2. Juni 2023
Frankfurt am Main
Seit über einem Jahr lebe ich nun schon ohne richtiges Zuhause. Heute war das Wetter ausnahmsweise warm und freundlich. Ich, Lieselotte, habe die Gelegenheit genutzt, meine Kissen und meine Decke ordentlich auszulüften. Die Kissen sind alte Papiertüten, die ich mit Sägespänen gefüllt habe, als Decke dient ein ausgedienter Wandteppich mit Hirschmotiv. Sorgfältig habe ich den Teppich an der Leine zwischen zwei Kastanienbäumen befestigt und daneben die Bank aufgestellt, die mal mit rotem Kunstleder bezogen war. Darauf habe ich meine Kissen verteilt und mich für einen Moment ganz behaglich gefühlt.
Meine Tage verlaufen recht eintönig. Mein größter Wunsch ist es, etwas Geld zu sparen, meine verschwundenen Ausweispapiere zu ersetzen, um heimzukehren in meine alte Heimat im Süden Deutschlands, nach Ulm vielleicht, wo mein Elternhaus steht oder stand. Bis dahin aber wohne ich in einer verfallenen ehemaligen Försterhütte, deren Umgebung zum wilden Müllplatz verkommen ist.
Anfangs roch es nur schwach nach Abfall, aber die Müllberge wuchsen von Stunde zu Stunde: Bauschutt, kaputte Möbel, ausgeleierte Klamotten, zerbrochenes Geschirr all das brachte mir einen kleinen Schrank, einen zerschlissenen Hocker und sogar eine Holzkiste mit alten Kleidungsstücken ein.
Später kamen die Lieferwagen aus den Supermärkten, die abgelaufene Lebensmittel ablieferten. Nach gründlichem Suchen fand ich manchmal noch genießbares Obst, Gemüse oder tiefgefrorene Brezeln. Doch frisches Wasser war rar, ich musste es aus dem schmutzigen Bach holen und durch geschichtete Tücher und Holzkohle filtern. Feuerholz gab es genug überall lagen umgestürzte Baumstämme.
Geld fand ich selten. Die Münzen in den Taschen gebrauchter Jacken waren schon ein kleiner Schatz, und Portemonnaies nun, das war wie ein Lottogewinn.
Letzte Nacht wurde ich von Motorenlärm geweckt nichts Ungewöhnliches, hier entlädt man den Abfall oft heimlich. Doch diesmal war es ein teurer Jeep, der im Licht des Mondes wie ein Raubtier wirkte. Ein kräftiger Mann zog eine große, schwere Rolle aus dem Kofferraum und schleppte sie ins Dickicht zwischen zwei Müllberge.
Vielleicht eine Plastikplane, dachte ich hoffnungsvoll. Bald beginnt die Regenzeit, damit könnte ich Löcher im Dach abdichten! Als der Unbekannte jedoch weggefahren war, schlich ich mich vorsichtig hin und fand einen kunstvoll zusammengerollten Teppich. Fast wie aus einem der alten Frankfurter Villen, schwer und von hoher Qualität.
So ein schöner Teppich! Kein Dachmaterial, aber als Matratze sicher bequemer als meine Sägespäne-Kissen, überlegte ich. Ich wollte ihn gerade zusammenklappen, als plötzlich ein Stöhnen daraus zu hören war.
Mir schlotterten die Knie, denn ich hatte auf der Straße schon viel erlebt aber so etwas noch nie. Ganz vorsichtig rief ich: Wer ist da? erst war es still, dann wieder ein leises Wimmern, und schließlich hörte ich kaum hörbar: Ich ich bins, Margarethe von Amsberg
Mit aller Kraft zog ich am Teppich, bis ich endlich eine kleine, sehr zierliche Frau heraus befreite. Sie taumelte, das Gesicht bleich mit einem frischen Bluterguss an der Schläfe.
Na wunderbar, murmelte Margarethe, wo bin ich hier gelandet auf der Müllkippe danke dafür, Ewald!
Ich half ihr vorsichtig auf und geleitete sie in meine armselige Försterhütte. Dort setzte ich sie behutsam auf meinen einzigen (noch halbwegs intakten) Stuhl. Margarethe fror, also setzte ich Wasser im alten Kessel auf, holte getrocknete Kamille aus dem Schrank und goss ihr einen kräftigen Tee ein.
Ich heiße Lieselotte Brenner, stellte ich mich vor, früher war ich Lehrerin für Deutsch.
Sie starrte mich an, registrierte meinen kurzen Haarschnitt und die Herrenjacke, die ich trug. Bist du eine Frau?
Ja, antwortete ich seufzend, so ist es eben gekommen. In Frankfurt am Hauptbahnhof hat man mich ausgeraubt. Alles verloren Beutel, Geld, Ausweise.
Und warum bist du nicht zur Polizei? fragte Margarethe streng.
Ich erklärte ihr, dass man ohne Geld und mit zerstörten Papieren von niemandem Hilfe bekommt. Sie schaute mich mit einem Blick an, der zwischen Mitleid und Tadel schwankte.
Und du? Wie bist du in den Teppich geraten? fragte ich vorsichtig. Sie begann bitterlich zu weinen.
Manche Lebenswege sind eben kurvig und voller Fallstricke ach Gott, wie konnte es soweit kommen
Eine Weile sah sie mich verstimmt an. Warum hilfst du mir überhaupt? Weißt du überhaupt, wer ich bin? Kaum bin ich raus hier, gibts ein Donnerwetter! Und du solltest dich fragen, ob man so überhaupt leben kann.
Ich schaute beschämt auf meine schmutzigen Sachen vor ihr wirkte sogar meine Hütte wie ein Schloss gegen das, was sie gerade erlebt hatte.
Sie trank ihren Tee, ballte die Faust und sprach plötzlich wie zu einem unsichtbaren Gegner: So einfach mach ichs dir nicht, Ewald!
Der Morgen dämmerte bereits, als Margarethe nachfragte: Lieselotte, kommst du hier zurecht? Kennst du den Weg zur Bundesstraße? Ich nickte. Gut, dann bring mich dahin!
Wir traten hinaus, der Morgen war kühl und Margarethe nur in einem dünnen Kostüm. Nimm lieber eine Jacke, bot ich an, aber sie wies sie fast hochmütig zurück.
Nicht nötig. Ich friere nicht. Bring mich einfach nur bis zur Straße.
Auf dem Weg schimpfte sie unaufhörlich über den Kahlschlag und den verschwundenen Wald, bis wir an der Landstraße ankamen. Margarethe verabschiedete sich förmlich und versprach: Vielleicht kann ich dir helfen, Lieselotte.
Ich kehrte nachdenklich zurück, feuerte meinen kleinen Ofen an und begann, aus übrigem Mehl Fladen zu backen. Endlich wurden sie goldbraun, da krachte plötzlich die Tür auf Margarethe stand wieder zitternd vor mir, bleich und erschöpft.
Lieselotte, helfen Sie
Sie ließ sich weinend auf die Bank fallen. Ich habe Hunger, kann nicht mehr Die Autofahrer hielten alle nicht an, höchstens um zu fragen, wie ich zahlen will. Können Sie sich das vorstellen?
Ich reichte ihr ein frisches Brot. Ist noch aus dem Containermüll, aber nach gründlichem Sicherstellen und Sieden in Ordnung.
Margarethe schüttelte den Kopf. Unglaublich so etwas habe ich noch nie erlebt.
Sie sind schon alt, oder? fragte ich zögerlich.
Bald 90 Aber was hilfts? Nach Hause kann ich nicht mehr und mein Schwiegersohn will mich loswerden wie einen alten Sack.
In diesem Moment rollte draußen derselbe SUV heran. Ich flüsterte: Margarethe, bitte kein Ton!
Ich half ihr rasch, in meinen Erdkeller zu klettern und deckte den Eingang mit einer Holzplatte ab. Als es an die Tür klopfte, bemühte ich mich um einen gelassenen Ton: Kann ich Ihnen helfen?
Ein groß gewachsener Mann musterte mich verächtlich. Wohnen Sie hier? Ja. Sie haben nicht zufällig etwas Ungewöhnliches gesehen? Ich schüttelte den Kopf. Nur die wilden Hunde haben nachts nicht gebellt. Er ließ nicht locker, ging aber schließlich kopfschüttelnd.
Margarethe kletterte mürrisch aus dem Keller. Mein Schwiegersohn! Hat auf meine Witwenrente spekuliert, aber der bekommt von mir keinen einzigen Euro! Sie erzählte mit brüchiger Stimme, wie ihr verstorbener Mann eine Baufirma aufgebaut hatte, mit Aufträgen bis in die Schweiz und Immobilien in München und Berlin. Alles ist für meinen Enkel bestimmt. Aber dieser Ewald, mein Schwiegersohn, gönnt mir kaum noch Luft. Deshalb ließ er mich hier.
Ich versprach Margarethe, ihren Enkel zu verständigen. Sie schrieb mir seine Adresse in München auf und versicherte mir, dass ich Einlass finden würde, wenn ich als Botin auftrete. Ich machte mich schließlich auf den Weg zur Straße, in Margarethes Kleidung gehüllt.
Ein junger Mann mit dunklem Haar und Dialekt hielt mit seinem Mercedes neben mir an. Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit? Ich bring Sie gern nach München! Ich muss zu dieser Adresse, dort wartet jemand Wichtiges auf meine Nachricht. Er nickte, und unterwegs erzählte ich ihm alles.
An der Villa in München angekommen, reichte ich einem jungen Mann Viktor, so hieß Margarethes Enkel ihren Brief. Er las ihn, wurde blass und sprang auf. Sie lebt?! Ewald hat behauptet, sie sei in die Schweiz abgereist! Gemeinsam fuhren wir noch in derselben Nacht zurück zur Müllhalde.
Schon von weitem sahen wir dicke Rauchwolken. Schneller! rief ich. Die Hütte brannte lichterloh. Wir suchten verzweifelt, bis ich Margarethes Stimme hörte. Sie hatte noch rechtzeitig den Notausgang im Keller benutzt! Schmutzig, aber unverletzt kroch sie hervor und umarmte ihren Enkel.
Sie zitterte vor Wut. Geschafft, dieser Tunichtgut bekommt keinen Cent!
Viktor und seine Mutter, Margarethes Tochter, schlossen mich sofort in ihre Familie ein. Ich durfte bleiben, ein Notquartier fand sich im Gästezimmer. Schon am nächsten Tag besorgte Viktor einen Termin beim Bürgerbüro, damit ich endlich meine neuen Papiere erhielt. Margarethe bestand darauf, meiner Lieselotte zu helfen: Du brauchst ein ordentliches Kleid, einen festen Arbeitsplatz. Ich sorge dafür!
In den kommenden Wochen verwandelte ich mich äußerlich zusehends. Neue Kleider, ein Besuch beim Friseur, alte Wunden verheilten allmählich. Margarethe konnte ihr Testament endlich neu schreiben, Ewald wurde zur Rechenschaft gezogen und nach dem Prozess verurteilt.
Als wir nach dem Gerichtstermin im Garten feierten, nahm Viktor meine Hand. Tanzen Sie mit mir? Er führte mich elegant. Wollen Sie Margarethe nach Frankreich zu ihrem Häuschen begleiten? fragte er verschmitzt.
Ich musste lachen. Hat Margarethe die Einladung ausgesprochen? Nein, ich wünsche mir das, antwortete Viktor verlegen, denn ich habe Sie gern. Und wenn Sie zurück nach Ulm möchten, komme ich mit.
Bald darauf reisten wir gemeinsam in den Süden, nach Ulm, meine Eltern besuchten wir. Wenige Wochen später, bei einem Fest mit Ziehharmonika und Weißbier, tanzten wir alle gemeinsam und feierten wie früher auf den Straßen meiner Kindheit. Und als Andenken schenkten wir Margarethe ihren Biedermeierteppich zurück den alten, schwer gewordenen Teppich, der alles ins Rollen gebracht hatte.




