Na, junge Frau, nehmen Sie das jetzt endlich oder wollen Sie hier bis Ladenschluss rumstehen? In zehn Minuten ist Kassensturz, und Sie wühlen wie ein Storch im Salat! Sehen Sie doch, da hängt das Preisschild!
Klara zuckte zusammen und zog ihre Hand von der Tapetenrolle zurück. Sie wollte bloß die Chargennummer prüfen, damit auch alle Rollen den gleichen Farbton haben jeder, der schon mal renoviert hat, weiß, wie wichtig das ist. Vor ihr thronte die Verkäuferin, eine stattliche Erscheinung namens Gertrud riesige, violett schimmernde Lidschatten, das Namensschild schief am Blazer. Sie roch nach billigen Zigaretten und genereller Lebensmüdigkeit.
Entschuldigen Sie, aber auf dem Preisschild steht leider keine Charge, sagte Klara, bemüht höflich. Ich möchte nur sicher gehen, dass die Rolle dazu passt. Nachher tauschen Sie sie mir nicht um, weil die Farbe abweicht.
Da wissen Sie aber viel! bellte Gertrud und brachte die Einkäufer zum Glotzen. Stehen Sie doch nicht so schlau rum! Zu Hause können Sie den Chef spielen! Wenn’s nicht passt, gehen Sie eben woanders hin, bei uns ist Selbstbedienung.
Klara spürte das heiße Brennen in ihren Wangen. Das war nicht einfach nur Unfreundlichkeit, das war rohe Aggression, die aus dem Nichts schoss. Sie blickte hilfesuchend nach ihrem Mann. Thomas stand zwei Meter entfernt und betrachtete tief versunken das Regal mit Kleister. Er musste das Gespräch gehört haben niemand hätte den grölenden Ton der Verkäuferin überhören können, nicht mal hinter dem Brummen der Lüftung dieses surreal riesigen Baumarkts.
Klara wartete. Darauf, dass er zu ihr tritt, ihr eine schützende Hand auf die Schulter legt und ruhig sagt: Bitte, etwas höflicher oder Rufen Sie bitte einen Vorgesetzten. Kein Streit, kein Drama, nur Schutz ein gemeinsames Auftreten, das signalisiert: So behandelt man uns nicht.
Thomas traf kurz ihren Blick. In seinen Augen blitzte Unmut auf nicht gegenüber der Verkäuferin, sondern gegenüber dieser ganzen grotesken Szene. Er senkte die Lider, zückte sein Handy und starrte darauf wie in Trance. Dann duckte er sich förmlich weg und schlenderte träge in die nächste Abteilung, zu den Fußleisten.
Innen in Klara zerriss etwas. Ein dünner, beinahe unsichtbarer Faden, der vielleicht die letzten zwanzig Jahre Ehe zusammengehalten hatte.
Wissen Sie was, sagte sie leise, aber bestimmt, direkt zu Gertrud. Behalten Sie die Tapeten. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Inventur.
Ohne sich umzublicken, ging Klara zum Ausgang. Mit dem Rücken spürte sie, wie Thomas ihr hinterherhaspelte, bemüht, weder zu lange zu trödeln noch sie einzuholen, als wäre er eine vage Erinnerung, die nicht greifbar werden wollte.
Im Auto schwiegen sie sich an. Thomas startete den Motor, schaltete das Radio an. Fröhliche deutsche Popmusik erfüllte den engen Innenraum und drängte sich wie ein schlechter Scherz zwischen die brodelnde Stille.
Musstest du gleich so ein Theater machen? fragte Thomas schließlich, als sie die Allee entlangrollten, beleidigt. Die Tapete war doch in Ordnung. Klar, die Frau war unfreundlich. Aber wer weiß, was die für einen Tag hatte. Man kann doch nicht aus jedem Mückenstich einen Elefanten machen. Jetzt müssen wir ans andere Ende von München fahren!
Klara starrte aus dem Fenster auf die vorbeihuschenden Plattenbauten, alles in Grautönen, wie in einem verschmierten Traum. Es war, als sähe sie Thomas zum ersten Mal wirklich oder vielleicht ohne die Filter, die in der Tapetenabteilung plötzlich zerbröckelt waren.
Ich habe ein Theater gemacht? wiederholte sie ruhig. Ich wurde beleidigt, vor allen Leuten. Mir hat man zugerufen, ich wäre wie eine Henne im Dreck. Und mein Mann tat so, als sei er ein Möbelstück.
Bitte Klara, nicht jetzt auch noch. Thomas verzog das Gesicht. Was hätte ich denn machen sollen? Mich mit der Frau anlegen? Laut werden? Du weißt doch, ich habe es nicht so mit Streiterei. Ich bin eben ein ruhiger Mensch.
Es gibt einen Unterschied zwischen Zurückhaltung und Feigheit, Thomas.
Aha, ich bin also feige. Nach zwanzig Jahren Ehe. Zähle mal, was ich alles gemacht habe: Ich arbeite, betrinke mich nicht, bin treu. Aber weil ich keine Schlägerei im Baumarkt anzettle, reicht das nicht? Willst du etwa einen Kerl, der ständig die Fäuste hebt?
Klara schloss die Augen. Die Worte prallten von ihm ab wie Regentropfen von einem Schirm. Er verstand sie nicht oder wollte nicht verstehen.
Sie erinnerte sich, wie vor fünf Jahren das Wasser der Nachbarn von oben durchs die Wand lief. Oben wohnten Studenten, die dauernd Krach und Partys machten. Die frisch tapezierten Wände waren ruiniert. Sie lief emsig mit Eimern herum, während Thomas, unter die Zeitung verkrochen, murmelte: Geh du lieber rauf, du bist eine Frau, die hören eher auf dich. Komme ich, gibt es nur unnötigen Streit. Also ging sie hin schimpfte, rief den Hausmeister, kümmerte sich um den Schaden. Und Thomas prahlte später, wie wir das Problem gelöst hätten.
Ebenso bei dem Elternabend, als die Lehrerin ihrem Sohn zu Unrecht vorwarf, ein Fenster eingeschmissen zu haben obwohl alle wussten, es war der Rüpel Schröder. Thomas schwieg, starrte auf den Boden. Klara verteidigte ihren Sohn, vor lauter Nervosität stotternd.
Jahrelang hatte sie ihn entschuldigt. Er ist eben so, sanft und bedacht. Sie war sein Schild, seine Stimme, seine Faust. Regelte alles mit der Hausverwaltung, in der Werkstatt, wo man ihn beim Ölwechsel gerne über den Tisch zog, sogar mit seiner Mutter, die sich gerne in alles einmischte. Für alle war Thomas ein angenehmer Zeitgenosse angenehm und bequem. Für alle, nur nicht für sie.
Halt bitte kurz an, sagte Klara.
Wieso? Wir sind gleich zu Hause.
Ich will raus. Ich muss mal laufen.
Seufzend fuhr Thomas an den Bordstein.
Klara, jetzt übertreib doch nicht. Steig ein, wir fahren heim. Machst du bitte Frikadellen?
Mach sie selbst, sagte sie, stieg aus und schlug die Autotür zu.
Spät abends kam sie nach Hause zurück. Thomas hockte vor dem flimmernden Fernseher, auf dem Tisch eine halbleere Packung Fertig-Maultaschen. Am Spülbecken türmte sich schmutziges Geschirr.
Da bist du ja, nuschelte er, ohne den Blick von der Sportschau zu heben. Wo warst du so lange? Ich hab mich echt gefragt, wo du steckst.
Klara ging ins Schlafzimmer und holte den alten, schrammeligen Koffer vom Schrank, mit dem sie letztes Jahr noch an die Nordsee gefahren waren.
Was wird das? Thomas stand in der Tür, plötzlich panisch. Klara, bitte, was soll das? Wegen einem Streit im Baumarkt?!
Nicht wegen der Tapete, Thomas. Wegen dir. Wegen uns.
Sie packte die Sachen zusammen, systematisch: Pullis, Jeans, Unterwäsche. Keine Wut, keine Hysterie nur eine kristallklare Kälte.
Was habe ich dir getan?! fuhr Thomas auf. Jo, ich habe geschwiegen, ich hab mich rausgehalten. Ich kann keinen Krawall, du machst das schon immer besser. Deswegen Familie aufgeben? Zwanzig Jahre, Klara! Unser Sohn macht bald Abi!
Eben, sagte sie, noch immer ruhig, eine Handvoll T-Shirts in der Hand. Er ist erwachsen geworden. Ein Mann. Weißt du, warum? Weil ich ihm beigebracht habe, sich nicht wegzuducken. Und du du bist ein netter Kerl, Thomas. Aber ich bin es leid, in unserer Beziehung der Mann zu sein. Ich habe genug davon, uns beide immerzu beschützen zu müssen. Stattdessen hätte ich gerne jemanden, der auch mal für mich einsteht.
Mit fünfundvierzig willst du aber auch keinen mehr finden! brüllte er plötzlich, jetzt blank vor Angst und Wut. Die höfliche Maske rutschte ab, und sie sah einen verletzlichen, verängstigten Jungen. Mein Gott, Fräulein Prinzessin muss beschützt werden! Dich beißt sowieso keiner tot, du reißt ja selbst jeden in Stücke!
Vielleicht, gab sie sanft zurück. Aber vielleicht nur, weil ich musste. Hättest du mich mal lassen können Vielleicht hätte ich neben dir weich werden dürfen aber das ging eben nicht. Sonst wäre ich untergegangen.
Sie schloss den Koffer.
Ich ziehe zu meiner Mutter. Ruf mich nicht an. Ich will nachdenken, ob ich mein Leben wirklich mit jemandem verbringen will, der mich im Notfall einfach stehenlässt, nur um seine eigene Ruhe zu haben.
Thomas versuchte nicht, sie aufzuhalten. Er blieb im Flur stehen, in seinen ausgebeulten Jogginghosen, als wäre er aus dem Traum gefallen, und sah zu, wie sie sich den Mantel anzog.
Die Frikadellen sind eingefroren, rief sie noch, fast beiläufig. Die Anweisung steht auf der Packung.
Die ersten Tage bei der Mutter fühlten sich an wie Nebel. Klara nahm Urlaub, schlief viel, schlenderte durch den Park, fütterte Enten. Ihre Mutter, weise und warm, stellte keine Fragen, kochte stattdessen Suppen und servierte abends Pfefferminztee.
Thomas rief am dritten Tag an. Erst fordernd: Wo sind meine blauen Socken?, Wie melde ich das W-LAN um? Dann flehend: Komm zurück, Klara, ich vermisse dich, hier siehts aus wie im Schweinestall! Aber nie ein Wort zum Auslöser. Nur das Bedürfnis nach der praktischen Dienstleistung Ehefrau.
Eine Woche darauf stand er vor der Tür. Mit drei schlappen Rosen hinterm Rücken, in Zellophan.
Klara, können wir sprechen? bat er durch die Sprechanlage.
Sie ging hinunter dort stand er, zerknittert und mit schlotternden Händen.
Es tut mir leid, begann er und überreichte das Bouquet. Ich weiß, ich war zu passiv. Kann man das nicht vergessen? Wir könnten im anderen Baumarkt Tapete holen. Ich spreche diesmal mit dem Verkäufer, versprochen.
Klara sah ihn an und empfand nur Mitleid er machte Vorschläge, wie man einen defekten Toaster repariert, nicht wie man einen Vertrauensbruch heilt.
Es geht nicht um Tapeten, Thomas. Ich brauche Zeit.
Wie viel Zeit? Ein Monat? Ein Jahr? Was erzähl ich denn den Leuten? Dass meine Frau weg ist, weil ich im Baumarkt nichts gesagt hab? Die lachen mich doch aus!
Ist dir denn nur das wichtig? Was die anderen sagen? Klara lächelte traurig. Weißt du, Thomas, ich dachte mal, wir wären ein Team. Rücken an Rücken. Aber am Ende war ich immer der Schild, und du hast dich dahinter versteckt. Ich kann nicht mehr. Ich bin leer.
Sie kehrte weder nach einem Monat noch nach zweien zurück. Das neue Leben war überraschend frei ohne Genörgel, keine ständige Erwartungshaltung, keine Schwere mehr im Raum. Klara meldete sich zur Tanzstunde an ein alter Traum , ließ sich die Haare schneiden. Ihr Sohn, als er von allem erfuhr, kam vorbei, redete lange mit beiden. Mama, ich versteh dich. Papa ist eben so wie er ist. Aber du darfst auch glücklich sein.
Ein halbes Jahr später tauchte Thomas wieder auf ohne Blumen, aber mit einem offiziellen Schreiben.
Hier, sagte er, reichte ihr das Papier. Eine Anzeige.
Was ist passiert? erschrak Klara. Ist etwas passiert?
Der Nachbar, du weißt schon. Der, der immer auf dem Rasen parkt und rumpöbelt? Heute früh stand er mit seiner Karre vor meinem. Ich hab ihm gesagt, er soll umparken. Er hat mich beleidigt.
Thomas schwieg eine Weile.
Und? fragte Klara.
Ich hab die Polizei gerufen. Habe auf einen Bericht bestanden. Obwohl er auszuckte. Normalerweise wäre ich gegangen, aber ich dachte: Was würde Klara machen? Ich bin geblieben, bis das Ordnungsamt kam.
Klara sah ihn verblüfft an. Zum ersten Mal seit Jahren flackerte in seinen Augen so etwas wie Selbstachtung auf.
Das ist gut, Thomas. Wirklich gut.
Ich hab verstanden, Klara, sagte er leise. Es geht nicht um Krawall. Es geht darum, sich nicht treten zu lassen. Und nicht, dass man selbst oder die, die einem wichtig sind, unter die Räder kommen. Ich hab mich im Fitnessstudio angemeldet. Und ich gehe zu einer Therapeutin. Verrückte Frau, aber sehr direkt.
Er hielt inne.
Ich verlange nicht, dass du sofort zurückkommst. Aber ich wollte dir zeigen: Ich verändere mich. Ganz langsam, mit viel Knirschen. Aber weil ich gemerkt hab, was fehlt. Nicht wegen Frikadellen. Sondern weil ich jetzt weiß, wen ich verloren hab.
Sie nahm seine Hand kühl, aber fester Druck.
Ich freue mich für dich, Thomas. Ehrlich.
Darf ich dich einladen? fragte er unerwartet. Nicht nach Hause. Ins Kino. Oder in den Englischen Garten. Wie früher. Einfach so.
Klara zögerte. Da stand der Mann, mit dem sie ein halbes Leben geteilt hatte. Nicht perfekt. Er hat sie im Kleinen verraten, was mehr schmerzte als etwas Großes. Aber jetzt versuchte er, sich selbst neu zu bauen, nicht nur die Fassade zu flicken.
Ins Kino, sagte sie. Aber: Wenn jemand mit Popcorn raschelt oder schwätzt während des Films…
…weise ich ihn freundlich, aber deutlich zurecht, beendete Thomas den Satz. Versprochen.
An dem Abend sprachen sie nicht über Rückkehr oder Trennung. Sie schauten einfach einen surrealen Film, schlenderten durch das dunstige München, aßen Eis am Stachus. Als eine Gruppe halbbetrunkener Jugendlicher sie bedrängte und einer frech nach einer Zigarette fragte, blieb Thomas ruhig, sah ihm in die Augen: Ich rauche nicht. Und Ihnen würde ich es auch nicht empfehlen. Schönen Abend noch. Dann nahm er Klara einfach unter den Arm und führte sie entschlossen weiter.
Klara spürte, wie das Eis in ihr schmolz. Sie wusste nicht, ob sie jemals wieder richtig zusammenfinden würden. Vertrauen ist wie Meißner Porzellan schnell zerbrochen, kaum reparierbar. Aber sie spürte: Beide haben gelernt. Sie, dass sie auf sich achten darf. Und Thomas, dass Mannsein bedeutet, Haltung zu wahren.
Einen Monat später brach ihr mitten auf dem Marienplatz der Absatz ab. Klara rief Thomas an eigentlich nur, um zu schimpfen, wie gewohnt.
Wo bist du? fragte er sofort.
Bei der Apotheke am Stachus.
Bleib da. Ich bin in zehn Minuten da. Bringe Turnschuhe.
Er fragte nicht: Warum hast du nicht besser aufgepasst? Er sagte nicht: Nimm doch ein Taxi. Er kam einfach und regelte es.
Als Klara im Fond seines Autos die bequemen Schuhe anzog, dachte sie vielleicht gibt es wirklich einen Neuanfang. Nicht die Fortsetzung der alten Geschichte, in der sie wie ein Ackergaul alles stemmte und er passiv mitritt. Sondern etwas Neues, in dem beide füreinander einstehen können.
Weißt du, sagte sie und band die Sneakers zu. Die Tapeten die waren eigentlich doch schön.
Thomas sah sie im Rückspiegel an, grinste nicht entschuldigend, sondern aufrichtig, fast fröhlich.
Dann los, wir kaufen sie. Und wenn Gertrud noch da ist, weiß ich schon, was ich sage. Aber vielleicht suchen wir einen anderen Berater. Die Nerven sind wertvoller.
Klara lachte.
Los.
Das Leben hört nicht nach dem ersten Fehler auf wenn man ihn reparieren will. Und manchmal muss man erst das alte Fundament einreißen, das ohnehin schon Risse hat, und ein neues aus Respekt und gegenseitiger Rückendeckung gießen.





