Ottilia stieg wie aus Nebel auf den Hauptbahnhof von Freiburg, ihren beiden schweren Taschen seltsam schwer und leicht zugleich an ihren zitternden Händen baumelnd. Aus dem Dorf ihrer Kindheit kommend, hatte sie, ohne zu zögern, ihre letzten Euros für kleine Geschenke geopfert Hoffnungsstücke, eingewickelt in Papier, mit dem heimlichen Wunsch, ein Glimmen der Freude in das Leben ihrer Liebsten zu tragen. Niemals kam sie mit leeren Händen, doch diesmal war es, als wären die Geschenke selbst zu Träumen geworden, denn jede Tasche wog fast zehn Kilogramm und war gefüllt mit den kleinen Freuden, an die sie aus unerfindlichen Gründen auf der endlosen Zugfahrt gedacht hatte.
Die Reise durch die Hügel des Schwarzwaldes war nicht leicht gewesen, aber ein Versprechen ließ Ottilia vorwärtsgehen: Ihr Sohn sollte sie am Bahnsteig erwarten. Doch zwischen Dampf und Gleisen war vom Sohn keine Spur nur ein eigenartig tanzender Schatten auf den Pflastersteinen, der sie stumm begrüßte. Ottilias Gedanken flossen auseinander wie Regen auf Kopfsteinpflaster: Nirgends war er zu sehen.
Mit einem Seufzer halb Kummer, halb Unwirklichkeit stellte sie die Taschen ab und wählte mechanisch die Nummer ihres Sohnes. Das Klingeln dehnte sich zu einer Ewigkeit aus; Stimmen aus anderen Räumen, entfernt und verzerrt, bis sich beim zehnten Ton das vertraute, jedoch entfernte Timbre ihres Sohnes meldete, schlafwandlerisch verwirrt.
Oh, Mama, das tut mir wirklich leid… Ich habs ganz vergessen, dass du heute kommst. Wir sind mit Lenas Eltern nach Bayern gefahren, eine spontane Entscheidung Wir bleiben eine Woche. Es war alles so plötzlich. Ich hab nicht dran gedacht, dich zu warnen tut mir leid, aber leider bist du umsonst gekommen. Bitte, fahr zurück, ja?
Ottilias Augen wurden feucht, aber sie blieb wortlos und sagte nur: Schon gut.
Stille wehte zwischen den Steinen. Auf einmal waren die Taschen in ihren Händen so schwer wie Berge. Sie übergab die beiden Päckchen einem älteren Mann und seiner Katze, die unter der Bahnhofsuhr Schutz suchten, elend und vergessen. Den Rückweg zu treten mit den Taschen wäre wie ein Gang durch treibsandgleiche Träume gewesen; ihre Arme waren schon starr vor Schmerz, die Finger hatten längst das Gewicht aufgegeben.
Ottilia beschwerte sich nicht beim Sohn. Er würde nie wirklich verstehen, wie sehr er das Herz seiner Mutter zerschnitt Stückchen für Stückchen, ganz leise. Sie hatte alles aus Liebe in seine Erziehung investiert, aber er fand nie Zeit, sie zu besuchen, jetzt, wo sie alt war. Einen Monat später, als die Schwiegertochter anrief, um Ottilia für ein Wochenende als Babysitterin für die Enkelkinder zu gewinnen, da sie zu einer Hochzeitsfeier wollten, lehnte Ottilia ruhig ab.
Sie war müde. Müde, daran erinnert zu werden, dass sie nur noch gebraucht wurde wie ein verlegter Schlüssel, der nur hervorgezogen wird, wenn alle anderen verloren sind.




