bank. Michael malte sich aus, wie viel Reichtum er bald durch Krypto anhäufen würde, während der Fremde in Gedanken versunken schien.
Schließlich nickte der Herr: Sie glauben also, früh genug das Richtige wissen und das Leben wird besser?
Natürlich, bekräftigte Michael.
Das interessiert mich, sagte der Unbekannte, öffnete seinen Lederkoffer und holte, zu Michaels Überraschung, ein altes Wählscheibentelefon hervor. Wissen Sie, ich arbeite an einer Theorie: Zeit ist weder linear noch kreisförmig. Alles geschieht gleichzeitig.
Das versteh ich nicht, gab Michael ehrlich zu.
Stellen Sie sich vor, fuhr der Mann fort, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft passieren in einem Moment. Sie sind jetzt, in diesem Augenblick, auf jeder Stufe Ihres Lebens.
Ich komme trotzdem nicht mit, meinte Michael.
Egal, lächelte der Mann. Mit diesem Telefon könnten Sie in Ihre eigene Vergangenheit anrufen. Genau 40 Jahre zurück. Ich habe es getestet aus Neugier. Habe nach dem Jahr gefragt. Er seufzte. Ich wundere mich nur: In meiner Jugend kann ich mich an keinen solches Telefon erinnern. Wie wirkt sich so ein Eingriff aus? Ändert das die Gegenwart? Oder bleibt alles gleich?
Michael hielt ihn für leicht verrückt doch warum nicht? Bücher, Kurse, Internet-Gurus erzählten schließlich auch von seltsamen Dingen und wurden reich dabei. Warum nicht selbst ein Geheimnis ausprobieren?
Können wir machen!, sagte Michael plötzlich lebhaft.
Kennen Sie Ihre alte Nummer auswendig? Sie müssten vor 40 Jahren um diese Zeit zuhause gewesen sein.
Michael meinte, ja, die Nummer wisse er vor 40 Jahren müsste er direkt nach der Schule da gewesen sein. Behutsam nahm er das Telefon, setzte den Hörer auf und wählte die sieben Ziffern.
Sie haben wenig Zeit, warnte der Fremde. Die Batterie reicht nur zwei Minuten. Und ich hafte für nichts.
Keine Sorge, grinste Michael. Wenn Sie nicht lügen, ändern wir jetzt mal die Vergangenheit.
Lange klingelte es. Michael wollte schon aufgeben, da wurde am anderen Ende abgenommen.
Hallo, knurrte ein genervtes Kinderstimmchen.
Hallo? Moritz?, fragte Michael bewegt; die Hände begannen zu schwitzen.
Die Eltern sind nicht da, murmelte der Moritz aus der Vergangenheit und wollte wohl auflegen.
Moritz, bitte, bleib dran. Es ist wichtig, bat Michael schnell. Ich bin du, aber vierzig Jahre älter. Du glaubst das alles nicht, ich weiß. Aber tu, was ich sage. Schreib mit! Papier und Stift parat?
Hab ich, sagte Moritz. Hab ich dann in Zukunft einen Telekopfon?
Blödsinn. Nein!, rief Michael, besann sich aber, dass er mit einem Kind sprach. Wenn du das tust, bekommst du später ein iPhone und alles, was du willst!
Na los, antwortete sein jüngeres Ich.
Michael überschlug in Windeseile alles, an das er sich aus schmerzlichen Erfahrungen erinnerte: Nach der Bundeswehr die Möglichkeit, als Bankkaufmann einzusteigen, statt alles mit Greta durchzubringen. Warnte eindringlich vor windigen Geschäften, Casinos, schlechten Freundschaften, vor der Inflationszeit nach dem Wechsel von D-Mark zu Euro. Wann man Dollar kaufen und verkaufen solle, wann Immobilien das große Ding seien. Über Aktien, Bitcoins, neue Technologien. Alles, was ihm einfiel, ratterte er in knappen Sätzen herunter.
Hast du alles aufgeschrieben?, fragte Michael.
Jo, tönte es zurück.
Bewahr diesen Zettel wie einen Schatz. Zeig ihn keinen und verlier ihn nicht!, rief Michael noch, doch da knackte die Leitung und die Verbindung brach ab.
***
Moritz hatte natürlich kein einziges Wort notiert. Er wartete einfach, bis der merkwürdige Mann sein Reden beendete, legte auf und lief hinaus. Falls es ein Streich gewesen war, war es zumindest harmlos.
Vielleicht erwähne ich es nachher besser bei Mama und Papa, dachte Moritz, während er hinaus auf den sonnendurchfluteten Bolzplatz lief, als sei nie etwas geschehen.




