Eines Morgens brachte ich einen streunenden Welpen mit zur Arbeit… So ergab es sich. Fünf Minuten vor Arbeitsbeginn fand ich ihn im Regenein schmutziger, nichtssagender kleiner Mischling. Ich versteckte ihn zunächst in einer Ecke meines Büros, doch der Welpe kroch immer wieder hervor und quietschte leise. Schließlich bemerkten alle meine Kollegen den kleinen Kerl.
Plötzlich begannen die menschlichen Masken in meiner Umgebung zu fallen.
Zuerst war da Frau Marion Schuster, unsere freundliche und gesprächige Sekretärin. Jung, herzlich, immer mit einem Lächeln geschminkt. Doch als sie den schmutzigen Welpen sah, verzog sich ihr Gesicht plötzlich vor Ekel: Herr Lukas Schneider! Wie können Sie das mit der Sauberkeit so locker sehen? Sie bringen ja Unordnung ins Büro… Ihre sonst so leuchtende, freundliche Maske zerbrach direkt vor dem fröhlich mit dem Schwanz wedelnden kleinen Neufundländer-Mischling…
Dann Frau Nina Baumgartner, unsere Putzfrau. Immer etwas erschöpft, mürrisch und mit ihrer rauen Art nicht zu spaßen. Und dochals sie den Welpen entdeckte, erschien ein herzliches Lächeln auf ihrem runzligen Gesicht: Ach du meine Güte, wer bist denn du? Herr Schneider, ist das ein Geschäftsgast oder privat?, scherzte sie. Ihre mürrische Maske zerknitterte und lag zu meinen Füßen, und ich sah das warmherzige, liebevolle Gesicht dahinter.
Mein Kollege Sebastian Vogel, stets hilfsbereit, zuvorkommend, eine Frohnaturfür jeden ein passender Witz, für jede Situation ein Lächeln. Doch an diesem Morgen blieb er im Türrahmen stehen, schnitt eine schmerzlich verzogene Miene und meinte nur: Streuner sind halt dreckig und bringen Krankheiten… Da lag nun seine dünne Maske falscher Herzlichkeit an meiner Bürotür.
Am meisten überraschte mich jedoch mein Chef, Herr Dr. Otto Schäfer. Normalerweise streng, ungeduldig und wenig gesprächsbereit. Doch dieses Mal sagte er nur mit leiser Stimme: Tja, Herr Schneider… Ich glaube, Ihr Tag sollte heute anders verlaufen. Nehmen Sie den Kleinen hier mit nach Hause. Es gibt Wichtigeres als Arbeit… Aber bitte, lassen Sie den Hund nicht auf der Straße. Das ist schließlich auch ein Lebewesen. Er legte die strenge Maske des unnahbaren Chefs ab, schenkte uns beiden ein schüchternes Lächeln und verschwand leise aus dem Büro.
Am Boden vor mir sammelten sich die vielen Masken der Menschen, mit denen ich seit Jahren täglich zusammenarbeite. Und plötzlich wurde mir klar, wie wenig ich sie eigentlich wirklich kannte. Oft sehen wir nur die Fassaden der Menschen, doch manchmal reicht ein kleines Lebewesen, um uns das wahre Gesicht dahinter zu zeigenund daran zu erinnern, dass Mitgefühl oft verborgen, aber nie ganz verloren geht.





