Warum gibst du uns nicht deine Wohnung? Ich werde bald ein Kind bekommen und du wohnst doch auch alleine.

Du, ich muss dir echt mal was erzählen, das mir auf der Seele liegt so ganz offen und ehrlich. Meine Kindheit hab ich zur Hälfte mit meiner Zwillingsschwester in Heimen verbracht. Aber dann, als wir so um die achtzehn waren, hat unsere Tante die Schwester meiner Mutter uns zu sich geholt. Sie war selbst noch recht jung, gerade volljährig, und hat uns wie ihre eigenen Kinder aufgenommen. Später kam dann noch ihr Mann dazu, und für uns waren die beiden einfach Mama und Papa. Ohne sie wären wir komplett verloren gewesen, und ich bin ihnen bis heute unendlich dankbar für alles, was sie für uns getan haben.
An unserem achtzehnten Geburtstag haben die beiden uns dann mit in die Stadt genommen direkt ins Zentrum von München. Da stand dieses alte, dreizimmerige Apartment, das mal meinen Eltern gehört hat. Die ganze Zeit über hatten unsere Eltern es vermietet, und jetzt meinten sie, wir könnten es verkaufen und das Geld halb-halb teilen, damit jede ein bisschen durchstarten kann und vielleicht sogar eine eigene Wohnung kauft. Wir fanden die Idee super! Die Wohnung war in einem echt guten Zustand, also haben wir ordentlich Geld rausbekommen. Ich konnte mir davon ohne Probleme eine hübsche Zweizimmerwohnung am Stadtrand kaufen, hab natürlich noch einen Kredit aufgenommen, aber den hatte ich nach einem Jahr wieder abbezahlt. Danach hab ich Stück für Stück renoviert und eingerichtet.
Unsere Tante und ihr Mann waren total happy, dass ich mein Leben so im Griff hatte. Aber bei meiner Schwester haben sie sich nur Sorgen gemacht und ständig versucht, ihr ins Gewissen zu reden. Meine Schwester wollte einfach keine eigene Wohnung kaufen, sondern hat das Geld für teure Elektronik, Restaurantbesuche und Urlaube ausgegeben weißt du ja, Barcelona hier, Mallorca da.
Irgendwann ist meiner Tante der Kragen geplatzt, und sie hat meiner Schwester klargemacht, dass sie ausziehen muss, wenn sie nicht endlich was Sinnvolles mit dem Geld anfängt. Als dann fast nichts mehr übrig war, konnte sie sich natürlich keine Eigentumswohnung in München mehr leisten, also hat sie erstmal was zur Miete genommen.
Inzwischen hatte sie auch einen Freund, und die beiden sind dann zusammengezogen, um Geld zu sparen. Ich war echt froh, dass sie endlich ein bisschen erwachsener wurde. Ich selbst hatte mittlerweile einen richtig guten Job, wurde befördert, hab meinen Eltern so gut es ging unter die Arme gegriffen, bin sogar ein paar Wochen ans Meer gefahren und hab dort jemanden kennengelernt, mit dem ich mir vorstellen konnte, wirklich zusammenzuleben.
Kurz nachdem ich meine Beziehung angefangen hab, haben wir alle mal bei mir zusammengesessen. Da hat meine Schwester plötzlich verkündet, dass sie schwanger ist das war natürlich erstmal die große Freude. Aber dann fing sie an mit so einem halbstündigen Vortrag über Mieten und wie unsinnig es grad wäre und wie teuer alles in München ist und dass sie mit ihrem Freund kaum mit der Miete hinterherkommen.
Erst hab ich es gar nicht gecheckt, wohin sie wollte, aber dann wurde es deutlich: Da fragt sie mich einfach, ob ich ihr meine Wohnung nicht geben will Du bist doch eh die ganze Zeit allein, was spricht dagegen, dass du wieder zu Tante und Onkel ziehst, die haben doch noch das Gästezimmer. Sagte sie wortwörtlich.
Ich hab sie angeschaut und gesagt: Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. Sie ist dann in Tränen ausgebrochen, hat ihren Freund geschnappt und ist gegangen.
Danach hat sie noch ein paarmal angerufen, gefragt, ob ichs mir nicht anders überlegt hätte. Aber ganz ehrlich: Ich hab jahrelang geschuftet, jede noch so kleine Ecke selbst renoviert, für jedes Möbelstück gespart warum soll ich das jetzt einfach so herschenken? Sie hats selbst verbockt, weil sie nie an morgen gedacht hat Es hat eine Weile wehgetan, das gebe ich zu. Ich habe mich immer gefragt, ob ich vielleicht egoistisch bin, weil ich ihr nicht geholfen habe sie war ja meine Schwester, mein Zwilling, meine andere Hälfte. Aber irgendwann wurde mir klar, dass Liebe nicht bedeutet, sich selbst ständig aufzugeben. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, und manchmal heißt das auch, zur eigenen Entscheidung zu stehen.
Ein paar Monate später haben wir uns bei einem Familienessen wiedergesehen. Sie kam mit Babybauch, und sie hat ganz zaghaft gefragt, wie’s mir geht. Ich habe sie angelächelt und ehrlich gesagt: Gut. Es war nicht leicht, aber ich hoffe, dir geht’s auch gut. Und dann haben wir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wirklich miteinander geredet. Da war kein Groll mehr, nur noch Verständnis. Sie hat inzwischen gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, und ich habe gelernt, dass ich mich nicht kleiner machen muss, nur um geliebt zu werden.
Manchmal spazieren wir zusammen durch den Englischen Garten, ihr Baby schläft im Kinderwagen, und ich erzähle ihr von meinem Job und meiner Beziehung. Und sie lacht wieder wie früher, wie damals, als wir noch zu zweit im Heim auf dem Flur Murmeln gespielt haben. In solchen Momenten spüre ich: Wir sind nicht mehr verloren. Wir sind einfach angekommen auf unsere eigene, vielleicht unperfekte Art. Und das fühlt sich nach Zuhause an.

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Homy
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Warum gibst du uns nicht deine Wohnung? Ich werde bald ein Kind bekommen und du wohnst doch auch alleine.
Meine liebe Rika