Das Krankenhauszimmer drückte schwer auf meine Stimmung und brachte mich fast zur Verzweiflung. Ich, Anna, hielt mir die Ohren fest zu, um nicht länger das unaufhörliche Weinen der Neugeborenen aus dem Nachbarzimmer zu hören. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als hier schnell rauszukommen und alles wie einen schlechten Traum zu vergessen
Annchen, mein Kind, schau sie dir doch wenigstens mal an!, flehte Schwester Hannelore, die altgediente Hebamme im Kreissaal. Sie sieht dir so ähnlich, wie ein Ei dem anderen!
Nein! Reden Sie mir das nicht ein! Ich habe die Verzichtserklärung unterschrieben, oder nicht? Was wollen Sie denn noch von mir?, fast hätte ich selbst zu weinen begonnen. Ich kann sie nicht mitnehmen, wohin auch? Sie verstehen doch, was ich meine!
Leise! Sonst erschreckst du das Baby. Was heißt, du kannst sie nicht mitnehmen? Bist du obdachlos?, Hannelore schaute mich prüfend an. Du hast doch noch eine Mutter, einen Vater?
Ja, eine alte Mutter. Aber sie braucht selbst schon Hilfe. Ich kann doch nicht mit einem Kind ins Dorf zurückgehen! Die Leute würden hinter meinem Rücken tuscheln.
Ach Kind, na und? Reden tut man doch immer in kleinen Orten, das vergeht auch wieder. Aber du wirst dich für immer daran erinnern, dass du so ein kleines Mädchen verlassen hast. Das vergisst du nie, sagte Schwester Hannelore mit einem Lächeln, das Mitleid und Erfahrung verriet.
Tränen strömten mir übers Gesicht, als ich aus Verzweiflung die Hände vors Gesicht presste. Hannelore erkannte, dass ich kurz davor war, nachzugeben
Schau sie dir doch an! Die Stupsnase hat sie von dir geerbt genauso niedlich. Und die blauen Augen, da sieht man jetzt schon, dass sie eine Schönheit wird, wie ihre Mama.
Aber ich habe ja nicht mal Windeln! Und wovon soll ich die Fahrt bezahlen? Ich habe doch kein Geld dafür!
Ach, das finden wir schon. Wir sammeln was aus dem Sozialfonds für dich, und für das Baby packen wir auch ein hübsches Paket mit Erstausstattung. Ich begleite dich zum Bahnhof persönlich. Na, wie willst du deine Tochter nennen?
Friederike
Ein wunderschöner Name, passt perfekt zu ihr! Nimm deine kleine Fritzi, füttere sie. Ich komme später noch einmal vorbei.
Mit angehaltenem Atem reichte Hannelore mir das kleine Mädchen. Ganz vorsichtig und zitternd vor Unsicherheit nahm ich meine Tochter auf den Arm. Die Tränen liefen mir nur so über das Gesicht, aber in dem Moment begriff ich, dass ich sie niemals in meinem Leben zurücklassen könnte.
Na, hat es geklappt? Wird das Schreiben zurückgenommen?, fragte der Arzt, der zufällig vorbeikam.
Ja, Gott sei Dank, lächelte Hannelore, sich schnell eine Träne abwischend.
Am Bahnsteig angekommen, fühlte ich mich, als würde ich gerade erst aus einem Albtraum erwachen. Angespannt hielt ich meine Tochter im Arm, als müsste ich sie verteidigen. Hannelore, wie versprochen, stand neben uns, bis der Zug kam.
Danke! Es ist mir richtig peinlich, dass ich überhaupt daran gedacht habe, sie verlassen zu wollen, sagte ich.
Du hast es nicht einfach, Anna. Aber die schweren Zeiten gehen vorbei, das verspreche ich dir. Doch das eigene Kind verliert man für immer, wenn man es gehen lässt Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe selbst in meinem Leben einen schweren Fehler gemacht, für den ich heute noch büßen muss, entgegnete Hannelore leise.
Was war denn passiert?, fragte ich verwundert. Ich dachte, Sie seien ein ganz besonders guter Mensch.
Ich stand vor einer ähnlichen Entscheidung wie du Nur hatte ich damals keine Mutter, kein Zuhause. Ich wollte damals die Schwangerschaft loswerden, aber kein Arzt wollte mir helfen, weil es zu spät war. Also ging ich zu einer Frau, die sich mit Kräutern auskannte Sie half zwar, aber danach konnte ich nie mehr Kinder bekommen.
Ich war erschüttert. Und da konnte wirklich niemand mehr helfen?
Nein, es war zu spät. Mein Mann war ein Guter, aber auch er ging, als er erfuhr, dass wir niemals eigene Kinder haben würden , Hannelore wischte sich die Tränen aus den Augen.
Es tut mir so leid! Sie helfen so vielen Babys auf die Welt, aber durften Ihre eigenen nie im Arm halten
Anna, pass gut auf Friederike auf. Und denk dran: Wenn es dir mal zu schwer wird du weißt nun, wo du mich findest!
Wir umarmten uns wie enge Verwandte. Schon fuhr der Zug ein. Noch lange winkte ich Hannelore durch das Fenster zu, während sie einsam auf dem Bahnsteig stand und sich immer wieder die Tränen wegwischte.
Die Reise nach Hause war lang und anstrengend. Mit einer Hand hielt ich meine Tochter fest, in der anderen den großen Beutel mit Babysachen, die sie uns im Krankenhaus geschenkt hatten. Wie wird Mama wohl reagieren? Was wird sie sagen?, sorgte ich mich, als ich das vertraute Haus vor mir sah.
Anna? Bist du das?, rief Nachbarin Frau Schmitt aus dem Garten.
Ja. Tante Helga, ist meine Mutter zu Hause?
Du weißt es wohl noch nicht? Deine Mutter ist seit einem halben Jahr tot Frau Schmitt legte den Kopf schief und musterte mich. Ist das dein Kind?
Ja. Mein eigenes!, antwortete ich mit Stolz.
Zitternd vor Schwäche ging ich durch das Gartentor. In mir wuchsen die Verzweiflung und der Schmerz. Aber da war Friederike auf meine Arm ich musste jetzt für sie da sein. Keine Sorge, mein Schatz, wir sind jetzt zu zweit, wir schaffen das!, flüsterte ich ihr zu und drückte sie an mich.
***
Zehn Jahre sind vergangen. Weihnachten stand wieder einmal vor der Tür. Ich wirbelte geschäftig in der kleinen Küche, während Friederike mit großen Augen aus dem Fenster in den verschneiten Garten blickte.
Mama, warum habe ich eigentlich keine Oma? Meine Freundinnen erzählen immer, dass sie an Weihnachten ihre Omas und Opas besuchen. Die schenken ihnen tolle Sachen und freuen sich das ganze Jahr drauf , fragte Friederike.
Unsere Oma ist leider schon früh gestorben, sie hat dich nicht einmal mehr kennengelernt, antworte ich traurig.
Und die zweite Oma? Alle Kinder haben doch zwei Omas!, ließ sich meine Tochter nicht abwimmeln.
Ich schmunzelte. Eigentlich, ja Aber weißt du was? Wir haben tatsächlich auch noch eine zweite Oma: Oma Hannelore! Erinnerst du dich? Sie war unsere Hebamme im Krankenhaus. Wie wäre es, wenn wir sie besuchen fahren und ihr ein paar Weihnachtsplätzchen bringen?
Gesagt, getan. Am nächsten Tag fuhren wir in die Stadt zur Klinik. An der Pforte bat ich darum, Schwester Hannelore zu sprechen.
Die arbeitet schon lange nicht mehr hier!, informierte uns die diensthabende Schwester. Die ist inzwischen im Ruhestand, gesundheitlich angeschlagen.
Oh nein Wir sind extra von weit her gekommen, um sie zu besuchen. Wissen Sie, vielleicht haben Sie noch ihre Adresse oder Telefonnummer für uns?, bat ich vorsichtig.
Die Frau musterte uns streng: Eigentlich dürfen wir solche Informationen nicht herausgeben. Wer sind Sie denn überhaupt?
Ich bin ihre Nichte, log ich leise als Außenstehende hätten wir bestimmt keine Auskunft erhalten. Ich hab den Kontakt verloren, den Zettel mit ihrer Adresse auch Bitte, es ist wichtig!, flehte ich.
Wir möchten unsere Oma so gern sehen!, bat Friederike zusätzlich.
Na gut, ich schau mal, was ich machen kann, erwiderte die Schwester.
Nach etwa fünfzehn Minuten kehrte sie zurück, reichte uns einen kleinen Zettel, wünschte alles Gute und bat uns, liebe Grüße auszurichten.
Danke! Wir werden sie ganz bestimmt ausrichten!, rief ich überglücklich.
Mit dem Taxi fuhren Friederike und ich zur angegebenen Adresse. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als wir im dritten Stock klingelten. Hoffentlich ist es nicht zu spät , dachte ich.
Die Tür öffnete sich sofort. Und da stand sie: Hannelore älter, aber immer noch voller Leben.
Guten Abend!, rief ich.
Sie musterte uns kurz, ihre Augen wurden groß. Anna?
Ja! Und Sie haben sich kaum verändert!, lachte ich. Das ist Friederike, erinnern Sie sich?
Natürlich, meine Kleine! Was stehen wir denn hier im Flur, kommt doch herein!
Wenig später saßen wir am Küchentisch, erzählten einander unsere Lebensgeschichten. Es gab so viel nachzuholen. Friederike spielte währenddessen mit Hannelores Katze auf dem Sofa und schaute ihre Lieblingssendungen.
Anna, bleibt doch bei mir. Ich bin doch allein, und ihr doch auch , sprach Hannelore sanft aus, was sie schon lange fühlte. Friederike kommt auf eine gute Schule, und du findest sicher Arbeit in der Stadt.
Ich weiß nicht aber mein Haus aufgeben? Vielleicht kommt doch besser zu uns? Wir könnten Hühner und sogar eine Kuh halten. Die Luft ist wunderbar, der Fluss gleich nebenan So schön ist´s in der Stadt nie, schwärmte ich.
Davon träume ich schon mein ganzes Leben einen Garten, vielleicht sogar ein bisschen Vieh!, lachte Hannelore glücklich, ihre Augen funkelten vor Vorfreude und Hoffnung.
Dann ist es entschieden! Ihr kommt zu uns!, rief ich begeistert.
Oma Hannelore, wirst du jetzt immer bei uns bleiben?, fragte Friederike und umarmte sie.
Ja, mein Schatz, ich habe mir immer so eine liebe Enkelin gewünscht!
Schon am nächsten Tag zogen wir mit unserem ganzen Hab und Gut aufs Land hinaus. Jeder von uns war auf seine Weise glücklich: Ich, weil ich wusste, dass ich es nicht mehr alleine stemmen muss und meiner Tochter ein echtes Zuhause gebe. Hannelore, weil sie sich auf ihre alten Tage doch noch über eine richtige Familie freuen durfte und fern von der Großstadt endlich die Natur genießen konnte. Und Friederike, weil sie nun endlich auch ihre Oma hatte
Heute, am Ende meines Eintrags, weiß ich: Es gibt Zeiten im Leben, da muss man durchhalten, Entscheidungen treffen und mutig sein und manchmal führen die schwierigsten Wege zu dem schönsten Glück.





