An der Haustür stand ein Fremder.
Sebastian war seit Schulzeiten in Annegret verliebt. Heimlich schrieb er ihr kleine Notizen und versuchte auf jede erdenkliche Weise, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Doch Annegret schwärmte für Lukas, den großgewachsenen, blonden Jungen, der mit ihr zusammen in der Volleyballmannschaft spielte.
Für den unbeholfenen Sebastian, der zudem schlechte Noten hatte, hatte sie damals kaum einen Blick übrig.
Schon bald begann Lukas, sich mit Kathrin zu treffen, einem Mädchen aus der Parallelklasse.
Nach dem Abi versuchte Sebastian erneut, Annegrets Herz zu erobern.
Sogar auf dem Abiball machte er ihr einen Antrag
Doch sie wies ihn schroff zurück: Nein! An Sebastian dachte sie einfach nicht weiter.
Nach der Uni begann Annegret eine Stelle als Buchhalterin. Ihr Chef war ein attraktiver, dunkelhaariger Mann, zehn Jahre älter als sie.
Sie bewunderte seine Professionalität, sein Aussehen und seinen klugen Geist.
Zwischen ihnen entflammten Gefühle. Es störte Annegret nicht, dass ihr Geliebter verheiratet war und einen kleinen Sohn hatte.
Herr Dr. Münchhausen versprach immer wieder, sich zu trennen und schwor, nur sie zu lieben.
Jahre vergingen. Annegret hatte sich längst daran gewöhnt, ihre Wochenenden und Feiertage allein zu verbringen. Sie glaubte, irgendwann würde er mit seiner Familie brechen und sie könnten zusammen sein.
Eines Tages sah sie Herrn Münchhausen im Supermarkt mit seiner Frau.
Sie war hochschwanger, während er zärtlich ihre Hand hielt. Dann trug er fürsorglich ihre Tüten zum Auto.
Annegret beobachtete mit Tränen in den Augen diese idyllische Szene.
Am nächsten Tag kündigte sie.
Weihnachten und Silvester rückten näher. Annegret war nicht danach zumute, einzukaufen, zu dekorieren oder das Fest zu feiern.
Eines Abends kam sie nach Hause und bemerkte, wie kalt es im Haus war. Die Heizung war ausgefallen. Ihr Einfamilienhaus lag am Rand von Hamburg.
Verzweifelt versuchte sie, einen Handwerker anzurufen. Doch vor den Feiertagen wollten alle horrende Summen in Euro besonders, als sie erfuhren, dass der Weg hinaus aufs Land führte.
Annegret gab fast schon auf und rief ihre beste Freundin an. Vielleicht könnte deren Mann helfen, schließlich arbeitete er in dieser Branche.
Marlene versprach, sofort ihren Mann zu fragen.
Nach zwei Stunden klingelte es an der Tür.
Vor ihr stand ein fremder Mann doch im nächsten Moment erkannte sie ihn: Es war Sebastian, ihr Schulfreund.
Hallo Annegret! Was ist denn hier los?
Ach… Woher weißt du davon?
Mein Chef hat mich geschickt. Es soll hier kalt sein, hat er gesagt. Hast du die Heizkörper entlüftet?
Nein, ich habe keine Ahnung, wie das geht.
Mensch, so kann das ganze System einfrieren. Gut, dass es nicht richtig eisig draußen ist.
Sebastian ließ sofort das Wasser ab, reparierte und prüfte den Kessel. Dann fuhr er fort.
Nach einer Stunde kam er wieder und brachte die nötigen Ersatzteile.
Bald wurde das Haus wieder warm. Sebastian wusch sich die Hände, sah sich um und meinte:
Sag mal, dein Wasserhahn tropft und die Lampe flackert. Kann dein Mann das nicht richten?
Ich habe keinen Mann…
Ach so? Bist du noch immer auf der Suche nach dem perfekten Partner?
So ein Quatsch Es gibt einfach keinen, gestand sie.
Und warum hast du mir damals einen Korb gegeben?, lächelte Sebastian verschmitzt.
Sie schwieg.
Er reparierte Wasserhahn und Lampe, dann verabschiedete er sich.
Annegret dachte zurück an ihre Kindheit, an die Jugend, an den pummeligen Jungen, der sie einmal so sehr geliebt hatte.
Jetzt war Sebastian ein großer, schlanker Mann mit warmen braunen Augen geworden. Doch sein Lächeln war unverändert.
Sie hatte nicht einmal gefragt, ob er verheiratet ist.
Am 31. Dezember kurz vor Mitternacht klingelte plötzlich das Telefon.
Überrascht öffnete sie, denn sie erwartete keinen Besuch.
Vor ihr stand Sebastian. Im neuen Anzug, mit einem Blumenstrauß in der Hand.
Annegret! Ich frage dich nochmal. Willst du meine Frau werden, oder wartest du bis zur Rente auf den Prinzen?
Tränen liefen ihr übers Gesicht und sie nickte glücklich.
Beim zweiten Versuch wurde der Antrag schließlich angenommenSebastian lachte erleichtert und nahm sie in den Arm. Draußen explodierten die ersten Feuerwerksraketen am Himmel; bunte Lichter spiegelten sich in den Fensterscheiben. In der Stille spürte Annegret, wie sich mit jedem Herzschlag ein alter Kummer löste und etwas Neues begann.
Er küsste sie sanft, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich angekommen. So begann das neue Jahr, nicht mit Glanz und großen Versprechen sondern mit einer ehrlichen zweiten Chance.
Sie blieben gemeinsam am Fenster stehen, beobachteten das Feuerwerk, und Annegret dachte: Der schönste Zauber ist manchmal ganz leise.





