Ich habe mich mit 70 verliebt. Meine Kinder meinten, das sei eine Schande.
Mit siebzig glaubt man, schon sämtliche Geschmacksrichtungen des Lebens ausprobiert zu haben. Der erste Kaffee am Morgen. Der Stammplatz am Fenster. Romane, die man schon dreimal gelesen und trotzdem wieder aus dem Regal gezogen hat das Gedächtnis wird eben schwächer. Und dann ist da die Stille, die bleibt, wenn nach vierzig Ehejahren einer geht.
Ich kannte diese Stille seit drei Jahren. Drei Jahre mit leerer Küche, Abendessen allein am Tisch und stundenlangen Gesprächen mit der Katze als wäre sie ein Seelsorger. Nebenbei bemerkt: Katzen taugen überhaupt nicht als Therapeuten. Sie reagieren nie, und genau wenn es spannend wird, schlafen sie ein.
Und gerade als das Leben mal wieder vollkommen unhöflich mir mit siebzig eine neue Frau vor die Füße warf, war ich alles andere als bereit. Überhaupt nicht.
Es war auf der Frankfurter Buchmesse. Dienstag. Es regnete unaufhörlich. Ich trug meinen hässlichsten Regenmantel den beigen, der aussieht, als käme er direkt aus der Fundusabteilung für Seniorenkostüme. Tatsächlich stammte er auch genau von dort. In dem Moment erschien das irgendwie vernünftig.
Sie stand an einem Stand mit gebrauchten Büchern, die Brille schief auf der Nase, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand doch sie schien darin gar nicht zu lesen. Sie schaute ins Leere, als rechne sie die Zeit bis zur Rente oder bis zum nächsten Abendessen aus. Bei Frauen weiß man das ja nie so genau.
Ich trat näher, weil ich schon immer jemand war, der nicht still danebenstehen konnte, und fragte:
Sag mal, redet eigentlich das Buch zu dir oder du zu ihm?
Sie zuckte so, dass fast die Brille von der Nase rutschte, hielt sie mit einer Hand fest, lachte mit der anderen und musterte mich, als sei ich das Witzigste, was ihr seit zwanzig Jahren untergekommen ist. Vielleicht stimmte das sogar zwanzig Jahre ohne Lachen ist eine Ewigkeit.
Es spricht zu mir, sagte sie, aber ich höre einfach nicht zu.
Da merkte ich plötzlich, dass da was Seltsames in mir vorging. Nicht im Herzen das läuft nach den ganzen Jahren ohnehin nicht mehr auf Hochtouren. Sondern im Bauch. So ein merkwürdiges Durcheinander. Als hätte jemand beschlossen, ungefragt ein Bauernomelett darin zu machen.
Ich schlug ihr vor, einen Kaffee trinken zu gehen. Sie sagte Ja. Keiner von uns wusste, wie man in vierzig Sekunden von Reden übers Buch zu Kaffee trinken kommt aber so ist das Leben eben, wenn man eigentlich nichts mehr zu verlieren hat.
Drei Stunden saßen wir in der kleinen Konditorei bei Filterkaffee.
In den drei Stunden erfuhr ich, dass sie Anneliese heißt, seit fünf Jahren Witwe ist, zwei Töchter hat, die sie behandeln, als wäre sie ein Staubsauger, den man nicht wegwerfen, aber auch nicht brauchen kann, und dass sie ihr Leben lang nichts anderes kochen konnte als Rührei.
Rührei?, fragte ich. Mit was denn?
Mit dem, was gerade im Kühlschrank ist.
Anneliese, das nennt man nicht Kochen. Das ist Überleben.
Sie lachte so herzlich, dass der Kaffee beinahe überlief. In dem Moment dachte ich: Dieser Mensch ist ein einziges Chaos, aber ein äußerst unterhaltsames Chaos. Und mit siebzig weiß man: Das ist eine ganze Menge wert.
Wir trafen uns dann noch drei weitere Male, bevor ich den Mut fand, es meinen Kindern zu erzählen. Nicht aus Scham nein, aus taktischer Überlegung. So als würde man sich für eine lange, schwierige Reise packen. Ich musste meine Sätze und meinen Lasst-euch-bitte-nicht-davon-abhalten-Blick üben.
Sonntag war es dann so weit. Wir saßen zu dritt am Esstisch. Mein ältester Sohn servierte mit fast religiösem Eifer seinen berühmten Schweinebraten. Das Essen war großartig, der Wein naja, mittelmäßig, aber ich trank ihn trotzdem. Und genau im richtigen Moment, zwischen Hauptgang und Nachtisch, sagte ich:
Übrigens ich treffe mich mit jemandem.
Stille. So dick, dass man sie mit dem Messer hätte schneiden können.
Meine jüngere Tochter reagierte als Erste. Sie öffnete den Mund. Schloß ihn wieder. Machte ihn erneut auf.
Papa, sagte sie in diesem Tonfall, den Mütter benutzen, wenn sie glauben, ihre Kinder hätten den Verstand verloren. Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder?
Warum sollte ich das nicht ernst meinen?
Es ist peinlich, sagte mein Sohn, und starrte auf seinen Teller. Die Leute reden doch.
Da stand ich auf.
Mein Sohn, sagte ich gelassen, welche Leute? Ich habe heute mit der Nachbarin gesprochen, mit der Verkäuferin beim Bäcker und mit dem Dackel im Park. Keiner davon wirkte besonders empört. Der Hund sah sogar recht glücklich für mich aus.
Wieder Stille. Dieses Mal kürzer.
Und noch etwas, fuhr ich fort, während ich mir noch etwas Wein nachschenkte. Wenn ihr noch einmal sagt, es sei peinlich, lade ich sie hierher zum Mittagessen ein. Jeden Sonntag. Mit ihren Rühreiern.
Mein Sohn verschluckte sich fast am Wasser.
Meine Tochter verbarg das Gesicht in den Händen.
Und ich, mit allem Stolz, den man als siebzigjähriger Mann mit beigem Regenmantel aufbringen kann, grinste und rief noch am selben Abend Anneliese an.
Anneliese, fragte ich, kannst du eigentlich außer Rührei noch etwas anderes kochen?
Rate mal, was sie antwortete.





