Ach, reg dich doch nicht so auf… – „Wem bist du überhaupt noch wichtig, alte Schachtel? Du bist do…

WIRST DU SCHON SEHEN, ICH BIN DOCH NUR ETWAS AUS DER FASSUNG

Sag mal, wer braucht dich eigentlich noch, du alte Hexe? Du bist eh nur allen zur Last. Schleichst hier herum und stinkst. Wenn’s nach mir ginge, wärst du längst… Aber ich muss dich halt ertragen. Ich hasse dich!

Friederike hätte sich beinahe am Kamillentee verschluckt. Gerade eben hatte sie noch mit ihrer Großmutter, Gudrun Elisabeth, per Videochat gesprochen. Die war kurz aufgestanden.

Warte mal, mein Herzchen, ich bin gleich zurück, verabschiedete sie sich, mühsam aus dem Sessel erhebend, und verschwand auf dem Flur.

Das Handy lag weiter auf dem Tisch. Kamera an und Mikro genauso. Friederike wechselte währenddessen zum PC. Und dann Dann geschah es. Da war eine Stimme aus dem Flur.

Friederike dachte, sie hätte sich verhört. Sie hätte es sich eingeredet wäre da nicht der Blick aufs Handydisplay gewesen. Nach dem leisen Quietschen der Tür sah man zuerst fremde Hände, dann die Seite, dann ein Gesicht.

Nadja. Die Ehefrau ihres Bruders. Natürlich die Stimme war auch ihre.

Die Frau trat ans Bett der Großmutter, hob ein Kissen an, dann die Matratze, tastete mit der Hand darunter.

Sitzt sie hier, schlürft Tee Wenn sie doch endlich mal das Zeitliche segnen würde, ehrlich. Wozu noch so lange warten. Du bist eh zu nix mehr nütze, machst nur die Luft schlecht und blockierst den Raum giftete die Schwägerin.

Friederike rührte sich nicht. Für einen Moment vergaß sie sogar zu atmen.

Wenig später verschwand Nadja, ohne jemals das Handy bemerkt zu haben. Und ein paar Minuten danach kehrte die Großmutter zurück, das Lächeln ohne jegliche Wärme in den Augen.

Da bin ich ja wieder. Sag mal, wie läufts bei dir im Büro? Alles gut?, fragte sie harmlos.

Friederike nickte kurz und abgehackt. Sie kämpfte noch mit dem, was sie gerade gehört hatte, am liebsten hätte sie Nadja sofort hinausgeworfen. Sofort, jetzt.

Gudrun Elisabeth war für Friederike immer das Sinnbild einer eisernen Dame gewesen. Nein, sie hat nie die Stimme erhoben. Da war einfach diese lehrertypische Strenge, selbst im Ruhestand nach all den Jahren mit Schülern und Eltern, die nicht verschwunden war.

Vierzig Jahre hatte sie Deutsch unterrichtet. Die Kinder liebten sie, Gudrun machte selbst den schwersten Stoff spannend.

Als Opa starb, zerbrach sie nicht: Die perfekte Haltung wich einer leichten Krümmung, sie ging seltener spazieren und wurde anfälliger. Ihr Lächeln war nicht mehr ganz so breit. Aber Gudrun blieb tapfer. Für sie war jedes Alter ein Geschenk, Lebenslust konnte ihr niemand nehmen.

Friederike fühlte sich wohl bei ihrer Oma, ganz gleich wie alt sie war. Neben ihr war alles sicher sie meisterte jedes Problem. Gudrun hatte Friederikes Bruder die Ferienwohnung hinterlassen, damit er das Studium bezahlen konnte, Friederike selbst schenkte sie ihre letzten Ersparnisse für die erste Eigentumswohnung.

Als Friederikes Bruder, Lukas, nach der Hochzeit über die teure Miete klagte, bot Oma von sich aus an, bei ihr einzuziehen. Dreizimmerwohnung genug Platz für alle, sie könne gleich an die junge Familie weitergeben, sollte es ihr gesundheitlich mal schlechter gehen.

Allein ist es ja auch ganz schön langweilig. Außerdem können die Jungen etwas Unterstützung sicher gut brauchen, meinte sie mit einem Lächeln.

Lukas sollte die Oma also mitversorgen, Friederike sorgte derweil für Lebensmittel, Medikamente und half bei den Nebenkosten. Ihr Gehalt erlaubte es, aber v.a.: Das Gewissen verbot es, nur zuzuschauen. Mal steckte sie Geld zu, mal gab es eine Überweisung, mal kam sie mit prall gefüllten Taschen: gute Butter, Wurst, Obst, Fisch, Milch. Alles, damit Oma ordentlich essen konnte.

Ist für deine Gesundheit, gerade bei deinem Diabetes, meinte Friederike immer.

Oma dankte, aber senkte dabei die Augen. Es schien ihr peinlich, jemandem zu Last zu fallen.

Von Anfang an fand Friederike Nadja, Lukas Frau, unangenehm glitschig. Glattredig, Zuvorkommenheit wie aus dem Lehrbuch, doch im Blick lag Kälte. Ein prüfender, harter Blick, ohne Respekt und ohne jede Wärme. Friederike mischte sich dennoch nie ein, das war die Angelegenheit anderer. Sie fragte nur ab und zu die Oma, ob alles in Ordnung sei.

Uns gehts allen prächtig, mein Liebling, versicherte Gudrun. Nadja hält Ordnung und kocht gut. Sie muss eben noch lernen, aber Erfahrung kommt ja nach und nach.

Heute wusste Friederike: Es war gelogen. Vor anderen war Nadja zahm wie ein Lamm. Sobald niemand hinsah

Oma, ich hab alles gehört Was war das eben?

Gudrun erstarrte, als hätte sie nicht zugehört, dann wich ihr Blick aus.

Ach, das ist nichts, Friederikchen, seufzte sie. Nadja ist bloß gestresst. Es läuft gerade nicht gut, Lukas ist ständig auf Montage. Da reißt ihr halt mal der Geduldsfaden.

Friederike musterte ihre Großmutter, als sähe sie sie zum ersten Mal. Jede neue Falte fiel ihr auf, das Strahlen in Gudruns Augen war verschwunden. Der Starrsinn war geblieben, wie auch die Müdigkeit. Neu aber: Angst.

Der Geduldsfaden? Hast du überhaupt irgendwie zugehört, was sie gerade gesagt hat? Das ist kein Ausrutscher. Das ist…

Friederikchen unterbrach Gudrun sie leise. Ist doch nicht so schlimm. Ich kann das schon ertragen. Man wird halt alt, die Jungen sind hitzköpfig. Ich brauche ja nicht mehr viel.

Oma. Spiel hier nicht die Ahnungslosigkeit, platzte Friederike. Entweder du erklärst jetzt alles, oder ich setz mich ins Auto und komm sofort her. Deine Entscheidung.

Ein paar Sekunden schwieg Oma, dann sackten ihre Schultern, sie rückte die Brille zurecht. Die Illusion bröckelte: Da war nicht mehr die immer starke, lachende Frau, sondern eine eingeschüchterte alte Dame.

Ich wollte dir nichts sagen, begann sie. Du hast doch selbst viel um die Ohren. Wofür noch mit so etwas belasten? Ich dachte, das regelt sich von alleine

Wie sich herausstellte, war die Sache mit Nadja viel älter und schmutziger, als Friederike vermutet hatte.

Mit riesigen Koffern und großen Plänen für die Eigentumswohnung waren Lukas und Nadja bei Gudrun eingezogen. Anfangs freute sich die Oma sogar: Endlich Leben in der Bude, Stimmen in der Küche, Gespräch und Lachen, auch wenn es manchmal aufgesetzt war. Nadja gab sich Mühe: backte Streuselkuchen, brachte Tee ans Bett, begleitete Gudrun sogar mal zum Arzt.

Dann, sobald Lukas unterwegs auf Montage war, kippte alles.

Zuerst wurde sie mürrisch, erzählte Gudrun. Ich dachte, es liegt am Lukas. Dann nahm sie mehr und mehr die Lebensmittel für sich. Sie meinte, du kaufst ja eh genug. Sie bräuchte es nötiger jung, sie wolle schwanger werden. Mir reicht schließlich wenig, ein paar Kilos weniger schaden nicht.

Später bettelte Nadja Geld als Darlehen. Gudrun gab ihr, was Friederike eigentlich für die Medikamente überwiesen hatte. Nadja kaufte sich einen Mini-Kühlschrank, stellte ihn ins Schlafzimmer und sicherte alles mit einem Extra-Schloss. Was Friederike an Gutem brachte, landete dort.

Den Kredit gabs nie zurück. Im Gegenteil, nach einiger Zeit durchwühlte Nadja die Verstecke der Oma.

Auch den Fernseher hat sie weggenommen. Meinte, der ruiniert meine Augen, Gudrun wischte sich Tränen von den Wangen. Auch der Internetanschluss wird immer wieder abgeschaltet. Aber ich muss doch telefonieren, Nachrichten lesen, Rezepte anschauen Es fühlt sich manchmal wie Arrest an.

Und Lukas? Weiß der Bescheid?, fragte Friederike.

Oma schüttelte den Kopf.

Sie drohte, alles zu erzählen. Dass sie meinetwegen das Baby verloren hat. Dass ich ihre Nerven ruiniere. Ich weiß ja nicht mal, ob sie überhaupt schwanger war. Aber alle würden Mitleid mit ihr haben und mich hassen.

Friederike war sprachlos, wollte schreien und Nadja vor Wut verwünschen. Stattdessen sagte sie ganz ruhig:

Oma, niemand darf so mit dir umgehen. Niemand. Weder jung noch alt, weder Fremde noch Verwandte.

Gudrun brach in Tränen aus. Behutsam tröstete Friederike sie. Aber sie wusste längst: Jetzt kommt der Sturm, und sie würde nicht schweigen.

Eine halbe Stunde später saßen Friederike und ihr Mann Sebastian schon im Wagen auf dem Weg nach Gudrun. Sie erklärte ihm auf der Fahrt alles. Sebastian war fassungslos, aber an Friederikes Worten gab es nichts zu zweifeln.

Oma öffnete sofort. Sie nestelte nervös an einem Taschentuch, wich den Blicken aus.

Ach ihr? Ganz ohne Anruf? Ich hätte doch Kaffee aufgesetzt

Wir sind nicht wegen Kaffee hier, Oma, antwortete Friederike ruhig. Wir wollen Gerechtigkeit. Wo ist Nadja?

Die ist weg. Verraten tut sie mir nichts Na, kommt halt rein.

Gudrun trat beiseite. Friederike ging schnurstracks in die Küche. Der Kühlschrank: fast leer; ein paar abgelaufene Milchpäckchen, zehn Eier, ein Glas mit verschimmelten Gewürzgurken. Im Tiefkühlfach: nur Eis.

Friederike blickte Sebastian an, er nickte nur. Sie gingen zur Sache. Das Schlafzimmer von Nadja war abgesperrt. Billiges Schloss, kein Problem für Sebastian und seinen Schraubenzieher.

Tatsächlich stand dort ein Kühlschrank. Darin die Joghurts, die Friederike vor kurzem für Oma gekauft hatte. Käse, Bauernwurst, Tomaten, Gurken alles noch da.

Friederike kochte, hielt sich aber zusammen. Mit Sebastian gingen sie in Deckung: ins Omas Zimmer.

Nach einer halben Stunde kehrte Nadja zurück.

Wer hat an meiner Tür rumgefummelt?! schrie sie, ballte schon die Fäuste.

Da tauchte Friederike im Türrahmen auf.

Ich.

Nadja stockte, ihre Augen huschten suchend umher. Ein paar Sekunden Stille, dann erneut der Versuch, sich aufzubauschen.

Du hast hier nichts verloren in MEINEM Zimmer!

Friederike trat ganz nah an sie heran, blickte von oben auf sie herab; Nadja war ein gutes Stück kleiner.

Ich bin die Enkelin der Hausherrin. Und du? hakte sie nach. Du hast zehn Minuten zum Packen. Sonst fliegst du samt Kram aus dem Fenster. Klar?

Ich erzähl alles Lukas!

Tu, was du nicht lassen kannst! Lukas ist nicht hier. Wenns sein muss, schleif ich dich eigenhändig raus.

Nadja schnaubte, packte doch schnell all ihre Sachen zusammen, motzte noch im Gehen, versuchte bei Friederike emotional zu landen aber die betrachtete stumm und regungslos das Schauspiel.

Oma stand im Flur, und rieb sich verstohlen die Augen.

Friederikchen, muss das denn sein Dieser Krach, die Nachbarn

Erst da löste sich bei Friederike die Starre, sie trat zu Oma und nahm sie in den Arm.

Kein Krach, Oma. Das ist Frühjahrsputz.

Sie blieben die Nacht bei Gudrun. Am nächsten Tag füllten sie ihren Kühlschrank und die Hausapotheke. Zum Abschied flossen Tränen Friederike hoffte aber, es seien weder Schuldgefühle noch Angst vor dem Alleinsein. Sie verbot Oma strengstens, Nadja jemals wieder rein zu lassen.

Am selben Tag rief Lukas an, brüllte so, dass das Handy vibrierte.

Bist du irre? Nadja steht heulend auf der Straße! Wo soll sie jetzt hin? Denkst du, du darfst alles, nur weil du Kohle hast?!

Friederike legte einfach wortlos auf. Stunden später schickte sie eine Sprachnachricht:

Hättest dich mal lieber erkundigt. Deine Nadja hat Oma bluten lassen, verhungern lassen. Erinner dich mal, dass Oma dir alles gegeben hat. Wenn du noch mal mit ihr ankommst dann ist richtig was los.

Lukas antwortete nicht mehr. Es war auch nicht nötig.

Nadja quartierte sich bei einer Freundin ein. In den sozialen Netzwerken postete sie Sätze wie: Toxische Familie und Heuchler überall. Lukas drückte auf Gefällt mir. Friederike hörte nie mehr von ihnen.

Gudruns Wohnung wurde wieder gemütlich, wenn auch ruhiger. Nach ein paar Wochen bat sie Friederike, ihr das Streamen von Serien zu zeigen. Sie startete mit Meister und Margarita und schaute dann Komödien. Manchmal sahen sie gemeinsam Filme.

Du, so gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Mir tun direkt die Backen weh, bin das gar nicht mehr gewohnt, gab Oma eines Abends zu.

Friederike lächelte. Endlich war in ihrer Seele wieder Ruhe. Früher beschützte Oma sie, jetzt war es andersrum.

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Homy
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Auf der Suche nach dem perfekten Ideal