Ich war acht Jahre alt, als meine Mutter das Haus verließ. Sie ging nur kurz zur Ecke, stieg in ein Taxi und kam nie zurück. Mein Bruder war damals fünf.
Ab diesem Tag war bei uns alles anders. Mein Vater musste plötzlich Dinge tun, die ihm vorher so fremd waren wie Düsseldorfer Altbier einem Bayern: Er stand früh auf, um Frühstück zu machen, lernte das Waschen und Bügeln, kämpfte tapfer mit unseren Schuluniformen und versuchte sich als Friseur mit sehr bescheidenem Erfolg, meine Zöpfe waren stets schief, aber immerhin existent. Ich sah, wie er den Reis grundsätzlich falsch abmaß, das Essen selten ohne extra Röstaroma servierte und konsequent die weißen und bunten Sachen zusammen wusch. Trotzdem fehlte es uns nie wirklich an etwas. Er kam müde von der Arbeit heim, setzte sich mit uns an die Hausaufgaben, unterschrieb Hefte und bereitete abends schon das Pausenbrot für den nächsten Tag vor.
Meine Mutter hat nie wieder nach uns gesehen keine unverhofften Besuche, kein Fensterblümchen. Mein Vater hat niemals eine andere Frau mit nach Hause gebracht. Er hat nie jemanden als neue Partnerin vorgestellt. Wir wussten, dass er gelegentlich ausging und manchmal später kam sein Privatleben blieb aber für uns ein ungeschriebenes Kapitel. Zuhause gab es nur uns zwei Geschwister und ihn. Ich habe ihn nie sagen hören, dass er sich neu verliebt hat. Sein Programm war recht übersichtlich: Arbeiten, heimkommen, kochen, waschen, schlafen und am nächsten Tag alles nochmal.
Am Wochenende nahm er uns oft mit mal in den Park, mal zum Rhein oder sogar ins Einkaufszentrum, auch wenn wir meistens nur die Schaufenster bestaunten. Er eignete sich das kunstvolle Flechten an, nähte Knöpfe an, zauberte ein ordentliches Lunchpaket und das Highlight bastelte die besten Kostüme für Schulfeste aus Pappe und alten Bettlaken. Nie beschwerte er sich. Nie sagte er: Das ist doch eigentlich Frauenarbeit.
Vor einem Jahr ist mein Vater zu Gott gegangen. Es passierte so schnell, dass für ausgedehnte Abschiede keine Zeit blieb. Beim Aufräumen seiner Sachen fanden wir alte Notizbücher, in denen er die Ausgaben aufschrieb, wichtige Termine markierte, Zettel wie Überweis die Kita-Gebühr, Kauf den Turnschuh, Bring das Mädchen zum Arzt. Aber Liebesbriefe? Fehlanzeige. Fotos mit anderen Frauen? Nie. Kein Hinweis auf einen wild-romantischen Lebensstil nur die Spuren eines Mannes, der für seine Kinder gelebt hat.
Seitdem er nicht mehr da ist, gibt es diese eine Frage, die mich nicht mehr loslässt: War er glücklich? Meine Mutter ist damals gegangen, um ihr Glück zu suchen. Mein Vater blieb und hat sein Glück irgendwie auf Eis gelegt. Nie gründete er eine neue Familie, nie teilte er das Sofa mit jemandem außer uns. Für niemanden war er wichtiger als für uns.
Heute weiß ich, dass ich einen grandiosen Papa hatte. Aber ich erkenne auch: Er war ein Mann, der allein blieb, damit wir es nicht sein mussten. Und das wiegt schwer. Denn jetzt, wo er fehlt, frage ich mich, ob er eigentlich jemals die Liebe bekommen hat, die er so sehr verdient hätte.





