Bis zur goldenen Hochzeit durchhalten
Fünfundzwanzig Jahre sind Hilde und Jürgen nun schon verheiratet. Sie ist fünfzig, ihr Mann zwei Jahre älter. Das Familienleben der beiden verläuft wie bei fast allen in unserem kleinen Dorf in Oberbayern. Es gibt Haus, Garten, Stallarbeit, und den inzwischen erwachsenen Sohn Benedikt, der nach München gezogen ist, dort sein Studium abgeschlossen hat und jetzt in einem großen Maschinenbauunternehmen arbeitet.
Eines Wochenendes stellte Benedikt seinen Eltern seine Freundin vor.
Das sind meine Eltern, das ist Leni, sagte er stolz. Wir haben vor zu heiraten, sobald wir das Aufgebot bestellt haben.
Guten Tag, murmelte Leni schüchtern, ihre Wangen wurden rot.
Willkommen, Lenchen, setz dich ruhig, fühl dich wie zu Hause, bei uns geht alles ganz unkompliziert, plauderte Schwiegermutter in spe Hilde und fing an, den Tisch mit Kuchen und Brezen zu decken.
Die Eltern waren begeistert von der sympathischen Leni, und schon bald fuhren die beiden jungen Leute zurück in die Stadt. Danach rief Benedikt öfter bei seiner Mutter an und kündigte an, dass sie im Sommer heiraten wollen. Hilde freute sich sichtlich und erzählte es gleich Jürgen, der auch stolz war.
Alles lief seinen geregelten Gang. Dennoch verspürte Hilde seit einiger Zeit eine Unruhe, die sie kaum einzuordnen wusste. Niemand hätte gedacht, dass sie mit fünfzig noch einmal so eine Aufregung empfinden würde und dann auch noch für den Nachbarn, ausgerechnet Jürgens langjährigen Freund Michael.
Vor ein paar Tagen kam Michael mit einer Flasche Wein vorbei. Seine Ehefrau, Karin, ist Zugbegleiterin auf den Fernstrecken der Deutschen Bahn und daher oft für längere Zeit unterwegs. Karin schien ihrem Mann zu vertrauen und kümmerte sich wenig darum, was Michael allein im Dorf so trieb.
Die gemeinsame Tochter, Verena, lebt in Augsburg, kommt hin und wieder zu Besuch und bringt frische Lebensmittel vorbei, wenn die Mutter mal wieder unterwegs ist. So hielten Michael, Karin und Verena eigentlich meist nur übers Telefon Kontakt, bevor die Mutter für ein paar Tage wieder daheim war und schnell wieder abreiste.
Michi, schau mal, was für einen Akkuschrauber ich am Viktualienmarkt gekriegt habe! Hätt ich schon längst anschaffen müssen, rief Jürgen begeistert und verschwand im Abstellraum.
Kaum war Jürgen außer Sicht, wandte sich Michael eifrig Hilde zu, legte spontan den Arm um ihre Hüften und flüsterte ihr ins Ohr. Hildes Herz pochte wild. Gerade als sie Jürgens Schritte hörte, wich sie erschrocken zurück, wischte hastig den Tisch und senkte den Kopf, aus Angst, ihr Mann könnte etwas merken. Aber sie spürte das Glühen in ihren Wangen nur allzu deutlich.
Jürgen bemerkte nichts von Hildes aufgeregtem Zustand, schenkte Michael ein Glas Wein ein und stieß an. Na dann, Prost auf neue Werkzeuge. Komm, Hilde, trinkst du mit?
Nein, Jungs, ich bin heute ziemlich geschafft, ich leg mich eine Runde hin, entgegnete sie und zog sich zurück. Im Spiegel betrachtete sie sich noch einmal: Wie eine junge Göre glühst du, Hilde, bist aber schon fünfzig!, dachte sie und musste dabei verlegen schmunzeln.
Mit den Jahren war Hilde etwas fülliger geworden, die runden Wangen standen ihr dennoch, und ihre blauen Augen strahlten nach wie vor. Optisch hatte sie sich verändert, aber ihr war bewusst: Mit dem richtigen Kleid, ein bisschen Schminke, und Pumps mit Absatz da war sie noch immer eine der schönsten Frauen im Dorf. Und Michael mochte sie schon lange. Der große, kernige Mann hatte sie schon oft mit intensiven Blicken bedacht neulich gestand er ihr sogar leise, dass er sie liebt.
Michael ist mittlerweile 54, schon ewig mit Karin verheiratet, und mit Jürgen befreundet. Doch als Hilde eines Tages Einkäufe machen wollte, rief Michael sie aus seinem Garten zu sich.
Hilde, komm kurz rüber, kannst du mir helfen, die Maultaschen richtig zu kochen?
Ach, Michi, ich wollte eigentlich schnell zum Supermarkt, entgegnete sie, ärgerte sich insgeheim, dass sie nicht geschminkt war und die Haare unordentlich lagen. Und doch stand sie Augenblicke später im Nachbargarten, stieg die Stufen zur Haustür hinauf Michael schloss die Tür hinter ihr und nahm sie direkt in den Arm. Die Küsse waren leidenschaftlich, keiner von beiden dachte ans Aufhören.
Der Supermarkt läuft dir nicht davon, murmelte Michael, ich weiß gar nicht, wie lang man Maultaschen kocht und er zog sie schon ins Haus.
Zehn Minuten reichen meistens, antwortete Hilde, du tust ja so, als hättest du das noch nie gemacht.
In letzter Zeit erlebe ich viele Dinge zum ersten Mal, schmunzelte Michael, ohne Karin fehlt mir zuviel.
Soll ich dir helfen beim Kochen ?
Nein, nein, wir haben heute andere Pläne , erwiderte er, und schlang die Arme fester um sie als am Tag zuvor.
Hildes Mantel landete auf dem Boden, Michael vergrub das Gesicht an ihrer Schulter.
Michi, ich bin verheiratet, stammelte sie.
Na und? Ich bin ja auch vergeben. Aber du gefällst mir unheimlich. Und deinem Jürgen fehlts wohl auch an Zärtlichkeit, stimmts?
Hilde widersprach nicht. Jürgen bewunderte schon lange nicht mehr ihre Ausstrahlung, schenkte ihr selten noch zarte Worte. Hatte sie das nicht verdient? Es folgten weitere Küsse und schließlich kam es zu dem, was sie nie zuvor zuließ: ein echter Betrug, der erste ihres Lebens. Während sie auf Karins Stelle im Bett lag, hatte sie keinerlei Gewissensbisse. Im Gegenteil, sie redete sich ein, absolut richtig zu handeln.
Du bist eine tolle Frau, Hilde. Ich hätte mit dir leben können, gestand Michael. Mit Karin ist alles Routine, sie ist dauernd weg. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie auch einen anderen Mann hätte, vielleicht einen Lokführer oder einen Kollegen.
Michaels Leidenschaft benebelte Hildes Verstand sie erinnerte sich plötzlich, dass sie ja eigentlich einkaufen wollte, warf sich hastig in die Kleider und stand schon in der Tür, als Verena nach ihr rief:
Hallo, Tante Hilde!, rief Verena überrascht. Hilde errötete, aber fasste sich schnell.
Grüß dich, Verena, ich hab deinem Vater erklärt, wie Maultaschen gehen ohne Karin ist er aufgeschmissen.
Papa, das hab ich dir aber auch schon gezeigt!, rief Verena und packte die mitgebrachten Sachen auf den Küchentisch. Ich hab extra viel eingekauft, damit du mal wieder richtig satt wirst!
Na dann, ich muss wieder zurück, verabschiedete sich Hilde. Verena, erzähls deinem Papa noch mal.
Mit klopfendem Herzen, noch ganz benommen von diesen neuen Gefühlen, ging Hilde davon. Der Nachbar, den sie so lange nur hübsch, aber immer als vergeben gesehen hatte, gehörte plötzlich ihr.
Von nun an trafen sie sich oft so oft, dass schon im Dorf Gerüchte die Runde machten.
Sag mal, du bist aber lange beim Einkaufen, schmunzelte Jürgen eines Tages spitzfindig. Und was wolltest du bei Michl?
Ach, ohne Karin ist er ganz hilflos, hat gefragt, wie man Maultaschen richtig zubereitet. Außerdem war Verena auch grade zu Besuch, die wird jetzt selbst bald heiraten.
Michael sagte mittlerweile ganz offen: Wenn die Leute uns erwischen, dann sagen wir halt, dass wir uns lieben. Karin, die zieht eh bald mit ihrem Freund auf Achse und Jürgen Er beendete den Satz mit einem Kuss.
Ach, Michi, was machen wir da bloß, ich bin ja schon fünfzig, und jetzt verliebe ich mich wie ein junges Ding.
Liebe kennt kein Alter, Hilde., versicherte Michael und hielt sie fest.
Der letzte Rest von Schamgefühl war verflogen. Hilde war sicher: Sie hatte ein Recht auf dieses Glück.
Die Treffen gingen Wochen weiter. Einmal wäre Jürgen beinahe in Michaels Haus geplatzt, Hilde musste hastig in die Sauna ausweichen, damit niemand sie sah.
Am selben Abend sprach Jürgen seine Frau darauf an.
Ich weiß Bescheid Gerd hats mir erzählt, dass du dauernd zu Michl läufst. In drei Tagen feiern wir Silberhochzeit in der Wirtschaft alles gebucht, Gäste eingeladen und dann das.
Jürgen, es tut mir leid, sagte Hilde mit gesenktem Blick. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist Ihr Männer erlebt das doch auch manchmal, wenn einen der Teufel reitet vielleicht ist das bei uns Frauen genauso Jürgen fluchte nur.
Sag über mich, was du willst ich weiß wirklich nicht, was mich geritten hat. Vergib mir, Jürgen.
Wir feiern das Jubiläum, tun so als wäre alles normal, dann trennen wir uns, kannst du dem Benedikt selbst erklären. Seine Hochzeit steht an, und seine Mutter na ja.
Am Tag der Feier versammelten sich alle in der Gaststube. Hilde saß hübsch zurechtgemacht neben Jürgen, im neuen Kleid, Schmuck um den Hals, die Augen immer wieder verstohlen zu Michael gewandt, der diesmal allein war Karin sollte in einigen Tagen aus Dresden zurückkommen.
Sie ließ sich die Blicke und das Getuschel der Leute nicht anmerken in Wahrheit dachte sie: Sollen sie reden, so lange sie wollen. Die verstehen doch nichts von echter Liebe!
Es wurde angestoßen, und selbst Michael erhob das Glas: Ich wünsche euch, dass ihr noch viele weitere Jahre gemeinsam schafft. Auf euch!, und kippte seinen Schnaps. Der Rest der Runde feierte ausgelassen mit.
Nach der Feier beschloss Jürgen, Konsequenzen zu ziehen. Es konnte so nicht weitergehen, dass sie ihm und dem ganzen Dorf einen Narren aufsetzte. Michael mied er nun.
Wir müssen reden, beschloss er für den Abend.
Hilde überlegte, sie würde zuvor zu Michael gehen, sich moralischen Beistand holen.
Als sie zu seinem Haus trat, kam Michael schon aus dem Schuppen und winkte ab: Nicht weiterkommen, Karin ist zurück.
Und, hast du mit ihr gesprochen?
Was soll ich ihr sagen?
Na, dass wir zusammen sind!
Sei leise, flüsterte er ängstlich, Hilde, wir sind doch erwachsen. Das war schön, aber genug. Karin liebt mich, ich sie auch. Als sie ankam, hat sie mich umarmt da wusste ich, sie braucht keinen anderen. Du bist toll, aber nicht meine.
Hilde drehte sich wortlos um und ging heim. Am Abend suchte Jürgen das Gespräch.
Ich will mich scheiden lassen. Ich schäme mich wegen dir.
Hilde brach in Tränen aus. Jürgen war ihr vertraut, sie hatten viel miteinander erlebt. Verzeih mir, Jürgen. Du hast Recht, ich hab mich wie eine dumme Gans benommen. Aber ich verspreche, wir schaffen das. Außerdem wie sollen wir das Benedikt beibringen? Die Hochzeit steht bevor. Lass uns doch gemeinsam auf unsere Enkel warten.
Hilde wusste, dass Jürgens Herz verzeihend war. Und irgendwie liebte er sie noch immer, da war sie sich sicher. Nach einiger Zeit vergab Jürgen seiner Frau. Heute leben sie wieder gut zusammen, haben inzwischen zwei wunderbare Enkelkinder, über die sie sich freuen, wenn Benedikt und Leni nach Hause kommen.
Michael trieb seine kleinen Spielchen weiter, wenn Karin auf Reisen war, suchte er Gesellschaft bei der Witwe am anderen Ende des Dorfes oder sonst wem zu Jürgen ging er allerdings nie mehr, die Freundschaft war zerbrochen. Inzwischen ist Karin in Rente. Die beiden streiten oft so, dass die Nachbarschaft es mitbekommt, aber am Ende muss jeder sein eigenes Glück machen. Wie man bei uns sagt: In jedem Haus klapperts anders.
Was ich daraus gelernt habe? Liebe ist komplizierter, als man es sich wünscht und manchmal erkennt man erst spät, wo man wirklich hingehört. Nur wer verzeihen kann, findet wieder Hoffnung.





