LIEBEN, INDEM MAN GEDULD ÜBT GEDULDIG SEIN, INDEM MAN LIEBT
Früher, in den kleinen Dörfern Bayerns, heirateten Friedrich und Gerlinde in einer alten Dorfkirche. Ihr Bund war gesegnet; sie standen vor dem Altar, umgeben von Familie und Freunden, und ihre Hoffnungen für das gemeinsame Leben schienen so fest wie die dicken Mauern der Kirche.
Am Tag der Trauung, als sich die Hochzeitsgesellschaft über den kleinen, gewundenen Weg zur Kirche bewegte, kam plötzlich ein wilder Sommergewittersturm auf. Er brach unerwartet herein, als hätte er sich geradewegs aus den dunklen Wäldern herübergeschlichen. Ohne Gnade riss der Wind Gerlindes Schleier vom Haupt. Wie ein schwebender Wolkenschleier stieg er empor, wurde von Böen wirbelnd durch den Himmel getragen, und fiel schließlich erschöpft in eine schmutzige Pfütze vor der Kirche. Ein Raunen ging durch die Gäste.
Friedrich rannte sofort los, doch konnte er den Schleier nicht mehr fangen. Da lag er nun, das Symbol reinster Freude, in dunklem Wasser. Gerlinde, noch halb im Schock, rief ihrem Bräutigam zu:
Lass ihn liegen! Ich will diesen Schleier nicht mehr tragen!
Die alten Frauen, die jeden Sonntag ihre Plätze vor der Kirche einnahmen, tauschten flüsternd skeptische Blicke. Sie murmelten, bei so einem Omen könne das Eheleben nur voller Stürme und Kummer sein…
Kurzerhand steckte Gerlindes Trauzeugin ihr draußen im kleinen Laden einen künstlichen weißen Blumenkranz ins Haar. Einen neuen Schleier zu suchen blieb keine Zeit; auf die eigene Trauung sollte man schließlich nicht zu spät kommen!
So traten die beiden in den kühlen Kirchenvorraum, hielten die festlichen Kerzen, und gaben vor Gottes Angesicht einander das Ja-Wort. Die kirchliche Segnung war für ihre Seelen; das Standesamt und das rauschende Fest am See hatten sie schon hinter sich, für die Leute.
Nach drei Ehejahren wuchs ihre Familie auf zwei Kinder heran: Die Tochter hieß Anneliese, der Sohn wurde Paul genannt. Sie hatten ihren beschaulichen Alltag das Glück schien vollkommen.
Doch dann, genau zehn Jahre nach der Trauung, klopfte eine junge Frau an Friedrichs und Gerlindes Türe.
Gerlinde, stets gastfreundlich ob erwartet oder überraschend , bewirtete jeden herzlich. An diesem Tag aber war die Besucherin besonders. Sie kam, als Friedrich unterwegs war. Schon beim ersten Blick auf diese Unbekannte wusste Gerlinde: gutaussehend, freundlich, jung und viel zu schön.
Guten Tag, Gerlinde. Mein Name ist Mira. Ich bin die zukünftige Frau deines Mannes, stellte sie sich unverfroren vor.
Das ist ja interessant, war alles, was Gerlinde zunächst herausbrachte.
Und wie lange zählt Friedrich denn nun zu deinen Verlobten? fragte Gerlinde mit gespieltem Interesse.
Schon eine Weile. Aber ich habe keine Zeit mehr zu warten. Friedrich wird Vater meines Kindes, erklärte Mira, als sei es das Normalste auf der Welt.
Hm… ein Lehrbuchfall: Ehefrau Geliebte uneheliches Kind, warf Gerlinde scharf ein.
Wussten Sie, junge Dame, dass wir getraut sind? Wir haben Kinder.
Das weiß ich. Aber da ist Liebe! Ewige Liebe sogar. Und ihr könnt wieder getrennt werden. Immerhin hält er dir nicht mehr die Treue, das hab ich alles sorgfältig recherchiert, drängte Mira.
Hören Sie, ich rate Ihnen dringend, lassen Sie fremde Familien in Ruhe! Wir klären unsere Probleme selbst!, entgegnete Gerlinde, nun schon ordentlich verärgert. Auf Wiedersehen!
Mira zuckte nur die Schultern, als hätte sie alles Notwendige gesagt, und verschwand hastig im Regen.
Gerlinde schlug die Tür mit Nachdruck zu.
Sie hat wirklich alles ausgeforscht Was für eine Unerhörte! Friedrich wirst du nicht bekommen! dachte sie wütend.
In den nächsten Tagen fielen Gerlinde immer mehr Kleinigkeiten bei ihrem Mann auf: Plötzlich war er ungewöhnlich distanziert zu den Kindern, auf einmal gab es Überstunden, unerwartete Geschäftsreisen oder Angeltouren, obwohl Friedrich bisher noch nie geangelt hatte. Eine Frau merkt das. Sie riecht förmlich den Hauch der Rivalin alles fühlte sich angespannt, nicht ausgesprochen an.
Dennoch wollte Gerlinde die dunklen Gedanken nicht zulassen. Vielleicht redete sie sich alles nur ein; vielleicht blieb Friedrich doch standhaft.
Am Abend, als Friedrich nach Hause kam, kochte Gerlinde wie gewöhnlich ein gutes Essen sie wusste, ein voller Magen mildert die Gemüter. Nach dem Essen hob Friedrich den Blick und Gerlinde begann, behutsam, das Gespräch.
Friedrich, bist du verliebt? Sie wusste nicht, wie sonst einen solchen Verrat anzusprechen.
Ich bin es, gestand Friedrich mit heiserer Stimme.
Heute war deine… Freundin hier. Ist es ernst zwischen euch?
Ich bin ein Schuft! Ohne Mira halte ich es nicht mehr aus! Ich habe versucht, aufzuhören es gelingt mir nicht! Bitte lass mich gehen, Gerlinde! jammerte Friedrich.
Geh antwortete Gerlinde leise. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Tränen oder moralischen Vorwürfen um ihn zu kämpfen. Das Leben würde schon alles richten.
Friedrich verließ das Haus.
Gerlinde suchte Rat beim Pfarrer ihres Dorfes. Er hörte ihre Not geduldig an und sprach tröstend:
Meine Tochter, die Liebe hält aus, hört niemals auf. Das steht schon bei Paulus. Du hast das Recht auf Trennung, denn dein Mann ist vom rechten Weg abgekommen. Aber du darfst vergeben, beten, warten. Gottes Wege sind unergründlich…
Zwei Monate später spürte Gerlinde, dass sie ein weiteres Kind erwartete. Auch dieses Kind war Friedrichs. Sie empfand große Freude: vielleicht ein Zeichen von oben, vielleicht käme Friedrich eines Tages reumütig zurück. Mit diesem tröstlichen Gedanken lebte Gerlinde durch die Monate ihrer Schwangerschaft.
Der Junge wurde geboren, zur Freude aller hieß er Johannes, nach Friedrichs alten Vornamen. Vielleicht, mein Kind, kehrt dein Vater zurück. Es kommt im Leben alles anders… tröstete sie ihre Mutter.
Gerlindes Mutter blieb eine starke Stütze: Erzählte Geschichten, erzog die Kinder, kochte ihnen heiße Kakaomilch und wurde zu ihrem festen Anker.
Friedrich vergaß seine Kinder nie. Er brachte Anneliese und Paul Geschenke, fuhr mit ihnen an die Nordsee oder schickte Gerlinde regelmäßig einen Umschlag voll Euro.
Gerlinde verbot ihren Kindern streng, dem Vater vom kleinen Johannes zu erzählen. Doch Kinder sind Kinder Anneliese verriet es beim nächsten Besuch. Friedrich, der fest geglaubt hatte, Gerlinde hätte längst ein neues Leben begonnen, war erschüttert von der Wahrheit.
Zu der Zeit lag Mira, Friedrichs neue Frau, im Krankenhaus sie war von Sorgen um das ungeborene Kind geplagt. Friedrich eilte mal mit Pflaumenkuchen, mal mit Heidelbeerjoghurt und manchmal sogar mit Kreide, weil Mira einen sonderbaren Appetit entwickelt hatte. Doch alles blieb vergeblich. Die Tochter, auf die sie so hofften, wurde tot geboren. Und auch die nächste Schwangerschaft endete in Trauer.
Vom Schmerz verbittert, bat Mira um Zeit für sich. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Friedrich wich Mira nun kaum mehr von der Seite, trug sie durch die Stürme, fühlte sich schuldig an allem, was geschehen war.
Währenddessen begann Gerlindes alter Studienfreund Valentin, der früher in München mit ihr an der Universität war, öfter zu Besuch zu kommen. Valentin war schon zu Studienzeiten ein stiller Verehrer gewesen, man mochte ihn für seine Zuverlässigkeit, sein Engagement, auch wenn er zu sehr Muttersöhnchen war und ein wenig zu akribisch.
Damals hatte sich Gerlinde nie vorstellen können, ihn zu heiraten. Doch nun, nach all den Jahren, tauchte er wieder auf. Es war ein regnerischer Herbsttag, als sie ihm zufällig im Bus begegnete. Sie starrte aus dem Fenster, als er sich neben sie setzte.
Darf ich mich setzen? fragte er freundlich.
Ja, natürlich, antwortete Gerlinde, ohne aufzuschauen.
Bist du traurig? versuchte er, das Eis zu brechen.
Valentin? Mein Gott, dich habe ich ewig nicht gesehen! Wie geht es dir denn?
Erzähl erst mal von dir. Bist du glücklich mit deinem Glück? fragte er vorsichtig.
Am Abend saßen sie zusammen, tranken Wein und erzählten. Valentin hörte zu, nickte, fragte nach, ließ sie alles sagen. Zum Abschied drückte Gerlinde ihm einen Kuss auf die Wange aus Dankbarkeit. Valentin war trotz allem Junggeselle geblieben.
Fortan war Valentin häufig Gast in Gerlindes Haus für jedes Kind hatte er ein kleines Geschenk dabei, für Gerlinde Blumen. Von Anfang an stellte Gerlinde klar:
Du darfst gern kommen, aber ich warte auf meinen Mann. Keine Freiheiten.
Valentin war selig mit dem, was er bekam besser als allein zu sein. Na gut, sagte er, dann bin ich halt wie ein Bruder für dich und Onkel für die Kinder!
Zur selben Zeit brach bei Friedrich neues Glück an: Mira brachte eine gesunde Tochter zur Welt. Sie nannten sie Beate selig, damit sie gesegnet ins Leben starte. Mira lebte nun ganz für dieses ersehnte Mutterglück.
Doch immer wieder dachte sie an das Gespräch mit Gerlinde gestohlene Freude bringe doch nur Bitterkeit. Erst jetzt, nach Beates Geburt, begriff sie, welches Leid sie Gerlinde bereitet hatte. Nach dem Sprichwort: Fremdes Unglück macht nicht klüger. Sie sehnte sich danach, Gerlinde in die Arme zu fallen und um Verzeihung zu bitten.
Friedrich liebte seine kleine Beate über alles, schenkte ihr Rasseln, stand nachts an ihrem Bettchen, badete sie und lehrte sie mit Geduld die ersten Worte Mira konnte sich kaum sattsehen an diesem fürsorglichen Vater.
Die Zeit verging wie ein unaufhaltsamer Fluss…
Fünf Jahre später waren die Kinder fast schon Erwachsene, die Erwachsenen noch erwachsener geworden.
Da wurde Mira ernsthaft krank gerade einmal dreißig Jahre alt. Friedrich war verzweifelt: Kliniken, Ärzte, teure Medikamente, und doch: Mira stand an der Schwelle zum Himmel. Als alles Hoffen zu Ende schien, bat sie Friedrich mit schwacher Stimme:
Bring mich zu deiner ersten Frau! Bitte!
Friedrich war überrascht, zögerte aber nicht.
Gerlinde war bereits durch ihre Tochter Anneliese über Miras Krankheit unterrichtet. Sie hatten sich nie verweigert, als Friedrich anrief und um dieses Treffen bat.
Friedrich trug Mira ins Haus, so schwach war sie schon. Die ganze Familie war zusammengekommen, um zu erfahren, was sie wollten.
Lasst mich mit Gerlinde allein, flüsterte Mira.
Alle gingen aus dem Raum.
Gerlinde setzte sich ans Bett, musterte ihre einstige Rivalin. Im Sarg sehen sie schöner aus, dachte sie.
Vergib mir, Gerlinde, wenn du kannst. Gottes Strafe hat nun auch mich erreicht… Ich will dich um einen letzten Dienst bitten: Nimm Beate zu dir! Außer Friedrich und dir hab ich niemanden. Versprich, dass ihr sie mit großzieht, flehte Mira.
Gerlinde griff ihre Hand.
Mira! Nicht Gott straft uns. Wir sind es selbst.
Ich habe dir längst vergeben. Um Beate musst du dir keine Sorgen machen, sie wird nie allein sein. Und noch etwas: Bleibt hier, beide. Es ist genug Platz, gemeinsam ist vieles leichter.
Und wenn Gott will, wird alles gut. Du darfst die Hoffnung nicht verlieren!
Im Haus Gerlinde, das einem Märchenschlößchen glich, war für alle Platz.
Alle pflegten Mira, aber keiner hing sich so an ihr wie Valentin. Von allem Anfang an kümmerte er sich leise und aufmerksam um sie, sprach die richtigen Worte, führte lange, von Lebensklugheit erfüllte Gespräche. Valentin verliebte sich bald in Mira, und Beate wurde zu seinem Augapfel, nannte sie sein Sonnenblümchen.
Mira wollte leben. Sie klammerte sich an die Hoffnung, die Gerlinde ihr eingab.
Nach einem halben Jahr voller Not und schwerer Therapien schritten Genesung und Hoffnung langsam voran. Mira konnte bereits wieder auf den Hof gehen, die frische Luft atmen, das Gesicht der Frühlingssonne entgegenhalten.
Oft dachte sie an Valentin. Friedrich liebte sie noch, aber er war ein fremder Mann und sie hatte gelernt: Auf fremdes Glück schielt man nicht!” Diese Lehre behielt sie ihr Leben lang. Valentin war gütig, nahm Beate wie die eigene Tochter an… und liebte sie beide.
Und Mira wollte versuchen, Valentins Liebe zu erwidern und zu stärken und sie zu mehren, auf dass das Glück reiche.
…Endlich kam der Tag, an dem Mira verkündete:
Gerlinde, Friedrich wir werden, Beate, Valentin und ich, ausziehen. Vergelts Gott für eure Gastfreundschaft, eure Sorge, eure Liebe ich hätte niemals solche Menschen gesucht, noch gefunden. Ich werde es nie vergessen!
Friedrich und Gerlinde schauten sich an. Sie beide hatten längst erkannt, was zwischen Valentin und Mira erwuchs: eine große, stille Liebe.
Schon vor langer Zeit hatten Friedrich und Gerlinde ein schweres Gespräch geführt:
Gerlinde, was auch immer mit Mira passiert, ich will zu dir gehören, sagte Friedrich. Verzeih mir, dass ich so schwach war, nimm mich bitte zurück. Wir haben doch drei Kinder…
Gerlinde schloss ihn in die Arme.
Meinst du, ich würde dich fortjagen? Auch ich muss dich um Vergebung bitten wohl war ich keine perfekte Frau. Das Leben lehrt uns immer wieder Demut.
Und was wird aus Beate? fragte Gerlinde.
Sie bleibt meine Tochter, sagte Friedrich. Mein Haus wird ihr immer offenstehen.
Als Mira, Valentin und Beate am Tag des Abschieds aufbrachen, rief Mira Friedrich noch einmal zu sich:
Liebe deine Gerlinde. Liebe sie mehr als dein Leben. Mach ihr nie wieder Kummer. Ich werde dich nie vergessen, Friedrich.
Sei glücklich, Mira, antwortete Friedrich.
So vergeht die Zeit, und das Leben lehrt Geduld, Versöhnung und echte Liebe lieben, in dem man Geduld übt, und geduldig sein, indem man liebt.




