Als Tante Ria ihr Porzellanservice für zwölf Personen zerschlug: Abschied von goldenen Rändern, „Mad…

Bei Tante Gertrud ist das Geschirr zu Bruch gegangen. Für immer.
Das Hochzeitsservice für zwölf Personen.
Adieu, goldene Ränder und die Stempel Made in Bavaria auf der Unterseite jedes Teils Onkel Klaus ist mitsamt dem Karton von der Abstellkammer gefallen.
Ach, du meine Güte, Tante Gertrud war kurz neugierig.
Aber das ist doch Porzellan!
Als ob Porzellan unzerbrechlich wäre. Dann hat sie den Ernst der Lage erst so richtig begriffen, lag zusammengesunken im Sessel:
Klaus, hol mir Baldrian!, hat alle angerufen, auch mich in Berlin, und ihre Jugend beweint, zerfallen in tausend kleine Scherben:
Das haben uns meine Eltern vor zwanzig Jahren zur Hochzeit geschenkt. Nie benutzt, immer für den großen Anlass aufbewahrt für die Porzellanhochzeit, Gott bewahre.
Und nun? Papa gestorben, Klaus mit Bänderriss im Fuß, mein Blutdruck im Keller.
Und niemand, stell dir vor, hat je von diesen Tellern gegessen.
Wir sind doch trottelig.”
Ich kam ins Grübeln.
Warum eigentlich heben wir Porzellan, Schmuck und starke Gefühle für einen besonderen Moment auf?
Warum bewahren wir Duftkerzen für eine besondere Nacht auf, klemmen die Perlenohrringe in die Schatulle, schlagen das Kind leicht auf die Finger, wenn es zu früh nach der Schinkenwurst greift und behalten liebevolle Worte zurück bis zum Valentinstag?
Was macht diesen Tag, gerade diesen Moment schlechter als den erhofften?
Sind wir wirklich sicher, dass es später noch passt?
Fast alle Anrufe aus den brennenden Türmen am 11. September in New York waren Liebeserklärungen.
Menschen riefen ihre Liebsten an, sprachen auf die Mailbox.
Ich. Liebe. Dich. Das war das Wichtigste, was sie noch sagen wollten, bevor alles zu Ende war.
Wirklichkeit so steht es im Lexikon ist das, was gerade jetzt existiert, der winzige Spalt zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Wir sollten nichts für den Notfall aufheben, nicht in die hinterste Ecke legen, nicht bis irgendwann mal bewahren, was jetzt gerade Freude und Lachen schenken könnte.
Morgen existiert nicht. Es gibt nur heute, und das steht Silvester oder Muttertag in nichts nach.
Also los sich versöhnen. Die Ostsee anschauen. Mit dem Sohn Fangen spielen, die Tochter drücken, der Mama ein neues Fläschchen Chanel No. 5 schenken damit sie es täglich benutzt und nicht nur zu Festen.
Wir sollten uns beeilen. Ein Gedicht lesen. Lachssuppe essen oder gebackene Insekten probieren. Lieblingsfilm schauen und das schmutzige Geschirr einfach ignorieren.
Tante Gertrud ein neues Service kaufen und ein großes Abendessen organisieren.
Eilig noch sagen, dass man liebt bevor der Abspann läuft.

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Homy
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Als Tante Ria ihr Porzellanservice für zwölf Personen zerschlug: Abschied von goldenen Rändern, „Mad…
Strahlend saubere Herdplatte