Wiedersehen der Abiturienten – Ein bewegender Abend voller Erinnerungen, alter Freundschaften und unerwarteter Wendungen in einem Berliner Restaurant: Von der unzertrennlichen Männerfreundschaft der Schulzeit über ambitionierte Lebenswege, bittere Enttäuschungen, stille Bewunderer und die große Liebe bis zur Erkenntnis, dass der wahre Schatz unseres Lebens in den Beziehungen liegt, die uns geprägt haben

Klassentreffen

Niklas betrat hastig das Restaurant er war ohnehin schon eine ganze Stunde zu spät. Noch während er seine teure Jacke ablegte, erkannte er durch die geöffnete Tür die vertrauten Gesichter, die ihm einst so nahe waren. Da saßen Michael Gruber und sein ewiger Gefährte Peter Reimann, die gerade Cognac in ihre Gläser einschenkten wie immer zu zweit, unzertrennlich seit der Grundschule. Sie hatten jeden Streich gemeinsam ausgeheckt, sich die Schuld geteilt, die letzte Brezel im Internat geteilt. Sogar beim Wehrdienst waren sie in derselben Kompanie und kehrten zusammen zurück. Solch eine Freundschaft ist selten Hut ab davor. Man munkelte, sie hätten eine kleine Autowerkstatt in Köln eröffnet. Den Umgang mit Alkohol hatten sie nicht verlernt.

Valentina? Kaum zu wiedererkennen, deutlich fülliger als früher. Sicherlich ist sie inzwischen dreifache Mutter sie hatte schon als Jugendliche einen Riesenspaß daran, auf jüngere Mitschüler aufzupassen, als wäre sie selbst Mutter von einer Schar Kindern. Jede Pause war sie im anderen Klassenraum, organisierte Museumsbesuche und kümmerte sich, wo sie nur konnte. Das war wohl schon immer ihre Berufung: Kinder erziehen.

Hm! Marianne Schütz nimmt sich gerade Salat, aber ihr Blick ist traurig. Sie sitzt sicherlich auf Diät, dünn und blass wie ein Geist. Schon früher quälte sie Stefan Beck, der seinem Nachnamen leider gar nicht entsprach: ein moppeliger, herzensguter Kerl, der alles, was Backwaren hieß, für sich beanspruchte. Marianne nahm ihm regelmäßig sein Brötchen weg und zwang ihn zum Abnehmen.

Olga Oswald hingegen hat es geschafft: Ich sah sie vor zwei Jahren im Fernsehen als Lehrerin des Jahres. Klug, zielstrebig, ein Vorbild sie bringt mit ihrer Begeisterung eine neue Generation hervor. Menschen mit so viel Engagement verdienen Respekt.

Dirk Neumann kam vorbei warum ist er bloß so dünn geworden? Krank sieht er aus, besorgniserregende Gesichtsfarbe. Hoffentlich braucht er keine Unterstützung. Ach, die Jahre was sie aus uns machen! Erst bei solchen seltenen Begegnungen wird einem bewusst, wie rasend schnell die Zeit vergeht.

Und wer sitzt da? Unglaublich Margarete! Die einstige Schulhofkönigin höchstpersönlich. Im knallroten engen Kleid, den Hals ziert eine sündhaft teure Kette mit rubinroten Steinen. Bestimmt ein Geschenk ihres vermögenden Ex-Mannes. Der Look ist umwerfend, Make-Up wie für eine Bühnenshow. Sie sucht offensichtlich wieder Anschluss kein Ring am Finger. Geschieden, die Arme! Nur die Kette ist geblieben als Erinnerung. Zeit, ein Gespräch zu wagen.

Nachdem Niklas die Runde gemustert und sich seine ersten Gedanken gemacht hatte, trat er entschlossen ein Stück vor. Er richtete seine Frisur vorm Spiegel, überprüfte seinen eleganten Schlips, die edle Armbanduhr, lächelte geübt und machte sich auf in den Saal.

Niki! Unser Niki!, riefen einige. Sofort kamen die Umarmungen. Alle klopften ihm auf die Schultern und schüttelten wild die Hände. Kein Wunder zwanzig Jahre lang hatte Niklas sich nicht gemeldet, als wäre er vom Erdboden verschluckt. Wo warst du nur, was hast du gemacht? Kaum wiederzuerkennen! Die Stimmen überschlugen sich, jeder wollte reden, keiner ließ ihn aussprechen. Die wenigsten hätten den schüchternen Brillenträger von früher erkannt. Komm, auf einen Drink der Cognac ist vom Feinsten!

Nachdem er die herzliche Begrüßung überstanden hatte, trat Margarete an ihn heran. Sie musterte ihn von oben bis unten und rief bewundernd:

Was für ein Zufall! Bist du das tatsächlich?

Wie du siehst, keine Täuschung. Niklas antwortete stolz kein Anflug von Unsicherheit.

Du hast dich verändert zum Positiven!, flötete sie, strich ihm mit sorgfältig lackierten Nägeln über den Schlips und ließ sich neben ihm auf den Stuhl fallen. Setz dich zu mir.

Natürlich der heutige Niklas war nicht mehr der schmächtige Achtklässler, der sich kopflos in die Königin des Schulhofs verknallt hatte, so sehr, dass es schmerzte. Jedes Mal, wenn Margarete in Sichtweite kam, verlor er die Worte, schwitzte, sein Herz schlug wie verrückt. Der zarte Streber wurde im Unterricht aufgezogen, auf dem Pausenhof verspottet, nach der Schule verprügelt trotzdem richtete er jedes Mal seine schiefen Brillen auf der Nase und vergötterte sie, seine unerreichbare Traumfrau.

Beim Abi-Ball hatte er ihr seine Liebe gestanden damals erschien sie märchenhaft schön in ihrem weißen Ballkleid. Ohne Zögern, den Kopf hoch erhoben, entgegnete sie nur:

Ich kann mich nur in einen wirklich Erfolgreichen verlieben. Und du? Du bist ein Niemand, ein Nerd. Hast du dich mal im Spiegel gesehen? Versuchs mal.

Mit einem hellen, schallenden Lachen warf sie den sorgfältig ausgesuchten Blumenstrauß auf den Boden. Dieses Lachen blieb ihm noch lange im Ohr. Er weinte aus Wut und Enttäuschung das war das absolute Aus all seiner Zukunftsträume. Er schwor sich: Eines Tages würde er stark sein, mutig, wohlhabend… und sich an allen rächen. Hart, schmerzhaft, unerbittlich. Doch dann vermasselte er das Abi, wurde eingezogen und landete buchstäblich von heute auf morgen in der Bundeswehr.

Er kam zur Artillerie. Weil er sich als kluger, fleißiger Soldat erwies, freundete sich die Ehefrau seines Obersts mit ihm an. Sie liebte seine klugen Gespräche, bat ihren Mann um Unterstützung für Niklas. So kam er zügig an die Wirtschaftshochschule, powerte im Hörsaal wie im Kraftraum, betrieb Judo. Heute ist er Finanzdirektor in einer Firma, die sein ehemaliger Oberst mit einem guten Freund leitet. War das Glück, Zufall, Schicksal? Oder die Belohnung für all seine Anstrengung? Erfolg begleitete ihn bei jedem Vertrag, im Sport, bei der Personalauswahl und in der Liebe.

Seine Frau? Klug, schön, charmant und herzergreifend bescheiden. Sie schenkte ihm drei wunderbare Kinder, führte den Haushalt mit Leichtigkeit. Auf die Frage: Was möchtest du dir zum Geburtstag wünschen, Liebling?, lachte sie immer nur und sagte:

Dich, ganz einfach.

Gemeinsam verbrachten sie Urlaube, sammelten Pilze in den Wäldern, ließen sich vom Sommerregen durchnässen und standen stundenlang auf dem Balkon ihres Ferienhauses, ineinander versunken. Sie war der Ruhepol in seinem Leben an ihr war nichts Künstliches. Er liebte jede Sommersprosse, jede Locke, jede Eigenheit an ihr. Ein Wirbelwind aus frechen roten Haaren, der ihn verzauberte. Der Abend war stets das Ziel seiner täglichen Heimreise, selbst aus den entferntesten Geschäftsreisen. Zu Hause wartete sie, las ein Gedicht für ihn, nachdem sie die Kinder gebettet und die Katze gefüttert hatte die sie ihm dann nachts ins Ohr flüsterte. Diese Augenblicke hätte er um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Margarete jedoch wusste nichts davon. Den ganzen Abend ließ sie Niklas nicht aus den Augen.

Er wird jetzt meiner, beschloss sie und bat ihn sofort zum Tanz. Doch er sah sie gedankenverloren an und meinte ruhig:

Ich tanze nur mit meiner Frau. Verzeih, aber das bist nicht du.

Du trägst doch gar keinen Ring, erwiderte sie und hielt seinen Arm fest. Ihr Ausruf war so laut, dass alle anderen überrascht hersahen.

Der Ring stört mich nur meine Frau habe ich trotzdem, erwiderte er, wich Margarete aus und ging zum anderen Ende des Tisches. Dort saß, wie immer etwas abseits, Veronika Maier, eine ehemalige Klassenkameradin. Den ganzen Abend hatte sie kaum gesprochen, niemand hatte groß auf sie geachtet.

Niklas reichte ihr die Hand. Sie stand auf ihr knielanges Kleid war edel und geschmackvoll, das rote Haar zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, eine dezente Goldkette am Hals. Erst jetzt bemerkten alle, wie anmutig sie geworden war. Sie tanzte mit Niklas einen Walzer plötzlich richteten sich alle Blicke auf sie. Nach dem Tanz war es still.

Euch allen viel Glück schön, euch wiederzusehen!, rief Niklas und verließ mit Veronika das Lokal.

Ist sie seine Frau?, stammelte Margarete fassungslos. Die schüchterne Veronika? Die hat mir die Schultasche getragen und für mich die Hausaufgaben gemacht. Ich nahm sie nur mit, damit ich neben ihr glänzen konnte. Jetzt hat sie alle getäuscht!

Ihr habt gehört, Veronika hat das Treffen organisiert, sagte da Michael. Sie hat den besten Cognac bestellt Respekt. Und Niklas habt ihr seine Uhr gesehen? Mehr wert als dieser ganze Laden. Er hat alles bezahlt.

Die Musik setzte wieder ein, doch Michael schaltete sie aus. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die einen freuten sich aufrichtig, dass ihre Mitschüler es geschafft hatten, andere bedauerten ihre verpasste Chance auf Kontakt zu Niklas. Die Frauen bewunderten Vereonika und ihre glückliche Ehe; Margarete jedoch vergiftete der Neid. Sie erinnerte sich an den unscheinbaren Brillenträger von damals, der ihr auf Schritt und Tritt gefolgt war, und verstand nicht, wie sich sein Leben so drehen konnte.

Ihr erster Mann Dirk der perfekte, reiche Schwiegersohn, mit allem ausgestattet dank Papas Geld. Haus, Auto, Karriere alles vorhanden, doch seine Seitensprünge machten Margarete das Leben zur Hölle. Anfangs kämpfte sie mit allen Mitteln, mit Tränen, Dramen und Eifersuchtsszenen, konkurrenzlos auf der Bühne des eigenen Lebens. Dann brannte sie aus, ließ sich selbst auf Affären ein in der Hoffnung, der Schmerz würde nachlassen. Doch nach sechs Jahren endete es im Rosenkrieg. Sie bekam Auto, Kette (Geschenke bleiben Geschenke) und eine Zweizimmerwohnung und blieb mit Leere, Einsamkeit und Verzweiflung zurück. Nun suchte sie einen neuen Glücksritter, der für sie sorgen würde, aber kaum einer ließ sich finden. Mancher Mann ließ sich blenden, bis er ihren Charakter durchschaute und sie stehen ließ zurück blieb Margarete, kreisend in ihrem eigenen Hamsterrad voller Fehlentscheidungen. Sie schmiedete Pläne für ein besseres Leben in ihrer Welt glaubte sie seit der Schulzeit: Mir steht alles zu, ich bin schliesslich die Königin.

Veronika hatte übrigens Dirk geholfen, nachdem sie von seiner Krankheit erfahren hatte; sie vermittelte an die besten Ärzte. Nach einem halben Jahr ging es ihm wieder besser. Ohne dieses Treffen wäre das wohl verloren gewesen.

Wir alle stammen aus unserer Kindheit. Wir hatten Freunde, lachten, litten, fühlten uns verraten. Manche Verletzungen verblassen langsam, manche bleiben und bringen uns zurück in die Vergangenheit.

Doch im Herzen denken wir mit Wehmut und Versöhnung an die Schulzeit zurück aus heutiger Sicht sind viele alte Wunden leichter zu ertragen. Die deutsche Redensart Die Zeit heilt alle Wunden hat einen wahren Kern aber ganz vergessen wir nie, was wir in unseren Herzen tragen. Darum, vergib und lass los. Man sollte das Leben nicht mit Rache und Bitterkeit füllen, sondern mit Hoffnung und Liebe füllen denn jeder geht seinen eigenen Weg.

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Homy
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Wiedersehen der Abiturienten – Ein bewegender Abend voller Erinnerungen, alter Freundschaften und unerwarteter Wendungen in einem Berliner Restaurant: Von der unzertrennlichen Männerfreundschaft der Schulzeit über ambitionierte Lebenswege, bittere Enttäuschungen, stille Bewunderer und die große Liebe bis zur Erkenntnis, dass der wahre Schatz unseres Lebens in den Beziehungen liegt, die uns geprägt haben
Du bist nicht mehr meine Mutter