„Andreas, bitte, ich flehe Sie an! Helfen Sie uns!“ – Die Frau wirft sich vor dem hochgewachsenen Ma…

Klaus-Dieter, mein Lieber, bitte! Ich flehe Sie an! Helfen Sie uns doch! schluchzte die Frau und warf sich dem großen Mann im weißen Kittel verzweifelt vor die Füße.

Dort hinter einer Ansammlung abgenutzter Untersuchungszimmer, im von Desinfektionsmitteln erfüllten Wartebereich des Dorfbades, lag ihr Kind im Sterben.

Verstehen Sie doch, ich kann nicht! Ich kann einfach nicht! Genau deshalb bin ich hierher geflohen! Zwei Jahre habe ich nicht mehr operiert! Die Hand, die Umstände

Ich bitte Sie, ich flehe Sie an! Die Frau zerrte weiter mit sturer Beharrlichkeit an dem Arzt, der sich widersetzte, ihr zu folgen.

Er MUSSTE zustimmen. Musste es wenigstens versuchen. Denn wenn nicht

Nur noch ein paar Meter. Die stumpf weiß gestrichene Holztür. Und da war er ihr Paulchen. Ihr Ein und Alles. Übersät mit Kabeln, eine Sauerstoffmaske verdeckte die blassen Sommersprossen im Gesicht. Er atmete. Noch. Und das dunkle, zähe Blut, das unter dem Kopfverband hervorsickerte, erinnerte an den letzten Pflaumenmus der Oma. Die grüne Linie auf dem Monitor zuckte im Takt seiner hechelnden Atemzüge.

Er würde es nicht schaffen bis zur nächsten Klinik. Hundert Kilometer bis Nürnberg. Ein Helikopter aber der Schneesturm vor der Tür hatte die letzte Hoffnung weggeweht. Der Blutdruck fiel. Das Herz schlug kaum noch hörbar. Die Rettungssanitäter drehten schuldbewusst die Augen weg.

Herr Dr. Neumann! Eine ältere Schwester, die sich geschäftig bei der Trage um den blassen Jungen mühte, griff nach seinem Ärmel, Klaus-Dieter!

Aus ihrer Kitteltasche zauberte sie eine zerlesene Ausgabe des Zeitungsblatts, auf deren Foto derselbe Mann im weißen Kittel von fröhlichen Kindern umringt war. Tränen verschwammen die Zeilen, die von einem Unfall berichteten. Von einer verletzten Hand. Von einer missglückten OP. Doch: ein Leuchtturm der deutschen Neurochirurgie! Ein Arzt wie aus dem Lehrbuch! Ausgerechnet hier, im Nirgendwo Herrgott, lass ihn doch zustimmen!

Ich kann diese Verantwortung nicht übernehmen! Verstehen Sie doch! Er wehrte sich mit aller Kraft, Bei der letzten OP das Handgelenk Ich habe versagt! Ich operiere nicht mehr! Ich KANN nicht!

Der Junge auf der Trage wirkte immer blasser. Das Blut wie Pflaumenmus. Und die stillen Kollegen, die im Türrahmen zusammengerückt standen in einem Jahr war er nie wirklich angekommen hier. Die Mutter weinte hemmungslos. Und die Zeit sie arbeitete gegen sie. Gegen alle. Und dann war da noch der Hund

Der Hund?!?

Wo kommt denn hier ein Hund her?

Es kam nur ein Jaulen als Antwort. Ein Labrador. Wollte zur Trage. Kratzte mit den Krallen am Boden, jemand zerrte am Halsband, aber er stemmte sich dagegen. Kein Zweifel, er wollte zu Paul. Starrte ihn an, heulte nicht, röchelte nur noch aber trotzdem die ganze Kraft zum Paul.

Das ist Treu. Pauls Hund, schluchzte die Frau, fast außer Atem, als plötzlich die Stimme des Arztes wie ein schwerer Zaunfall in die drückende Stille schlug:

OP vorbereiten!

Für einen Moment schloss er die Augen. Eine andere Hundeschnauze tauchte in Erinnerung auf. Blümchen. Hoffnungsträgerin. Und der Vater, damals noch am Leben. Klaus-Dieter war da noch einfach nur Klaus. Siebte Klasse vielleicht. Glatteis an Silvester. Das Auto, ein silberner Golf, wie eine zerbrochene Christbaumkugel im Schnee. Die Mutter weinte. Der Arzt sah betreten weg. Schwierige Lage, keine Erfahrung. Die nächste Klinik weit weg

Und Blümchen lag am Grab, jaulte nicht. Röchelte, aß nicht mehr, sieben Tage schon. Starrte. Dann war sie auch fort. Dem Herrchen hinterher. Der Trauer erlegen.

Ich werd Neurochirurg, Mama. Habs Blümchen versprochen, flüsterte der zerzauste Jung am Grab, der Allerbeste werd ich. Glaubst du mir?

Wie hatte er das vergessen können? Warum nur?

*****

Die Lampen im OP leuchteten wie eine überdrehte Wintersonne. Die Instrumente blitzten. Das Handgelenk schmerzte aufs Neue. Durchhalten. Vielleicht sollte ich mir einen Hund anschaffen? Was für absurde Ideen jetzt! Die Finger fühlten sich steif an wie alte Bretter. Egal, das muss gehen. Schlimme Verletzung. Komplizierter Fall. Blutdruck im Sinkflug, bloß kein Hirnödem Weiches Gewebe angekratzt. Der Schläfenknochen Puzzlearbeit. Gefäße

Mit dem Heli hätten sies eh nicht geschafft. Die Assistenten glotzten wie beim EM-Endspiel. Für sie ein Wunder. Für ihn? Wie viele solcher OPs hatte er? Weshalb hat eine Misserfolg ihn so rausgeworfen? Abgehauen wie ein geprügelter Hund ins Nirgendwo. Verbindungen gekappt. Die Hand pochte. Blümchen sah aus dem Fenstereck zu. Vielleicht doch eher Treu, der Labrador, unterwegs, seinem Paul zu folgen.

Schwer, die Klemme zu halten. Klammern dran. Finger krampften. Egal, gleich ists geschafft. Atme, Paul, atme! Nicht aufgeben. Wir lassen Dich nicht los.

Die Uhrzeit jetzt spielte sie wieder für Paul. War das etwa ein Helikopter? Doch gelandet?

*****

Herr Dr. Neumann, Sie werden draußen verlangt, lugte die diensthabende Schwester durch die Bürotür und grinste diesmal übers ganze Gesicht.

Alle grinsten. Der berühmte Dr. Neumann war zurück! In jedem Krankenhausflur wurde darüber getuschelt. Schwerkranke Kinder wurden aus ganz Franken herangekarrt. Die Angst war kleiner geworden. Neumanns Hände galten als goldene Hände. In den Korridoren der Neurochirurgie schallte wieder Kinderlachen. Die kleinen Patienten genasen. Und Eltern? Die liefen ihm förmlich hinterher

Fünf Minuten, ich schau nur kurz bei Moritz vorbei.

Moritz Zimmer war gleich nebenan. Ein ulkiger Junge. Rotschopf. Nannte ihn Onkel Klaus. War letzte Woche bei einem Klassenausflug nach München vom zweiten Stock gefallen zu neugierig gewesen. Wie der Paul vom Dorf. Die Schädelknochen hatte Dr. Neumann ihm wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt. Acht Stunden lag der Junge auf dem Tisch. Geschafft. Und die Hand? Die meldet sich kaum noch. Der Klang des Kinderlachens ist scheinbar das beste Heilmittel

Eigentlich gut, dass er zurückkam. War richtig so. Früher hätte ers schon machen können aber der passende Antrieb fehlte wohl. Vieles vergessen, verdrängt. Das Leben erinnert einen schon früher oder später. Einen Hund hatte er trotzdem noch nicht. Immer fehlte die Zeit. Ob Treu und Paul wohl klar kommen? Oft dachte er an die beiden.

Herr Dr. Neumann, mein Lieber!

Kaum wollte er nach draußen, ertönte es schon wieder. Na son Zufall!

Na, hallo Paul, Sabine, lachte er, und du auch, Treu!

Und schon wanderte seine Hand zum samtigen Labrador-Nacken. Schnüffelnder Hund, treue Augen schauen aufmerksam nach oben.

Was führt euch denn hierher? Gehts um Paul? Kontrolle?

Paul gehts prima, sprudelte Sabine, prima! Es geht um etwas anderes!

Klaus-Dieter wunderte sich erst jetzt über das strahlende Lächeln. Das Mantel spannte am Bauch und die Augen glänzten verdächtig. Er traute sich nicht, zu fragen. Treu drehte Kreise, lenkte ab.

Hier!

Paul hielts nicht mehr aus, kramte bei Mama unterm Mantel. Er zwängte Dr. Neumann etwas Schwarzes in den Arm. Es quietschte, guckte viel zu großohrig drein.

Ääh ? Klaus-Dieter war sprachlos, nahm den Knäuel aufs Gesicht zu.

Nicht böse sein, plapperte der kleine Paul, Treu hat ihn gefunden. Mama hat erlaubt, ihn zu behalten. Gestern sahen wir im Fernsehen dein Interview. Da schleppte Treu ihn am Nacken zum Fernseher, als er deine Stimme hörte. Da dachten wir, Mama und ich

Habt ihr richtig gedacht. Wird Zeit, Klaus-Dieter zwinkerte dem grinsenden Hund zu, Ich nenne ihn Ansporn. Oder Tim, ganz lieb.

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Homy
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„Andreas, bitte, ich flehe Sie an! Helfen Sie uns!“ – Die Frau wirft sich vor dem hochgewachsenen Ma…
Er ließ sie mit den Kindern zurück. Zehn Jahre später kam er zurück – aber sie war längst nicht mehr die gleiche Frau.