Mein kleiner Bruder hat sich dazu entschlossen, bei seiner Schwiegermutter einzuziehen und bis heute verstehen wir alle nicht, warum er sich das freiwillig angetan hat
Mein jüngerer Bruder hat sich schon mit zarten 18 Jahren ins Eheabenteuer gestürzt. Offenbar wollte er unbedingt beweisen, wie unabhängig er bereits ist.
Seit seiner Geburt war ich irgendwie der Ersatzelternteil meine Kindheit war plötzlich vorbei, als er mit dem Bündel Freude nach Hause kam. Als er dann groß wurde, geheiratet hat und ausgezogen ist, hat sich sein Leben schlagartig verändert aber leider nicht in die Richtung, die wir uns gewünscht hätten.
Seine Frau, die auch noch im Teenageralter den Ring am Finger hatte, erweist sich als Temperamentsbündel mit recht ruppigem Charme. Schon beim ersten Treffen wurde klar: Mit Taktgefühl und guten Tischmanieren hatte sie es nicht so. Auch optisch hätte sie in keiner Hochglanzzeitschrift Furore gemacht, aber mein Bruder war hin und weg weshalb, bleibt wohl sein Geheimnis. Nach der Hochzeit zogen die beiden in eine schicke Einliegerwohnung in Hannover ausgerechnet direkt bei ihrer Mutter.
Der Schwiegervater war schweigsam wie eine Salzbrezel und meistens reichte ihm ein dezentes Nicken als Antwort auf alles. Die Schwiegermutter hingegen hatte das Sagen: Sie kommandierte wie ein Feldwebel durch den Flur Befehle wurden verteilt, als gäbe es Lohn in Euro pro Gehorsamspunkt. Mein Bruder bekam regelmäßig sein Fett weg, während seine Frau auch ständig ein Haar in der Suppe fand.
Mich hat die unfaire Behandlung meines Bruders ziemlich auf die Palme gebracht. Ich habe oft versucht mit ihm zu reden. Doch er bestand steif und fest darauf, dass er glücklich sei, seine Frau ihn liebe und dass das nun mal so sei im deutschen Familienleben, danke der Nachfrage. Aber mit der Zeit war eine deutliche Wandlung zu spüren. Mein Bruder verwandelte sich allmählich in eine zweite Ausgabe des schwiegerväterlichen Schweigers Meinung sagen? Lieber nicht. Nickt halt höflich mit.
Aber selbst der genügsamste Schwiegersohn hat einen Geduldsfaden, der irgendwann reißt. Eines Tages hat er, ganz hanseatisch, schweigend seine sieben Sachen gepackt und ist klammheimlich abgehauen wortlos und ohne Drama.
So hatte ich meinen Bruder noch nie erlebt Am meisten bereute er wohl, dass er so jung geheiratet hat und sich damit diese deutsche Komödie aufgebürdet hat.
Jeder Mensch hat seine Toleranzgrenze und wenn das Maß voll ist, schnappt man sich eben seine Jacke, lässt die Schwiegerfamilie weiter regieren und sucht die Freiheit. Manchmal ist Schweigen eben tatsächlich Gold.





