Schwiegertochter ertrug ihre Schwiegermutter so kam es dazu
Zwillinge?! entfuhr es Ingrid Müller.
Die Frau bemühte sich redlich, ihre Verärgerung hinter einer höflichen Miene zu verstecken, doch besaß sie dafür einfach kein Talent. Annika hatte schon lang erkannt, dass von ihrer Schwiegermutter keine noch so kleine Portion Herzlichkeit zu erwarten war. Ingrid hatte sie nie gemocht, fand sie stets ungeeignet für ihren Sohn. Während andere im Gegenteil meinten, ihr Florian sei eigentlich zu einfach gestrickt für eine wie Annika.
Annika, immer freundlich und intelligent, hatte mit 23 ihr BWL-Studium beendet und einen klasse Job bei einer privaten Klinik-Kette ergattert. Sie stammte eben aus einem kleineren Ort, aber ihr Vater leitete eine Maschinenbaufirma, die Mutter lehrte an der Fachhochschule. Sie war also weder ungebildet noch ohne Manieren behaupten konnte das niemand. Nur bei Ingrid Müller war sie eigenartigerweise stets eine Landei-Göre geblieben.
Na, dann herzlichen Glückwunsch! Doppelte Freude, wa? murmelte Ingrid, wobei sie sich zu einem Lächeln zwang.
Freude hin oder her Ingrid hatte nicht die geringste Absicht, sich aktiv an dieser Freude zu beteiligen. Annikas Schwangerschaft verlief schwierig. Zuerst drohende Fehlgeburt, dann das Risiko von Frühgeburten am laufenden Band lag Annika im Krankenhaus. Florian leistete ihr jeden Tag Gesellschaft, doch seine Mutter, die im Nachbarviertel wohnte und nur zwei Straßenbahnstationen entfernt war, sah man im Krankenhaus nie.
Nicht einmal zur Entlassung tauchte die Oma auf. Weder Florians Bitten noch das Rufen der Enkelinen bewirkten etwas auch in den ersten sechs Wochen kam sie nicht vorbei.
Das gehört sich nicht! Ich bring doch am Ende Bazillen mit! Die Kids sollen erstmal stark werden, dann sehe ich sie schon noch.
Mit drei Monaten begegnete Annika der Schwiegermutter vor dem Supermarkt. Ingrid setzte ein künstliches Lächeln auf, während sie durch die Zähne fragte:
Na, wie gehts denn den Mädchen so?
Annika strahlte, ganz ehrlich diesmal.
Wir machen einen kleinen Spaziergang. Der Kinderwagen ist zwar ein Ungetüm, aber was will man machen? Frische Luft muss sein!
Ingrid nickte kurz und wollte weiter, doch da winkte schon ihre alte Bekannte Gertrud herüber.
Ingrid! Da bist du ja! Ach Gott, du bist schon Oma?
Ja, Trudi mein ganzer Stolz!
Annika erinnerte sich noch an Gertrud Schneider, grüßte vorsichtig.
Zwei auf einmal! Annika, wie hast du das geschafft? Dabei bist du so ein zierliches Persönchen!
Unsere Annika ist eben eine Heldin! pflichtete Ingrid Müller mit einer Grandezza bei, als wäre sie schon immer die rührende Oma gewesen.
Annika staunte nicht schlecht. Vor einer Minute wollte Ingrid noch vor ihren Enkelinnen das Weite suchen, jetzt gab sie sich plötzlich als Super-Oma. Während die zwei Omis über das große Doppelte Glück babbelten, hörte Annika lauter Geschichten, die sie selbst anscheinend erlebt haben sollte mit tatkräftiger Hilfe von Ingrid natürlich. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen.
Endlich erinnerte sich Gertrud noch daran, dass sie eigentlich zur Sparkasse wollte.
So, ich muss los! Passt auf euch auf!
Ingrid Müller wartete pflichtbewusst, bis ihre Freundin hinter der nächsten Ecke verschwunden war, dann verzog sich ihr Lächeln so schnell wie es gekommen war. Sie verabschiedete sich kurz angebunden von Annika und verschwand.
Am Abend erzählte Annika alles Florian, der nur mit den Schultern zuckte.
Das ist halt typisch meine Mutter. Die hat uns früher auch allein gelassen dafür heute Legenden erzählt, dass sie mit mir bis Mitternacht Hausaufgaben gemacht hat. In Wirklichkeit saß sie bei ihrer Rosamunde Pilcher-Serie, und ich war auf mich gestellt. Meine Schwester Lisa angeblich täglich drei Stunden spazieren geführt das war ich. Mach dir keinen Kopf!
Annika hatte diese Geschichten gefühlt tausendmal gehört, war aber immer wieder perplex, selbst Teil davon zu werden.
***
Die Jahre vergingen, an Ingrids Einstellung aber änderte sich nichts. Bis sie ein kleines Unglück ereilte: Sie stolperte beim Aussteigen aus dem Taxi und brach sich das Bein. Und da hatte sie plötzlich eine großartige Idee:
Ich ziehe einfach für die Zeit des Gipses bei euch ein! verkündete sie strahlend.
Florian und Annika schauten sich wortlos an, beide ahnten, was das bedeutete aber absagen konnten sie nicht.
Danach begann das Chaos. Sie zogen in das Kinderzimmer um, während Ingrid wie eine bedürftige dritte Tochter das Elternbett belegte. Alles musste für sie besorgt, gekocht, geputzt und eingekauft werden, sogar mit dem Waschlappen helfen war keine Ausnahme mehr.
Die Zwillingsmädchen, mittlerweile zweieinhalb, waren gerade frisch in der Kita. Annika versuchte wieder halbtags zu arbeiten, was morgens zur kleinen Schlammschlacht führte: Eltern gegen schlummernde Kinder, die sich schreiend und strampelnd gegen die raue Wirklichkeit stemmten.
Kurz vor dem Losgehen klingelte Florians Handy.
Mama? Warum rufst du an? Du bist doch im Nebenzimmer?!
Ich kann nicht aufstehen, mein Bein ist gebrochen…
Mama, du hast Krücken
Unterbrich mich nicht, Florian! Was ich zu sagen hab, kann ich auch liegend sagen!
Na dann, schieß los…
Mich stört, wie ihr morgens Radau macht. Ich kann überhaupt nicht schlafen, ständig lauft ihr herum, die Türen knallen, und eure Kinder brüllen in einer Tour!
Florian errötete vor Zorn, stapfte zur Schlafzimmertür, riss sie auf und brüllte:
Willst du deine Ruhe, dann lassen wir dir die Kinder?! Mal schauen, wie lange du noch schläfst!
Ingrid war so verdattert, dass sie schwieg. Schon kaum nachdem der Gips halbwegs trocken war, verließ sie die Wohnung, beleidigt bis ins Mark. Florian nahm’s locker, Annika hingegen hatte das schlechte Gewissen im Nacken schließlich wollte sie keine Krachmacherin sein. Nur: Was hätte sie tun sollen?
***
Gewöhnlich arbeitete Annika freitags nur halbtags. Mittags holte sie die Mädchen, Kaufrausch beim Bäcker, Disneyfilm ab auf den Wohnzimmerschirmen bester Freitag der Woche. Nur diesmal klingelte es plötzlich an der Tür.
Annika öffnete Ingrid stand da, und im Schlepptau ihren Enkel Benni, Lisas Sohn.
Ingrid, was gibts?
Lisa hat mir Benni gelassen, aber jetzt hab ich dringende Termine. Pass auf ihn auf, bitte, höchstens anderthalb Stunden!
Annika blinzelte irritiert. Benni, ein halbes Jahr jünger als die Mädchen, war ein braver Bub; sie hockte sich hin, lächelte.
Magst du bei mir bleiben, Benni? Er nickte schüchtern. Als Annika aufsah, war Ingrid schon im Aufzug verschwunden.
Wann kommst du zurück? rief Annika noch. Keine Antwort.
***
Florian kam um sieben heim. Er entdeckte Benni, der in der Küche Frikadellen vertilgte, und stutzte.
Na, Benni! Was machst du hier? Ist Lisa nicht da?
Annika seufzte schwer.
Deine Mutter hat Benni gebracht. Nur kurz. Sie hat noch ‘Termine’.
Und wie lange dauert ‘kurz’?
Fünf Stunden sinds jetzt.
Florian blickte sie an wie ein Ratespiel.
Und Lisa?
Annika schluckte.
Ich hab Lisa nicht geschrieben. Wollte Ingrid nicht schlecht vor ihr dastehen lassen schließlich hatte sie IHR das Kind anvertraut.
Du bist zu gutmütig, Annika Aber das ist nicht normal! Hat meine Mutter gesagt, wo sie hin wollte?
Annika schüttelte den Kopf. Florian zückte das Handy, rief seine Schwester an. Nach kurzem Gespräch versprach Lisa, sie rausch gleich vorbei.
***
Es war schon halb neun. Die Kinder spielten betreutes Chaos im Kinderzimmer. Annika, Florian und Lisa saßen in der Küche.
Wollen wir wirklich noch länger auf unsere Frau Mama warten? Die Kinder müssten ins Bett
Ach, einen Tag schlafen sie halt später. Aber mit Mama das vertragen wir heute mal.
Kaum sagte Florian das, klingelte es an der Tür. Annika öffnete.
So! Ich hole Benni wieder! rief Ingrid geschäftig.
Annika schluckte. Hinter ihr tauchten Florian und Lisa auf.
Mama, hast du eigentlich keine Skrupel?
Wie redest du denn mit deiner Mutter?!
Mama! Kein Ablenkungsmanöver! Ich hab DIR Benni vorbeigebracht! DIR! Nicht Annika! Was machst du eigentlich?
Ingrid kicherte spitz.
Ach was, Lisa. Annika hat doch zwei eigene, die kann das. Und ich hatte eben Dinge zu erledigen!
Florian trat drohend einen Schritt vor.
Was für Dinge? Was ist das für eine Unverschämtheit? Hast du Annika wenigstens gefragt?
Mein Gott, dafür braucht man doch keinen Riesenaufstand!
Lisa platzte der Kragen.
Wo warst du eigentlich, Mama? Morgens war dein Haar länger erst Friseur, dann zum Nägel machen?! Roter Nagellack ist inzwischen rosa
Ingrid wurde rot und brachte kein Wort heraus.
Gar kein schlechtes Gewissen?! wiederholte Florian ungläubig.
Sie schwieg. Schaute ihre Kinder an.
Wenn man dich einmal um Hilfe bittet, schiebst du den Enkel auf Annika ab?! Vielleicht will sie auch mal einen Termin im Nagelstudio? Friseur?
Jetzt blähte sich Ingrid auf, wurden die Lippen schmal und die Wangen rot. Beschämt war sie allerdings kein bisschen vielmehr packte sie der Reflex, alle zurechtzuweisen.
Ach was, Florian! Ihr gebt doch Annika jeden Firlefanz. Die war immer schon ein graues Mäuschen aus Hintertupfingen. Bleibt sie auch!
Für einen Moment herrschte atemlose Stille. Dann donnerte es im Chor:
Raus hier!
Florian packte seine Mutter am Arm, bugsierte sie in den Flur und knallte die Tür zu. Nachdem er aufgehört hatte zu dampfen, bemerkte er die Tränen auf Annikas Wangen. Er und Lisa stürmten zu ihr, um sie zu trösten.
Annika war tief getroffen. Andererseits, sie wusste nun endgültig: Ingrid stellte selbst ihre eigenen Kinder nicht über irgendwen, kam also einfach nicht in die Rolle, auf die Annika immer gehofft hatte. Manchmal reicht es eben nicht, bemüht gut zu sein, wenn das Gegenüber einfach naja, einen an der Waffel hat.
Seitdem gab es praktisch keinen Kontakt mehr zu Ingrid. Gelegentlich halfen Florian und Lisa ihr bei Notfällen, ansonsten spielte sie keine Rolle mehr im Familienleben. Lange schmollte Ingrid aufgrund der Respektlosigkeit ihrer Kinder aber irgendwann siegte das Bedürfnis, wenigstens in der Nähe des Familienlebens zu sein, und sie lenkte ein. Das wars dann auch schon. Um die Enkel oder Annika kümmerte sie sich trotzdem nicht.
Einmal scrollte Annika durch ihren Messenger und sah im Status von Ingrid stolz ein Foto aller drei Enkel mit dem Kommentar: Zum Tag der Oma für alle, die ihre Enkel großziehen! Annika musste bitter grinsen. Florian und Lisa lachten Ingrid abends gleich zum dritten Mal in Folge in Grund und Boden. Annika wusste, Lachen ist nicht die feine Art aber wie hätte sie da ernst bleiben sollen?





