Die einzige Untreue vor der Hochzeit: Wie ein Kommentar über das Gewicht alles veränderte.
Saskia war nur ein einziges Mal untreu, noch bevor sie und Johannes heirateten. Er hatte sie pummelig genannt und prophezeit, sie werde nie in ihr Hochzeitskleid passen. Gekränkt raste Saskia mit ihren Freundinnen in eine Bar in Berlin, wo überall Regenbogenlichter flackerten. Irgendwie sog die Nacht sie ein wie ein dicker weißer Nebel; beim Aufwachen fand sie sich in einer fremden Altbauwohnung wieder, das Parkett unter ihren Füßen so krumm wie der Horizont. Neben ihr lag ein Unbekannter mit tintenblauen Augen, seine Haut duftete nach Zimt und Apfelstrudel. Ihr war vor Scham ganz schwindelig. Sie verschwieg alles vor Johannes, verzieh ihm die Kränkung und begann eine strenge Diät. Alkohol kam ihr nicht mehr über die Lippen, als sie entdeckte, dass sie schwanger war ein seltsames Geschenk, das auf einmal alles so real machte.
Die Tochter ein Wunder! Greta, mit Augen, so blau wie der Bodensee im Frühling. Johannes liebte sie über alles. Fünf Jahre lang redete Saskia sich selber ein, dass alles seine Richtigkeit hätte, dass Gretas Augen vom Schwiegervater kamen. Und was sollte schon an ein paar Locken so besonders sein? Sie bemühte sich, das Bild des fremden jungen Mannes, dessen Namen sie vergessen hatte, wie verschwommene Traumfetzen aus ihrem Gedächtnis zu jagen. In ihrem Innersten jedoch flüsterte eine Stimme, dass Greta nicht von Johannes war. Vielleicht deshalb verzieh sie ihm jede Nacht-Nachricht, jede Geschäftsreise, jede Kritik an ihrer Bratensoße und ihrer Kleidergröße. Das Kind brauchte eine Familie; den Vater vergötterte sie und welcher Mann betrügt denn nicht irgendwann?
Man muss halt aushalten, wo willst du sonst hin?, sagte ihre Mutter wie aus einem alten Märchen. Platz hamma hier nicht die Oma liegt im Wohnzimmer, dein Bruder schleppt ständig seine Braut rein. Ich hab dir von Anfang an gesagt: Niemals die Wohnung auf die Schwiegermutter überschreiben, sonst stehst du da wie das tapfere Schneiderlein mit leeren Händen!
Also hielt Saskia still. Doch davon ging nichts weg, und eines Tages war es Johannes, der die Koffer packte. Er habe eine andere getroffen, sagte er und schluchzte dabei, versprach aber, immer Vater für Greta zu sein. Ihre Mutter, die Greta eigentlich sehr liebte, war nach der Trennung erstaunlich kalt:
Mach nen Vaterschaftstest. Vielleicht zahlst du da ganz umsonst Unterhalt!
Saskia war schockiert. Sie hatte geglaubt, nur in ihrem Herz existierten diese Zweifel. Jetzt also das.
Bist du verrückt?, schnauzte Johannes. Natürlich ist Greta meine Tochter! Das sieht doch jeder Blinde.
Sogar die Schwiegermutter war baff, als ein Jahr nach der Scheidung Saskia wegen einer Blinddarm-OP ins Krankenhaus musste dort stand auf einmal ein Arzt mit sehr bekannten, tiefblauen Augen am OP-Bett.
Verzeihung, haben wir uns nicht schon einmal gesehen?, fragte der Chirurg.
Saskia schüttelte heftig den Kopf, fest überzeugt, er würde sie nicht erkennen. Aber am nächsten Tag stand er in der Kantine, blinzelte und flüsterte: Bleibst du diesmal oder bist du gleich wieder weg wie damals?
Saskia lief rot wie eine reife Tomate an und beschloss, schnellstmöglich aus der Klinik zu verschwinden. Doch Lutz so heiße der Arzt schaffte es, dass sie bleiben wollte. Alles war wie in einem sonderbaren Film: Nachtschwestern huschten kichernd durch Gänge, die Uhrzeiger liefen rückwärts.
Von Greta erzählte Saskia wenig, deutete nur vage an, sie habe eine Tochter, aber erwähnte ihre Herkunft mit keiner Silbe.
Lutz begriff alles, als er das Mädchen auf dem Spielplatz sah. Er kaufte ihr eine Schokolade mit Marzipanfüllung und löcherte Saskia mit Fragen, wie man nun richtig Vater sei.
Weißt du, sagte er, meine Mutter hat damals auch einen neuen Mann kennengelernt meine Schwester konnte ihn nie akzeptieren. Ich will das Gegenteil: Ich will deiner Tochter ein zweiter Vater sein.
Saskia war sprachlos. Als er dann noch wie eingefroren auf Greta blickte, wusste sie: auch er hatte verstanden.
Was war schon Trennung? Früher oder später müsste sie es ohnehin sagen.
An Ehestreit war sie gewöhnt und erwartete eine Szene. Aber Lutz nahm sie einfach in den Arm und sagte leise: Ist das nicht ein Wunder?
Anfangs schien Greta Lutz zu akzeptieren, aber als Saskia vorsichtig fragte, ob er bei ihnen einziehen dürfe, weinte das Mädchen bitterlich:
Ich dachte, Papa kommt zurück! Lutz soll doch woanders wohnen!
Schließlich überzeugte Saskia sie, aber Lutz war enttäuscht.
Sie ist doch meine Tochter! Du musst es den beiden sagen!
Johannes würde das nicht verkraften. Und Greta auch nicht. Für sie ist er der Papa und für Johannes ist sie das einzige Kind. Seine neue Partnerin kann keine Kinder bekommen. Das hat mir die Ex-Schwiegermutter erzählt.
Lutz war verletzt, Greta tobte, und Saskia bemühte sich, das Gleichgewicht der Familie zu retten. Sie vereinbarten seltsame Regeln: Saskia brachte Greta selbst zu Johannes, achtete darauf, dass die Männer einander nicht begegneten, und verhielt sich wie eine Übersetzerin zwischen den Welten. Selbst am 8. März malte sie für Greta mit bunter Kreide Glückwünsche, aus Angst, jemand könnte sich verplappern und Lutz würde die Wahrheit sagen.
Kurz darauf wurde Saskia wieder schwanger. Panik überkam sie: Was, wenn das zweite Kind dieselben blauen Augen hätte und Johannes alles verstünde? Was, wenn Greta eifersüchtig würde? Was, wenn Lutz im Wochenbett alles beichtete?
Gemeinsam mit ihrer Mutter regelte sie die Kinderbetreuung; die Mutter war zwar mit Enkelkindern bereits ausgelastet, sagte aber okay doch kurz vor der Geburt kam Oma ins Krankenhaus, Gallensteine. Der Stiefvater weigerte sich, das dritte Kind zu nehmen, und der Bruder samt Frau waren dauernd arbeiten. Also blieb nur: Greta zu Johannes zu bringen. Doch der war in München auf Dienstreise, und zur Schwiegermutter wollte sie nicht.
Glaubst du, ich schaff das nicht allein mit Greta?, schmollte Lutz.
Die Geburt war anstrengend; es wurde ein Kaiserschnitt. Saskia blieb länger mit ihrem Sohn Vinzenz im Krankenhaus. Zuhause herrschte ein kleines Chaos: Lutz sagte, alles sei in Ordnung, aber Greta sprach eine Woche lang nicht mit ihr. Saskia malte sich das Schlimmste aus.
Ihre Nachbarinnen überredeten sie, die Wahrheit zu sagen. Alles, was heimlich bleibt, kommt ans Licht, war ihr Mantra. Also rief Saskia, benebelt vom Wochenbett und den Hormonen, Johannes an:
Ich muss dir etwas gestehen.
Was denn?
Sie schwieg lange.
Es geht um Greta, nicht wahr?
Was denn um Greta?, erschrak Saskia.
Sie ist die Tochter von deinemna, du weißt schon. Ich weiß es längst.
Hat er dir das gesagt?
Nein, ich wusste es schon. Als Greta ein Jahr alt war, habe ich einen Test machen lassen. Noch beim Bund hieß es, ich könne keine Kinder haben. Ich hoffte immer auf ein Wunder. Aber als ich zu zweifeln begann und nach dem Gerede meiner Mutter habe ich es getestet.
Saskia war fassungslos. All die Jahre hatte er geschwiegen.
Was hätte ich denn machen sollen?, erwiderte Johannes. Das Kind kann doch nix dafür. Und erzähl ihr bloß nichts! Ich hab jahrelang geschwiegen, damit du mir mein Kind nicht wegnimmst.
Ein echtes Kreuzberger Märchen!
Am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus stand Saskia irgendwie neben sich. Sohn schlief, Greta malte.
Wie läufts ohne mich?, fragte sie nervös.
Prima! Wir mussten sie gar nicht dauernd beaufsichtigen, wir sind sofort klargekommen!
Hast du ihr etwas gesagt?
Nein, natürlich nicht! Du hast es mir verboten!
Eben. Und warum ist sie dann so traurig?
Lutz lächelte geheimnisvoll.
Frag sie doch selbst.
Was malst du denn da?, fragte Saskia.
Siehst du das nicht? Dich, Papa, Lutz und uns mit Vinzenz!
Hübsch.
Greta steckte die Buntstifte ein und fragte: Mama, glaubst du, kann ein Mensch zwei Papas haben?
Hat ers doch gesagt!, schoss es Saskia durch den Kopf.
Manchmal ist das eben so, antwortete sie vorsichtig.
Darf ich Lutz dann auch Papa nennen? Er ist nett. Wir haben zusammen eine Lego-Burg gebaut und die Fische im Zooladen angeschaut. Der Verkäufer hatte eine Mütze wie ein Zwerg. Der hat mich gefragt, wer mein Papa ist. Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll, weils doch eigentlich Lutz ist. Da hab ich gesagt: ‘Er ist Doktor.’ Ist eigentlich cool, wenn der Papa Arzt ist. Ich hab ihn gefragt, aber will es sicherheitshalber auch dich fragen.
Saskia wurde weich ums Herz. Sie merkte, wie sie sich selbst in ein Spinnennetz aus Halbwahrheiten gefangen hatte. Johannes hatte ihr längst verziehen, Lutz würde es auch tun. Nur Greta stand zwischen ihren Welten. Sollte sie die Wahrheit sagen oder weiter schweigen, bis alles von selbst ans Licht käme? Sie zog Greta an sich und flüsterte:
Natürlich darfst du das. Und Lutz wird stolz sein, wenn du ihn Papa nennst. Aber deinem anderen Papa erzählen wirs lieber nichtGreta lächelte, als hätte sie den entscheidenden Zauberschlüssel gefunden und hüpfte davon, um Vinzenz die frisch gemalten Bilder zu zeigen. Im Flur begegnete Saskia Lutz, der ein altes Märchenbuch in der Hand hielt und mit einem verzagten Lächeln fragte: Ist jetzt alles gut?
Saskia nickte. Sie atmete zum ersten Mal seit Jahren frei und sah, wie Lutz Greta hochhob und sie im Kreis drehte, während sie lachte wie eine Glocke am Sonntagmorgen. Im Fenster spiegelten sich ihre drei Gesichter: Saskia mit zerzaustem Haar, Lutz mit schiefem Grinsen, Greta mit lachenden, blauen Augen und ganz unten das Baby, das verschlafen an der Welt saugte.
Draußen legte sich ein sanfter Regenbogen über Berlin. Saskia hielt kurz inne und dachte: Die Wahrheit war nie ein Schwert, sondern ein Licht. Vielleicht war das Märchen, das sie aus ihren Ängsten gestrickt hatte, niemals nur von Verrat und Flucht gewesen. Es war eine Heldinnengeschichte von einer, die lernt, dass selbst Fehler Wurzeln schlagen und neue Blumen treiben.
Als Lutz sie mit Greta an der Hand ansah und leise fragte: Wohin heute?, wusste Saskia, die Antwort war egal. Hauptsache, sie gingen zusammen.




