Verraten und stellt Bedingungen: Ein deutsches Familiendrama über Untreue, verletzten Stolz und das Ringen um Vergebung – zwischen Drohungen, Schuldzuweisungen und der Frage, wie viel eine Mutter für die Tochter erträgt

Verrat und Bedingungen im Traum

Hör zu, Anneliese, ich habe weder Zeit noch Lust, mir dein endloses Gejammer anzuhören.

Entweder du schaltest sofort diesen beleidigten Opfer-Modus ab, und wir leben einfach weiter, oder ich packe morgen meinen Koffer, und du erklärst unserer Tochter alleine, warum Papa weg ist.

Alleine! Verstanden?

Einfach weiterleben… wie denn, Martin? fragte sie leise. So, als wäre nichts? So, als hätte ich diese Nachrichten nicht gesehen?

Als hätte Jens Autowerkstatt dir nicht nachts um zwei geschrieben, wie sehr er deine Hände vermisst?

Martin stieß geräuschvoll Luft aus und zog sich, ohne zu schnüren, die Turnschuhe aus, drückte dabei mit der Ferse brutal auf die Hacken.

Schon wieder… dieselbe Leier. Ich sagte dir klar und deutlich: Es ist vorbei. Bin ich zuhause? Ja. Bin ich bei dir? Ja. Gebe ich dir Geld? Tue ich.

Was fehlt dir noch? Soll ich etwa auf die Knie fallen? Warte nicht drauf, das tue ich nicht!

Nein. Ich möchte nur, dass du aufhörst, mit mir so zu reden, als wäre ich dir lästig. Du bist nur noch schroff. Ironisch. Stichelst ständig…

Weil du unerträglich bist! fauchte er. Du schleichst hier herum wie ein Schlossgespenst, das Gesicht wie eine Zitrone.

Denkst du, ich komme gerne heim? Entweder gibst du mir ein Verhör oder ignorierst mich!

Jede vernünftige Frau hätte das schon längst unter den Teppich gekehrt für die Familie! Aber nein, du musst immer wieder die Wunde aufkratzen.

Er stieß an ihr vorbei in die Küche, stieß sie mit der Schulter leicht an. Anneliese schwankte, blieb aber stehen.

Sie hatte immer geglaubt, das große Los gezogen zu haben. Martin erfolgreich, durchsetzungsstark, ein toller Vater. Ihre Tochter, fünfjährige Leonie, eine gemeinsame Wohnung, beide gute Jobs.

Die Affäre, die vor einem halben Jahr aufflog, war kein Zufall Martin führte heimlich monatelang ein Doppelleben.

Anneliese hatte es durch Zufall erfahren Leonie spielte mit Papas Handy, als plötzlich die Nachricht aufpoppte: Jens Autowerkstatt wollte wissen, ob Martin diese Unterwäsche gekauft habe, die ihr so steht.

Als alles ans Licht kam, leugnete Martin es nicht. Erst war er stumm, dann wütend, schließlich erklärte er:

Ja, es gab was. Ist vorbei. Mach kein Drama draus, ich bin doch hier.

Sechs Monate lang keine Entschuldigung, kein Bedauern. Er empfand nicht mal Schuld und genau das verletzte Anneliese am meisten.

Als sie in die Küche kam, saß er mit seinem Handy am Tisch. Vor ihm ein Teller mit überbackenem Kabeljau, den sie fürsorglich zugedeckt hatte, damit er warm blieb.

Beim Salz gegeizt? spöttelte er beim Abheben der Abdeckung. Oder haben Tränen deine Geschmacksnerven taub gemacht?

Martin, bitte, hör auf. Leonie ist im Zimmer, sie hört alles.

Dann soll sie doch hören, brummte er und schob sich einen Bissen in den Mund. Soll sie ruhig wissen, dass Mama sich Mühe gibt, Papa aus dem Haus zu ekeln. Willst du doch, oder? Dass ich gehe?

Ich will, dass du ein Mensch bist. Du hast doch versprochen, du würdest an dir arbeiten, unsere Familie zusammenhalten. Ist das deine Arbeit an dir, mich zu demütigen?

Martin legte die Gabel beiseite.

Hör zu, Schatz: Eine Familie ist ein Projekt. Und an dem arbeite ich. Ich spiele mit der Kleinen, bezahle ihre Musikschule, bringe sie in den Kindergarten.

Du wolltest einen Vater für dein Kind? Den hat sie. Und ich muss nicht nett zu dir sein, nur weil du seit Monaten diesen Film fährst!

Ich mache es klar: Entweder Thema beendet oder ich gehe. Wenn ich gehe, gibts kein Geld mehr für dich.

Die Wohnung teilen wir, dann musst du verkaufen, mir meinen Anteil in hunderttausenden Euro auszahlen.

Kannst du das? Nein. Also, andere Wohnung, anderer Kindergarten für deine Leonie. Willst du sie da rausreißen?

Anneliese sagte kein Wort. Er kannte all ihre wunden Punkte. Der Gedanke, dass ihre Tochter ihre Freunde, ihren Waldkindergarten aufgeben müsste, in irgendeine fremde kleine Mietwohnung zöge, während Mama ums Zuhause kämpft, ließ Anneliese erstarren.

Also schweig, beendete Martin. Iss. Du bist schon so dünn, das macht ja Angst.

***

Abends, als Leonie ihren Plüschhasen umarmt einschlief, saß Anneliese allein auf dem Balkon, gefangen in ihren Gedanken.

Martin ein guter Vater im deutschen Sinne: kein Alkohol, keine Gewalt. Leonie vergötterte ihn.

Papa, du bist mein Held, flüsterte sie ihm morgens ins Ohr.

Wie könnte Anneliese diese Welt kaputtmachen?

Martins Stimme drang aus dem Wohnzimmer, er sprach am Telefon. Anneliese lauschte, ohne es zu wollen.

Ja, klar, morgen bleibts dabei. Kein Thema. Ich regle das schon. Soll sie ein bisschen jammern dann beruhigt sie sich wieder. Wohin sollte sie schon gehen in unserem Kahn?

Anneliese erstarrte. So also denkt er wirklich von ihr Sie riss die Tür auf.

Martin lasziv auf dem Sofa, die Beine ausgestreckt. Als er sie sah, legte er hastig auf.

Mit wem warst du da? fragte Anneliese.

Mit einem Kollegen. Soll ich dir die ganze Kontaktliste zeigen? er reichte ihr theatralisch das Handy. Da, schau nach. Bist ja jetzt unser Detektiv.

Aber pass auf: Wenn ich irgendwas gelöscht finde, das dir nicht passt, zieh ich morgen gleich zu meiner Mutter. Dann bist du schuld.

Veräppelst du mich, Martin? trat sie näher. Glaubst du echt, du kannst mir Bedingungen stellen, nach dem, was vorgefallen ist?

Ja. Weil ich der Mann bin. Ich entscheide, wie die Familie läuft. Entweder du folgst, oder du bist auf dich allein gestellt.

Er kam auf sie zu, stand dicht vor ihr.

Und glaub mir, Anneliese, ein anderer Mann wird deine Leonie niemals so lieben wie ich. Er wird sie dulden, solange du jung bist.

Danach ist sie ihm egal. Das willst du für deine Tochter? Einen Stiefvater, dem sie gleichgültig ist?

Du bist ein Schwein, Martin, hauchte sie.

Ich bin Realist, grinste er. Gut, ich geh duschen. Leg mir bitte ein frisches Hemd raus fürs Büro. Das weinrote. Und bügle es heute war wieder eine Falte am Kragen. Das nervt.

Er verschwand ins Bad, während Anneliese reglos im Wohnzimmer stand.

***

Der Morgen begann wie immer: Hektik. Anneliese briet Quarkkeulchen, Leonie widersetzte sich den Strumpfhosen.

Martin tauchte in dem gebügelten bordeauxroten Hemd auf.

Mama, gehen wir am Samstag in den Tierpark?

Natürlich, Häschen, Anneliese zwang sich zu einem Lächeln.

Papa, kommst du mit? Du wolltest mir doch den Löwen zeigen!

Martin strich seiner Tochter über den Kopf, plötzlich ganz sanft.

Ich komme, mein Schatz. Wenn Mama sich benimmt und Papa nicht ärgert, gehen wir.

Anneliese wäre fast der Pfannenwender aus der Hand gefallen.

Martin, spinnst du? zischte sie, als Leonie abgelenkt war.

Was denn? hob er scheinheilig die Brauen. Bringe dem Kind bei, wie Familie funktioniert.

Du willst doch nicht, dass wegen deiner Querelen das Wochenende ausfällt?

Anneliese schwieg. Was sollte sie auch noch sagen? Wieder zog er die Tochter vor.

***

Den ganzen Tag war sie bei der Arbeit zerstreut. Die Kolleginnen fragten, ob alles okay sei, sie winkte ab, sagte, sie habe schlecht geschlafen.

In der Pause klickte sie sich durch Immobilienportale. Die Preise in ihrem Stadtteil jenseits ihrer Reichweite.

Erschwingliches nur am anderen Rand von München.

Zwei Stunden Pendeln täglich. Der Kindergarten schließt um sechs. Ich schaffe es einfach nicht, Leonie abzuholen, dachte sie und klappte das Laptop zu. Wohin soll das führen? Wie soll ich das schaffen?

Eine Stunde vor Feierabend klingelte ihr Handy.

Ich komme heute später. Noch Termine. Esst ohne mich. Und, Anneliese…

Was?

Kauf einen guten halbtrockenen Roten. Heute Abend reden wir mal vernünftig, ganz ohne Theater.

Martin, ich will…

Ich frage nicht, unterbrach er. Ich gebe dir eine Chance, die Stimmung zu retten. Nutz sie. Bis nachher. Grüß Leonie.

Er legte auf. Anneliese starrte ihr Handy an, bis das Display dunkel wurde. Vielleicht sollte sie wirklich noch mal reden? Schlimmer konnte es kaum werden

***

Leonie schlief schnell ein, und Anneliese saß seit Stunden in der Küche. Die Flasche Rotwein stand da sie hatte sie gekauft, verachtete sich dafür.

Martin kam erst gegen elf, blendend gelaunt.

Fein hast du das gemacht, er küsste sie auf die Wange; Anneliese wich zurück. Ach komm, jetzt reiß dich zusammen. Trinken wir ein Glas.

Ich hab überlegt… Wir brauchen Urlaub! Lass uns nächsten Monat nach Griechenland, zu dritt. Leonie liebt das Meer, ich habe schon ein Hotel rausgesucht.

Urlaub, Martin? Anneliese war perplex. Wir leben doch wie Fremde zusammen!

Das bist du schuld, er nippte am Wein. Ich versuche zu kitten, was geht. Aber: Ich will dein Versprechen. Kein Wort mehr über die alte Geschichte.

Kein Nachforschen, kein Andeuten, kein Weinen. Wir machen einfach weiter. So, als wäre nichts!

Und Vertrauen? sah sie ihn direkt an.

Vertrauen darfst du dir jetzt nicht leisten, grinste er. Du brauchst Sicherheit, dein Kind braucht den Vater, das Haus braucht seinen Herrn.

Du hast all das. Der Preis? Dein Schweigen. Ein guter Deal, finde ich.

Und wenn ich nicht einverstanden bin?

Langsam stellte Martin das Glas ab.

Dann packst du morgen deine Koffer. Es reicht. Ich will eine verlässliche Frau, kein ständiges Drama.

Wenn du nicht verzeihen kannst wars das.

Aber denk daran: Ich nehme dir alles, was ich kann. Und die Schuld daran trägst du allein!

Er ging. Anneliese saß im Dunkeln und lauschte dem Wasser im Badezimmer. Sie wusste, das war Erpressung, blanke Rücksichtslosigkeit.

Jede starke Frau hätte ihm das Glas an den Kopf geworfen und wäre einfach gegangen. Aber sie…

Sie war vor allem Mutter und musste an ihre Tochter denken. Schließlich verdient jeder eine zweite Chance.

Der Mann ist einmal gestolpert, vielleicht sollte sie ihm vergeben. Wenigstens für Leonie sollte sie es versuchen…

Mama? Die kleine, verschlafene Stimme aus dem Flur.

Anneliese wischte sich schnell die Tränen ab; auf der Schwelle stand Leonie.

Mama, ich hatte einen schlimmen Traum. Wo ist Papa?

Papa ist hier, Liebling, nahm Anneliese die Tochter in den Arm, drückte sie an sich. Papa ist im Bad. Er bleibt. Komm her, es ist alles gut. Wir sind alle da.

Wirklich? Leonie schmiegte sich an. Und wir bleiben immer zusammen?

Anneliese schloss die Augen, spürte, wie ihr Herz in tausend Scherben zersprang.

Immer, mein Schatz. Immer.

Als sie Leonie ins Kinderzimmer legte, wusste sie: Sie würde die Familie zusammenhalten. Ab morgen würde sie alles tun, um zu vergessen. Aber das würde erst morgen beginnen…

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Homy
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