VORAHNUNG DES UNHEILS
Henriette erwachte irgendwo zwischen Mitternacht und Nebel, ihr Schlaf wie durchgeschnitten von einer unsichtbaren Schere. War es ein schemenhaftes Traumfragment, das sich zwischen ihr und den Morgen schubste? Ein Druck auf ihrer Brust, als würde ein schwerer Koffer voll Steinen darauf sitzen, ließ plötzlich die Tränen einfach so aus ihren Augen hervorquellen Tränen ohne Namen, Grund und Richtung. Atmen war schwer wie durch feuchtes Herbstlaub, und wie ein grollender Donner im Hintergrund rollte das Gefühl von nahender Katastrophe an, dumpf, groß, in feinen Nebelschwaden.
Sie schwebte hinüber zu dem Babybettchen, in dem ihr kleiner Sohn, Leonard, schlief. Im Traum lächelte er selig, schmatzte leise und trat mit den Zehen durchs unsichtbare Katzenfell des Schlafs. Henriette zog ihm die Decke hoch, wiegte einen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit, und schlurfte in die Küche, wo der schwarze Nachthimmel hinter den Fensterscheiben wie gusseisernes Backblech lag.
Henri, kannst du nicht schlafen?, klang es plötzlich hinter ihr, die Stimme ihres Mannes Klaus hallte wie ein Echo.
Schon wieder, ich finde keine Ruhe, Klaus. Etwas ist nicht in meinem Lot, hauchte sie leise.
Wahrscheinlich dieses allseits gefürchtete Postnatal-Gedöns, versuchte Klaus zu scherzen.
Aber Leonard ist fast ein halbes Jahr alt. Es war ja nie was mit Depression, und jetzt solls auf einmal anfangen?
Hormone, Nerven was weiß ich! Mach dir keine Sorgen, Schätzchen, bald wird alles wieder gut sein!
Klaus ich hab Angst. Henriette schmiegte sich wie aus Milch gegossenes Licht an seinen Arm.
Es wird alles gut. Seine Worte wie ein schützender Mantel.
Drei Wochen glitten vorbei, träge wie in einer alten Kuckucksuhr. Henriette wurde zur Untersuchung zum Kinderarzt bestellt ihrer Ärztin, Frau Dr. Behrens. Es war wieder einmal dieser Pflichtgang zum Halbjahres-Check. Blutabnahme, Fachärzte, steril weißes Papier auf Liegen. Als die Arzthelferin anrief, spürte Henriette, wie ihr etwas Kaltes entlang der Wirbelsäule kroch.
Ist was passiert? Ihre Stimme war kaum hörbar.
Henriette, machen Sie sich keine Sorgen. Frau Dr. Behrens klärt alles auf, kam die Antwort.
Im Wartezimmer: Gespräche verschwimmen zu einer Sirupwolke, und Henriette krallt sich an die Sinne. Endlich ruft die Ärztin auf.
Setzen Sie sich, raunt die Ärztin. Frau Vogt, ich muss Ihnen etwas erklären. Bitte keine Panik. Wir brauchen weitere Tests, zusätzliche Blutbilder.
Henriette spürt, wie das Netz der Vorahnung sich um sie schließt. Was ist los?
Leonards Blutwerte sind besorgniserregend, die Leukozyten zu hoch, einiges andere auffällig. Wir empfehlen eine erneute Untersuchung, am besten in einer Spezialklinik.
Wo?, fragt Henriette, ihre Stimme nur Wind.
Im Universitäts-Klinikum Heidelberg, in der Onkologie.
Wie sie durch die Straßen nach Hause taumelt, weiß sie später nicht. Klaus wartet bereits, war von der Arbeit losgerissen durch ihre Nachricht.
Was ist denn, Henriette?!, ruft er und fängt fast ihren Schatten auf.
Die Tränen laufen, ohne dass sie es merkt: Wir… wir müssen ins Universitätsklinikum, zur Untersuchung… Onkologie… Ihre Stimme ist ein kaum hörbarer Fluss.
Vielleicht ist es ein Irrtum? Nur eine Routinekontrolle!, versucht Klaus zu lindern.
Das ist es nicht, ich weiß es, ich habe es gespürt, all diese Nächte… Aber ich wusste nicht, warum und wovor.
Henriette presst Leonard an sich und weint ihre Verzweiflung verdampft im Kinderzimmerlicht. Leonard schmatzt im Schlaf, in seiner Welt ist alles noch vollkommen.
Akute Leukämie, sagt der Professor in weißem Kittel ruhig am nächsten Tag. Wir müssen sofort therapieren.
Die Chemo läuft ab, Henriette ist ausgeschlossen. Leonard Reh in Reanimation, Henriette draußen im blauen Neonlicht des Flurs.
Gehen Sie heim!, drängt die Nachtschwester. Heute dürfen Sie sowieso nicht zu ihm!
Was soll ich daheim ohne meinen Sohn tun Es ist, als spräche sie in ihre eigene Leere.
Acht Jahre hatten Henriette und Klaus auf ein Kind gewartet endlose Untersuchungen, immer ohne Ergebnis, und dann nach acht Jahren ein Wunder. Klaus trug sie auf Händen, verbot das Tragen von mehr als einem Glas Wasser. Den letzten Monat vor der Geburt verbrachte Henriette bereits im Klinikbett mit Blick aufs Neckartal, aus Angst vor Früherkennung.
Der lang ersehnte Sohn: benannt nach Klaus Vater, Kurt, gestorben vor ein paar Jahren bei einem Unfall irgendwo auf der A8.
Nennt das Kind nicht nach einem, der so früh und unglücklich ging!, mahnte die Großmutter, als sie es erfährt.
Oma, solche Aberglauben!, winkte Henriette ab, glückssatt.
Der Monat im Krankenhaus ist wie Eisen im Nebel: Leonard verliert Gewicht, die Wangen entfärben sich zu Blässe, Augenringe werden zu kleinen Schatten unter den Lidern. Tränen laufen ununterbrochen. Ein Skandal mit dem Chefarzt musste sein, erst dann darf sie in die sterile Kammer; eigentlich verboten aus Infektionsschutz, doch Henriette bricht, schreiend vor Sehnsucht.
Auch der Chefarzt schüttelt irgendwann den Kopf. Solche OPs machen wir nicht.
Wo denn dann?, fragt Henriette.
In Israel. Nur dort gibt es Technik und Erfahrung genug. Aber… das kostet etwa 250.000 Euro.
Wir finden das Geld. Bitte bereiten Sie alles vor.
Die Unterlagen landen postwendend in Tel Aviv. Von dort Zusage, aber absurd hohe Kosten. Klaus rechnet: Henri, wenn wir unsere Wohnung in Stuttgart und das Auto verkaufen vielleicht ein Viertel… Ich habe schon Anzeigen geschaltet, aber…
Wir haben zwei Monate, weint Henriette, wir brauchen eine Lösung.
Ein Spendensturm beginnt: Kollegen, Nachbarn, die Gemeinde sammelt, auch das Rathaus hilft, schließlich gibts noch Freiburger Freiwillige und den Lions Club. Resultat: Nicht einmal annähernd genug. Die Zeit läuft den Eltern wie Sand durch verrückte Eieruhren davon.
Ihr fliegt, sagt Klaus schließlich, alles weitere leite ich nach. Vielleicht kaufen die die Wohnung ja noch!
Das ganze Dorf drückt Daumen aber Zaubergeld gibts nicht. Mit Leonard und zwei Koffern startet ein Flug ins Traumland, wo vielleicht Rettung wartet, weit mehr als das, was man zählt in Euro und Cent. Dort beginnt für Leonard in einem goldbetonierten Krankenhaus der Ritus aus Diagnosen, Infusionen, lauter Dinge, für die Henriette keinen deutschen Namen weiß. Sie klammert sich an Hoffnung. Leonard wird bald eins.
In der Nachbarstation liegt auch eine Mutter Dorothea aus Heilbronn, mit dem kleinen Emil, drei Jahre alt. Auch sie Sammelwunder, auch sie deutsche Dramatik. Doch für Emil ist alles vertrackter: zu spät erkannt, die Krankheit hat sich bereits breitgemacht, OPs werden immer wieder verschoben.
Wein nicht!, tröstet Dorothea Henriette. Ihr geht sicher bald in den Wilhelma-Zoo und zum Zirkus! Letztes Jahr, Emil war hin und weg von den Bären, hat sie bestimmt eine halbe Stunde beobachtet. Ich wusste noch nichts… im Zoo, da fing das Nasenbluten an. Ich hab mich erschrocken … mehrmals, aber erst spät zum Arzt gegangen. Es war zu spät. Wie konnte ich das übersehen!
Dorothea, lass uns nicht den Mut verlieren. Wir gehen gemeinsam wieder in den Zoo!, sagt Henriette, auch wenn die Worte wie Licht durch Wolken rieseln.
Doch schon ein paar Tage später verschlechtert sich Emils Zustand. Reanimation. Mutter wird nicht eingelassen. Dorothea sitzt auf dem Flur, blasser als der Kalk an den Wänden.
Dorothea, komm, du brauchst Schlaf, fleht Henriette.
Ich muss hier bleiben! So fühlt mich Emil! Das gibt ihm Kraft, er weiß, dass ich da bin.
Er weiß es, Dorothea, er fühlt es bitte komm!
Die Schwester gibt ihr ein Beruhigungsmittel, Dorothea sitzt wie eine ausgeweidete Puppe und wartet dennoch, wartet auf ein Wunder, das keins ist.
Abends ruft Klaus an, seine Stimme knistert durch den Hörer. Henriette wiegt Leonard im Arm, hält an jedem Moment fest, als könnte sie die Zeit dehnen.
Henri, ich habe knapp 10.000 Euro überwiesen. Mehr momentan nicht. Die Wohnung, ein junges Paar will in zwei Tagen überlegen…
Gut…, flüstert sie als plötzlich ein Schrei den Flur entzweibricht. Das Handy fällt, Leonard wacht auf und weint kurz, döst dann wieder weg. Henriette läuft hinaus. Sie weiß es, aber glauben will sie es nicht. Unter dem Türschild der Reanimation kauert Dorothea. Die Schwestern reden beruhigend auf sie ein, doch sie schreit, ein animalischer Laut reißt durch die Flure. In Dorotheas Augen erkennt Henriette eine Verzweiflung, wie sie sie nie zu sehen hoffte.
Dorothea, du musst stark sein, umarmt sie ihre Freundin, du musst für Emil leben!
Wofür? Mein Schatz ist tot. Ich bin schuld. Wie soll ich weitermachen?, tobt Dorothea.
Henriette hält sie, bis sie ruhiggestellt wird, bringt sie in die leere Station. Sie soll ruhen, sagt der Arzt nur, zum Weinen bleibt genug Zeit.
In dieser Nacht schläft Henriette nicht. Sie bewacht Leonard im Halbschlaf, weicht keinen Zentimeter.
Am nächsten Tag kommt Dorothea vorbei, schweigend gealtert um zehn Jahre. Leere Augen. Sie umarmen sich lange.
Henriette, nutzt eure Chance. Ihr könnt heimkehren ich muss mich erst um Emil kümmern. Erst die Beerdigung, neun Tage Trauer, vierzig Dann ein Denkmal aufstellen. Im Umschlag ist alles, was ich nicht sagen kann… Sie drückt Henriette einen Brief.
Danke… Die Worte gingen unter wie Steine im Flussbett.
Nachdem Leonard zu einer weiteren Untersuchung geholt wird, öffnet Henriette Dorotheas Umschlag:
Liebe Henriette! Ich hoffe von Herzen, dass Leonard lebt. Er soll leben für meinen Emil: groß werden, rennen, lernen, sich über jeden neuen Tag freuen, im Schnee tollen und Fußball spielen. Geht in unseren Wilhelma-Zoo und grüßt den schwarzen Bären von Emil! Das Geld im Umschlag ist für eure Operation. Mir war es nicht vergönnt vielleicht hilft es Leonard.
Henriette weint wie ein seltsam glückliches Kind: endlich genug für die OP doch zu welchem Preis. Sie greift zum Hörer.
Klaus, keine Wohnung verkaufen! Wir müssen irgendwann nach Hause!
Aber das Geld?, fragt Klaus.
Es ist da. Uns wird geholfen. Es wird alles gut.
Am anderen Ende hört sie ihn lächeln. Hoffnung keimt im deutschen Frühsommer.
Die Operation folgt am Tag nach Leonards erstem Geburtstag. Tage in der Klinik verstreichen, Prognosen werden heller mit jedem Sonnenstrahl, der durchs Fenster fällt. Monate der Isolation, Reha, dann endlich: Leonard beginnt zu lachen, spielt zaghaft mit Holzspielzeug, sagt irgendwann Mama.
Das Wunder hat endlich einen deutschen Namen.
Ein halbes Jahr später: Besucht die kleine Familie den Wilhelma-Zoo, genau wie Dorothea es wollte. Leonard zeigt: Bär! überglücklich auf den schwarzen Koloss im Gehege.
Nicht Bärli, sondern richtiger Bär, lacht Henriette.
Sie grüßt den Bären stumm: Von Emil, kleiner Engel. Leonard lacht mit Kleckermund Eis, sitzt auf Klaus Schultern und starrt fasziniert auf die Tiere. Die Klinikwelt ist nur noch ein ferner Schatten. Und wenn Henriette manchmal nachts an Leonards Bett steht, sein ruhiges Atmen hört, dann weiß sie: Die Sorge ist verblasst wie ein böser Traum. Das Leben wartet, für ihn und für den, der ihm seinen Platz in dieser Welt schenkte.




