Sie an meiner Stelle
Ich möchte nicht zu Papa gehen Tante Helene hat gesagt, Papa liebt mich nicht mehr, Moritz umklammerte seine Knie und versteckte sein Gesicht darin, während er auf dem Bett saß.
Klara blieb regungslos stehen. Es schien alles wie immer: das zerknitterte Schlafanzug mit kleinen Autos darauf, der Rucksack voll mit Spielzeug in einer Ecke, die Jacke auf dem Stuhl. Alles wirkte vertraut und einladend. Nur ihr Sohn rannte nicht wie ein Wirbelwind durch die Wohnung, sondern hockte zusammengekauert im Eck.
Heute sollte er zu seinem Vater fahren, aber plötzlich bat er, zuhause bleiben zu dürfen. Über die letzten Wochen hatte Moritz begonnen, den Besuchen weniger enthusiastisch entgegenzusehen. Klara hatte versucht, ihn zu ermutigen doch Moritz hatte plötzlich erzählt, dass Helene, die neue Freundin von Daniel, ihn böse beschimpft.
Moritz Die Frau setzte sich vorsichtig neben ihn. Erzähl mir bitte, was passiert ist?
Er schwieg. Dann hob er den Kopf ein wenig und blickte zu ihr auf. Jetzt sah er nicht mehr wie ein fünfjähriges Kind aus. In seinem Blick lag eine Müdigkeit und Traurigkeit, die an einen Erwachsenen erinnerte, dem niemand glaubt.
Ich habe nur gespielt Sie hat sich geärgert, weil das Spielzeug laut war. Der Roboter. Erinnerst du dich? Sie hat ihn weggenommen und gesagt, dass sie bald ein anderes Kind haben wird, und dass Papa mich vergesse. Und dass ich überzählig bin. Und wenn ich etwas erzähle, ein tiefer Seufzer, wird mir niemand glauben. Tante Helene sagt dann, sie hätte so etwas nie gesagt. Und sie ist groß. Alle werden ihr glauben.
Er sprach langsam, stockend, beinahe mit Tränen. In Klaras Innerem kämpften Wut, Angst und Schuldgefühle, die sie kaum fassen konnte. Ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an. Moritz wandte sich ab und fing an, am Bettlaken zu knibbeln. Klara streckte ihre Hand aus.
Ich glaube dir. Weißt du warum? Weil du nie lügst. Außer wenn du meine Schokoladenschätze entdeckst.
Er schnaufte, aber lächelte nicht.
Papa hat sie gewählt, nicht mich
Papa kennt einfach nicht die ganze Wahrheit, Klara klang jetzt fester. Aber er wird es verstehen. Ganz bestimmt.
Als Klara Moritz ins Bett gebracht hatte, entschied sie, einen Kräutertee zu trinken. In der Nacht, ganz still, dachte sie darüber nach, wie sie Helene kennengelernt hatte sofern man das kennenlernen nennen konnte.
Vor etwa einem Jahr, hatte sie eine Nachricht von einem anonymen Profil bekommen: Guten Abend! Ich werde mich nicht vorstellen, Sie sollen nur wissen, dass ich es gut meine. Falls Sie wissen möchten, wo Ihr Mann seine Abende verbringt, kommen Sie diesen Montag um 19 Uhr ins Restaurant in der Schillerstraße 8. Tisch am Fenster.
Damals hatte Klara noch gerätselt, wer sich hinter dem Wohltäter verbarg. Heute wusste sie: Es war Helene. Eine Wohltäterin mit dem Geruch von Verfall.
An jenem Abend hatte Klara alles gesehen. Daniel, gegenüber von Helene sitzend. Ihre Hände auf dem Tisch. Verschränkte Finger. Ein Kuss auf die Wange. Er hatte dann irgendetwas von einem Geschäftstreffen gemurmelt, von einer Bekannten, und am Ende nichts Ernstes. Doch Klara war nicht bereit, den Verrat zu vergeben.
Sie hatten sich getrennt. Doch Moritz blieb. Und Helene ebenfalls, die nur noch einen Schritt entfernt schien von Daniels Ehefrau zu werden.
Ihr Bild war makellos: höflich, sanftmütig bis zur Absurdität, scheinbar fähig, mit Kindern umzugehen. Alles vereint. Sie schenkte Moritz sogar zu Festen Spielzeuge. Puzzle, Dinoboxen, einmal einen riesigen Plüschfrosch.
Doch diese Geschenke waren nicht für das Kind, sondern für Daniel. Helene kämpfte nicht um Moritz’ Liebe, sondern um Daniels Aufmerksamkeit. Ihre Güte war Werkzeug, das Lächeln Köder. Und jetzt, als ihre Geduld schwand und sie wohl bald ein eigenes Kind erwartete, wechselte Helene den Ton.
Sie machte nur einen Fehler: Klara konnte auf einen Mann verzichten, aber niemals auf die Gefühle ihres Sohnes.
Am Kühlschrank hing eine To-Do-Liste, doch Klara war das gleichgültig. Sie hatte eine wichtige Aufgabe für diesen Tag. Mit Daniel zu sprechen.
Sie starrte lange auf das Handy, bevor sie auf Anrufen drückte. Die Töne zogen sich endlos. Als ihr Ex-Mann abhob, klang seine Stimme leicht gereizt. Es war spät.
Ist es dringend?
Ja. Wir müssen reden. Über Moritz.
Daniel war sofort angespannt das spürte Klara selbst am Telefon.
Was ist mit ihm? Ist er krank?
Nein. Er will nicht mehr zu dir. Er sagt, Helene sagt böse Dinge. Dass du ihn nicht mehr liebst, dass du bald ein anderes Kind hast und ihn vergisst.
Am anderen Ende herrschte Stille. Dann sprach Daniel scharf, beinahe beleidigt, als sei er beschuldigt worden.
Klara, bitte! Glaubst du im Ernst diese Märchen? Schon wieder! Versucht du über das Kind in mein Leben und meine Beziehung mit Helene zu kommen!
Ich versuche gar nichts. Ich bin seine Mutter. Und ich höre ihm zu. Du, scheints, nicht. Klaras Stimme war nun fest. Er hatte Angst, es dir zu sagen. Offensichtlich zu Recht.
Du benutzt ihn nur! schoss Daniel zurück. Du willst, dass er nicht mehr zu uns kommt. Damit ich mich schuldig fühle und dir nachlaufe. Klara, du bist unmöglich. Einfach unmöglich.
Sie antwortete nicht sofort, aus Angst, das Gespräch könnte im Streit enden. Ihre Wut brodelte. Ihre Schläfen pochten.
So war Daniel. Kein schlechter Vater, aber immer mit dem Benehmen eines Jugendlichen: alle sind gegen ihn. Er konnte freundlich zu seinem Sohn sein ja. Doch wenn es um Helene ging, versagte sein Verstand.
Moritz griff nach dem Plüschbär im Regal, und Klara und Daniel wechselten zum ersten Mal seit langem einen verständigen Blick. Beide wussten, dass die Liebe zu Moritz sie immer wieder zusammenführen würde.



