Als ihr Mann nach Hause kam, ohne die Jacke auszuziehen, rief er sofort: „Wir müssen ernsthaft reden“ – und gestand dann mit leuchtenden Augen: „Ich habe mich verliebt!“ Lina dachte, nun beginnt also unsere deutsche Midlife-Crisis…

Der Mann kam nach Hause und rief, noch ehe er Mantel und Schuhe ausgezogen hatte: Wir müssen ernsthaft reden!
Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, stand er noch immer in seinem Jackett im Flur und sagte mit überraschend lauter Stimme:
Gisela! Wir müssen uns wirklich unterhalten
Mit aufgerissenen Augen setzte er fast atemlos hinzu:
Ich habe mich verliebt!
Na toll, dachte Gisela, jetzt geht es also los: die Midlife-Crisis ist bei uns angekommen. Herzlichen Glückwunsch Doch sie schwieg, schaute ihrem Mann aufmerksam in die Augen so wie sie es seit fünf, sechs (waren es vielleicht sogar schon acht?) Jahren nicht mehr getan hatte.
Es heißt, dass kurz vor dem Tod das ganze Leben an einem vorbeizieht, und bei Gisela begann sich die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens wie ein Film abzuspielen. Kennengelernt hatten sie sich ganz gewöhnlich im Internet. Gisela hatte sich online drei Jahre jünger gemacht, ihr späterer Mann sich drei Zentimeter zum stattlichen Maß dazugeschummelt. So gelang es beiden, die Vorstellungen des anderen gerade eben zu erfüllen und sich zu finden. Gisela kann sich heute nicht mehr erinnern, wer wem als erstes schrieb, aber sie weiß noch, dass die Nachricht ihres Zukünftigen überhaupt nicht plump war und eine sympathische Portion Selbstironie enthielt das gefiel ihr sofort. Mit 33 und durchschnittlichem Aussehen war Gisela durchaus realistisch in Bezug auf ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt und wusste, dass sie, wenn auch nicht am Ende, dann doch ziemlich weit hinten in der Schlange stand. Sie beschloss, sich beim ersten Treffen die Ohren zuzuhalten, sich eine rosarote Brille aufzusetzen, hübsche Wäsche zu wählen und in die Handtasche selbstgebackene Plätzchen und ein Buch einzupacken.
Das erste Treffen verlief überraschend entspannt (was ein gutes Image doch ausmacht!), und ihre Beziehung entwickelte sich schnell und intensiv.
Sie verstanden sich bestens, sodass nach sechs Monaten regelmäßiger Treffen und dem ständigen Drängen der Eltern, die doch bitte noch Enkelkinder erleben wollten, der künftige Ehemann Gisela mutig einen Heiratsantrag machte. Schon bald lernten die Familien sich kennen, und weil alle Eltern den Vorschlag, in kleinem Kreis zu feiern, begeistert aufnahmen, wurde das erste mögliche freie Datum fürs Standesamt gewählt bloß damit niemand mehr kalte Füße bekam.
Giselas Ansicht nach lebten sie danach gut zusammen. In ihrer Ehe herrschte angenehmes, fast schon tropisches Klima mit sanften saisonalen Temperaturschwankungen keine flammenden Leidenschaften, aber Wärme, Freundschaft und gegenseitiger Respekt. Was will man mehr?
Ihr Mann war ein klassischer Vertreter seines Geschlechts: unkompliziert, geradeheraus. Bereits wenige Wochen nach der Hochzeit ließ er das Bild des sanft, empathischen Romantikers mit goldenen Händen fallen und zeigte Gisela, wer er wirklich war: ein einfacher, fleißiger und fürsorglicher Kerl, der abends gern in bequemen Jogginghosen auf dem Sofa saß.
Gisela, als Vertreterin der komplizierteren Weiblichkeit, befreite sich mit der Zeit ebenfalls vom Image der stillen, rätselhaften, sexy Intellektuellen und perfekten Hausfrau, begann langsam zu entspannen und das wurde durch die Schwangerschaft noch beschleunigt. Schon nach einem Jahr tauschte sie voller Freude die letzten Reste ihres aufgesetzten Auftretens gegen einen gemütlichen Hausmantel ein.
Tatsache ist: Obwohl beide sich von ihren Anfangsrollen verabschiedet hatten, blieb keiner dem anderen etwas schuldig, niemand machte Vorwürfe oder dachte an Weglaufen. Das überzeugte Gisela schließlich, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, und stärkte ihren Glauben an ihr familiäres Glück.
Natürlich wirbelte das Alltagsleben und die Erziehung der zwei Kinder, die schnell hintereinander geboren wurden, das Familienboot ordentlich durcheinander doch zu einem Untergang kam es nie. Nach jedem Sturm trieben sie wieder ruhig und gleichmäßig gemeinsam durchs Leben.
Die glücklichen Großeltern halfen, wo immer sie konnten, im Beruf ging es mit kleinen, aber stetigen Schritten vorwärts, und sowohl Reisen als auch persönliche Hobbys kamen nicht zu kurz. Vor allem: Sie vergaßen einander nicht ohne die üblichen Statistiken zu sprengen.
Zwölf Jahre waren sie nun verheiratet, und all die Jahre war ihr Mann unbestritten treu, hatte sich nicht mal auf einen Flirt eingelassen obwohl Gisela nicht besonders eifersüchtig war und ein bisschen Ablenkung sicherlich nicht zum Drama geführt hätte. Sie stellte sich vor, wie er flirten würde und musste unwillkürlich kichern. Die Szene, wie ihr Mann, der schon am Anfang der Beziehung bei Komplimenten völlig versagte, jetzt irgendwo bemüht charmant sein sollte, war einfach zu komisch. Irgendwann hatte er beschlossen, Komplimente nur noch lautlos (oder in einem Ultraschallbereich, den nur Hunde hören konnten?) zu machen meistens, indem er einfach die Augen ganz groß aufriss wie ein Reh, das plötzlich auf einer Lichtung steht.
Im Verlauf vieler gemeinsamer Jahre hatte Gisela gelernt, allein am Augenaufschlag ihres Mannes dessen ganze Gefühlspalette abzulesen: von ehrlichem Erstaunen über zufriedene Zustimmung bis zu überraschtem Entsetzen und totaler Empörung. Sie stellte sich vor, wie er einer anderen, vielleicht einer Maus, genauso Komplimente machte, die Augen immer weiter aufreißend
Gisela wurde der Mund trocken bei der Vorstellung, wie ihr Mann zum Reh mutierte. Nervös lächelte sie und fragte:
Na, und wie heißt deine Maus?
Nun kletterten die Augen ihres Mannes wirklich fast auf die Stirn. Er tastete nervös an seinem Körper herum und stotterte:
Was? Wie wie konntest du bloß erraten, dass ich mich in eine Maus verliebt habe?! Wirklich, das hätte ich nie gedacht Weißt du, ich konnte sie einfach nicht stehenlassen, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe Schau sie dir an, wie wunderbar sie ist, so weich, so hübsch Sie sieht dir sogar ähnlich
Er zog, unter seinem Hemd hervor, ein kleines, graues Mäuschen mit rosigen, durchscheinenden Ohren, einer rosa Nase und schwarzen Perlenaugen.
Ab diesem Moment hörte Gisela eigentlich nichts mehr sie betrachtete ihren Mann, seine neue Freundin, ihre beiden Münder und war überglücklich, dass er sich genau in diese Maus verliebt hatte. Denn sie war ihr so ähnlichMit einem leisen Kichern, das sie seit Jahren nicht mehr von sich gehört hatte, lockerte Gisela den Gürtel ihres Morgenmantels, streckte die Hand nach ihrem Mann und nach der kleinen Maus aus. Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob unsere neue Mitbewohnerin auch Lust auf Plätzchen hat, sagte sie und zwinkerte verschwörerisch.
Während sich eine winzige, warme Pfote auf ihre Fingerspitzen legte und sie spürte, wie ihr Mann erleichtert aufatmete, wusste Gisela: Liebe verändert ihre Gestalt im Laufe der Zeit, mal ist sie ein wortloser Blick, mal plötzliche Aufregung im Flur und manchmal ein zartes, zitterndes Herz in einer Handfläche. Aber egal, in welcher Form sie auftritt solange man gemeinsam darüber lachen kann, ist alles in bester Ordnung.
Und so saßen sie zu dritt am Küchentisch: Gisela, ihr Mann und das Mäuschen und teilten sich Plätzchen, Geschichten und die Sicherheit, dass man manchmal nur ein kleines bisschen Mut (und vielleicht eine Prise Verrücktheit) braucht, um das große Glück zu erkennen, das jeden Tag aufs Neue auf einen wartet.

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Homy
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Als ihr Mann nach Hause kam, ohne die Jacke auszuziehen, rief er sofort: „Wir müssen ernsthaft reden“ – und gestand dann mit leuchtenden Augen: „Ich habe mich verliebt!“ Lina dachte, nun beginnt also unsere deutsche Midlife-Crisis…
Die Tür bleibt verschlossen