Ach, Mareike, weißt du, mit meiner Schwiegertochter Lena das ist jedes Mal das gleiche Theater, wenns um unseren Schrebergarten in der Nähe von Hannover geht. Ich sag dir, ich hab gleich geahnt, dass das irgendwann kracht.
Letzten Frühling, als es im Mai schon so richtig warm wurde, saß die Lena wieder mal unter dem blühenden Apfelbaum, Strohhut auf, Sonnenbrille, eiskalte Apfelschorle in der einen Hand, Smartphone in der anderen, und hat beim besten Willen nicht vorgehabt, sich uns irgendwo im Garten zuzugesellen. Ich wühle da also im Beet, die Hacke in der Hand, Schweiß läuft mir runter. Mein Kurt, also mein Mann, schuftet nebenan, stöhnt ein bisschen der Rücken macht ja nicht mehr so mit aber er machts halt, weil die Erde gibt, was man reinsteckt, sagt er immer.
Und die Lena? Kippt sich zurück in die Gartenliege und sagt: Ach, Ursula, wir hatten doch abgemacht: Garten ist zum Entspannen da, nicht für Sklavenarbeit. Ich komm aufs Land, um Luft zu schnappen, nicht um mich mit Dreck unter den Fingernägeln herumzuärgern. Hab grade frische Gelnägel machen lassen und seit Tagen Rückenschmerzen vom Büro. Meinst du, ich setz mich am Wochenende mit Schaufel hin und grab um, nach dem ganzen Stress?
Ich hab tief durchgeatmet bringt ja nichts, gleich an die Decke zu gehen und ihr vorgeschlagen, wenigstens mal eben Erdbeeren zu jäten. Lena, machst du mir einen Gefallen? 20 Minuten, kurz den Erdbeerstreifen freimachen, dann probiert der Max, wenn er nächstes Wochenende kommt, Erdbeeren frisch ausm Garten. Das freut ihn doch.
Sie zuckt höchstens mit den Schultern und meint: Der Max kann die auch im Rewe kaufen gibt doch alles das ganze Jahr! Obst, Gemüse, alles da! Das bisschen Unkraut stört ihn sicher nicht und so ein Garten, das war eh was für unsere Eltern und Großeltern nachm Krieg. Heutzutage rechnet sich das alles nicht, Ursula. Schau mal, was ihr an Benzin, Dünger, an Rücken-Tabletten und Zeit investiert. Da kauf ichs lieber gleich günstig beim Bauern um die Ecke.
So geht das seitdem Max, unser einziger Sohn, mit Lena verheiratet ist. Garten ist bei uns der große Spaltpilz zwischen den Generationen. Für mich und Kurt gehts nicht ums Geld, sondern um gutes, eigenes Essen, ums zusammen Schaffen, um Erlebnisse. Aber Lena rein urban, mit Herz und Hand rafft das nicht. Die denkt, die Kartoffeln plumpsen im Supermarktregal vom Himmel!
Max hält sich dabei meist raus. Am Grill steht er, ballt die Zähne aufeinander, will keinen Streit. Er merkt schon, wie mir der Kragen platzt, aber was soll er machen wenn Lena beleidigt ist, herrscht tagelang Eiseskälte daheim. Da hackt er die Beete lieber im Stillen selber um.
Mensch Mama, lass Lena doch chillen, ruft er dann. Heute machen wir Würstchen, setzen uns noch zusammen… Ich helf nachher beim Gießen.
Kurt nickt dazu nur trocken. Gießen ist fein, Max, aber das Unkraut wartet nicht. Ach Ursel, wir machen halt weiter wie immer, gell? Weißt ja, wie das läuft.
Also pflücke ich weiter, schimpfe nicht. Ich liebe den Garten, mir gehts ums Prinzip und manchmal nervts einfach, immer nur als Küchenfee und Unkrautvernichter gesehen zu werden, während Lena die Füße hochlegt. Wir hatten das Haus, den Garten, den Apfelbaum doch mal als Treffpunkt für die ganze Familie angelegt
Und so geht’s den Sommer über weiter: Jeden Freitag düsen Max und Lena im VW aus der Stadt an, bringen Kartoffelsalat mit, manchmal Kuchen. Lena schläft bis elf, wirft den Bikini über, packt die Picknickdecke aus (den Rasen mäht übrigens Kurt) und sonnt sich. Ich renne Gemüsepflege, Tomaten, Gießen, Brennesselabsud anrühren, Bett machen für alle, Essen kochen. Ursula, deine Linsensuppe ich würd die nie so hinkriegen! Und die Quarktaschen, ein Gedicht!, säuselt Lena am Mittagstisch.
Na, wer kann bei so viel Lob noch böse sein? Da steh ich wieder in der Küche, während sie auf der Veranda Zeitschriften blättert…
Dann kam der Tag der Himbeerernte. Die Beeren, riesig und prall, mussten dringend runter. Am Morgen konnte ich kaum aus den Augen schauen der Kreislauf, du weißt, wie das in unserem Alter ist. Ich bat Lena: Magst du mir kurz beim Himbeerpflücken helfen? Sind gleich durch und du bekommst ein Glas Marmelade mit für den Winter!
Sie rollt die Augen, zeigt auf die Brennnesseln. Mir juckts schon beim Gucken! Ursula, lass mal, ich hol dir lieber Konfitüre ausm Supermarkt. Da ists sauber und ich bleib stichfrei.
Ich war kurz davor, lauter zu werden, habs aber gelassen. Am Ende hat Max heimlich die Beeren gesammelt, Lena hat nichts gemerkt und ich hab abends die Marmelade eingekocht, ein Glas fürs nächste Treffen gebunkert. Solls nur stehen, der nächste Winter kommt bestimmt
Der August hats dann so richtig gebracht: Tomaten in allen Farben und Größen in der Gewächshaustonne, Gurken, Paprika als wär’s Absicht. Während ich die Küche im Dauerdampf hatte, stapfte Lena durchs Haus, schnupperte und zählte schon im Kopf, wie viele Gläser eingelegter Gurken sie absahnen könnte.
Ursula, letztes Jahr war dein Letscho ein Wahnsinn. Wir brauchen davon mindestens drei Gläser! Und die Gurken natürlich auch.
Ich hab keine Lust mehr zum Debattieren also schweig ich. Kurt schüttelt nur den Kopf.
Dann kommt der Herbst, Kartoffelernte. Diesmal dachte ich echt, vielleicht helfen die Jungen ja mal, wir haben doch extra auch für sie gepflanzt! Pustekuchen Freitagabend ruft Max an. Sorry Mama, wir kommen doch nicht. Bei Lenas Freundin ist große Geburtstagsparty, wir gehen essen. Könnt ihr halt jemand zweiten holen und das machen lassen? Ich überweise was.
Kurt und ich gucken uns an, rollen mit den Augen. Klar, die paar Hilfskräfte hier sind eh alle selbst im Stress, oder die Hälfte der Ernte wäre dann gleich verschwunden Also machen wirs wieder selbst. Zwei Tage lang krumm schaufeln, Rückencreme drauf, zwischendurch Magnesium einwerfen und fertig: 25 Säcke beste Kartoffeln, dazu Karotten, Rote Bete, Kürbisse. Im Keller stehen die Marmeladengläser dicht an dicht.
Zwei Wochen später: Die Ernte ist durch, der Garten schlafbereit. Max und Lena rollen auf den Hof, Kofferraum voll leerer Kisten. Lena winkt: Na, auf zum Endspurt! Wir möchten diesmal alles mitnehmen: fünf Kisten Äpfel, vier Säcke Kartoffeln, Möhren, Rote Bete, Gurken, Letscho und die Himbeermarmelade nicht zu vergessen!
Ich steh am Fenster und erinnere mich an Mücken, Schweiß, an Krumme Rücken, daran, wie Lena in der Sonne lag und über ineffizientes Gärtnern debattierte.
Kurt, komm mal, ruf ich leise.
Siehst du sie auch, Ursel?, fragt er. Mach wie du meinst, du entscheidest.
Ich zieh meine Gartenjacke über, geh raus und warte auf Max. Stopp, Max, sag ich, als er gerade in den Keller runter will. Lass die Kisten im Auto. Hier gibts heute nichts.
Lena erstarrt. Wie, nichts? Ursula, was soll das? Wir brauchen doch Vorräte für den Winter so wars doch immer?
Ich bleib ruhig: Weißt du, Wienken, das ist wie in der Geschichte von der Grille und der Ameise. Wer nicht mitgeholfen hat, holt sich halt nichts. Wir haben für uns geerntet, für uns gekocht. Für Nachbarn, die geholfen haben, vielleicht noch. Aber nicht zum Mitnehmen, als wär das hier Lidl!
Max ist sofort still, Lena flippt aus: Das ist doch Erpressung! Wie soll ich das allen erklären, dass ich bei meinen Schwiegereltern hungern muss?
Bevors noch weiter eskaliert, mischt sich Kurt ein. Wer keine Arbeit reinsteckt, erntet nichts. So einfach.
Max steht da, rot wie eine Tomate von unseren Beeten, und murmelt: Ihr habt ja Recht. Packt Lena ein, fährt heim.
Weißt du, das tat weh aber ich wusste, anders lernen dies nicht. Und so war erst mal Funkstille, den ganzen Winter.
Kurz vor Weihnachten klingelts abends an der Tür Max steht draußen, Bouqet Tulpen in der Hand. Mama, darf ich rein? Lena schickt Grüße. Ich wollte einfach mal Danke sagen. Wir haben im Supermarkt Vorräte besorgt, aber die Kartoffeln sind wässrig und teuer, die Gurken schmecken nach Essig Nächstes Jahr sind wir dabei. Promise. Wir kümmern uns um das Gewächshaus, Lena übernimmt die Kräuterbeete!
Ach, was soll ich sagen die Freude war groß. Ich hab den Keller geplündert, alles eingepackt, was sie gern essen. Aber, hab ich gesagt, das Geld, was ihr dalasst, geb ich für neues Saatgut und Erde aus. Dann ists eure Saat wenigstens fürs nächste Jahr.
Ostern kamen sie wieder an, und diesmal hat Lena freiwillig und mit richtigen Gartenhandschuhen Möhren gejätet! Nachmittags, beim Kaffee zwischen den frischen Apfelblüten, hat sie gesagt: Ursula, hast du ein Rezept für selbstgemachten Zucchini-Aufstrich? Ich würd das dieses Jahr selber einmachen, nicht kaufen
Da wusste ich, jetzt ist sie Teil unserer Garten-Familie. Und weißt du die Kartoffeln, die wir dann gemeinsam ernten, schmecken einfach nochmal besser.





