Du wohnst hier jetzt nicht mehr
Sabine, nun übertreib mal nicht … Wir sind doch zwanzig Jahre verheiratet
Eben! Zwanzig Jahre habe ich gebraucht, um ein drittes Kind großzuziehen, das nie erwachsen wurde. Los, Georg. Marsch!
Wie lange willst du eigentlich noch in Jogginghose auf dem Sofa liegen? Georg, ich rede mit dir!
Sabine stand im Schlafzimmer in der Tür. Hinter ihr schrien die Kinder.
Der Kleine verlangte lautstark neue Knete, die Große jammerte, dass ihr linker Sneaker wie vom Erdboden verschluckt sei.
Georg zuckte nicht mal mit einer Wimper. Er lag auf der Seite, den Rücken zur Frau, und scrollte mit dem Daumen durch kurze, hirnfritierte Videos.
Die rhythmischen Töne dieser bescheuerten Clips machten Sabine ganz rappelig.
Georg, ich sehe gerade, gestern wurden von unserem gemeinsamen Konto 600 Euro abgebucht.
Was ist das bitte für ein Angler- und Jagdshop? Das letzte Mal hast du einen Fisch in einer Konservendose gesehen, und das ist auch schon drei Jahre her!
Stille. Nur aus dem Handy heult einer vor Lachen.
Wir hatten doch abgemacht, bis du einen Job hast, kaufen wir nur das absolut Nötigste!
Von 600 Euro leben wir eine Woche, hast du das kapiert? Georg!
Er fuhr hoch.
Musst du morgens schon wieder so rumschreien?! Hab ich halt gekauft! Hab ich doch das Recht zu bin schließlich der Mann im Haus, oder?
Du bist der Mann, der zwei Monate lang kein Wort mit seiner Frau spricht und bis heute die Steckdose im Kinderzimmer nicht reparieren kann! Sabine kam einen Schritt näher. Du hast einen Echolot gekauft? Wozu denn? Wir haben nicht mal ein Boot!
Für später, Georg tippte weiter auf dem Handy. Lass mich in Ruhe, Sabine. Kopfweh.
Mit dir kann man ja gar nicht reden, bei dem Gekreische werde ich zum Wahnsinn getrieben.
Soso, du willst nicht reden? Seit acht Wochen hast du nicht ein Mal mit mir gesprochen, hast die Kinder nicht mal beachtet. Wir leben wie in einer altmodischen Wohngemeinschaft!
Selbst schuld, murmelte er, ohne aufzublicken. Immer musst du die Schlaue spielen, sammelst Diplome, aber deinen Mann kannst du nicht unterstützen.
Geh raus! Mach die Tür zu von draußen.
Sabine zitterten die Hände.
Zwanzig Jahre waren sie zusammen. Geheiratet hatten sie ganz grün: Sie gerade 17, er 19, keine Ahnung vom Leben.
Georg fuhr damals LKW, drehte fleißig an seinem alten Mercedes-Benz Kurierwagen, und Sabine war überzeugt, so ein Mann hält für immer.
Während sie fleißig studierte, einen Abschluss nach dem anderen machte, blieb Georg, wo er war. Er war zufrieden, sagte:
Was soll ich mit deinen schlauen Büchern? Ich arbeite lieber mit den Händen. Guck mal, dass ich deiner Mutter den Zaun betoniert habe. Der hält ewig!
Und wirklich, der Zaun steht noch heute. Aber das war eben lange her arbeiten kannte er bald nur noch aus Erzählungen, der liebe Mann ist schlicht eingerostet.
Das Haus, in dem sie wohnten, hatte Sabine von der Oma geerbt. Alt, solide, aber verlangte ständig Aufmerksamkeit: Mal knarrte die Veranda, mal tropfte ein Wasserhahn.
Sabine lernte schließlich selbst, Dichtungen zu wechseln und Nägel in den Balken zu hauen auf Georg zu warten war schlicht sinnlos.
Morgen mach ich das! sagte er abends, ließ sich ins Sofa plumpsen.
Das berühmte morgen kam natürlich nie.
Vor zwei Monaten wurde Georg gekündigt hatte dem Chef vom Fuhrpark die Meinung gesagt, drehte sich um und warf mit der Tür.
Sabine sagte hierzu erstmal nichts, munterte ihn auf. Meinte: Du bist doch Profi, du findest schon was Besseres!
Die Jobsuche bestand dann aus einmal Anzeigen überfliegen und das wars. Danach fiel er in den Zustand einer Amöbe.
Auf Fragen reagierte er gar nicht mehr. Sabine fragte:
Gibts heute Abendessen?
Antwort: Windstille.
Fragte:
Hast du den Kleinen aus der Kita abgeholt?
Georg ging nur wortlos vorbei.
Das gab es so ähnlich schon mal vor fünf Jahren Georg begann sie auch damals einfach zu ignorieren.
Da war Sabine noch besorgt dachte, ihr Mann habe Depressionen. Lief ständig um ihn herum, schaute ihm tief in die Augen.
Und Georg genoss einfach nur.
***
Abends kam Sabine wie eine ausgepresste Zitrone aus dem Büro.
Im Rucksack schwere Lehrbücher sie machte Fortbildungskurse, um später vielleicht Abteilungsleiterin zu werden.
Im Haus roch es irgendwie nach nassem Hund minus Hund.
Die Kinder glotzten stumm in den Fernseher. Und der Ehemann?
Georg saß am Küchentisch und streichelte wie Gollum sein neues Spielzeug eben jenen Echolot.
Dreht ihn in den Händen, fährt mit dem Tuch darüber, ein Grinsen auf dem Gesicht wie kurz vor dem Hauptgewinn.
Haben die Kinder zu Mittag gegessen? fragt Sabine, wirft die Tasche auf den Stuhl.
Georg schweigt, hebt nicht mal den Kopf.
Georg, ich rede mit dir. Hast du die Kinder gefüttert?
Langsam erhebt er sich, greift nach dem Echolot und steuert zur Tür.
Aha, Sabine stellt sich ihm in den Weg. Wieder das große Schweigen? Sag mal, wovon willst du nächsten Monat den Strom bezahlen? Mein Gehalt reicht hinten und vorne nicht, wenn du unser Geld für solchen Unsinn raushaust!
Georg hält inne.
Ich sehe keinen Sinn mehr in unserer Ehe, sagt er plötzlich. Du bist unerträglich geworden, ständig am Meckern.
Ich brauche Luft Platz
Platz? Sabine fängt an zu lachen. Georg, du wohnst in meinem Haus! Du isst meinen Joghurt! Du schläfst auf Laken, die ich gewaschen habe!
Was für Platz willst du? Geh doch zum Hauptbahnhof, da steht genug Platz rum.
Genau das meine ich ja, er verzieht das Gesicht. Dein Haus und bei jeder Gelegenheit hältst du mir das unter die Nase. Du bist die Chefin, und ich? Bin der Anhang?
Du bist der Mann! Der Vater! Oder solltest es sein. Stattdessen bist du zum Möbelstück mutiert, das auch noch das Haushaltsgeld verschwendet.
Georg antwortet nicht, schiebt sie wortlos zur Seite und verschwindet ins Schlafzimmer. Nach wenigen Sekunden läuft schon wieder das Handy mit diesen endlosen Clipreihen.
***
Noch eine Woche ging das so weiter. Die Atmosphäre daheim wurde unausstehlich.
Die Kinder tuschelten und fragten ihre Mutter:
Hat Papa uns nicht mehr lieb? Warum repariert er mein Auto nicht, wenn ich ihn bitte?
Sabine tat ihnen leid, sie versuchte, mit Extra-Mama-Power das Stimmungstief auszugleichen: ging mit den Kindern in den Park, las abends Geschichten, ließ Freunde am Wochenende kommen.
Aber ihre Energie reichte kaum noch. Sie war einfach müde.
Dann brach der Tag an, an dem das Verandabrett endgültig durchbrach: Die Große fiel beim Nachhausekommen durch und schürfte sich das Knie blutig.
Sabine hetzte hinaus, als das Weinen losging. Ihre Tochter saß kreidebleich auf der Stufe.
Mama, das tut so weh! jammerte das Mädchen.
Sabine versorgte die Wunde, verband das Knie.
Georg? Saß mit Handy in der Gartenlaube, hatte alles gesehen, aber das Kind war ihm wohl unsichtbar.
Georg, bring mir das Werkzeug, bat Sabine leise. Ich will wenigstens ein Stück Sperrholz draufnageln, bis niemand mehr abfliegt.
Georg warf einen Blick auf das Loch, stand auf und … lief ins Haus.
Da war was in Sabine gebrochen. Sie schleppte alleine den Werkzeugkasten aus dem Schuppen, fand eine Platte, nagelte das Brett fest.
Der letzte Nagel war irgendwie der berühmte Tropfen.
Am Abend, als die Kinder schliefen, kam Sabine ins Schlafzimmer.
Georg lag auf dem Bett und glotzte ins Handy.
Steh auf, sagte sie.
Was machstn jetzt wieder? grummelte er.
Pack deine Sachen. Sofort.
Georg sprang auf:
Willst du mich veräppeln? Und wohin soll ich jetzt gehen? Es ist schon dunkel!
Mir wurscht. Geh zu deiner Mutter, ins Schrebergärtchen oder in den Wald nimm deinen Echolot und such den Sinn des Lebens. Hier wohnst du nicht mehr.
Lass die Show, er versuchte zu parodieren, seine Lippe zitterte aber komisch. Ohne mich hältst du eh nicht mal einen Monat aus.
Wer richtet dir dann den Zaun, hä? Wer fummelt am Auto?
Jemand, dem ich dafür bezahle, schnitt Sabine ihm das Wort ab. Das ist günstiger als dich durchzufüttern und deine Launen zu finanzieren.
Ich schleppe dieses Haus, unsere Kinder und dich, meinen persönlichen Tagträumer seit Jahren allein.
Jetzt reichts. Ich ziehe das alles alleine groß dich brauche ich nicht mehr.
Sammele deine Sachen und ab nach draußen. Du hast eine Stunde!
So hatte Georg seine Frau noch nie gesehen.
Wenn er sich mal als Herr im Haus fühlen wollte, spielte er Ewigkeiten das große Schweigen Sabine tat dann alles, um die Stimmung zu retten, und er genoss seinen Thron.
Und jetzt?
Ich finde morgen nen Job! Georg ruderte wild mit den Armen. Ehrlich! Es war halt ne schwere Phase
Du lebst seit Geburt in einer Phase, Georg.
Du arbeitest nicht, weil es keine Arbeit gäbe. Du bist halt bequem und findest es schön, auf meine Kosten zu leben.
Dein Schweigen ist keine Kränkung, sondern ein Werkzeug, um mir Schuldgefühle zu machen.
Aber weißt du was? Mir geht das am Allerwertesten vorbei, ab jetzt.
Georg bekam zum ersten Mal wirklich Angst:
Sabine, bitte … Wir sind doch nun zwanzig Jahre ein Paar …
Ja, zwanzig Jahre habe ich einen dritten Sohn großgezogen, der nie aufhören wollte, Kind zu bleiben. Los, Georg, Weg mit dir!
Georg packte ewig. Erst meckerte er, nannte Sabine geldgierig und egoistisch. Dann bettelte er um Vergebung, versprach morgen ALLES zu reparieren.
Er versuchte, auf die Tränendrüse zu drücken hatte angeblich nicht mal genug Geld für die Straßenbahn.
Sabine trug ihm zwei große Koffer und eine Tasche mit Technikspielzeug raus.
Gib mir wenigstens ein bisschen Kohle! gellte er von der Tür, als die Tür zufiel. Du hast doch einen Beruf, dir fehlts an nichts!
Mein Geld ist für die Kinder und meine Weiterbildung, erwiderte Sabine. Und du hast Hände und einen Echolot. Versuch, damit etwas Geld zu machen.
Sabine schloss die Tür, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser. Am nächsten Morgen hieß es früh raus Handwerker fürs Veranda-Brett bestellen und für die Prüfung lernen. Viel zu tun.
***
Natürlich versuchte Georg zurückzukommen. Schon am nächsten Tag nach seinem Auszug rief er sein Noch-Eheweib an und startete ein Theaterschlagerfinale:
Sabine, ehrlich, lass mich wieder zurück! Dein Putzfrauen-Bluff reicht doch jetzt, oder? Denk mal drüber nach wie willst du alleine klarkommen, mit zwei Blagen?
Es ist doch peinlich, Sabine! Du weißt doch, was die Nachbarn über Alleinerziehende sagen das ist wie … wie …
Na, wie Dosenfutter! Kapierste?
Wenn die Nachbarn erfahren, dass du mich rausgeworfen hast, die lachen sich schlapp!
So einen Kerl wie mich ziehen zu lassen handwerklich, kein Trinker …
Sabine traute ihren Ohren nicht. So ein Selbstbild!
Nach all den Jahren erkennt sie ihn erst jetzt richtig.
Je mehr Georg sich in Rage redete, desto fester wusste Sabine, dass sie alles richtig gemacht hatte.
Jedenfalls, lass den Quatsch jetzt! Ich pack schon, komme gleich. Wirklich, Sabine, ich hab keinen Cent, kannst du mir ein Taxi zahlen? Okay?
Sabine kicherte:
Georgi, lass stecken. Ich hab dir gesagt: In mein Haus kommt keiner wie du mehr rein. Nie wieder!
Du kannst gern aufhören anzurufen ich pack deine Nummer jetzt direkt auf die Sperrliste.
Und noch was: Keiner lacht über mich. Im Gegensatz zu dir sind unsere Nachbarn Menschen.
Machs gut, Georg!
Sie legte auf, blockierte die Nummer und wandte sich ihren Sachen zu.
Eine halbe Stunde später klingelte das Telefon wieder jetzt war es Schwiegermama. Die hatte Sabine sowieso nicht ausstehen können.
Sabinchen, willst du den Georg etwa verhungern lassen?
Mein Sohn leidet, findet keinen Schlaf, will nicht essen!
Du bist doch so klug, Sabinchen, du MUSST der Familie zuliebe alles retten, wenigstens für die Kinder!
Gib dem Georg noch eine Chance. Ich hab mit ihm geredet, er sieht alles jetzt ganz anders.
Ich schick ihn gleich zu dir.
Denk auch mal an mich: Ich bin ein alter Mensch, brauch Ruhe!
Rente ist klein, ich kann den Buben nicht noch durchfüttern! Hab doch Mitleid mit mir
Sabine drückte auf Anruf ablehnen auch Schwiegermutters Nummer wanderte auf die Sperrliste.
Einen Ehemann hatte sie jetzt jedenfalls nicht mehr und ehrlich gesagt, gings ihr alleine mit den Kindern sogar ganz ausgezeichnet.





