Unerwartete Antwort
Weißt du, ich konnte den Timo absolut nicht ausstehen. Sieben Jahre lang, so lange war ich schon mit seinem besten Freund, Jan, verheiratet.
Mich nervte schon sein schallendes Lachen, diese unfassbar altmodische Lederjacke und wie er Jan ständig kumpelhaft auf die Schulter klopfte und rief: Ey du Alter! Lass raten, deine Frau ist heute wieder auf 180, was? Ich hätte ihn manchmal am liebsten einfach rausgeworfen.
Jan hat das immer nur abgewunken: Ach, der spinnt halt ein bisschen, aber sein Herz ist aus Gold. Und dann konnte ich wieder nicht anders, als mich auf Jan zu ärgern. Ein goldenes Herz hin oder her, muss er mir deshalb den Abend vermiesen?
Als Jan gestorben ist er ist ausgerutscht und gefallen, ganz plötzlich da stand Timo bei der Beerdigung in seiner bekloppten Jacke ganz am Rand. Still, irgendwie verloren. Starrte irgendwo drüber hinaus, als ob er was sehen würde, was wir anderen nicht sehen.
Damals dachte ich echt: So, das wars. Vielleicht lässt er mich jetzt endlich in Ruhe, Gott sei Dank.
Hat er aber nicht. Eine Woche später hat er geklopft. Stand vor meiner stillen, leeren Wohnung.
Toni, fing er an, total unsicher, ich könnte wenigstens Kartoffeln schälen, oder, weiß nicht, irgendwas tun?
Nein danke, hab ich knapp geantwortet, durch die halb offene Tür mit meiner leeren Stimme.
Doch, hat er einfach gesagt und sich in den Flur geschoben wie ein Windstoß.
Und so fing es an.
Timo hat alles repariert, was es zu reparieren gab. Und ehrlich, ich hatte manchmal das Gefühl, die Sachen gehen extra kaputt, nur damit er wieder einen Grund hat, vorbeizukommen.
Er schleppte Einkaufstüten an, als ob er ganz Berlin für eine Belagerung ausrüsten müsste. Nahm meinen Sohn, Moritz, mit in den Park wo er dann rennend und lachend zurückkam, das Gesicht voller Leben. Mit Jan war Moritz immer eher still, ernst, ganz anders.
Der Schmerz wurde mein ständiger Begleiter: Scharf, wenn ich irgendwo noch eine Socke von Jan fand. Dumpf, wenn ich abends Tee für zwei aufgoss, aber nur einer getrunken wurde. Und dann dieses komische, stechende Gefühl, wenn ausgerechnet dieser Timo Teller falsch auf den Tisch stellte, weil er vom Leben meiner Familie einfach keine Ahnung hatte.
Er war wie das krumme Spiegelbild von Jan, ständig da, immer eine Erinnerung. Es tat weh, aber noch schlimmer war der Gedanke, dass er eines Tages einfach wegbleibt. Und alles dann endgültig leer ist.
Die Freundinnen tuschelten: Toni, der ist doch schon ewig in dich verknallt! Nutze deine Chance! Mama meinte nur: Netter Mann, pass auf, dass du ihn nicht vergraulst. Und ich Ich hab mich nur geärgert. Es kam mir vor, als würde Timo mir sogar das Traurigsein nehmen mit seiner Hilfe, die ich nie erbeten habe.
Eines Tages, da hatte er wieder kiloweise Kartoffeln angeschleppt (War im Angebot!), da ist mir der Kragen geplatzt:
Jetzt reichts, Timo! Wirklich, wir schaffen das. Ich sehe ja, was du da alles versuchst. Aber es geht nicht. Ich bin nicht bereit, ich werde es vielleicht nie sein. Du bist Jans Freund. Mehr nicht. Bleib das einfach.
Ich habe gewartet, dass er sauer wird oder sich rausredet. Aber Timo, der wurde rot wie ein kleiner Junge, schaute beschämt zur Seite.
Verstanden. Tut mir leid.
Und dann ging er. Und sein Fortgehen war so laut wie sein Dasein.
Moritz fragte: Mama, wo ist Onkel Timo? Kommt der gar nicht mehr? Und ich, als ich meinen Sohn abends in den Arm nahm, dachte nur: Bin ich bekloppt? Ich hab den einzigen Menschen weggeschickt, der nicht zu mir gekommen ist, um was zu wollen sondern, um einfach nur zu geben.
Zwei Wochen später kam Timo wieder. Später Abend, es roch nach Herbstregen und ganz ehrlich nach Korn. Die Augen feucht, aber irgendwie fest.
Darf ich kurz? Nur für einen Moment. Ich sage was und dann bin ich weg.
Ich ließ ihn rein.
Setzte sich im Flur auf den Hocker, Jacke noch nass.
Ich muss das jetzt sagen. Ich weiß, sollte ich vielleicht nicht, aber ich trags nicht mehr länger mit mir rum. Du hast recht, ich war ein Idiot. Aber ich hatte Jan ein Versprechen gegeben.
Mir wurde auf einmal richtig eng in der Brust. Ich lehnte an der Wand.
Was für ein Versprechen? hauchte ich.
Timo hob den Kopf, seine Augen voller Schmerz, dass es mir fast wehtat.
Jan wusste es irgendwie. Nicht genau, aber er hats geahnt. Er hatte ein Aneurysma im Kopf. Die Ärzte haben gesagt, es kann jederzeit platzen. Noch ein bis zwei Jahre höchstens. Er hats dir nicht gesagt, wollte dich nicht beunruhigen. Aber mir mir hat ers erzählt. Einen Monat vor seinem Sturz.
Da ist meine Welt richtig zusammengebrochen. Ich rutschte an der Wand runter, saß auf dem Boden, das Herz in der Kehle.
Was hat er gesagt? brachte ich heraus.
Er meinte: Timo, du bist der Einzige, dem ich voll vertraue. Wenn mir was passiert kümmer dich um die beiden. Moritz ist noch klein, Toni hält viel aus, aber innen drin kann sie zerbrechen. Lass das nicht zu, Timo! Und ich hab nur gelacht und gesagt: Ach, Jan, du wirst ewig leben! Aber er hat mich dann so angeschaut, ruhig, und gesagt: Versuch, dass Toni sich in dich verliebt. Sie soll nicht allein bleiben. Du du warst immer gut zu ihr. Das wäre richtig
Dann war Timo ruhig.
Und das war alles? fragte ich leise.
Er hat noch gesagt, Timo wischte sich mit der Hand übers Gesicht, dass du mich am Anfang hassen wirst. Weil ich dich immer an ihn erinnere. Ich soll aushalten, dir Zeit lassen Dann schauen wir, was kommt.
Er stand schwerfällig auf.
Das wars. Ich habs versucht. So gut ich konnte halt. Dachte, vielleicht klappts. Aber als du mich so angesehen hast, hab ich gemerkt: Es klappt nicht. Ich bleib immer nur Timo, der Freund von Jan. Ich hab Jan enttäuscht. Sorry.
Er griff zur Türklinke.
Und da, in dem Moment, begriff ich alles. Diese untragbare, schmerzvolle Liebe von Jan, der uns nie im Stich gelassen hätte nicht mal angesichts des Todes. Und den sturköpfigen, aufopferungsvollen Timo, der zwei Jahre lang alles geschultert hat, ohne je Dank zu erwarten.
Timo, rief ich ganz leise.
Er drehte sich um, Hoffnung war keine in seinen Augen, nur Müdigkeit.
Du hast den Wasserhahn repariert, den Jan ewig machen wollte.
Ja.
Du hast Moritz an dem Tag auf den Spielplatz gebracht, als ich total fertig heulend im Bad saß.
Hm
Du hast meiner Mutter zum Geburtstag gratuliert, sogar als ich selbst nicht mehr daran gedacht hab.
Er nickte schweigend.
Und das hast du alles nur gemacht, weil Jan dich gebeten hat?
Timo atmete tief durch.
Anfangs ja. Dann weils einfach nicht mehr anders ging. Weils richtig war.
Ich stand auf. Ging zu ihm. Schaute auf die altbekannte Jacke, auf das erschöpfte, älter gewordene Gesicht. Und zum ersten Mal seit zwei Jahren sah ich nicht mehr Jans Schatten in ihm sondern einfach nur Timo. Den Mann, der einst Freund meines Mannes war und jetzt unsere Familie liebt.
Bleib, sagte ich ruhig, trink einen Tee. Du bist ja ganz durchgefroren
Er schaute mich an, als könnte er nicht glauben, was er da hörte.
Als Freund, betonte ich, und in meinen Worten lag zum ersten Mal etwas Warmes, Lebendiges. Als bester Freund von Jan. Bis bis es reicht.
Timo grinste so schelmisch wie früher, dass ich beinahe lachen musste.
Tee? fragte er. Oder hast du zufällig ein Bier im Haus?
Ich lachte zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Und spürte, dass ich die Hand, die mir helfen will, auch wenn sie selbst zittert, nicht mehr wegschieben werde. Selbst wenn an ihr diese alberne Lederjacke hängtWir gingen in die Küche. Ich stellte Wasser auf, er setzte sich an den alten Tisch, trommelte nervös mit den Fingern, als müsse er testen, ob er noch existierte, hier in diesem anderen Leben.
Moritz schlich verschlafen aus seinem Zimmer, die Haare in alle Richtungen, die Augen verquollen. Ohne Worte kletterte er Timo auf den Schoß, die Arme um dessen Hals, als wäre das ausgemacht und von der Welt so vorgesehen.
Timo blinzelte, dann lächelte er zaghaft und hielt Moritz fest.
Ich sah sie an. Und fühlte es, das erste zarte Flirren von Hoffnung, wie die Ahnung eines Frühlings nach einem sehr langen Winter. Da waren keine Geister mehr, nur wir und das, was bleibt, wenn man den Mut aufbringt, Schmerz und Liebe nebeneinander bestehen zu lassen.
Draußen trommelte der Regen ans Fenster, aber drinnen war es warm. Zum ersten Mal dachte ich, vielleicht kann etwas Neues wachsen, wenn man das Alte nicht loslässt, sondern mitnimmt, ganz vorsichtig und voller Respekt.
Der Tee zog; ich stellte drei Tassen auf den Tisch. Als ich einschenkte, stieg der Duft auf und mir wurde schwindlig vor Erleichterung.
Timo prostete mir grinsend mit seiner Tasse zu, Moritz blinzelte müde. Gemeinsam saßen wir da verstummt, verbeult, aber seltsam heil.
Und ich wusste: Jan hätte es genauso gewollt.





