Erwachsenenprüfung
Annika, warum kommst du heute Abend nicht mit uns, um den Abschluss des Projekts zu feiern? fragte Sebastian mit einem breiten Grinsen und zwinkerte ihr verschmitzt zu.
Weil ich heute ein Date habe, mein Lieber, meinte Annika, etwas verlegen, und spielte an ihrer Haarsträhne.
Ach was! Das ist ja mal was Neues! Sebastian war sichtlich überrascht. Er kannte Annika inzwischen fünf Jahre, sie war alleinerziehende Mutter und hatte nie den Eindruck gemacht, als würde sie sich auf die Suche nach einem Mann begeben Komisch. Wobei, vielleicht hatte er das auch einfach nicht mitbekommen. Na, dann wollen wir dich nicht länger aufhalten. Viel Glück heute Abend, wünschte er und drehte sich zu den anderen um. Und jetzt Leute, ab ins Café?
Ja klar!
Wird Zeit!
Auf jeden Fall! hörte er aus verschiedenen Richtungen, und die kleine Truppe machte sich in Richtung Altstadt auf den Weg.
Sebastian marschierte zwischen den Kollegen und lächelte nach außen, aber tief drinnen stach plötzlich ein kleines bisschen Eifersucht. Wobei, Eifersucht war doch eigentlich fehl am Platz zwischen ihm und Annika lief nie etwas, da gab es nichts außer freundschaftliche und berufliche Harmonie.
Seltsam alles, dachte Sebastian für sich.
* * *
An dem Tag kam er viel später als sonst nach Hause in ihre Wohnung in München. Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, stürmten ihm die beiden Kinder entgegen und riefen: Papa! Papa! Dahinter tauchte plötzlich seine Frau auf.
Basti, endlich bist du da!
Sie fiel ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss.
Wir waren heute draußen und haben ein tolles Schiff gebaut, nur du warst wieder unterwegs, sagte Laura und zog ihn ins Wohnzimmer.
Ein Glück, dass ich so viel arbeite und das Geld reinbringe, brummte Sebastian, da darf ich auch mal länger bleiben, oder?
Natürlich darfst du, stimmte Laura zu.
Und kein Grund zum Verhör, fügte er noch immer etwas grantig hinzu.
Warum er so schroff war und die Stimmung drücken wollte, hätte Sebastian selbst gar nicht beantworten können. Er wusste es nicht.
Hat dich eine Laus gebissen? fragte Laura immer noch lächelnd.
Da wurde Sebastian klar, warum er sich so benahm. Er wollte, dass Laura ihr Lächeln verliert dass es ihr so schlecht geht, wie ihm gerade in diesem Moment.
Nein, bin einfach kaputt. Wärm bitte das Abendessen auf, sagte er betont normal und, als Laura in die Küche eilte, setzte er sich auf die Schuhbank und stützte die Stirn in die Hände.
Was mache ich hier eigentlich?, dachte er mit Grauen.
* * *
Wenige Tage später war alles wieder wie weggeblasen, und Sebastian redete sich ein, dass sein Frust nur daraus kam, dass er hoffte, es würden alle Kollegen gemeinsam feiern, aber Annika sich kurzerhand ausgeklinkt hatte. Inzwischen steckte er schon voll im nächsten Projekt und tauchte komplett in die Arbeit ein.
* * *
Annika, du müsstest heute wohl etwas länger bleiben, bat er sie einmal. Ich brauche die Berechnungen.
Es tut mir leid, aber heute muss ich zu meiner Mutter fahren, erwiderte Annika ruhig. Das ist wichtig für mich. Morgen komme ich früher und arbeite das nach, versprochen.
In Ordnung, sagte Sebastian und nickte. Abgemacht.
Er war jedoch enttäuscht. Wie kann das sein das Projekt läuft, und offenbar gibts Wichtigeres?
Ist deine Mutter krank? fragte Sebastian nach.
Ja, ein bisschen, antwortete Annika und schaute auf den Boden.
Verstehe, gab er sich einverstanden. Für eine kranke Mutter ließ er jede Kollegin natürlich gerne früher gehen.
Später stellte sich aber heraus, dass ihre Mutter keineswegs krank war, sondern dass Annika sich einfach nur eine Ausrede ausgedacht hatte, damit Sebastian sie nicht weiter bequatschen würde.
Was soll das heißen, sie fährt nicht zu ihrer Mutter? wunderte er sich, als ihm die Kollegen davon erzählten.
Sie fährt eben schon, aber nicht allein, sondern mit ihrem neuen Freund, erklärte Birgit, die ans Fenster trat und Sebastian heranwinkte. Schau mal…
Sebastian trat neben sie. Er sah, wie Annika vor dem Gebäudeeingang stand, ein Mann sie abholte, sie sich an die Hand nahmen und zum Auto gingen, dann einsteigen und gemeinsam wegfuhren.
Wieder spürte Sebastian den Stich, diesmal noch intensiver. Da war sie wieder, die Eifersucht, die ihn jetzt förmlich überschwemmte.
Verdammt! Das ist ernst! Sie hat wirklich jemanden gefunden!, schoss durch seinen Kopf.
Also gut, zwang er sich zur Gleichgültigkeit. Wir machen um sechs Feierabend, dann kann jeder tun, was er möchte.
Danach setzte er sich an den Schreibtisch, versuchte zu arbeiten aber es funktionierte nicht.
* * *
Mit der Zeit wurde Sebastian immer nervöser. Er verstand nicht mehr, was mit ihm los war. Am Anfang war es nur ein leichtes Unwohlsein, das ihn überkam, sobald Annika sprach oder eine Mail von ihr aufploppte. Sein Herz folgte jedem ihrer Nachrichten wie früher, als er seine spätere Frau kennenlernte.
Bin ich etwa verliebt?, fragte er sich. Die Idee kam ihm gleichzeitig witzig und beängstigend vor. Er ignorierte das Gefühl so gut wie möglich schließlich war er ein erwachsener Mann, vor Kurzem erst vierzig geworden. Familie, Verantwortung. Er mochte seine Ehefrau, vertraute ihr, dankbar war er sowieso. Aber Liebe? Die feurige, verrückte, jugendliche die war vorbei. Wahrscheinlich war das mit den Jahren einfach so
Die Unruhe ließ ihn trotzdem nicht los und wurde stärker. Mehr und mehr beobachtete er, wie er sich veränderte: Sobald Annika das Büro betrat, saß er aufrechter, wollte, dass sie ihn bemerkt. Er suchte öfter das Gespräch, wollte ihre Meinung wissen. Nach jedem Dialog spielte er jedes Wort, jede Geste in Gedanken wieder durch. Ganz, als ob sich darin irgendetwas versteckte, ein winziges Indiz.
Einmal kam ihm der Gedanke:
Wie wäre mein Leben gelaufen, wäre ich ihr früher begegnet? Noch vor den Kindern?
Der Gedanke traf ihn wie ein Stromschlag.
Denn er wusste plötzlich: Ja! Er wäre gegangen. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt hätte er Gründe und Ausreden gefunden und wäre weggegangen. Einfach gegangen. Hätte alles zurückgelassen: das Haus, sein bisheriges Leben nur für die Chance, mit ihr zu sein.
Da überrollte ihn die Schuld diese Welle, die alles fortspülte, worauf er gebaut hatte.
Er sah sich das Familienbild auf seinem Schreibtisch an: Laura, die Kinder, alle zusammen an der Ostsee. Alle lächeln. Auch er. Alles wirkt gut, richtig. Warum das Gefühl, ein fremdes Leben zu führen?
Sebastian fand keinen Zugang zu sich. Warum jetzt? Warum Annika? Sie waren doch Jahre einfach nur Kollegen, nichts Besonderes. Warum jetzt lebt er ständig in Gedanken an sie?
Alles, woran er geglaubt hatte, begann zu wackeln. Nicht, dass er jemanden betrügen wollte. Er wollte seine Familie nicht verlieren, nichts zerstören. Und doch, er konnte diese Gefühle nicht abstellen.
* * *
An einem Morgen wachte er besonders früh auf. Es war noch dunkel im Schlafzimmer der gemeinsamen Wohnung in Schwabing, nur eine dünne Lichtspur lugte durch die Gardinen. Er blickte an die Decke, aber Annika ließ ihn nicht los. Nicht mal hier, nicht mal jetzt, im sicheren Kokon der Familie. Sie war einfach immer in ihm, tief drin.
Er dachte an gestern. Annika war wieder früher gegangen, wieder mit ihrem Freund. Jedes Mal, wenn sie ging, hatte er das Gefühl, dass ein Stück von ihm zerbrach.
Ich verliere mich, dachte er. Entweder ich halte jetzt an, oder ich verliere alles. Nicht auf einmal, sondern langsam. Ich werde kalt, bitter, fremd für unsere Kinder, fremd für Laura, fremd für mich selbst. Ich werde der, den ich nicht mag. Am Ende ist es zu spät.
Er stand schließlich auf, zog sich an und ging in die Küche. Er stellte sich an das Fenster mit seinem Kaffee. Draußen regnete es leicht, alles wirkte grau, leer, einsam. Da fasste er einen Beschluss.
* * *
Wie bitte? Sie wechseln den Fachbereich? Um Sebastian scharten sich seine Leute und selbst Annika trat näher.
Es ist so gekommen. Im anderen Bereich gibts Probleme, ich soll helfen, das Ganze wieder auf Kurs zu bringen, sagte er beiläufig.
Aber das ist nur vorübergehend, oder?
Klar, ganz bestimmt, Sebastian nickte, obwohl er wusste, wie endgültig solche Lösungen oft werden können.
Er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, zu kündigen. Aber die Position in dem alten Münchner Unternehmen war gut, das Gehalt stimmte, die Perspektiven auch er wäre verrückt, das einfach aufzugeben.
Also bat er um Versetzung. Selbst wenn es offiziell nur temporär war. Das gab ihm die Möglichkeit, aus der Spirale rauszukommen, in der Annika mit jedem Lächeln das Herz schneller schlagen ließ.
Er wollte nicht der Mann sein, der alles hinschmeißt, weil ihn eine Laune packt. Nicht der Typ, der sagt: Ich bin halt auch nur ein Mensch Er wusste: Das wird vorbei gehen, es wird erst wehtun, aber es wird vorbei gehen.
Abends sagte er zu Laura:
Ich will mehr Zeit für dich und die Kinder haben. Ich möchte nicht mehr ständig in der Firma festsitzen.
Laura sah ihn überrascht an.
Ehrlich?
Ja. Ich glaube, ich verpasse zu viel gerade mit dir, mit den Kleinen.
Sie antwortete nichts, lächelte nur, ganz zart, und dieses Lächeln ließ sein Herz eng werden.
Sebastian fing an, die Kinder von der Schule abzuholen, ging mit ihnen in den Englischen Garten, unternahm Ausflüge, beteiligte sich an der Schule alles, was er früher als Verpflichtung gesehen hatte. Auch Gespräche mit Laura über mehr als nur Haushalt. Er fragte nach ihrem Alltag, erzählte von seinen eigenen Gedanken und Sorgen.
Manchmal fragte er sich: Warum habe ich das früher nicht gemacht? Wieso hab ich das immer als Last empfunden und nicht als die Chance, jemanden kennenzulernen, der so nah ist?
Annika verschwand nicht aus seinen Gedanken, aber es wurde seltener, leiser. Wenn er sie in der Firma traf, spürte er einen leichten Stich nicht Schmerz, nicht mehr Eifersucht. Nur ein Echo: Das hätte deine Geschichte sein können. Aber du hast dich richtig entschieden. Und war froh darüber.
* * *
Basti! Sebastian!
Sebastian schlenderte durch die Riem Arcaden, unterwegs zum Spielzeuggeschäft für die Kinder, als plötzlich eine Stimme seinen Namen rief. Er drehte sich um und sah Annika.
Mensch, Sebastian! Was bist denn du für ein Phantom geworden? Unser ganzes Team wartet schon Ewigkeiten auf dich bist fast ein Jahr weg!
Sebastian lächelte. Die Freude über das Treffen war da, aber es tat nicht mehr weh.
Hallo Annika. Schön, dich zu sehen!
Wie geht’s dir? fragte sie.
Gut. Nein, ehrlich richtig gut, sogar, erwiderte er und merkte, dass es stimmte.
Warum bist du denn nicht zurückgekommen? fragte sie noch mal. Du warst unser bester Chef.
Ich brauchte Veränderung, entgegnete er knapp. Und bei dir?
Bei mir? sie grinste breit. Ich habe geheiratet. Ein toller Mann. Wirklich zuverlässig. Und meine Tochter mag ihn auch.
Sebastian nickte. Keine Spur mehr von Eifersucht, nur ein kurzes Staunen, als sähe man einen alten Freund, der ganz woanders anders geworden ist.
Freut mich für dich, sagte er ehrlich.
Sie plauderten kurz, tauschten Neuigkeiten aus keiner schlug vor, noch einen Kaffee trinken zu gehen. Beide wussten, das war ein Abschied oder vielleicht der Anfang eines ganz neuen Abschnitts aber nicht mehr gemeinsam.
Sebastian kaufte noch das Geschenk, stieg ins Auto, sah auf die Ampel, die Leute, die Kinder an den Händen ihrer Eltern und zum ersten Mal seit Langem fühlte er: Ich bin angekommen.
Nicht im perfekten Leben. Nicht im Märchen. Sondern in meinem mit allen Ecken, mit allem Glück und Kummer, das dazu gehört.
* * *
Annika und Laura liefen am frühen Abend nebeneinander auf dem Laufband. Sie waren schon lange im selben Fitnessclub und begegneten sich regelmäßig dort.
Wie war eigentlich eure Begegnung? fragte Laura.
Annika zuckte mit den Schultern.
Unspektakulär. Er hat mir Glück gewünscht, das wars Du hast also gewonnen, meinte sie. Dein Mann ist großartig, ergänzte sie ehrlich.
Ich weiß, sagte Laura. Hab ich immer gewusst.
Sie lächelte schelmisch und zwinkerte ihrer Freundin zu.





