11. Dezember
Mama, mach bitte auf! Ich bins…
Die Stimme vor der Tür war so unerwartet, dass mir beinahe der Teller aus der Hand gefallen wäre. Mein Herz setzte einen Schlag aus ich erkannte sie sofort, obwohl ich sie seit fast fünf Jahren nicht mehr gehört hatte. Anna? Das kann doch nicht sein…
Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie rasch am Küchentuch abwischte, während ich zur Tür lief. Unterwegs stieß ich die Tischkante und die Tasse fiel klirrend zu Boden.
Einen Moment, mein Schatz, gleich…, meine Stimme war nur noch ein leises Flüstern.
Ich riss die Tür auf und da stand meine Tochter. Meine Annchen, doch irgendwie… verändert. Erwachsen. In einem teuren Mantel, die Nägel perfekt lackiert, ein kühler Glanz in den Augen. Doch als sie lächelte, hatte ich für einen Moment das Gefühl, wieder mein kleines Mädchen mit den Zöpfen vor mir zu sehen.
Darf ich reinkommen? Anna beugte sich leicht vor, als wolle sie mich umarmen aber sie tat es nicht.
Natürlich, mein Herz, natürlich! Hastig trat ich zur Seite und ließ sie herein. Ich wollte gerade Tee aufsetzen… Du magst doch immer noch Minze, nicht?
Sie schaute sich in meiner Wohnung um, alles wie damals: die gestreiften Gardinen, die Vase von meiner Mutter, die Familienfotos an der Wand. Anna blieb vor einem von ihnen stehen wir beide darauf, lachend, Arm in Arm an einem alten Geburtstag.
Wie… wie geht es dir? Mir fielen keine Worte ein. Am liebsten hätte ich ihr den Mantel abgenommen, sie gestreichelt wie früher, aber ich hielt mich zurück.
Ganz gut. Sie wandte den Blick vom Foto ab. Und dir?
Och, ich lebe…
Lange hingen die Worte zwischen uns, schwer und unbeholfen. Ich betrachtete meine Hände, wie alt sie geworden sind, voller Altersflecken Annas Hände dagegen schlank, jung, gepflegt, fast fremd.
Setz dich doch, ich bring dir gleich was…
Mama, lass, bitte. Anna seufzte. Lass uns einfach reden.
Ich nickte. Hielt das Küchentuch fest. Gott, wie sehr ich sie vermisst hatte…
Ich… ich bin so froh, dass du da bist, platzte es aus mir heraus.
Anna sah mich an, in ihrem Blick lag etwas, das ich nicht greifen konnte.
Ja, Mama. Ich auch.
Doch ihre Stimme klang ruhig. Ganz kühl. Keine Spur jener Herzlichkeit, nach der ich mich so sehr sehnte.
Draußen fielen dicke Schneeflocken. Still. Langsam. Als wären keine fünf Jahre vergangen. Als hätte Anna nur kurz Brötchen geholt und käme nun einfach zurück.
Aber irgendetwas war anders.
***
Ich arbeitete viele Jahre, von früh bis spät. Nach der Trennung von meinem Mann, der fortging, als Anna erst drei Jahre alt war, war ich allein mit dem Kind. Geld reichte hinten und vorne nicht, aber ich tat alles, damit Anna nie etwas entbehren musste.
Mama, ich brauche dieses Kleid! Alle in der Schule haben so eines, nur ich nicht!
Mama, mein Handy ist schon uralt, damit kann ich mich nicht mehr zeigen!
Wenn ich nicht zur Party darf, dann hast du mich gar nicht lieb!
Ich seufzte, gab aber nach. Übernahm mich mit Minijobs, verzichtete auf alles für mich Hauptsache, Anna ging es gut. Wenn sie launisch war, entschuldigte ich mich als Erste; wenn sie schimpfte, schwieg ich und hielt durch.
Du verstehst mich überhaupt nicht!, schrie sie als Teenager und knallte die Tür zu.
Verzeih, mein Schatz, flüsterte ich ihr hinterher.
Und dann, ganz plötzlich, wurde sie erwachsen.
Mit zweiundzwanzig brachte Anna ihren Freund mit nach Hause.
Das ist Leon. Wir werden heiraten, verkündete sie voller Überzeugung.
Ich sah diesen stillen, zurückhaltenden jungen Mann an, wunderte mich, was meine lebenslustige, schöne Anna bloß in ihm gefunden hatte.
Annchen, liebst du ihn denn wirklich? fragte ich zaghaft.
Anna zuckte nur mit den Schultern.
Na ja, schon irgendwie. Aber das ist nicht so wichtig. Er hat eine eigene Wohnung, vergöttert mich und ich… ICH will jetzt endlich mal mein Leben leben.
Sie sagte das, als ob sie über einen Umzug und nicht eine Ehe sprechen würde.
Aber… du hast doch nie versucht, allein zu wohnen, zu sehen, was du wirklich willst…
Bitte, Mama! Ich habe längst entschieden.
Die Hochzeit war schlicht. Anna bat nicht einmal um Geld für ihr Kleid kaufte einfach das erste beste.
Ist doch bloß eine Formalie, meinte sie.
Ich saß abseits bei der Feier, schluckte meine Tränen hinunter. Mein Mädchen… meine Annchen… Jetzt gehörte sie einem anderen Leben.
Nach der Hochzeit zog Anna fort und kam nicht mehr. Ich rief an.
Annchen, wie gehts? Besuchst du mich mal?
Keine Zeit, Mama. Wozu denn eigentlich?
Weil… ich dich vermisse…
Du hast doch den Fernseher!
Unsere Gespräche wurden immer kürzer, kälter. Doch ich wartete. Immer wieder. Deckte jeden Abend für zwei auf falls sie vielleicht doch spontan käme. Zu Weihnachten kaufte ich kleine Geschenke für imaginäre Enkel. Jeden Tag blickte ich aus dem Fenster was, wenn ich ihre Gestalt auf dem Weg zum Haus erkennen würde?
Aber Anna kam nicht.
Und nun, nach fünf Jahren, stand sie auf der Türschwelle.
Darf ich reinkommen?
Und ich, ich vergaß alle alten Kränkungen und streckte mich ihr entgegen, wie nach dem letzten Licht in meinem einsamen Leben…
***
Die ersten Tage waren fast ein kleines Glück.
Morgens kochte ich Tee, schmierte Brote wie Anna es als Kind mochte: mit dünn Butter, ein bisschen Schinken, frisch in der Pfanne angebraten.
Mama, so viel Mühe musst du dir nicht machen, wehrte sie ab aber sie aß mit Appetit.
Wir kochten nach Omas Rezept Rindfleischsuppe, schauten alte Filme, und einmal umarmte Anna mich abends sogar zum ersten Mal seit Jahren.
Schlaf gut, Mama, sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Ich schlief mit einem Lächeln ein.
Doch am dritten Tag war alles anders.
Das Telefon klingelte.
Hallo, Ursula hier, hörte ich die vertraute Stimme der Nachbarin. Wie gehts? Soll ich mal vorbeikommen zum Kaffee?
Gern, komm rüber! freute ich mich.
Doch kaum hatte ich aufgelegt, verdüsterte sich Annas Miene:
Wer war das?
Eine Freundin, die Ursula. Wir trinken manchmal zusammen Kaffee…
Mama, du weißt doch, was heutzutage alles schiefgehen kann. Anna seufzte. Alle alten Leute werden doch nur ausgenommen.
Aber Ursula… sie ist eine Seele von Mensch!
Das sagen sie alle. Bis sie dir was wegnehmen…, gab Anna kühl zurück.
Ursula kam an diesem Tag nicht.
Am nächsten fing Anna an, die Schränke zu sortieren.
Mama, wer ruft dich eigentlich immer an?, fragte sie, als ich wieder flüsternd telefonierte.
Ach, nur Frau Meier von oben…
Die, die immer zufällig zum Essen bleibt? Die denkt bestimmt, du hast was übrig.
Annchen, wie kommst du darauf?
Mama, du bist zu gutmütig. Die Welt ist nicht nett.
Um Streit zu vermeiden, nahm ich die nächsten Anrufe nicht mehr entgegen.
***
Anna ging oft auf den Balkon, schlug die Glastür zu. Ich sah, wie sie nervös rauchte, das Handy am Ohr, wild gestikulierend.
Nein, Leon, ich habe meine Meinung nicht geändert! bruchstückhaft hörte ich ihre Stimme durchs Glas.
Ich horchte, verstand aber nur einzelne Worte.
Weißt du eigentlich, wie lange ich gewartet habe?… Sie kann doch sowieso nicht mehr… Das steht mir zu! Genug jetzt, es ist bald geregelt!
Ich wandte mich ab. Bestimmt ein Streit, dachte ich. Die Jungen…
Als Anna am nächsten Tag im Supermarkt war, klingelte das Telefon.
Ja? Ich kannte die Nummer nicht.
Frau Weber? Hier ist Leon.
Die Stimme meines Schwiegersohns klang merkwürdig angespannt, als koste ihn das Sprechen Überwindung.
Leon? Hallo! Ist etwas passiert?
Ich… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… Er stockte, seufzte dann. Sie sollten es wissen. Anna… sie ist nicht einfach so gekommen.
Was meinst du?
Sie… Leon verstummte kurz. Sie prüft, ob Sie Ihre Wohnung schon an jemand anderen überschrieben haben. Damit nachher… na, damit die Wohnung ihr auch sicher vererbt wird.
Stille.
Ich weinte nicht. Ich schrie nicht. Ich blieb einfach mit dem Hörer in der Hand sitzen, und die Welt wurde grau.
Ich… ich habe versucht, ihr das auszureden, redete Leon schnell weiter. Aber sie meint, das ist ihr Recht. Dass Sie ihr sowieso alles schulden…
Warum… warum sagen Sie mir das? Ich brachte es nur flüsternd über die Lippen.
Weil es Unrecht ist, seine Stimme klang nun fest. Ich liebe Anna. Aber das geht zu weit.
***
Als Anna wiederkam, saß ich einfach in der Küche am Fenster.
Mama, warum bist du so still? Sie stellte die Einkäufe ab.
Leon hat angerufen.
Anna erstarrte.
Was… was hat er denn erzählt? Ihre Stimme schwang hoch.
Alles.
Sie hielt den Atem an, ihr Gesicht verzog sich.
Er hatte kein Recht, das zu erzählen! Das ist zwischen uns!
Und was ist mit mir? Ich stand langsam auf. Hatte ich auch kein Recht, das zu wissen?
Du hättest es dir doch denken können! Was glaubst du denn, dass ich einfach zum Tränenvergießen gekommen bin?
Stille.
Bitte geh, sagte ich ganz leise.
Wie bitte?
Geh. Und komm nicht wieder.
Anna öffnete den Mund, als wolle sie noch etwas sagen aber dann drehte sie sich abrupt um, schlug die Tür hinter sich zu und war weg.
Wie vor fünf Jahren.
Nur dass ich ihr jetzt nicht mehr nachsah.
Ich schloss die Augen und ließ zum ersten Mal seit langer Zeit…
…mich nicht mehr im Warten verlieren.
Ich deckte abends nur noch für mich allein auf. Warf die verblichenen Bilder weg, auf denen ein Kind lächelt, das es so nie mehr geben wird. Tapete im Wohnzimmer neu, hell, ohne Erinnerungen an Früher.
***
Helga, hier ist Ursula. Darf ich reinkommen?
Die Stimme durch die Leitung klang warm, nur etwas zögerlich.
Aber sicher, komm nur, antwortete ich, und zum ersten Mal seit Jahren war in meiner Stimme keine Spur Müdigkeit.
Ursula erschien mit einem Streuselkuchen, schaute sich staunend um.
Hier sieht ja alles so frisch aus, meinte sie, während sie den noch lauwarmen Apfelkuchen auf den Tisch stellte.
Wurde dringend mal Zeit, lächelte ich und goss Tee ein.
Und… wie gehts… dir? fragte Ursula zögernd.
Ich lebe, antwortete ich schlicht. Und nach einer kleinen Pause: Ich lebe gut.
Ursula schaute mich an, dann nahm sie mich fest in den Arm.
Morgen kommst du zu mir zum Kartoffelknödel-Machen. Und am Samstag habe ich eine Karte fürs Theater übrig!
Ich nickte. Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste ich: Es gibt jemanden, der an mich denkt. Nicht aus Verpflichtung, nicht aus Eigennutz. Einfach, weil ich da bin.




