Ich, Paul Schneider, schreibe heute diese Zeilen in mein Tagebuch. Es ist schon fast wie ein Ritual geworden, Gedanken auf Papier zu bringen, wenn im Kopf alles zu stürmisch wird.
Gestern hat Anja, meine Frau, mir gesagt: Ich liebe dich nicht mehr. Dieser Satz hallt immer noch in mir nach. Ich saß da, die Hände im Haar vergraben, während sie wie im Rausch Koffer packte und mit den Schlüsseln klimperte. Genau jetzt fehlte mir nur das noch. Erst im Frühling ist mein Vater plötzlich verstorben. Trotz eigener Trauer musste ich mich um meine ergraute Mutter und meine kleine Schwester kümmern. Nach dem schweren Unfall meiner Schwester vor fast zwanzig Jahren war sie auf Hilfe angewiesen. Meine Familie lebt im Nachbarort, hier in Bayern, der Sohn Mats ist gerade in die erste Klasse gekommen, und im Juni hat es die Firma, in der ich gearbeitet habe, auch erwischt Insolvenz, ich war arbeitslos. Und nun auch noch das Aus mit Anja…
Ich ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und heulte hemmungslos.
Herr, was soll ich bloß tun? Wie geht es weiter? Oh, Mats! Ich muss ihn ja gleich von der Schule abholen!
Der Alltag zwang mich, aufzustehen und zu funktionieren.
Mama, hast du geweint? fragte Mats.
Nein, Mats, alles gut.
Weinst du wegen Opa? Mama, ich vermisse ihn so!
Ich vermisse ihn auch, mein Großer, aber wir müssen stark sein. Opa war immer so stark. Ihm geht es jetzt gut beim lieben Gott, keine Sorge! Er darf sich jetzt ausruhen, das hat er verdient.
Wo ist Papa?
Der ist bestimmt wieder auf Geschäftsreise. Und, wie wars in der Schule?
Man muss weiterleben. Liebt er mich nicht mehr? Erzwingen lässt sich nichts. Irgendetwas habe ich wohl übersehen vor lauter Hetze. Während Mats mit seinen Lego-Rittern spielte und Mittag aß, setzte ich mich an den Laptop, den Anja dagelassen hatte. Ich hatte das noch nie getan, aber plötzlich klickte ich mich in ihr E-Mail-Postfach das Passwort war einfach. Sie hatte die letzten Nachrichten nicht gelöscht. Ihr Herz war längst vergeben. Ich war nicht mehr ihr Sonnenschein, schon seit Jahren nicht, seit acht Jahren hatten wir für unser Wunschkind gekämpft und jetzt war ich das fünfte Rad am Wagen.
Alles musste nun neu werden. Zuerst eine Arbeit finden! Niemand interessierte sich für mein Uni-Diplom, und das bisschen Arbeitslosengeld reichte hinten und vorne nicht.
Was war bloß passiert? Mein zuverlässiger, fürsorglicher Ehemann war in einer Nacht zum Fremden geworden. Vielleicht war er einfach… durchgedreht. Das Haus, Stein für Stein zusammengebaut, war immer noch eine Baustelle. Aber wenigstens ein Dach über dem Kopf und ein bewohnbares Zimmer hatten wir.
Arbeit, wo bist du? Ich hätte vor Kummer beinahe wieder geheult, aber für Tränen hatte ich keine Zeit.
Die Arbeitssuche dauerte Tage, ohne Erfolg! Alleinerziehend mit Grundschulkind ist eben nicht gefragt. Am Abend, nach dem wieder mal erfolglosen Herumsuchen, rief mein Freund Rolf an:
Und? Immer noch kein Lebenszeichen von Anja?
Nein.
Willst du als Lageristin anfangen?
Du machst Witze…
Im Ernst. Es ist mit Pause am Nachmittag kannst Mats abholen oder ihn in die Nachmittagsbetreuung bringen. 1100 Euro, nicht viel, aber besser als nichts. Ich bring morgen Kartoffeln, Zwiebeln und ‘ne Hähnchenkeule vorbei.
Ach, lass mal, ich hab doch noch meine Hühner. Die sorgen für uns, legen Eier.
Dann sollen sie euch weiter versorgen. Mach sie bloß nicht schlachtreif.
Danke. Wie gehts eigentlich deiner Heike?
Sie hält durch. Sie ist ‘ne Kämpferin.
So war Rolf schon immer seine Frau hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, alles lastet auf ihm, aber er klagt nie. Mir wurde klar: Es gibt Hoffnung. Gerade als ich meinte, es geht nicht mehr, war Gott für mich da verlässlich wie immer. Und Freunde zeigen sich in schweren Tagen.
Die Arbeit erwies sich als machbar. Zeit zum Nachdenken und Heulen blieb genug. Was war nur geschehen? Aber die Tage, Wochen und Monate flogen vorbei. Nach einem Jahr merkte ich, dass ich wieder Appetit hatte, lachte, mit Mats Hausaufgaben machte und sogar Freude empfand. Den Schmerz wegen Anjas Verrat spürte ich zwar jedes Mal, wenn sie Mats fürs Wochenende abholte aber ich hielt stand. Mats sollte nicht darunter leiden. Allzu gern hätte ich sie gefragt, was ich falsch gemacht hatte doch es war offensichtlich: Ihr Herz schlug längst für einen anderen.
Ein Zitat kam mir in den Sinn: Liebe lebt bis zur ersten Kurve, danach beginnt das Leben. Für mich waren Liebe und Leben eins für Anja nicht.
Der Herbst kündigte sich als Verlängerung des Sommers an: warm, grüne Blätter, fröhliche Kinderstimmen auf der Straße, Astern und Chrysanthemen schmückten die Vorgärten im Dorf. An einem dieser Tage begegnete mir Michael nichts deutete darauf hin, dass dies ein besonderer Tag werden sollte, vielleicht schien die Sonne nur ein wenig heller.
Fräulein, lassen Sie mich doch tragen helfen das ist doch nichts für Sie!, sprach er mich freundlich an.
Ich bin es gewohnt.
Schade eigentlich, wenn eine schöne Frau solche Lasten gewohnt ist.
Und helfen Sie allen schönen Frauen? Warten Sie jeden Tag vor dem Laden?
Klar, ich hab hier Wache geschoben, und jetzt seh ich endlich eine tolle Frau.
Es war unmöglich, nicht zu lachen. Wir lachten befreit und ehrlich.
Michael, stellte er sich vor.
Paul.
Paulchen, Paulchen, fremder Mann, gibt’s dafür ein Lied?
Nein. Außerdem bin ich kein Fremder… Und ich bin frei!
Tatsächlich? Das ist mein Glückstag. Endlich treffe ich einen Mann, wie aus dem Bilderbuch und er ist auch noch zu haben. Sind jetzt alle anderen blind geworden?
Mit Humor scheints bei dir zu laufen. Wie ist es mit Ernst?
Den hab ich auch im Angebot. Paul, gehen wir mal ins Kino, reden ein bisschen?
Geht leider nicht, muss Mats aus der Nachmittagsbetreuung holen.
Ach, ich trau meinen Ohren kaum. Du hast einen Sohn? Siehst doch aus wie Anfang zwanzig!
Bin 35.
Und ich auch. Zufälle gibt’s. Aber ehrlich, ich hätte dich jünger geschätzt.
Was jetzt?
Ich verarbeite das gerade. Jeder Mann träumt von einem eigenen Sohn. Du bist also ledig und der Vater deines Sohnes?
Ich möchte nicht darüber sprechen.
Muss auch nicht sein. Darf ich dich am Wochenende einladen? Mit Mats, zum Kinderfilm?
Am Wochenende ist Mats beim Vater.
Paul, ich will dich nicht bedrängen. Aber falls du mal ein paar Stunden Zeit hast, meld dich einfach. Hier meine Karte ich arbeite als Kinderarzt, Fachrichtung Hämatologie.
Respekt. Ernste Sache.
Darum hab ich auch wenig Zeit zum Frauenkennenlernen.
Gut, Michael. Ich melde mich.
Ich freu mich drauf.
Was für ein goldener Herbst! Die Sonnenstrahlen ließen alles leuchten, die Parks gehörten uns, Mats spielte lachend im Laub. Es war, als hätte das Schicksal für uns zwei Einzelgänger die Zeit angehalten. Wir näherten uns ganz behutsam, vorsichtig, voller Respekt und Vorsicht. Fast anderthalb Monate nach unserem ersten Treffen lud ich Michael zum Tee ein.
Paul, sei mir nicht böse, aber ich komme heute nicht. Mir ist das alles zu wichtig, ich will nichts überstürzen. Vertraust du mir?
Am nächsten Wochenende fuhren wir in ein kleines Jagdhäuschen, das Michael im Bayerischen Wald gemietet hatte ein Häuschen, das aussah wie ein kleines Schloss. Ich sah vor Aufregung kaum mehr als seine braunen Augen, versank in ihnen, hing in seinen Armen. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass Zärtlichkeit zwischen Mann und Frau so schön sein kann.
Michael, wo bin ich bloß, was passiert mit mir? Ich liebe dich so sehr. Ohne dich war ich verloren, bei dir finde ich mich wieder.
Du bist wundervoll. Und ich bin der glücklichste Mensch der Welt!
Ein paar Monate später fiel uns das Abschiednehmen immer schwerer.
Paul, willst du mein Ehemann werden?
Michael, in zwei Wochen habe ich meine Scheidung durch.
Und dann heiratest du mich! Bevor dich noch ein anderer wegschnappt.
Ich bin kein Mitbringsel, sondern gehör mir selbst. Und ich bin jetzt schon vergeben ohne Tamtam, einfach im Standesamt unterschreiben und dann zurück in unser Häuschen, wo ich von Anfang an deine Frau war.
Wie du willst, mein Schatz.
Rolf und Heike waren die einzigen Zeugen unserer Trauung. Mutter und Schwester gratulierten mit einer Glückwunschkarte aus Franken. Wir zogen bald in eine neue, gemeinsam renovierte Wohnung ein, machten es uns schön und bauten zusammen ein neues Zuhause. Die Kinderzimmergestaltung war Michael besonders wichtig.
Er hatte Mats längst kennengelernt doch für Mats, für den seine Eltern zwei untrennbare Hälften des Ganzen bildeten, war Michael zunächst ein Fremder.
Paul, keine Angst ich würde gern Mats’ Blutwerte kontrollieren. Irgendwas gefällt mir da nicht, er ist so blass.
Ach Michael, er leidet doch nur. Die Trennung hat ihm das Herz gebrochen, er hoffte bis zuletzt, dass wir wieder eine Familie werden. Die Scheidung war für ihn schlimmer als der Tod.
Ich weiß, ich habe es als Kind selbst durchgemacht. Aber die Blutwerte schauen wir uns an, ja, mein Großer?
An dem Tag kam Michael mit hängendem Kopf nach Hause. Ich sah es ihm sofort an:
Paul, bleib ruhig… Mats’ Blutbild da sind leider Auffälligkeiten. Ich hätte es nicht gedacht, aber meine Vermutung war richtig. Ich nehme ihn morgen mit.
Leukämie! Ein Wort, das ich nie aussprechen wollte.
Ein neuer Lebensabschnitt begann. Ich nahm unbezahlten Urlaub, konnte Mats nicht allein lassen bei Untersuchungen, Injektionen, Infusionen. Ich saß an seinem Bett, hielt seine Hand und flüsterte: Wir schaffen das, mein Junge! Du bist mein stärkster Freund. Wir haben alles gemeinsam geschafft und werden auch das schaffen.
Wenn ich völlig am Ende war, schickte Michael mich schlafen, blieb bei Mats. Schlafen konnte ich selten, lag starr da und starrte an die Decke.
Eines Tages rief Anja an und forderte, ich solle aus dem halbfertigen Haus ausziehen.
Ich kümmere mich um den Sohn jetzt selbst, er kann zu mir kommen.
Besuch ihn doch erst mal, Antje.
Geht nicht, bin auf Geschäftsreise.
Michael strich mir übers Haar:
Paul, wir werden unser eigenes Heim schaffen. Lass die Vergangenheit los.
Ist trotzdem hart. Ich habe gutes Geld verdient, alles ins Haus gesteckt. Und jetzt zählt’s nicht mehr.
Denk nicht dran. Denk an Mats alles andere ist egal.
Michael, wie sehen die Blutwerte aus?
Wir geben unser Bestes besser sind sie noch nicht.
Ich weinte leise, darf Mats nicht merken, dass die Lage ernst ist.
Michael, was hab ich für ein Blutproblem?
Sieh mal, in deinem Blut schwimmen kleine Schiffe, rote und weiße. Die weißen greifen gerade an.
Und wer gewinnt?
Noch die weißen.
Und wie geht’s weiter?
Pack mit an, hilf den roten, dann gewinnen sie.
Mama, bring mich weg. Ich bin so müde.
Paul, ich wollte es dir auch vorschlagen. Lass uns in unser Jagdhäuschen fahren, ein bisschen raus, dir und Mats tut das gut.
Der Frühling ließ unser Nest in voller Blüte strahlen. Wir streiften durch den Wald, freuten uns über jeden Halm und jede Blume. Doch es gab Augenblicke, da fehlte Mats die Kraft.
Was ist los, Junge? Gehts dir nicht gut?
Papa, nicht stören. Ich kämpfe gerade meine Seeschlacht.
Der kleine Urlaub verging viel zu schnell. Mats war wie verwandelt frischer, ein bisschen Farbe im Gesicht.
Papa, wo ist Mama?
Sie ist unterwegs, Mats.
Wieder mal? Na gut…
Zurück in der Klinik, neue Blutentnahme. Die Laborleiterin kam selbst vorbei.
Herr Dr. Michael, wo waren Sie mit Sohnemann?
Im Wald, im Jagdhäuschen. Ist irgendwas?
Die Werte sind alle im grünen Bereich. Remission!
Michael sprang ins Krankenzimmer.
Mats, was hast du gemacht, Junge? Du wirst gesund. Paul, wein nicht Mats schafft das! Was hast du gezaubert, Junge?
Papa, du hast mir doch von den Schiffs-Schlachten erzählt. Ich hab jede Runde meine roten gewinnen lassen.
Heute weiß ich: Das Leben stellt uns Prüfungen, aber es gibt immer Hoffnung. Manchmal ist es die Kraft guter Freunde, manchmal eine neue Liebe, oft einfach die Geduld und immer der Glaube, dass man selbst in dunklen Tagen nicht allein ist. Mats hat mir gezeigt: auch kleine Kämpfe werden gewonnen, wenn man sie mit dem Herzen und zusammen mit anderen kämpft.




