Endlich raus aus dem Elternhaus
Erik, bist du bald da?
Gleich! Ich bin schon fast am Ziel.
Mach hin, bitte! Wir müssen sprechen.
Ist etwas passiert? fragte Erik beunruhigt.
Naja, noch nicht wirklich aber wir müssen dringend reden, Britta klang nervös, doch es schien immerhin keine Katastrophe zu sein.
Eine Viertelstunde später betrat das Familienoberhaupt die Wohnung.
Was ist denn jetzt los? fragte er vorsichtig seine Frau.
Zieh dich um, wasch dir die Hände, es ist nicht nötig, gleich alles stehen und liegen zu lassen, um die Welt zu retten, meinte Britta, küsste ihren Mann flüchtig und schob ihn Richtung Bad.
Nachdem Erik sich gewaschen und umgezogen hatte, kam er ins Wohnzimmer.
Komm mit, sagte seine Frau und führte ihn ins Zimmer der Tochter. Lotte saß mit verweinten Augen bockig auf ihrem Sofa.
Was ist passiert? bemühte sich Erik, ruhig zu bleiben.
Frag mal deine Tochter, zischte Britta. Na los, sag deinem Vater, was du dir da ausgedacht hast!
Lotte verschränkte trotzig die Arme und wandte sich zum Fenster, offensichtlich nicht bereit, über ihre Probleme zu sprechen.
So, ihr beiden, knallte Erik bestimmt mit der Hand auf den Tisch, entweder ihr erzählt mir jetzt in Ruhe und ohne große Dramatik, was hier los ist, oder ich entspann mich nach der Arbeit ohne euren Ärger!
Wir wollen heiraten, warf Britta mit schneidendem Sarkasmus ein, möglichst sofort, ohne Verzögerung!
Wie bitte? Erik war völlig überrumpelt. Heiraten? Jetzt sofort? Und wer ist der Glückliche?
Da Lotte stur schwieg, musste Britta erneut übernehmen:
Max Neumann, dieser etwas pickeliger Junge mit Brille. Er war in letzter Zeit ziemlich oft hier.
Neumann also Nun, Tochter?
Lotte antwortete kein Wort.
Pass auf, Liebes! Beende diese seltsame Guerillataktik. Soll ich hier einen Tanz aufführen, damit du mit mir redest? Eriks Geduld war am Ende.
Max und ich lieben uns! platzte es aus Lotte heraus. Er ist der Beste und wir werden heiraten!
Wenigstens ist das jetzt klar, seufzte Erik, er ist also dein Kommilitone?
Ja, wir sind in einer Lerngruppe.
Erstes Semester Erik seufzte, mal verständnisvoll, mal resigniert. Kinder
Wir sind keine Kinder mehr! Lotte funkelte ihn an. Wir sind schon achtzehn, volljährig!
Schön, dann reden wir wie Erwachsene.
Ich will aber gar nicht reden! Jetzt kommt bestimmt gleich wieder: Ihr seid zu jung, ihr müsst erst auf eigenen Füßen stehen, die Gefühle prüfen und so weiter. Ihr könnt das alles nicht verstehen. Ihr versteht nichts von unserer Liebe! Ihr wollt sie einfach zerstören!
Ich will hier niemanden einschränken, entgegnete Erik müde, ich will nur alles verstehen. Also, ihr liebt euch, ja? Lotte nickte trotzig. Und beide wollen heiraten?
Versuch nicht, Max runterzumachen! Er will das genauso wie ich!
Sehr gut. Ihr seid also entschlossen. Wo wollt ihr wohnen, wovon leben? Habt ihr darüber nachgedacht?
Das spielt keine Rolle! Liebe genügt doch! rief Lotte leidenschaftlich aus.
Wie alt bist du nochmal? fragte Erik leise. Mir kommt es vor, als wärst du in der ersten Klasse, nicht im Uni-Start. So schön Liebe auch ist, man braucht ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch, oder? Warum also morgen schon heiraten? Niemand hier hat was gegen Max, lad ihn ein, wir lernen ihn besser kennen, setzen uns mit seinen Eltern zusammen Richtig, Britta?
Genau so sehe ich das, Schatz. Aber ein Problem gibts Sie habens halt ziemlich eilig.
Wird Max etwa eingezogen? Studenten müssen doch nicht zur Bundeswehr
Nein, nicht Max. Lotte, willst du nicht selber was sagen?
Ich schweige nicht, murmelte sie gereizt, Max und ich erwarten ein Baby.
Aha stammelte Erik fassungslos, Sachen gibts. Und, was habt ihr jetzt vor?
Heiraten! Unser Kind bekommen! Und versucht gar nicht erst, mich zu na ja, zu etwas anderem zu überreden! Unser Baby wird leben!
Ganz ruhig. Keiner will dich zu irgendwas drängen. Sag mir jetzt lieber: Wissen Max Eltern schon davon?
Heute Wir haben vereinbart, dass heute jeder mit seinen Eltern spricht.
Und? Hat er schon erzählt, wies bei ihnen lief?
N-nein
Gut, wenn er anruft, sagst du mir Bescheid. Erst mal brauche ich etwas zu essen, sonst verhungere ich noch vor lauter Drama.
In der Küche wärmte Britta hastig das Abendessen auf und stellte Erik den Teller hin.
Und? Was machen wir jetzt? fragte sie leise.
Ehrlich gesagt Ich weiß es nicht. Lass uns abwarten, was seine Eltern dazu sagen. Vielleicht finden wir dann zusammen eine Lösung
Das Essen war kaum beendet, da kam eine ernüchternde Nachricht: Max Eltern sind strikt dagegen. Das Gespräch war schlimm verlaufen, endete im Streit. Es sah nicht gut aus.
Nach einer Weile stand Lotte mit dem Handy in der Hand im Wohnzimmer und sagte leise, während sie das Mikrofon verdeckte:
Max Mutter. Sie will einen von euch sprechen
Britta verschränkte die Arme vor der Brust:
Schatz, bitte übernimm du das Ich kann nicht.
Erik zog die Augenbraue hoch, nahm das Handy, schaltete den Lautsprecher ein und bedeutete Schweigen.
Guten Abend, ich bin Lottes Vater, Erik Hofmann.
Sabine Neumann. Max Mutter. Unser Sohn hat heute berichtet, dass er mit Ihrer Tochter zusammen ist. Und, angesichts ihrer Umstände, ist ja wohl klar, dass sie bereits zusammen geschlafen haben. Die beiden haben jetzt große Pläne. Sie wissen davon?
Ja, wir haben mit Lotte darüber gesprochen.
Nun. Dann will ich Ihnen klar machen, dass wir von diesen großen Plänen ganz und gar nichts halten. Unser Sohn muss erstmal sein Studium machen, den Abschluss, Karriere. Heiraten im ersten Semester, noch dazu mit Kind das lehnen wir ab!
Das stand auch auf unserer Wunschliste nie ganz oben. Aber wenn Lotte eben ein Kind erwartet von Ihrem Sohn, nebenbei bemerkt was schlagen Sie dann vor?
Das ist Ihr Problem, Erik Hofmann. Erstens: Wer weiß schon, obs wirklich Max Kind ist. Zweitens: selbst wenn so läuft das bei uns nicht: schnelle Heirat wegen Schwangerschaft. Ihre Tochter sucht offenbar einen guten Fang Max stammt schließlich aus gutem Haus, mit Wohnung und sicherem Stand ich kann das als Frau ja verstehen. Aber als Mutter werde ich alles tun, damit mein Sohn sich da nicht reinziehen lässt. Mein Mann sieht das genauso. Wir haben mit Max gesprochen und er hat sich unserem Urteil angeschlossen. Er möchte, dass Ihre Tochter ihn nicht weiter kontaktiert. Sie soll abtreiben oder das Kind alleine bekommen das ist uns egal. Auf Wiederhören.
Kurze Stille. Das Gespräch war beendet.
Erik blickte seine beiden Frauen ernst an:
Ihr habt alles gehört? Kurz gesagt: keine Abtreibung ein unschuldiges Leben darf nicht leiden, und Lotte, auch deiner Gesundheit schadet das. Das ist nichts Ungewöhnliches, viele schaffen das. Wenns soweit ist, machst du Pause vom Studium, kommst dann wieder du bist bestimmt nicht die Erste oder Letzte. Wir helfen dir, sitzen das mit dem Kind aus, unterstützen euch finanziell. Und diese Leute mit denen reden wir bei Gelegenheit nochmal. Was für Leute! Ich wars nicht und das Pferd gehört mir auch nicht. Also, jetzt etwas Baldrian, ein bisschen weinen geht in Ordnung aber nicht zu lange. Wir schaffen das!
Er nahm Britta kurz beiseite und sagte leise:
Nimm Lotte heute Nacht mit zu dir ins Schlafzimmer, sicher ist sicher. Sprich ihr gut zu. Ich schlaf dann in ihrem Zimmer.
Etwas später klingelte es an der Tür.
Wer kommt denn jetzt noch zu später Stunde? murmelte Erik und öffnete.
Kurz darauf erschien er im Wohnzimmer, gefolgt von einem jungen Mann mit Brille und unreiner Haut.
Max! rief Lotte auf, sprang auf und fiel ihm um den Hals. Du bist gekommen!
Ja, für dich. Herr Hofmann, Frau Hofmann, ich hole heute Lotte ab.
Wohin denn, wenn ich fragen darf?
Weiß ich noch nicht genau. Wahrscheinlich mieten wir uns was. Wir sind volljährig, also bitte keine Steine in den Weg legen! Kommst du mit? wandte er sich an Lotte.
Klar! Überallhin!
Leute, langsam! Erik hob die Hand, ein paar klärende Fragen. Deine Mutter sagte, die ganze Familie ist dagegen, auch du.
Nicht ganz, Herr Hofmann. Das hat meine Mutter so entschieden. Mein Vater zieht mit, wie immer. Ich habe ihnen nur vorgespielt, überzeugt zu sein, damit sie mir keine Steine in den Weg legen. Habe meinen Ausweis, ein wenig Geld und die EC-Karte eingepackt und zack hier bin ich.
Das nenne ich konsequent! Erik war sichtlich positiv überrascht. Aber wie wollt ihr die Wohnung zahlen?
Ich habe etwas gespart, jobbe abends, betreibe einen Kanal mit Followern das reicht bestimmt ein paar Monate für Miete und Essen. Verdienen werde ich weiter.
Ganz schön clever, der Junge, murmelte Britta, Aber mitten in der Nacht?
Richtig, heute geht da nichts mehr. Jetzt wird entschieden: Heiratet ihr?
Ja!, antworteten beide.
Und das Kind?
Wieder ein Ja wie aus der Pistole geschossen.
Dann helfen wir euch. Es gibt nur ein paar Bedingungen: Du, Max, versuchst, dich mit deinen Eltern irgendwie auszusöhnen, und du, Lotte, unterstützt ihn. Heute bleibt Max hier, übernachten könnt ihr gern im Wohnzimmer offiziell bist du nur Lottes Freund. Schreib deinen Eltern Bescheid, dass du bei Freunden schläfst und bereitest sie schonend vor! Und: Universitätsabschluss ist Pflicht! Besonders für dich, Max. Lotte, du gehst dann in Elternzeit, holst später auf. Wir helfen mit Geld und mit dem Kind, aber den Rest müsst ihr selbst schaffen. Große Feier nicht jetzt, das Geld wird gebraucht, die Party holen wir nach. Einverstanden?
Ja, sagte Max sofort.
Hm ich hätte schon gern richtig gefeiert, mit Kleid, Limousine, Gästen, Lotte sah enttäuscht aus.
Nicht jetzt! blieb Max streng. Jetzt nur Standesamt, die große Feier machen wir später nach.
Na gut, wie du meinst
Alles klar, dann wisst ihr Bescheid. Jetzt ab ins Bett, morgen ist ein neuer Tag.
Später, als Erik sich ein Glas Wasser holte, sprach ihn Britta an:
Sag mal, wie kams, dass du plötzlich so umgeschwenkt bist?
Ganz einfach. Nach dem Gespräch mit dieser Furie, Max Mutter, war ich durch den Wind. Dann taucht dieser Bubi auf, den wir für einen Muttersöhnchen hielten. Aber er ist ein richtiger Kerl, lässt Lotte nicht im Stich für so einen gebe ich unsere Tochter gern her!
Du hast mal wieder recht, Schatz! sagte sie, küsste ihn, und ging, um alle ins Bett zu schicken.





