Letzte Liebe – Als Annemarie kein Geld mehr für ihre Tochter hatte und sich niemand um ihre Gesundheit sorgte, kam Peter: “Ich habe dich ein Leben lang geliebt.” Ihre Kinder waren entsetzt: “Mama, in deinem Alter heiratet man doch nicht mehr!” Doch Annemarie wagte das Glück im Herbst ihres Lebens, trotz aller Widerstände.

LETZTE LIEBE

Irmgard, ich habe wirklich kein Geld mehr! Das Letzte habe ich gestern schon Kathrin gegeben! Du weißt doch, sie hat zwei Kinder!
Frieda Baumann legte niedergeschlagen den Hörer auf.
Die Dinge, die ihre Tochter ihr gerade am Telefon an den Kopf geworfen hatte, wollte sie am liebsten vergessen.
Warum nur? Drei Kinder haben wir mit meinem Mann großgezogen, alles für sie getan. Alle sind sie was geworden! Haben studiert, haben gute Stellen. Und nun habe ich im Alter weder Ruhe noch Unterstützung.
Ach, Hans, warum bist du nur so früh von mir gegangen Mit dir war alles leichter! wandte sich Frieda gedanklich an ihren verstorbenen Mann.
Ihr Herz krampfte, automatisch griff sie nach den Tabletten: Es sind nur noch ein oder zwei Kapseln übrig. Wenn es ganz schlimm wird, kann ich mir nicht mehr helfen. Ich müsste wirklich in die Apotheke.
Frieda versuchte aufzustehen, sackte aber gleich wieder in den Sessel. Ihr schwindelte furchtbar.
Egal, wenn die Tablette erstmal wirkt, wirds besser.
Aber es wurde nicht besser.
Frieda wählte die Nummer ihrer jüngsten Tochter:
Katrin brachte sie noch mühsam heraus
Mama, ich bin gerade in einer Besprechung, ich rufe später zurück!
Frieda wählte die Nummer ihres Sohnes:
Michael, mir gehts nicht gut. Und die Tabletten sind alle. Kannst du nach der Arbeit weiter konnte sie nicht reden, er unterbrach sie sofort.
Mama, ich bin kein Arzt, und du auch nicht! Ruf die 112, warte nicht!
Frieda atmete schwer ja, im Prinzip hatte er recht! Wenns in einer halben Stunde nicht besser ist, sollte ich die Rettung rufen, dachte sie.
Vorsichtig lehnte sie sich im Sessel zurück und schloss die Augen. Um sich zu beruhigen, fing sie an, langsam bis hundert zu zählen.
Irgendwoher drang ein Geräusch zu ihr. Was war das? Ach ja, das Telefon!
Hallo! antwortete Frieda mühsam.
Frieda, hallo! Hier ist Peter! Wie gehts? Ich hab irgendwie ein ungutes Gefühl gekriegt, musste dich einfach anrufen!
Peter, mir gehts gar nicht gut.
Ich komme sofort! Kannst du die Tür öffnen?
Die ist bei mir in letzter Zeit immer offen, Peter.
Frieda ließ das Telefon aus der Hand gleiten. Kraft, es wieder aufzuheben, hatte sie keine.
Was solls, dachte sie.
Vor ihren Augen liefen Filmsequenzen aus ihrer Jugend ab: Sie als ganz junges Mädchen Erstsemester an der Universität für Wirtschaft und Finanzen. Da, zwei flotte Kadetten der Offiziersschule, seltsamerweise mit Luftballons in der Hand.
Lustig, dachte die junge Frieda damals, so große Kerle und dann Ballons!
Ach ja, es war der 8. Mai! Tag der Befreiung, Straßenfest! Sie stand da, mit zwei Ballons in der Mitte, zwischen Peter und Hans.
Sie entschied sich damals für Hans. Er war einfach entschlossener, Peter dagegen eher verschlossen und schüchtern.
So verstreuten sich dann ihre Wege: Mit Hans ging sie nach Bayern, Peter bekam eine Stelle in der DDR.
Erst im Ruhestand trafen sie sich wieder in ihrer Heimatstadt, als die Männer in Rente gingen. Peter blieb sein Leben lang allein, ohne Frau, ohne Kinder.
Man fragte ihn, wie das kam
Er winkte dann nur ab und scherzte:
Ich hab halt kein Glück in der Liebe, sollts besser mit Kartenspielen versuchen!
Frieda hörte fremde Stimmen, ein Gespräch. Mit Mühe öffnete sie die Augen:
Peter!
Neben ihm stand, so sah es aus, ein Notarzt.
Kein Problem, jetzt wirds ihr bald besser gehen. Sind Sie ihr Mann?
Ja, ja, natürlich!
Der Arzt gab Peter einige Anweisungen.
Peter blieb an ihrer Seite, hielt Frieda die Hand, bis es ihr endlich besser ging.
Danke, Peter! Mir gehts schon viel besser!
Das freut mich! Hier, trink ein bisschen Tee mit Zitrone.
Peter wich ihr nicht mehr von der Seite, er werkelte in der Küche, kochte etwas, kümmerte sich um sie. Selbst als es ihr schon wieder gut ging, hatte er Angst, sie allein zu lassen.
Weißt du, Frieda, ich hab dich mein ganzes Leben geliebt. Darum hab ich nie geheiratet.
Ach Peter, Hans und ich, wir hatten ein schönes Leben zusammen. Ich habe ihn geschätzt, er mich geliebt. Damals hast du nie ein Wort gesagt. Ich wusste nicht, wie du fühlst. Aber jetzt darüber zu sprechen bringt nichts mehr, es ist vorbei, die Jahre sind dahin, die kommen nicht zurück.
Frieda, komm, leben wir doch das Leben, das uns bleibt, glücklich zusammen! So lange es uns vergönnt ist, machen wir das Beste daraus!
Frieda legte den Kopf auf Peters Schulter, nahm seine Hand: Lass uns das machen! lachte sie glücklich.
Eine Woche später rief endlich Tochter Katrin an.
Mama, was war denn, du hattest angerufen, ich kam nicht dazu zurückzurufen, dann hab ichs vergessen
Ach, nichts, ist schon alles wieder gut. Aber, da du dich jetzt meldest: Ich will dich nicht überraschen ich werde heiraten!
Am anderen Ende war es still, man hörte, wie Katrin tief Luft holte und nach Worten rang.
Mama, ist das dein Ernst? Du bist doch längst im Rentenalter, und nun willst du heiraten?! Wer ist denn dieser Glückspilz?
Frieda spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, sie raffte sich aber zusammen und sagte mit fester Stimme:
Das ist meine Sache!
Und legte auf.
Dann wandte sie sich an Peter: Jetzt werden sicher gleich alle drei vor der Tür stehen! Bereit machen zum Gegenwind!
Das schaffen wir schon! lachte Peter. Uns bringt so schnell niemand aus der Ruhe!
Tatsächlich standen am Abend alle drei Kinder vor der Tür: Michael, Irmgard und Katrin!
Na, Mama, stell uns deinen Casanova vor! spottete Michael.
Ihr kennt mich doch, trat Peter ins Zimmer. Ich liebe Frieda seit unserer Jugend, und als ich sie letzte Woche so elend gesehen hab, wusste ich, ich darf sie nicht verlieren. Ich habe ihr einen Antrag gemacht, und sie war einverstanden.
Sagen Sie mal, Sie alter Narr, sind Sie übergeschnappt? Mit Siebzig nochmal Liebe?! keifte Irmgard.
Was soll denn in diesem Alter heißen? entgegnete Peter ruhig. Wir sind doch gerade mal siebzig, noch mitten im Leben. Übrigens, eure Mutter sieht noch ganz bezaubernd aus!
Willst du so unsere Mutter um ihre Wohnung bringen? Darum gehts dir doch! schoss Katrin im Tonfall einer Rechtsanwältin.
Ach, Kinder, wie kommt ihr denn auf sowas?! Ihr habt doch alle eure eigenen Wohnungen!
Trotzdem, in der Wohnung steckt auch unser Erbteil! schob Katrin nach.
Ich will nichts von ihr außer ihr selbst! sagte Peter ruhig. Aber wie ihr eure Mutter anredet, das sollte euch zu denken geben! Das ist unverschämt!
Wer sind Sie überhaupt, Sie alter Playboy?! Hier hat keiner Ihre Meinung gefragt! Michael baute sich vor Peter auf wie ein Kampfhahn.
Aber Peter wich keinen Zentimeter. Er richtete sich auf und sah Michael direkt in die Augen.
Ich bin der Ehemann eurer Mutter, obs euch passt oder nicht!
Und wir sind ihre Kinder! rief Irmgard.
Genau! Und am besten stecken wir die gleich morgen ins Altersheim oder in die Klappsmühle! pflichtete Katrin ihrer Schwester bei.
Von wegen! Komm, Frieda, pack deine Sachen, wir gehen!
Sie gingen zusammen, Hand in Hand, ohne sich umzudrehen. Was andere dachten, kümmerte sie nicht. Sie waren glücklich und frei! Der Schein einer einzelnen Straßenlaterne beleuchtete ihren Weg.
Die Kinder sahen ihnen nach, verständnislos: Wie kann man mit siebzig noch Liebend sein?

Im Rückblick habe ich an diesem Tag viel gelernt. Es ist nie zu spät, sich selbst und das eigene Glück ernst zu nehmen, egal, was die anderen sagen.

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Homy
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Letzte Liebe – Als Annemarie kein Geld mehr für ihre Tochter hatte und sich niemand um ihre Gesundheit sorgte, kam Peter: “Ich habe dich ein Leben lang geliebt.” Ihre Kinder waren entsetzt: “Mama, in deinem Alter heiratet man doch nicht mehr!” Doch Annemarie wagte das Glück im Herbst ihres Lebens, trotz aller Widerstände.
Ich wurde von meiner Oma großgezogen, aber jetzt fordern meine Eltern von mir Unterhalt – obwohl wir seit über 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatten und sie damals beschlossen haben, mich zurückzulassen.