Mit einem tiefen Atemzug, als würde sie Mut für einen Sprung ins Unbekannte sammeln, schritt Annegret Baumgartner über die Schwelle des Verwaltungsgebäudes in Frankfurt, als träte sie in einen Traum, in dem alles möglich und nichts logisch war. Das Morgenlicht glitzerte wie flüssiges Silber auf dem polierten Marmorboden und warf irrlichternde Muster in ihr glänzendes Haar. Jeder Schritt hallte wie ein Echo durch einen Ballsaal, in dem Flüstern und das Klicken von Absätzen sich zu einer leisen Melodie vermischten. Fast fühlte Annegret, wie dieser Moment eine geheime Türe in ihr öffnete hinaus aus Küche und Waschmaschine, hinein in eine surreale Wunschwelt aus Neonlicht und Exceltabellen.
Am Empfang stand eine Frau mit klaren Gesichtszügen, Kaiserschmarrnblond, deren blaue Augen jeden Neuankömmling prüften, als seien sie Detektoren für Träume. Annegret lächelte unsicher, doch stolz wie eine Hanseatin im Gegenwind.
Guten Morgen. Ich bin Annegret. Heute ist mein erster Arbeitstag hier, sagte sie ihre Stimme war wie eine Glocke auf einem leeren Marktplatz, fest und zitternd zugleich.
Lena, die Empfangsdame, wirkte so, als hätte ihr Hund gerade eine philosophische Frage gestellt. Sie runzelte die Stirn und ihre Worte wirbelten wie fallende Blätter:
Du möchtest wirklich hier anfangen? Entschuldige, aber die meisten halten es nicht mehr als vier Wochen bei uns aus.
Gestern wurde ich in der Personalabteilung eingestellt, erwiderte Annegret leise, als ob schon der Flur voller Lauscher wäre. Ich hoffe einfach, dass alles gut wird.
Lena sah sie an, als hätte sie in Annegret einen Schatten aus ihrer eigenen Vergangenheit erkannt. Dann kam sie hinter ihrem Tresen hervor, als wolle sie Annegret durch ein Labyrinth geleiten.
Komm dein Schreibtisch am Fenster. Viel Licht, viel Platz aber sei vorsichtig. Ihre Stimme wurde zur Verschwörung. Leg sofort ein sicheres Passwort an. Und: Passe auf, wem du hier vertraust. Deine Arbeit sollte nicht zur Beute werden.
Annegret nickte ein Reflex. Das Büro war groß wie ein Flughafen, aber statt startender Flugzeuge gab es hier nur den Flug von Gerüchten durch die Luft. Frauen saßen hinter riesigen Bildschirmen, ihre Frisuren wie Türme aus Lübecker Marzipan, ihr Make-up so frisch, als führten sie jeden Moment zur Modenschau auf. Sie blickten auf Annegret wie Wissenschaftler auf eine seltene Pflanze im Botanischen Garten: kühle, glänzende Blicke, voller unausgesprochener Geschichten.
Aber Annegret spürte zwischen Tiefkühl-Tratsch und getakteten Einladungen erstmals seit Jahren so etwas wie Herzklopfen. Zuhause war sie Mutti, Putzfee, die Frau von Sebastian. Hier, in diesem bürokratischen Märchen, durfte sie einfach Annegret sein mit Tastatur statt Kochlöffel.
Der Tag verflog wie ein ICE im Nebel. Sie stürzte sich in Angebote, Berichte, E-Mails mit seltsamen Anhängen. Sie wollte nicht glänzen, nur gebraucht werden, ihren Wert fühlen. Hinter ihrem Rücken, im Schatten hinter Monitoren, wuchsen die Gerüchte wie Pilze nach Regen. Susanne groß, mit blitzenden Augen, und Maike ihre beste Freundin, stets vorbereitet für Klatsch warfen sich scharfe Worte zu wie Jongleure.
Hey, Frischling! Susannes Stimme war wie warmer, spitzer Asphalt. Kaffee, schwarz, keine Milch. Sofort!
Annegret drehte sich kein Funke Angst in ihrem Blick.
Bin ich hier die Hausdame?, sagte sie ruhig, aber ihre Stimme war fest wie Torf unter Birken. Ich habe eigene Aufgaben. Und die sind wichtiger als dein Kaffee.
Ein fieses Kichern folgte; Susannes Lächeln war wie ein gesprungener Spiegel. Aber ein rasender Funke zuckte in ihrem Blick. Annegret spürte, ein unsichtbares Kriegsbeil wurde ausgegraben.
In der Kantine führte Lena sie durch ein Labyrinth aus Tabletts und Käsesemmeln. Lenas Worte verirrten sich in Annagrets Kopf wie Wind in Heidelbeeren. Beim Rückweg standen Susanne und Maike direkt an Annagrets Platz ertappt wie zwei Teenager in Omas Pralinenschrank.
Jetzt gehts los!, dachte Annegret. Ich bin nicht aus Zucker.
Sie blieb an diesem Abend als Letzte zurück. Doch an ihrem Stuhl klebte noch etwas Unmut, aber auch ein klebriges, eigentümliches Gefühl. Susanne und Maike hatten sich Verbündete gesucht. Ziel: die Neue muss verschwinden.
Am nächsten Morgen war alles wie im Traum aus Salbei und Stille. Lena beugte sich, als wäre sie eine Mitwisserin eines alten Familiengeheimnisses.
Weißt du, flüsterte sie, ich saß bis vor Kurzem auf deinem Platz. Dann haben die beiden mich fast zermürbt. Sie haben meinen Rechner gehackt, Unterlagen kopiert, beim Chef angeschwärzt. Ich habe irgendwann einfach gekündigt.
Schlimm, sagte Annegret. Aber mich bekommen sie nicht.
Lena schüttelte den Kopf. Susannes Onkel ist hier, rechte Hand vom Geschäftsführer. Deshalb glaubt sie, sie könne schalten und walten.
Annegret lächelte still. Wir werden sehen.
Es kam schlimmer. Irgendwer goss eine sirupartige Flüssigkeit auf ihren Stuhl, gerade als Annegret einen Moment den Raum verließ. Sie merkte es erst, als sie aufstand und sah, wie ein dunkler Fleck an ihrem Rock klebte. Kichernde Blicke, schadenfroher Spott alles sickerte in Annagrets Rücken wie kalter Regen.
Doch sie ließ sich nicht brechen. Die Intrigen wurden perfider Tastatur verschwunden, Dateien umbenannt (Langweilerin, Hausmütterchen), die Techniker mussten antanzen.
Lena aber konnte nicht mehr. Sie packte an einem grauen Dienstag ihre Sachen und war weg. Keine Abmeldung, nur ein schwaches Winken durch die Glasscheiben. Aber Personalchefin Brigitte Mertens streng, aber gerecht half: fand ihr sofort einen neuen Job und eine kleine Zulage. Am wichtigsten aber: Lena überlebte. Und sie kehrte zurück in einen anderen Bereich, gestählt, wie eine Generalin. Die alten Tratschtanten bekamen plötzlich Abmahnungen für Zuspätkommen, Klatsch, Mobbing. Bald trauten sie sich kaum noch zu lästern.
Brigitte Mertens lächelte. Endlich Ordnung.
Annegret machte weiter ruhig, korrekt, ohne sich auf Spielchen einzulassen. Was immer kam: Sie erledigte ihre Arbeit solide, ehrlich, mit Stolz.
Doch die Gerüchte brodelten weiter wie heißer Würzwein am Weihnachtsmarkt. Eines Tages stand Lena an ihrem Schreibtisch, ihre Stimme war heiser von Sorge:
Annegret, es geht herum, duhättest dich hochgeschlafen.
Annegret erstarrte, dann lachte sie ein stummer Schrei vor Empörung. Quatsch ich?
Sie schaute Lena an wie einen Schatten an der Wand, der plötzlich zu flüstern beginnt. Beide wussten, wie gemein die Welt sein kann.
Die Frühlingsfeier nahte das Betriebsfest im MainTower, mit Würstchen und Sekt. Daheim, bei Currywurst und Butterbrot, sagte Annegret zu ihrem Mann:
Sebastian, nächste Woche ist das große Fest. Lass dir was Feines einfallen. Ich will, dass alle kommen.
Sebastian Baumgartner, Vorstandsvorsitzender niemand ahnte es im Büro lächelte leise.
Was du wünschst, passiert, Herzblatt.
Niemand ahnte, Annegret war Sebastians Frau. Sie wollte nie wegen des Status etwas gelten, sondern wissen: kann ich mehr als Spülmaschine und Einschlafgeschichten?
Mit jedem Flurtratsch wuchs ihre Klarheit: Es sind Susanne und Maike, wegen denen so viele kündigen.
Die Vorfreude auf das Fest war greifbar wie der Duft von Backwaren morgens am Hauptbahnhof. Lena war traurig ihr Kleid veraltet, das Geld ging für die Behandlung ihres Vaters drauf.
Lena, sagte Annegret dann. Komm, ich kaufe dir ein Kleid. Als Dankeschön.
Lena sträubte sich Bescheidenheit, wie sie nur Nordlichter kennen. Doch Annegret bestand darauf.
Als Lena dann im funkelnden Mercedes saß, staunte sie: Wie? Woher?
Egal, lachte Annegret. Heute bist du die Königin.
Im Laden war ein Kleid teurer als Lenas Monatslohn, aber Annegret ließ ihr keine Wahl.
Das ist kein Geld, sagte sie. Das ist Freude.
Der Tag kam. Die Kollegen erschienen in ihren modischsten Outfits, doch Annegret und Lena strahlten am meisten. Ihre Kleider leuchteten wie Abendhimmel über dem Tegernsee. Susanne und Maike sahen sie an wie Gespenster, Mienen verbissen, eigene Kleider schienen plötzlich aus der Zeit gefallen.
Dann trat Sebastian ans Mikrofon. Sein Blick fiel auf Annegret liebevoll, sicher. Seine Stimme füllte den Saal wie ein Orgelton:
Liebe Kolleginnen und Kollegen. Bevor wir feiern, darf ich Ihnen meine Frau vorstellen: Annegret Baumgartner!
Stille. Dann tosender Applaus. Susanne und Maike wurden blass wie Kreide, Worte blieben ihnen im Hals stecken. Die, die sie erniedrigen wollten, war die Ehefrau des Chefs seit sieben Jahren.
Ihre Blicke glühten vor Wut, doch Annegret schaute ruhig zurück ohne Hass, ohne Siegerpose, nur mit Stolz.
Brigitte Mertens verstand alles, ihr Lächeln war wie leiser Applaus.
Das Fest geriet zur Sensation. Noch in derselben Nacht reichten Susanne und Maike ihre Kündigung ein und nie wieder verschwanden Kollegen so blitzschnell.
Daheim erzählte Annegret Sebastian von Lenas Vater. Er organisierte gleich einen Spezialisten. Am Samstag fuhren sie zusammen hin. Nach der Untersuchung verkündete der Arzt:
Keine Sorge mehr. Ihr Vater ist gesund.
Lena weinte, fiel Annegret um den Hals, konnte gar nicht aufhören sich zu bedanken.
Das Gute siegte, wie in alten Märchen.
Susanne und Maike fanden keinen neuen Job ihre Namen waren verbrannt wie Brot im Toaster. Für Bosheit findet sich selten ein Platz in der Welt.
Lena aber heiratete einen fleißigen, freundlichen Kollegen. Sie wurde glücklich.
Und all das, weil Annegret Baumgartner eines Morgens beschloss, aus ihrem alten Leben in einen neuen Traum zu treten.
Denn manchmal genügt eine mutige Frau, um alles zu verändern im Leben und selbst in den verrücktesten Träumen.



