Wer bei uns wohnt…

Das Telefon klingelte eindringlich, als würde es verkünden, dass jemand vor der Tür stand. Lieselotte schürzte die Schürze, wischte sich die Hände ab und ging öffnen. Auf der Schwelle stand ihre Tochter mit einem jungen Mann. Die Mutter ließ sie ins Wohnzimmer.
Hallo, Mama, hauchte die Tochter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Das ist Klaus, er wird bei uns wohnen.
Guten Abend, grüßte der Junge steif.
Und das ist meine Mutter, Tante Lieselotte.
Lieschen, korrigierte sie die Tochter.
Mama, was gibts zum Abendessen?
Erbsenbrei und Würstchen.
Ich esse keinen Erbsenbrei, antwortete der Junge, schob sich an ihr vorbei und verschwand im Zimmer.
Na, Mama, Klaus mag keine Erbsen, flüsterte die Tochter mit weit aufgerissenen Augen.
Der Junge ließ sich auf dem Sofa nieder, seine Tasche plumpste auf den Boden.
Das ist eigentlich mein Zimmer, bemerkte Lieselotte.
Klaus, komm, ich zeig dir, wo wir schlafen, rief Lotte.
Aber mir gefällts hier, murmelte er und rappelte sich mühsam hoch.
Mama, überleg doch mal, was Klaus essen könnte.
Keine Ahnung, wir haben noch ein halbes Paket Würstchen, zuckte Lieselotte mit den Schultern.
Geht auch mit Senf, Ketchup und Brötchen, warf er ein.
Na gut, seufzte Lieselotte und ging in die Küche. Früher hat sie streunende Katzen und Hunde mitgebracht, jetzt so was. Jetzt soll ich den auch noch durchfüttern.
Sie schöpfte sich Erbsenbrei, legte zwei gebratene Würstchen auf ihren Teller, zog sich einen Teller Salat dazu und begann genüsslich zu essen.
Mama, warum isst du hier ganz allein?, platzte die Tochter in die Küche.
Weil ich von der Arbeit komme und Hunger habe, antwortete Lieselotte, während sie auf einer Wurst herumkaute. Wer was will, kann sich selbst bedienen oder kochen. Und noch was warum soll Klaus bei uns wohnen?
Weil er mein Mann ist.
Lieselotte verschluckte sich fast.
Mann?
Ja. Ich bin erwachsen und entscheide selbst, ob ich heirate. Ich bin neunzehn.
Mich hast du nicht mal eingeladen.
Gab keine Hochzeit, wir haben einfach unterschrieben. Jetzt sind wir Mann und Frau, also leben wir zusammen, erklärte Lotte und warf der kauenden Mutter einen Blick zu.
Na dann herzlichen Glückwunsch. Warum ohne Feier?
Wenn du Geld für eine Hochzeit hast, kannst dus uns geben, wir finden schon was, wofür wirs ausgeben.
Verstehe, knurrte Lieselotte und aß weiter. Und warum ausgerechnet bei uns?
Weil sie zu viert in einer Einzimmerwohnung hocken.
Und an Mieten habt ihr nicht gedacht?
Warum mieten, wenn ich mein Zimmer hier hab?, staunte die Tochter.
Alles klar.
Kriegst du uns jetzt was zu essen?
Lotte, der Topf mit Brei steht auf dem Herd, die Würstchen in der Pfanne. Falls das nicht reicht, im Kühlschrank liegt noch ein halbes Paket. Holts euch.
Mama, du verstehst es nicht du hast jetzt einen SCHWIEGERSOHN, betonte Lotte das letzte Wort.
Und? Soll ich jetzt einen Schuhplattler aufführen? Lotte, ich komme von der Arbeit, bin müde, lasst die Rituale. Ihr habt Hände und Füße, kümmert euch selbst.
Deshalb bist du auch unverheiratet!
Lotte warf der Mutter einen bösen Blick zu und stampfte in ihr Zimmer, die Tür knallte. Lieselotte aß, spülte ihr Geschirr, wischte den Tisch ab und ging ins Fitnessstudio. Sie war eine freie Frau, verbrachte einige Abende pro Woche mit Sport und Schwimmen.
Gegen zehn kam sie nach Hause. In der Küche erwartete sie ein Chaos offenbar hatte jemand versucht zu kochen. Der Deckel vom Erbsenbrei-Topf war verschwunden, der Brei war eingetrocknet und rissig. Die Wurstpackung lag auf dem Tisch, daneben eine vertrocknete Brotscheibe ohne Verpackung. Die Pfanne war angebrannt, ihre klebrige Oberfläche von neugierigen Kratzern gezeichnet. Das Spülbecken war voller Teller, auf dem Boden schwappte eine klebrige Limonadenlache. Die Wohnung stank nach Zigaretten.
Na toll, was für eine Überraschung. So was würde Lotte sich nie erlauben.
Lieselotte öffnete die Zimmertür ihrer Tochter. Die jungen Leute tranken Wein und rauchten.
Lotte, räum die Küche auf. Kauf morgen eine neue Pfanne, sagte die Mutter und ging in ihr Zimmer, ohne die Tür zu schließen.
Lotte sprang auf und stürmte hinterher.
Warum sollen wir aufräumen? Und woher soll ich Geld für eine Pfanne nehmen? Ich arbeite nicht, ich studiere. Tut dir das Geschirr leid?
Lotte, du kennst die Regeln: Wer isst, räumt auf. Wer was kaputtmacht, kauft neu. Jeder ist für sich verantwortlich. Und ja, die Pfanne tut mir leid, die kostet Geld, und jetzt ist sie ruiniert.
Du willst nicht, dass wir hier leben, schrie die Tochter.
Nein, antwortete Lieselotte ruhig.
Sie hatte am wenigsten Lust auf einen Streit mit ihrer Tochter, und so etwas hatte sie an ihr noch nie bemerkt.
Aber das ist mein Zuhause.
Nein, die Wohnung gehört ganz mir. Ich habe dafür gearbeitet. Du bist nur gemeldet. Löse deine Probleme nicht auf meine Kosten. Wenn ihr hier leben wollt, haltet euch an die Regeln, erklärte Lieselotte ruhig.
Mein ganzes Leben lang nach deinen Regeln. Jetzt bin ich verheiratet, und du kannst mir nichts mehr vorschreiben, heulte Lotte. Eigentlich solltest du uns die Wohnung überlassen.
Ihr könnt den Flur im Treppenhaus haben, und vielleicht noch die Bank draußen. Ach ja, mein Schatz, du bist verheiratet? Du hörst nicht auf mich. Du schläfst hier allein oder mit deinem Mann aber woanders. Er bleibt nicht, sagte Lieselotte scharf.
Die Wohnung kann dir gestohlen bleiben! Klaus, wir gehen!, kreischte Lotte und packte ihre Sachen.
Fünf Minuten später stürmte der neue Schwiegersohn in Lieselottes Zimmer.
Ja, Schwiegermutter, reg dich nicht auf, alles wird gut, sagte er, taumelnd vor Alkohol. Lotte und ich gehen nirgendwo hin. Wenn du dich gut benimmst, machen wirs nachts sogar leise.
Was für Eltern wir sind, empörte sich Lieselotte. Die Eltern sind zu Hause geblieben, also geh dahin und vergiss deine frische Ehe nicht.
Ja, ich zeigs dir gleich , hob der Junge die Faust vor ihr Gesicht.
Aha, gleich.
Lieselotte packte sein Handgelenk mit ihren manikürten Nägeln.
Aua, lass los, du Irre!
Mama, was machst du da?, kreischte Lotte und versuchte, die Mutter von ihrem Liebsten wegzuziehen.
Lieselotte schubste die Tochter weg und trat Klaus zwischen die Beine, dann boxte sie ihm mit dem Ellenbogen gegen den Hals.
Ich zeig dich wegen Körperverletzung an, heulte der Junge. Ich verklag dich!
Warte, ich ruf die Polizei, dann ists einfacher zu dokumentieren, erwiderte Lieselotte.
Die jungen Leute flohen aus der gut ausgestatteten Zwei-Zimmer-Wohnung.
Du bist nicht mehr meine Mutter, schrie Lotte zum Abschied. Und meine Kinder wirst du nie sehen!
Was für eine Tragödie, spottete Lieselotte. Endlich kann ich leben, wie ich will.
Sie betrachtete ihre Hände einige Nägel waren abgebrochen.
So viel Verlust wegen euch, murmelte sie.
Nachdem sie gegangen waren, putzte sie die Küche, warf den hart gewordenen Brei und die unglückliche Pfanne weg und tauschte die Schlösser aus. Drei Monate später wartete die Tochter vor ihrer Arbeit. Sie sah abgemagert aus, mit eingefallenen Augen, und wirkte unglücklich.
Mama, was gibts zum Abendessen?, fragte sie.
Weiß nicht, zuckte Lieselotte mit den Schultern. Hab noch nicht überlegt. Was hättest du gern?
Hühnchen mit Reis, schluckte Lotte. Und Kartoffelsalat.
Dann gehen wir Hühnchen holen, antwortete die Mutter. Den Kartoffelsalat machst du selbst.
Sie fragte die Tochter nach nichts, und Klaus tauchte nie wieder in ihrem Leben auf.

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Homy
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