Von selbst wird der Boden nicht sauber – Wenn die Schwiegermutter zum Dauergast wird, die Hausarbeit…

Die Böden wischen sich nicht von selbst

Sabine, während Markus bei der Arbeit ist, musst du hier im Haus ein Auge drauf haben, bemerkte Gertrud. Die Böden wischen sich schließlich nicht von allein. Und wer kocht eigentlich das Abendessen? Was sitzt du hier denn noch herum, auf wen wartest du?

Sabine strich sich über ihren gewaltigen Babybauch. Siebenter Monat, Zwillinge, und jeder Morgen startete mit dem verzweifelten Versuch, sich überhaupt aufrecht ins Bett zu setzen. Der Rücken schmerzte, als hätte jemand Zement gegossen, und eigentlich wollte sie sich nur einfach hinlegen und bis zur Geburt nicht mehr bewegen.

Gertrud, Sie sehen doch, wie ich aussehe. Ich halte mich an den Wänden fest, um durch die Wohnung zu kommen, und Sie reden von Abendessen.

Die Schwiegermutter wedelte ab, als hätte Sabine gerade über einen Mückenstich geklagt.

Ach du Jemine, Sabine! Du bist schwanger, aber ja nicht krank. Als ich den kleinen Markus unter dem Herzen hatte, hab ich bis zum letzten Tag gekocht, gewaschen und im Schrebergarten das Beet umgegraben. Und du? Du liegst nur rum wie eine Gräfin auf Kur. Das ist getrickst, Sabine. Du willst nur, dass alle um dich rumtanzen und dich bemitleiden.

Dann rauschte sie ab, ließ ihre Kaffeetasse stehen und einen sauren Nachgeschmack im Raum, den Sabine nicht herunterschlucken konnte.

Am Abend kam Markus gegen neun, komplett durch den Wind, Augenringe wie ein Waschbär. Sabine wartete, bis er gegessen hatte, und setzte sich zu ihm.

Markus, wir müssen über deine Mutter sprechen. Sie kommt fast täglich vorbei, hält mir Vorträge wie einer delinquenten Schülerin und erwartet, dass ich hier die Küche blitzeblank halte und Eintopf für eine Kompanie koche. Red bitte mit ihr.

Markus rieb sich die Nasenwurzel und seufzte. Aber Sabine konnte schon sehen, dass er sich eigentlich nicht einmischen wollte.

Mach ich, Sabine. Versprochen.

Die Tage vergingen und nichts änderte sich. Gertrud stand wie eine preußische Inspektorin jeden zweiten Tag im Türrahmen, fuhr prüfend mit dem Finger über die Regale, seufzte demonstrativ vor dem schmutzigen Teller im Spülbecken.

Zwei Monate später brachte Sabine die Zwillinge zur Welt. Zwei Jungs, beide gesund, beide mit unplugged-Lautstärke unterwegs, kleine rosige Knäule. Benno und Till. Als man sie ihr auf die Brust legte, war der Rest der Welt plötzlich schnuppe. Sabine drückte beide Zwerge an sich und weinte vor Glück, so massiv, dass es fast schon körperlich wehtat. Markus rauschte ins Zimmer, nahm Benno auf die Arme, als wäre er eine Hummel aus Sahne, und bekam feuchte Augen.

Sabine… Unsere Jungs…

Die Woche im Krankenhaus verbrachten sie in einem warmen Kokon, als gäbe es nur die vier. Dann kamen sie nach Hause. Markus trug einen Jungen, Sabine den anderen. Sie stieß die Tür zum Kinderzimmer auf, das sie zusammen mintgrün gestrichen, mit kleinen Betten, Mobiles und winzigen Stramplern eingerichtet hatten und stockte.

Auf einem der Babybetten lag ein lila Morgenmantel mit gestickten Initialen. Am Wickeltisch ein geöffneter Koffer. Das andere Bett zur Seite gerückt, dafür ein Klappstuhl direkt daneben und darauf saß in aller Seelenruhe: Gertrud, das Hauskleid ordentlich, die Zeitschrift aufgeschlagen.

Ah, ihr seid da, hob sie ungerührt den Blick. Ich habe mich hier schon mal eingerichtet, um euch mit den Jungs zu helfen.

Sabine stand im Türrahmen, Benno an sich gedrückt, und das Gehirn knirschte wie ein alter Volvo. Koffer. Bademantel. Fremde Sachen auf dem eigens sortierten Babyboard. Die Schwiegermutter okkupierte das Zimmer mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre es sowieso ihr.

Sabine drehte sich langsam um zu Markus, der im Flur unschlüssig mit Till stand und demonstrativ zur Garderobe schaute.

Markus, was soll das?

Sabine, Mama hat gesagt, sie hilft am Anfang ein bisschen Es sind ja zwei. Du bist tagsüber allein, ich bin im Büro. Ehrlich, das ist doch schwer.

Sabine schob Benno etwas höher und schüttelte den Kopf.

Ich schaff das. Wir hatten das längst abgesprochen, Markus. Ich pack das allein.

Inzwischen stand Gertrud hinter ihr, mit der Geräuschlosigkeit einer Katze, und war schon im Flur.

Sabinchen, jetzt sei mal vernünftig. Du hast zwei Neugeborene, stehst nach der Geburt kaum auf den Beinen. Leg dich hin und ruh dich aus, ich versorge die Jungs und bring sie ins Bett. Wird schon alles.

Sabine hätte etwas erwidern können, aber die Erschöpfung drückte sie beinahe zu Boden. Geburt, Heimweg, zwei Babys. Sie nickte, reichte Benno rüber und ging ins Schlafzimmer. Ist ja nur für ein paar Tage, sagte sie sich. Ein bisschen Hilfe das geht vorbei.

Die ersten drei Tage liefen glatt. Gertrud stand nachts zu den Schreihälsen auf, ließ Sabine schlafen, kochte Frühstück, schob wortlos die Wäsche in die Maschine. Sabine glaubte kurz, sie hätte sich geirrt und der Oma-Instinkt funktioniert doch ganz gut. Dann begann der Alltag und Markus fuhr wieder ins Büro.

In ein und demselben Atemzug verwandelte Gertrud sich von der Hebamme in die Supervisorin. Sabine fütterte Till, und sofort schwebte sie drüber, tadelte: Nicht so halten, stütze den Kopf, lass doch mal Luft ans Kind. Sabine wickelte Benno, Gertrud wickelte gleich nochmal um, weil mit schief gewickeltem Kind gibts Haltungsschaden. Kaum saß Sabine fünf Minuten zum Verschnaufen, schallte aus der Küche: Sabine, das Geschirr spült sich nicht von alleine. Zeit, die Beine in die Hand zu nehmen!

Tagein, tagaus, keine Gnade. Sabine kam nicht mal dazu, ein To-Do fertig zu machen, und schon hagelte es Kritik zum nächsten. Die Kinder durfte sie immer seltener selbst nehmen, Gertrud entriss ihr die Jungs mit den Worten: Nun geh schon, du machst alles falsch. Sabine ertappte sich, dass sie ihre eigenen Söhne nicht mehr nehmen wollte, solange Schwiegermutter in der Nähe war.

Nach einer Woche war sie dermaßen am Ende, dass abends die Knie zitterten, das Hirn matsch war vor Schlafmangel und Dauerkontrolle. Sie wartete, bis Gertrud in der Kinderstube eingeschlafen war, schloss die Schlafzimmertür und setzte sich zu Markus aufs Bett.

Markus, ich kann nicht mehr, flüsterte Sabine, damit die Schwiegermutter nicht mithört was ihren Frust noch mehr anstachelte. Deine Mutter hilft nicht, sie macht mich fertig. Ich kann die Kinder nicht mal in Ruhe füttern; ständig hagelts Anweisungen. Sitze ich mal auf dem Sofa, kommt gleich der nächste Befehl. Ich fühle mich hier wie das Hausmädchen, das alles falsch macht.

Markus lag schweigend und starrte an die Decke.

Entweder sie packt zusammen und fährt oder ich mach das und nehme die Jungs mit.

Er richtete sich etwas auf und schaute sie an, als wolle sie einen badischen Krieg anzetteln.

Aber Sabine, die Mama meints doch nur gut, die ist halt so groß geworden. Könnt ihr euch nicht zusammenraufen? Sie ist die Oma und sorgt sich einfach.

Sabine presste die Hände ans Gesicht, weil die Tränen schon brannten, und wusste: Fängt sie jetzt an, hört sie heut Nacht nicht mehr auf. Es hatte sich über Monate angestaut, seit der Schwangerschaft, mit diesen ewigen Ich hab das früher auch alles geschafft-Sprüchen und jetzt war alles kurz davor, aus ihr hinauszuschwappen wie ein überquellender Putzeimer.

Markus, ich kann meine eigenen Kinder seit Tagen kaum in Ruhe auf den Arm nehmen, sagte Sabine und ließ die Hände sinken; die Tränen liefen schon. Ich nehme Till hoch, sofort entreißt sie ihn mir. Ich wickele Benno, sie wickelt ihn neu. Ich fürchte mich im eigenen Zuhause, an meine Söhne zu gehen, verstehst du das? Ich habe sie geboren! Und sie behandelt mich wie ein Au-Pair auf Probezeit.

Da quietschte auch schon die Schlafzimmertür, und da stand Gertrud im lila Bademantel, die Arme verschränkt, den Mund eine Linie.

Ich höre alles, falls es interessiert, kommentierte sie, wobei sie Sabine eindringlich musterte. Du solltest dich schämen, Sabine. Ich hab mein Zuhause verlassen, schlafe mit zweiundsechzig auf einem Klappstuhl, helfe hier rund um die Uhr, und du sorgst für Familienstreit und hetzt Markus auf! Undankbar, aber sowas von.

Und plötzlich passierte das Unerwartete: Markus Blick glitt von seiner Mutter zu Sabine verheult, mit fleckigem T-Shirt, die Lippe zitternd vor Erschöpfung und sein Gesicht veränderte sich.

Mama, sagte er, pack deine Sachen. Ich fahr dich morgen früh nach Hause.

Gertrud erstarrte, als hätte er Sanskrit gesprochen.

Markus, das meinst du nicht ernst, oder? Schmeißt du deine eigene Mutter raus wegen dieser Frau?

Doch, Mama. Ich meine es ernst. Das ist unser Zuhause, unsere Kinder, meine Frau. Wir schaffen das. Um Hilfe bitten wir, wenn wir sie brauchen. Aber wohnen wirst du bei dir.

Bis Mitternacht lamentierte Gertrud, warf Sachen in den Koffer, knallte Türen, trank zwei Mal Baldrian und jammerte über ihren undankbaren Sohn und die Schwiegertochter von der dunklen Seite des Mondes. Sabine saß im Schlafzimmer, still fütternd, und hörte alles durch die Wand aber diesmal weinte sie vor Erleichterung.

Am nächsten Morgen verstaute Markus den Koffer im Auto, fuhr die Mutter heim und tauchte zwei Stunden später wieder auf. Ging ohne Worte ins Kinderzimmer, hob Till hoch, der gerade zu quengeln begann, und legte ihn sich auf die Schulter.

Wir schaffen das schon, Sabine, sagte er und schaukelte Till sanft Zusammen, wir zwei.

Und so kam es. Sabine fand endlich ihren eigenen Rhythmus, als keiner mehr jede Bewegung kommentierte oder den Atem im Nacken spüren ließ. Sie fütterte die Jungen, wann sie Hunger hatten, und wickelte so, wie es passte. Die Wohnung wurde wieder ihr Revier, nicht ein bürokratischer Ausnahmezustand. Markus stand nachts regelmäßig auf und drehte am Wochenende seine Runden mit dem Zwillingswagen zwei Stunden Stille und Frieden für Sabine. Der Frieden kehrte nicht von jetzt auf gleich zurück, aber mit jedem Morgen, an dem Sabine angstfrei und ohne Druck zu ihren Söhnen gehen konnte, wurde es mehr ihr Zuhause.

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Homy
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