„Mama, mach auf! Ich bin’s! … Lisa? Das kann doch nicht sein… – Gleich, mein Schatz, ich komme…“ Die Mutter reißt die Tür auf – davor steht ihr Mädchen. Ihre Lisa, doch irgendwie anders. Erwachsen… „Darf ich reinkommen?“ – „Natürlich, Liebling, natürlich! Ich… ich bin so froh, dass du da bist…“ Draußen fällt leise Schnee. Aber irgendetwas ist anders… – Mama, mach auf! Ich bin’s! Die Stimme hinter der Tür kam so unerwartet, dass Olga Müller erstarrte – den Teller in der Hand. Ihr Herz krampfte sich zusammen: Sie erkannte dieses Geräusch sofort, obwohl sie es seit fast fünf Jahren nicht mehr gehört hatte. Lisa? Das kann doch nicht sein… Ihre Hände zitterten, während sie sie hastig am Schürzenzipfel abwischte und zur Tür eilte. Auf dem Weg stieß sie an die Tischkante – bemerkte gar nicht, wie die Tasse klirrend zu Boden fiel. – Gleich, mein Schatz, gleich… – ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. Sie öffnete die Tür – und vor ihr stand ihr Mädchen. Ihre Lisa – aber verändert. Erwachsen. In einem teuren Mantel, mit gepflegten Fingernägeln, einem kühlen Glanz in den Augen. Doch als sie lächelte, schien es Olga für einen kurzen Moment, als wäre das wieder das kleine Mädchen mit den Zöpfen. – Darf ich reinkommen? – Lisa neigte den Kopf, als wolle sie sie umarmen, tat es aber nicht. – Natürlich, Liebling, natürlich! – Olga trat verlegen beiseite, um sie hereinzulassen. – Ich wollte gerade Tee kochen… Du magst ihn doch immer mit Minze, ich erinnere mich… Die Tochter ging ins Wohnzimmer, schaute sich um. Alles war wie vor fünf Jahren – die gleichen Gardinen, dieselbe Vase auf dem Schränkchen, dieselben Fotos an der Wand. Lisa blieb vor einem stehen – darauf lachen beide, Arm in Arm, bei irgendeinem alten Fest. – Wie… wie geht es dir? – Olga wusste nicht, womit sie anfangen sollte. Ihre Hände zuckten, um den Kragen der Tochter zurechtzuziehen, doch sie hielt inne. – Ganz gut, – Lisa löste den Blick vom Foto. – Und dir? – Ach… ich lebe halt… Schweigen breitete sich aus – dicht und schwer. Olga bemerkte plötzlich, wie alt ihre Hände wirkten – sehnig, mit Altersflecken. Lisas Hände dagegen – schmal und perfekt manikürt. So… fremd. – Setz dich doch, bitte, – die Mutter eilte, alles recht zu machen. – Ich bin gleich da… – Mama, hör auf, – seufzte Lisa. – Lass uns einfach reden. Olga nickte, krallte die Hände ins Schürzenband. Mein Gott, wie sehr hatte sie sich gesehnt… – Ich… ich bin so froh, dass du gekommen bist, – platzte es aus ihr heraus. Lisa blickte sie an – in ihren Augen blitzte etwas Unbestimmtes auf. – Ja, Mama. Ich auch. Doch ihre Stimme klang gleichmäßig. Ohne Zittern. Ohne die Wärme, nach der Olga so sehr suchte. Draußen fiel leise Schnee. Als hätten die fünf Jahre gar nicht stattgefunden. Als sei die Tochter nur schnell zum Supermarkt gegangen – und jetzt zurück. Aber irgendetwas stimmte nicht. *** Olga Müller arbeitete von früh bis spät. Nach der Trennung von ihrem Mann, der ging, als Lisa gerade drei war, blieb sie alleine mit dem Kind zurück. Geld war ständig knapp, aber sie tat alles, damit ihre Tochter nie das Gefühl hatte, auf etwas verzichten zu müssen. – Mama, kauf mir dieses Kleid! Alle Mädchen in der Schule haben so eins, nur ich nicht! – Mama, mein Handy ist schon alt, wie kann ich mich damit noch sehen lassen? – Wenn du mich nicht auf die Party lässt, hab ich dich nicht mehr lieb! Sie seufzte, gab aber nach. Arbeitete nebenher, sparte an sich selbst – Hauptsache, Lisa ging es gut. Wenn die Tochter quengelte, entschuldigte sich Olga zuerst. Wenn sie böse war, schwieg sie, ertrug es. – Du verstehst mich überhaupt nicht! – schrie Lisa als Teenager und knallte die Tür. – Entschuldige, mein Schatz, – flüsterte die Mutter ihr nach. Und dann wurde die Tochter plötzlich erwachsen. Mit 22 brachte Lisa ihren Freund mit. – Das ist Sebastian. Wir werden heiraten, – verkündete sie überzeugt. Olga sah den stillen, zurückhaltenden Jungen an und verstand nicht: Was hatte ihre lebensfrohe, hübsche Tochter in ihm gefunden? – Lisa, du… liebst du ihn? – fragte sie vorsichtig. Lisa zuckte mit den Schultern. – Glaub schon. Aber das ist nicht wichtig. Er hat eine eigene Wohnung, verehrt mich – und ich will endlich mein eigenes Leben leben. Sie sagte das so leicht, als ginge es bloß um einen Umzug und nicht um eine Heirat. – Aber… du hast doch nie allein gelebt, weißt gar nicht, was du willst… – Mama, jetzt reicht’s! – unterbrach sie Lisa scharf. – Ich hab längst entschieden. Die Hochzeit war schlicht. Lisa bat nicht mal um Geld für ein Kleid – sie kaufte einfach das Erstbeste. – Ist doch eh nur eine Formsache, – meinte sie. Olga stand abseits, schluckte ihre Tränen hinunter. Ihr Mädchen, ihre Lisa… Jetzt so fremd. Nach der Hochzeit verschwand die Tochter. Olga rief an. – Lisa, wie geht’s dir? Kommst du mal vorbei? – Keine Zeit, Mama. Und warum auch? – Na, ich… ich vermisse dich… – Ach was. Du hast doch deinen Fernseher. Die Gespräche wurden kürzer. Lisas Stimme kühler. Doch die Mutter hoffte weiter. Jedes Mal deckte sie für zwei – falls die Tochter es sich vielleicht doch anders überlegen würde. Zu jedem Fest kaufte sie Geschenke – für künftige Enkel. Jedes Mal schaute sie aus dem Fenster – vielleicht sieht sie sie ja, ihre Lisa, auf dem Heimweg? Aber Lisa kam nicht. Und jetzt, nach fünf Jahren, stand sie auf einmal an der Tür. – Darf ich reinkommen? Und Olga, die alle Kränkungen vergessen hatte, griff schon nach ihr – als wäre sie das einzige Licht in ihrem einsamen Alter… *** Die ersten Tage waren fast glücklich. Olga kochte Tee, machte Brote wie früher: dünn butterbeschmiert, mit Schinken, leicht in der Pfanne angebraten. – Mama, mach dir doch nicht so viel Mühe, – wehrte Lisa ab, aß aber mit Appetit. Sie kochten Borschtsch nach Großmutters Rezept, schauten alte Filme, und Lisa umarmte sie eines Abends – zum ersten Mal seit Jahren. – Schlaf gut, Mama, – hauchte sie und küsste sie auf die Wange. Olga schlief mit einem Lächeln ein. Aber am dritten Tag veränderte sich etwas. Das Telefon klingelte. – Hallo, hier ist Nina, – die vertraute Stimme klang fröhlich. – Wie geht’s? Soll ich vorbeischauen? – Klar, komm doch! – freute sich Olga. Kaum hatte sie aufgelegt, runzelte Lisa die Stirn. – Wer war das? – Meine Freundin Nina. Wir trinken manchmal zusammen Tee… – Mama, du weißt doch, wie die Zeiten sind, – seufzte Lisa. – Alle lauern nur drauf, alten Leuten was abzuluchsen. – Aber Nina ist ein Goldstück! – Die sind alle Goldstücke, bis sie die Zähne zeigen, – erwiderte Lisa kalt. Nina kam an dem Tag nicht vorbei. Am nächsten Tag begann Lisa aufzuräumen. – Mama, wer ruft dich so oft an? – fragte sie, als sie sah, wie die Mutter am Telefon flüsterte. – Ach, nur unsere Nachbarin, Frau Schulze… – Ach, die, die sich immer einlädt? – Lisa verzog den Mund. – Wahrscheinlich denkt sie, dass du was hast. – Lisa, wie redest du denn! – Mama, du bist einfach zu gutmütig. Die Welt ist hart. Und Olga, die keinen Streit wollte, ging nicht mehr ans Telefon. *** Lisa ging auf den Balkon, zog die Glastür hinter sich zu. Olga beobachtete, wie sie nervös rauchte, das Handy gegen das Ohr gepresst und wild gestikulierend. – Nein, Sebastian, ich habe meine Meinung nicht geändert! – drang ihr durch das Glas entgegen. Die Mutter lauschte unfreiwillig, verstand aber nur Bruchstücke. – Weißt du überhaupt, wie viele Jahre ich gewartet habe?… Sie… ist doch eh bald… Es steht mir zu! Es ist fast alles erledigt! Olga wandte sich ab. „Wahrscheinlich streiten sie…“, dachte sie traurig. „Die Jungen eben…“ Am nächsten Tag, als Lisa einkaufen war, klingelte es. – Hallo? – Olga kannte die Nummer nicht. – Frau Müller? Hier ist Sebastian. Die Stimme ihres Schwiegersohns klang sonderbar – angespannt, als fiele ihm das Sprechen schwer. – Sebastian? Hallo! Ist was passiert? – Ich… weiß nicht, wie ich es sagen soll… – er schwieg, atmete aus. – Sie sollten es wissen. Lisa… ist nicht ohne Grund gekommen. – Was meinst du? – Sie… – Sebastians Stimme zitterte. – Sie überprüft, ob Sie das Erbe, also die Wohnung, niemand anderem überschrieben haben. Damit sie nachher sicher allein erbt. Stille. Olga weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie stand nur mit dem Telefon am Ohr da, während die Welt ringsum ihre Farbe zu verlieren schien. – Ich… hab versucht, sie davon abzubringen, – beeilte sich Sebastian zu sagen. – Aber sie meint, es wäre ihr Recht. Sie schulden ihr sowieso alles im Leben… – Warum… warum sagst du mir das? – flüsterte Olga endlich. – Weil das nicht richtig ist, – sagte er ungewohnt deutlich. – Ich liebe sie. Aber das geht zu weit. *** Als Lisa zurückkam, saß die Mutter in der Küche und sah zum Fenster hinaus. – Mama, warum bist du so still? – Lisa stellte die Tüten ab. – Sebastian hat angerufen. Lisa zuckte zusammen wie unter Strom. – Was… was hat er gesagt? – ihre Stimme wurde schrill. – Alles. Lisa erstarrte, dann verzog sich ihr Gesicht. – Er hatte kein Recht! Das ist unsere Sache! – Und ich? – Olga stand auf. – Hatte ich nicht ein Recht, das zu wissen? – Du… hättest drauf kommen können! – schrie Lisa. – Denkst du, ich komm hierher nur um sentimental zu sein? Stille. – Geh, – sagte die Mutter ganz leise. – Was? – Geh. Und komm nicht zurück. Lisa wollte etwas sagen, drehte sich aber ohne ein weiteres Wort um und schlug die Tür hinter sich zu – fort, wie vor fünf Jahren. Doch diesmal schaute Olga ihr nicht hinterher. Sie schloss die Augen – und ließ sich zum ersten Mal seit Jahren zu… …nicht mehr zu warten. Am Abend deckte sie nicht mehr für zwei. Warf die vergilbten Fotos fort, auf denen das Mädchen lächelte, das es nicht mehr gab. Sie tapezierte sogar das Wohnzimmer neu – hell und einladend, ohne Schatten der Vergangenheit. *** – Olga, hier ist Nina. Darf ich reinkommen? Die Stimme am Telefon klang warm, ein bisschen besorgt. – Natürlich, komm rein, – erwiderte Olga, und zum ersten Mal seit Ewigkeiten war in ihrer Stimme keine Müdigkeit mehr. Nina kam mit einem Apfelkuchen, blickte sich staunend um. – Alles sieht hier so neu aus, – sagte sie und stellte den noch warmen Kuchen ab. – War längst überfällig, – lächelte Olga und schenkte Tee ein. – Und wie… – Nina zögerte, – wie geht’s dir? – Ich lebe, – sagte sie. Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: – Ich lebe gut. Nina sah sie aufmerksam an – dann umarmte sie Olga herzlich und fest. – Morgen kommst du zu mir, wir machen Maultaschen. Und am Samstag gehen wir ins Theater – ich hab noch eine Karte übrig. Olga nickte. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie: Da ist jemand, der sich um sie kümmert. Nicht aus Pflicht, nicht aus Kalkül – einfach, weil es sie gibt.

11. Dezember

Mama, mach bitte auf! Ich bins…
Die Stimme vor der Tür war so unerwartet, dass mir beinahe der Teller aus der Hand gefallen wäre. Mein Herz setzte einen Schlag aus ich erkannte sie sofort, obwohl ich sie seit fast fünf Jahren nicht mehr gehört hatte. Anna? Das kann doch nicht sein…

Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie rasch am Küchentuch abwischte, während ich zur Tür lief. Unterwegs stieß ich die Tischkante und die Tasse fiel klirrend zu Boden.
Einen Moment, mein Schatz, gleich…, meine Stimme war nur noch ein leises Flüstern.

Ich riss die Tür auf und da stand meine Tochter. Meine Annchen, doch irgendwie… verändert. Erwachsen. In einem teuren Mantel, die Nägel perfekt lackiert, ein kühler Glanz in den Augen. Doch als sie lächelte, hatte ich für einen Moment das Gefühl, wieder mein kleines Mädchen mit den Zöpfen vor mir zu sehen.

Darf ich reinkommen? Anna beugte sich leicht vor, als wolle sie mich umarmen aber sie tat es nicht.

Natürlich, mein Herz, natürlich! Hastig trat ich zur Seite und ließ sie herein. Ich wollte gerade Tee aufsetzen… Du magst doch immer noch Minze, nicht?

Sie schaute sich in meiner Wohnung um, alles wie damals: die gestreiften Gardinen, die Vase von meiner Mutter, die Familienfotos an der Wand. Anna blieb vor einem von ihnen stehen wir beide darauf, lachend, Arm in Arm an einem alten Geburtstag.

Wie… wie geht es dir? Mir fielen keine Worte ein. Am liebsten hätte ich ihr den Mantel abgenommen, sie gestreichelt wie früher, aber ich hielt mich zurück.

Ganz gut. Sie wandte den Blick vom Foto ab. Und dir?

Och, ich lebe…

Lange hingen die Worte zwischen uns, schwer und unbeholfen. Ich betrachtete meine Hände, wie alt sie geworden sind, voller Altersflecken Annas Hände dagegen schlank, jung, gepflegt, fast fremd.

Setz dich doch, ich bring dir gleich was…

Mama, lass, bitte. Anna seufzte. Lass uns einfach reden.

Ich nickte. Hielt das Küchentuch fest. Gott, wie sehr ich sie vermisst hatte…

Ich… ich bin so froh, dass du da bist, platzte es aus mir heraus.

Anna sah mich an, in ihrem Blick lag etwas, das ich nicht greifen konnte.

Ja, Mama. Ich auch.

Doch ihre Stimme klang ruhig. Ganz kühl. Keine Spur jener Herzlichkeit, nach der ich mich so sehr sehnte.

Draußen fielen dicke Schneeflocken. Still. Langsam. Als wären keine fünf Jahre vergangen. Als hätte Anna nur kurz Brötchen geholt und käme nun einfach zurück.
Aber irgendetwas war anders.

***

Ich arbeitete viele Jahre, von früh bis spät. Nach der Trennung von meinem Mann, der fortging, als Anna erst drei Jahre alt war, war ich allein mit dem Kind. Geld reichte hinten und vorne nicht, aber ich tat alles, damit Anna nie etwas entbehren musste.

Mama, ich brauche dieses Kleid! Alle in der Schule haben so eines, nur ich nicht!

Mama, mein Handy ist schon uralt, damit kann ich mich nicht mehr zeigen!

Wenn ich nicht zur Party darf, dann hast du mich gar nicht lieb!

Ich seufzte, gab aber nach. Übernahm mich mit Minijobs, verzichtete auf alles für mich Hauptsache, Anna ging es gut. Wenn sie launisch war, entschuldigte ich mich als Erste; wenn sie schimpfte, schwieg ich und hielt durch.

Du verstehst mich überhaupt nicht!, schrie sie als Teenager und knallte die Tür zu.

Verzeih, mein Schatz, flüsterte ich ihr hinterher.

Und dann, ganz plötzlich, wurde sie erwachsen.

Mit zweiundzwanzig brachte Anna ihren Freund mit nach Hause.

Das ist Leon. Wir werden heiraten, verkündete sie voller Überzeugung.

Ich sah diesen stillen, zurückhaltenden jungen Mann an, wunderte mich, was meine lebenslustige, schöne Anna bloß in ihm gefunden hatte.

Annchen, liebst du ihn denn wirklich? fragte ich zaghaft.

Anna zuckte nur mit den Schultern.

Na ja, schon irgendwie. Aber das ist nicht so wichtig. Er hat eine eigene Wohnung, vergöttert mich und ich… ICH will jetzt endlich mal mein Leben leben.

Sie sagte das, als ob sie über einen Umzug und nicht eine Ehe sprechen würde.

Aber… du hast doch nie versucht, allein zu wohnen, zu sehen, was du wirklich willst…

Bitte, Mama! Ich habe längst entschieden.

Die Hochzeit war schlicht. Anna bat nicht einmal um Geld für ihr Kleid kaufte einfach das erste beste.

Ist doch bloß eine Formalie, meinte sie.

Ich saß abseits bei der Feier, schluckte meine Tränen hinunter. Mein Mädchen… meine Annchen… Jetzt gehörte sie einem anderen Leben.

Nach der Hochzeit zog Anna fort und kam nicht mehr. Ich rief an.

Annchen, wie gehts? Besuchst du mich mal?

Keine Zeit, Mama. Wozu denn eigentlich?

Weil… ich dich vermisse…

Du hast doch den Fernseher!

Unsere Gespräche wurden immer kürzer, kälter. Doch ich wartete. Immer wieder. Deckte jeden Abend für zwei auf falls sie vielleicht doch spontan käme. Zu Weihnachten kaufte ich kleine Geschenke für imaginäre Enkel. Jeden Tag blickte ich aus dem Fenster was, wenn ich ihre Gestalt auf dem Weg zum Haus erkennen würde?

Aber Anna kam nicht.

Und nun, nach fünf Jahren, stand sie auf der Türschwelle.

Darf ich reinkommen?

Und ich, ich vergaß alle alten Kränkungen und streckte mich ihr entgegen, wie nach dem letzten Licht in meinem einsamen Leben…

***

Die ersten Tage waren fast ein kleines Glück.

Morgens kochte ich Tee, schmierte Brote wie Anna es als Kind mochte: mit dünn Butter, ein bisschen Schinken, frisch in der Pfanne angebraten.

Mama, so viel Mühe musst du dir nicht machen, wehrte sie ab aber sie aß mit Appetit.

Wir kochten nach Omas Rezept Rindfleischsuppe, schauten alte Filme, und einmal umarmte Anna mich abends sogar zum ersten Mal seit Jahren.

Schlaf gut, Mama, sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Ich schlief mit einem Lächeln ein.

Doch am dritten Tag war alles anders.

Das Telefon klingelte.

Hallo, Ursula hier, hörte ich die vertraute Stimme der Nachbarin. Wie gehts? Soll ich mal vorbeikommen zum Kaffee?

Gern, komm rüber! freute ich mich.

Doch kaum hatte ich aufgelegt, verdüsterte sich Annas Miene:

Wer war das?

Eine Freundin, die Ursula. Wir trinken manchmal zusammen Kaffee…

Mama, du weißt doch, was heutzutage alles schiefgehen kann. Anna seufzte. Alle alten Leute werden doch nur ausgenommen.

Aber Ursula… sie ist eine Seele von Mensch!

Das sagen sie alle. Bis sie dir was wegnehmen…, gab Anna kühl zurück.

Ursula kam an diesem Tag nicht.

Am nächsten fing Anna an, die Schränke zu sortieren.

Mama, wer ruft dich eigentlich immer an?, fragte sie, als ich wieder flüsternd telefonierte.

Ach, nur Frau Meier von oben…

Die, die immer zufällig zum Essen bleibt? Die denkt bestimmt, du hast was übrig.

Annchen, wie kommst du darauf?

Mama, du bist zu gutmütig. Die Welt ist nicht nett.

Um Streit zu vermeiden, nahm ich die nächsten Anrufe nicht mehr entgegen.

***

Anna ging oft auf den Balkon, schlug die Glastür zu. Ich sah, wie sie nervös rauchte, das Handy am Ohr, wild gestikulierend.

Nein, Leon, ich habe meine Meinung nicht geändert! bruchstückhaft hörte ich ihre Stimme durchs Glas.

Ich horchte, verstand aber nur einzelne Worte.

Weißt du eigentlich, wie lange ich gewartet habe?… Sie kann doch sowieso nicht mehr… Das steht mir zu! Genug jetzt, es ist bald geregelt!

Ich wandte mich ab. Bestimmt ein Streit, dachte ich. Die Jungen…

Als Anna am nächsten Tag im Supermarkt war, klingelte das Telefon.

Ja? Ich kannte die Nummer nicht.

Frau Weber? Hier ist Leon.

Die Stimme meines Schwiegersohns klang merkwürdig angespannt, als koste ihn das Sprechen Überwindung.

Leon? Hallo! Ist etwas passiert?

Ich… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… Er stockte, seufzte dann. Sie sollten es wissen. Anna… sie ist nicht einfach so gekommen.

Was meinst du?

Sie… Leon verstummte kurz. Sie prüft, ob Sie Ihre Wohnung schon an jemand anderen überschrieben haben. Damit nachher… na, damit die Wohnung ihr auch sicher vererbt wird.

Stille.

Ich weinte nicht. Ich schrie nicht. Ich blieb einfach mit dem Hörer in der Hand sitzen, und die Welt wurde grau.

Ich… ich habe versucht, ihr das auszureden, redete Leon schnell weiter. Aber sie meint, das ist ihr Recht. Dass Sie ihr sowieso alles schulden…

Warum… warum sagen Sie mir das? Ich brachte es nur flüsternd über die Lippen.

Weil es Unrecht ist, seine Stimme klang nun fest. Ich liebe Anna. Aber das geht zu weit.

***

Als Anna wiederkam, saß ich einfach in der Küche am Fenster.

Mama, warum bist du so still? Sie stellte die Einkäufe ab.

Leon hat angerufen.

Anna erstarrte.

Was… was hat er denn erzählt? Ihre Stimme schwang hoch.

Alles.

Sie hielt den Atem an, ihr Gesicht verzog sich.

Er hatte kein Recht, das zu erzählen! Das ist zwischen uns!

Und was ist mit mir? Ich stand langsam auf. Hatte ich auch kein Recht, das zu wissen?

Du hättest es dir doch denken können! Was glaubst du denn, dass ich einfach zum Tränenvergießen gekommen bin?

Stille.

Bitte geh, sagte ich ganz leise.

Wie bitte?

Geh. Und komm nicht wieder.

Anna öffnete den Mund, als wolle sie noch etwas sagen aber dann drehte sie sich abrupt um, schlug die Tür hinter sich zu und war weg.

Wie vor fünf Jahren.

Nur dass ich ihr jetzt nicht mehr nachsah.

Ich schloss die Augen und ließ zum ersten Mal seit langer Zeit…

…mich nicht mehr im Warten verlieren.

Ich deckte abends nur noch für mich allein auf. Warf die verblichenen Bilder weg, auf denen ein Kind lächelt, das es so nie mehr geben wird. Tapete im Wohnzimmer neu, hell, ohne Erinnerungen an Früher.

***

Helga, hier ist Ursula. Darf ich reinkommen?

Die Stimme durch die Leitung klang warm, nur etwas zögerlich.

Aber sicher, komm nur, antwortete ich, und zum ersten Mal seit Jahren war in meiner Stimme keine Spur Müdigkeit.

Ursula erschien mit einem Streuselkuchen, schaute sich staunend um.

Hier sieht ja alles so frisch aus, meinte sie, während sie den noch lauwarmen Apfelkuchen auf den Tisch stellte.

Wurde dringend mal Zeit, lächelte ich und goss Tee ein.

Und… wie gehts… dir? fragte Ursula zögernd.

Ich lebe, antwortete ich schlicht. Und nach einer kleinen Pause: Ich lebe gut.

Ursula schaute mich an, dann nahm sie mich fest in den Arm.

Morgen kommst du zu mir zum Kartoffelknödel-Machen. Und am Samstag habe ich eine Karte fürs Theater übrig!

Ich nickte. Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste ich: Es gibt jemanden, der an mich denkt. Nicht aus Verpflichtung, nicht aus Eigennutz. Einfach, weil ich da bin.

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Homy
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„Mama, mach auf! Ich bin’s! … Lisa? Das kann doch nicht sein… – Gleich, mein Schatz, ich komme…“ Die Mutter reißt die Tür auf – davor steht ihr Mädchen. Ihre Lisa, doch irgendwie anders. Erwachsen… „Darf ich reinkommen?“ – „Natürlich, Liebling, natürlich! Ich… ich bin so froh, dass du da bist…“ Draußen fällt leise Schnee. Aber irgendetwas ist anders… – Mama, mach auf! Ich bin’s! Die Stimme hinter der Tür kam so unerwartet, dass Olga Müller erstarrte – den Teller in der Hand. Ihr Herz krampfte sich zusammen: Sie erkannte dieses Geräusch sofort, obwohl sie es seit fast fünf Jahren nicht mehr gehört hatte. Lisa? Das kann doch nicht sein… Ihre Hände zitterten, während sie sie hastig am Schürzenzipfel abwischte und zur Tür eilte. Auf dem Weg stieß sie an die Tischkante – bemerkte gar nicht, wie die Tasse klirrend zu Boden fiel. – Gleich, mein Schatz, gleich… – ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. Sie öffnete die Tür – und vor ihr stand ihr Mädchen. Ihre Lisa – aber verändert. Erwachsen. In einem teuren Mantel, mit gepflegten Fingernägeln, einem kühlen Glanz in den Augen. Doch als sie lächelte, schien es Olga für einen kurzen Moment, als wäre das wieder das kleine Mädchen mit den Zöpfen. – Darf ich reinkommen? – Lisa neigte den Kopf, als wolle sie sie umarmen, tat es aber nicht. – Natürlich, Liebling, natürlich! – Olga trat verlegen beiseite, um sie hereinzulassen. – Ich wollte gerade Tee kochen… Du magst ihn doch immer mit Minze, ich erinnere mich… Die Tochter ging ins Wohnzimmer, schaute sich um. Alles war wie vor fünf Jahren – die gleichen Gardinen, dieselbe Vase auf dem Schränkchen, dieselben Fotos an der Wand. Lisa blieb vor einem stehen – darauf lachen beide, Arm in Arm, bei irgendeinem alten Fest. – Wie… wie geht es dir? – Olga wusste nicht, womit sie anfangen sollte. Ihre Hände zuckten, um den Kragen der Tochter zurechtzuziehen, doch sie hielt inne. – Ganz gut, – Lisa löste den Blick vom Foto. – Und dir? – Ach… ich lebe halt… Schweigen breitete sich aus – dicht und schwer. Olga bemerkte plötzlich, wie alt ihre Hände wirkten – sehnig, mit Altersflecken. Lisas Hände dagegen – schmal und perfekt manikürt. So… fremd. – Setz dich doch, bitte, – die Mutter eilte, alles recht zu machen. – Ich bin gleich da… – Mama, hör auf, – seufzte Lisa. – Lass uns einfach reden. Olga nickte, krallte die Hände ins Schürzenband. Mein Gott, wie sehr hatte sie sich gesehnt… – Ich… ich bin so froh, dass du gekommen bist, – platzte es aus ihr heraus. Lisa blickte sie an – in ihren Augen blitzte etwas Unbestimmtes auf. – Ja, Mama. Ich auch. Doch ihre Stimme klang gleichmäßig. Ohne Zittern. Ohne die Wärme, nach der Olga so sehr suchte. Draußen fiel leise Schnee. Als hätten die fünf Jahre gar nicht stattgefunden. Als sei die Tochter nur schnell zum Supermarkt gegangen – und jetzt zurück. Aber irgendetwas stimmte nicht. *** Olga Müller arbeitete von früh bis spät. Nach der Trennung von ihrem Mann, der ging, als Lisa gerade drei war, blieb sie alleine mit dem Kind zurück. Geld war ständig knapp, aber sie tat alles, damit ihre Tochter nie das Gefühl hatte, auf etwas verzichten zu müssen. – Mama, kauf mir dieses Kleid! Alle Mädchen in der Schule haben so eins, nur ich nicht! – Mama, mein Handy ist schon alt, wie kann ich mich damit noch sehen lassen? – Wenn du mich nicht auf die Party lässt, hab ich dich nicht mehr lieb! Sie seufzte, gab aber nach. Arbeitete nebenher, sparte an sich selbst – Hauptsache, Lisa ging es gut. Wenn die Tochter quengelte, entschuldigte sich Olga zuerst. Wenn sie böse war, schwieg sie, ertrug es. – Du verstehst mich überhaupt nicht! – schrie Lisa als Teenager und knallte die Tür. – Entschuldige, mein Schatz, – flüsterte die Mutter ihr nach. Und dann wurde die Tochter plötzlich erwachsen. Mit 22 brachte Lisa ihren Freund mit. – Das ist Sebastian. Wir werden heiraten, – verkündete sie überzeugt. Olga sah den stillen, zurückhaltenden Jungen an und verstand nicht: Was hatte ihre lebensfrohe, hübsche Tochter in ihm gefunden? – Lisa, du… liebst du ihn? – fragte sie vorsichtig. Lisa zuckte mit den Schultern. – Glaub schon. Aber das ist nicht wichtig. Er hat eine eigene Wohnung, verehrt mich – und ich will endlich mein eigenes Leben leben. Sie sagte das so leicht, als ginge es bloß um einen Umzug und nicht um eine Heirat. – Aber… du hast doch nie allein gelebt, weißt gar nicht, was du willst… – Mama, jetzt reicht’s! – unterbrach sie Lisa scharf. – Ich hab längst entschieden. Die Hochzeit war schlicht. Lisa bat nicht mal um Geld für ein Kleid – sie kaufte einfach das Erstbeste. – Ist doch eh nur eine Formsache, – meinte sie. Olga stand abseits, schluckte ihre Tränen hinunter. Ihr Mädchen, ihre Lisa… Jetzt so fremd. Nach der Hochzeit verschwand die Tochter. Olga rief an. – Lisa, wie geht’s dir? Kommst du mal vorbei? – Keine Zeit, Mama. Und warum auch? – Na, ich… ich vermisse dich… – Ach was. Du hast doch deinen Fernseher. Die Gespräche wurden kürzer. Lisas Stimme kühler. Doch die Mutter hoffte weiter. Jedes Mal deckte sie für zwei – falls die Tochter es sich vielleicht doch anders überlegen würde. Zu jedem Fest kaufte sie Geschenke – für künftige Enkel. Jedes Mal schaute sie aus dem Fenster – vielleicht sieht sie sie ja, ihre Lisa, auf dem Heimweg? Aber Lisa kam nicht. Und jetzt, nach fünf Jahren, stand sie auf einmal an der Tür. – Darf ich reinkommen? Und Olga, die alle Kränkungen vergessen hatte, griff schon nach ihr – als wäre sie das einzige Licht in ihrem einsamen Alter… *** Die ersten Tage waren fast glücklich. Olga kochte Tee, machte Brote wie früher: dünn butterbeschmiert, mit Schinken, leicht in der Pfanne angebraten. – Mama, mach dir doch nicht so viel Mühe, – wehrte Lisa ab, aß aber mit Appetit. Sie kochten Borschtsch nach Großmutters Rezept, schauten alte Filme, und Lisa umarmte sie eines Abends – zum ersten Mal seit Jahren. – Schlaf gut, Mama, – hauchte sie und küsste sie auf die Wange. Olga schlief mit einem Lächeln ein. Aber am dritten Tag veränderte sich etwas. Das Telefon klingelte. – Hallo, hier ist Nina, – die vertraute Stimme klang fröhlich. – Wie geht’s? Soll ich vorbeischauen? – Klar, komm doch! – freute sich Olga. Kaum hatte sie aufgelegt, runzelte Lisa die Stirn. – Wer war das? – Meine Freundin Nina. Wir trinken manchmal zusammen Tee… – Mama, du weißt doch, wie die Zeiten sind, – seufzte Lisa. – Alle lauern nur drauf, alten Leuten was abzuluchsen. – Aber Nina ist ein Goldstück! – Die sind alle Goldstücke, bis sie die Zähne zeigen, – erwiderte Lisa kalt. Nina kam an dem Tag nicht vorbei. Am nächsten Tag begann Lisa aufzuräumen. – Mama, wer ruft dich so oft an? – fragte sie, als sie sah, wie die Mutter am Telefon flüsterte. – Ach, nur unsere Nachbarin, Frau Schulze… – Ach, die, die sich immer einlädt? – Lisa verzog den Mund. – Wahrscheinlich denkt sie, dass du was hast. – Lisa, wie redest du denn! – Mama, du bist einfach zu gutmütig. Die Welt ist hart. Und Olga, die keinen Streit wollte, ging nicht mehr ans Telefon. *** Lisa ging auf den Balkon, zog die Glastür hinter sich zu. Olga beobachtete, wie sie nervös rauchte, das Handy gegen das Ohr gepresst und wild gestikulierend. – Nein, Sebastian, ich habe meine Meinung nicht geändert! – drang ihr durch das Glas entgegen. Die Mutter lauschte unfreiwillig, verstand aber nur Bruchstücke. – Weißt du überhaupt, wie viele Jahre ich gewartet habe?… Sie… ist doch eh bald… Es steht mir zu! Es ist fast alles erledigt! Olga wandte sich ab. „Wahrscheinlich streiten sie…“, dachte sie traurig. „Die Jungen eben…“ Am nächsten Tag, als Lisa einkaufen war, klingelte es. – Hallo? – Olga kannte die Nummer nicht. – Frau Müller? Hier ist Sebastian. Die Stimme ihres Schwiegersohns klang sonderbar – angespannt, als fiele ihm das Sprechen schwer. – Sebastian? Hallo! Ist was passiert? – Ich… weiß nicht, wie ich es sagen soll… – er schwieg, atmete aus. – Sie sollten es wissen. Lisa… ist nicht ohne Grund gekommen. – Was meinst du? – Sie… – Sebastians Stimme zitterte. – Sie überprüft, ob Sie das Erbe, also die Wohnung, niemand anderem überschrieben haben. Damit sie nachher sicher allein erbt. Stille. Olga weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie stand nur mit dem Telefon am Ohr da, während die Welt ringsum ihre Farbe zu verlieren schien. – Ich… hab versucht, sie davon abzubringen, – beeilte sich Sebastian zu sagen. – Aber sie meint, es wäre ihr Recht. Sie schulden ihr sowieso alles im Leben… – Warum… warum sagst du mir das? – flüsterte Olga endlich. – Weil das nicht richtig ist, – sagte er ungewohnt deutlich. – Ich liebe sie. Aber das geht zu weit. *** Als Lisa zurückkam, saß die Mutter in der Küche und sah zum Fenster hinaus. – Mama, warum bist du so still? – Lisa stellte die Tüten ab. – Sebastian hat angerufen. Lisa zuckte zusammen wie unter Strom. – Was… was hat er gesagt? – ihre Stimme wurde schrill. – Alles. Lisa erstarrte, dann verzog sich ihr Gesicht. – Er hatte kein Recht! Das ist unsere Sache! – Und ich? – Olga stand auf. – Hatte ich nicht ein Recht, das zu wissen? – Du… hättest drauf kommen können! – schrie Lisa. – Denkst du, ich komm hierher nur um sentimental zu sein? Stille. – Geh, – sagte die Mutter ganz leise. – Was? – Geh. Und komm nicht zurück. Lisa wollte etwas sagen, drehte sich aber ohne ein weiteres Wort um und schlug die Tür hinter sich zu – fort, wie vor fünf Jahren. Doch diesmal schaute Olga ihr nicht hinterher. Sie schloss die Augen – und ließ sich zum ersten Mal seit Jahren zu… …nicht mehr zu warten. Am Abend deckte sie nicht mehr für zwei. Warf die vergilbten Fotos fort, auf denen das Mädchen lächelte, das es nicht mehr gab. Sie tapezierte sogar das Wohnzimmer neu – hell und einladend, ohne Schatten der Vergangenheit. *** – Olga, hier ist Nina. Darf ich reinkommen? Die Stimme am Telefon klang warm, ein bisschen besorgt. – Natürlich, komm rein, – erwiderte Olga, und zum ersten Mal seit Ewigkeiten war in ihrer Stimme keine Müdigkeit mehr. Nina kam mit einem Apfelkuchen, blickte sich staunend um. – Alles sieht hier so neu aus, – sagte sie und stellte den noch warmen Kuchen ab. – War längst überfällig, – lächelte Olga und schenkte Tee ein. – Und wie… – Nina zögerte, – wie geht’s dir? – Ich lebe, – sagte sie. Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: – Ich lebe gut. Nina sah sie aufmerksam an – dann umarmte sie Olga herzlich und fest. – Morgen kommst du zu mir, wir machen Maultaschen. Und am Samstag gehen wir ins Theater – ich hab noch eine Karte übrig. Olga nickte. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie: Da ist jemand, der sich um sie kümmert. Nicht aus Pflicht, nicht aus Kalkül – einfach, weil es sie gibt.
Eine Frau gab ihren neugeborenen Enkel an fremde Menschen ab. So kam es dazu.