Wer braucht dich schon mit Anhang? – Die Geschichte einer jungen Mutter zwischen Liebe, Enttäuschung und Neubeginn

Bist du dir sicher, meine Kleine?

Klara legte ihre Hand auf die ihrer Mutter und versuchte zu lächeln.

Mama, ich liebe ihn. Und er liebt mich. Wir werden heiraten, und alles wird gut. Wir werden eine richtige Familie, verstehst du?

Der Vater schob seinen fast unangetasteten Teller Linsensuppe zur Seite und blickte finster aus dem Fenster. Sein Schweigen dauerte nur Sekunden, doch für Klara zogen sie sich endlos.

Du bist erst neunzehn, sagte er schließlich. Du solltest ans Studium denken, an deine Zukunft. Nicht ans Heiraten.

Papa, ich schaffe das schon. Klaras Stimme blieb ruhig, obwohl sie innerlich bebte, wollte beweisen, wollte ihre Eltern überzeugen, dass sie das Richtige tat. Martin arbeitet, ich studiere. Wir brauchen kein Geld von euch. Wir wollen nur zusammen sein. Als Familie.

Der Vater schüttelte nur den Kopf und schwieg.

Sie waren nicht begeistert. Klara sah es an den zusammengepressten Lippen ihres Vaters, daran, wie nervös ihre Mutter am Brottuch nestelte. Doch sie leisteten auch keinen Widerstand. Vielleicht, weil sie sich an ihre eigene Jugend erinnerten. Vielleicht auch, weil sie wussten, Verbote würden Klara nur trotzig machen.

Die Hochzeit fand im Mai statt, schlicht, aber so warmherzig, dass Klara noch heute ein Gefühl der Geborgenheit überkam, wenn sie daran dachte. Weder schicke Location noch Stretchlimousine, keine Tauben aber sie waren glücklich.

Die Flitterwochen verbrachten sie eine Woche an der Ostsee, in einem kleinen Gästehaus in Timmendorfer Strand. Martin hätte nicht länger freinehmen können, und Geld hatten sie ohnehin kaum. Dennoch fühlte sich diese Woche für Klara wie ein schwebender Zauber an, losgelöst von der Realität. Sie schliefen lange aus, frühstückten auf dem winzigen Balkon mit Blick aufs Meer, bummelten Hand in Hand die Promenade entlang bis weit nach Sonnenuntergang, aßen Fischbrötchen aus Imbissbuden und küssten sich, als gäbe es kein Morgen.

Dann begann der Alltag. Ein echtes Leben, ohne romantische Illusionen. Die kleine Mietwohnung im Hamburger Plattenbau, im Winter zog es durch die alten Fenster, oben trampelten die Nachbarn, dass der Kronleuchter wackelte. Martin ging um sieben aus dem Haus, Klara eilte zur Uni, abends trafen sie sich abgekämpft wieder, wärmten Reste auf und fielen ins Bett, kaum dass der Kopf das Kissen berührte.

Doch selbst in dieser monotonen Müdigkeit lag etwas Richtiges, etwas Echtes.

Ein halbes Jahr später baten die Eltern, am Wochenende vorbeizukommen. Klara durchlief besorgt alle Möglichkeiten von Katastrophen bis zu Kleinigkeiten. Doch am Küchentisch schoben sie ihr und Martin lautlos einen Umschlag zu.

Für euch, sagte der Vater, den Blick an ihrer Schulter vorbei gerichtet. Für eine eigene Wohnung. Muss ja keine große sein aber dann hört dieses ewige Mieten auf.

Klara starrte auf den Umschlag wie auf ein gefährliches Tier. Im Hals steckte ein Kloß, Tränen brannten in den Augen.

Papa… Sie rang nach Worten, doch er winkte nur ab.

Nimms. Sei nicht albern. Siehs als verspätetes Hochzeitsgeschenk.

Innerhalb eines Monats fanden sie ihre erste eigene Wohnung: achtundzwanzig Quadratmeter, drittes Stockwerk, Fenster zum Innenhof, winzige Küche, Bad und Klo zusammen. Für andere mag es wenig sein für Klara war es ein eigenes kleines Universum. Sie wählte Tapeten, organisierte Handwerker, hing die Vorhänge selbst auf und verteilte die Kräutertöpfe, die sie frisch vom Markt mitgebracht hatte.

Ein Jahr später, Klara war inzwischen im dritten Semester, wurde sie von einem seltsamen Unwohlsein überrollt. Erst dachte sie an einen verdorbenen Döner, dann an Stress durch die Prüfungen. Den Schwangerschaftstest kaufte sie nur, um sicherzugehen.

Zwei Streifen. Klare Antwort. Keine Zweifel.

Klara saß am Badewannenrand und starrte auf das kleine Stück Plastik, das ihr ganzes Leben gerade um 180 Grad drehte. Drittes Semester. Abschluss in zwei Jahren. Sie hatten sich gerade erst etabliert. Warum jetzt?

Als Martin von der Arbeit kam, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Klara reichte ihm schweigend den Test.

Lange starrte er auf die zwei Streifen. Minuten vergingen, bis er aufsah. In seinem Blick lag etwas, das Klara die Luft nahm.

Wir bekommen das Kind, sagte er leise, aber entschlossen.

Martin, ich studiere noch… wie soll das gehen?

Wir bekommen das Kind, wiederholte er und nahm Klaras Hände. Du kannst ein Urlaubssemester nehmen. Ich arbeite weiter. Wir schaffen das. Klara, das ist unser Kind.

Klara weinte, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Aus Angst, aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Glück, das sich wie zarte Grashalme durch den Beton des Alltags kämpfte.

Das Urlaubssemester wurde problemlos genehmigt.

Im März, als in den Parks noch matschiger Schnee lag, den man lieber übersah, und draußen dennoch schon der Frühling in der Luft hing, wurde Jonas geboren: 3.200 Gramm, einundfünfzig Zentimeter. Klara schloss das kleine Bündel in die Arme, betrachtete das runzelige rote Gesicht und konnte nicht glauben, dass sie tatsächlich Mutter war. Ihr Sohn. Ihr und Martins.

Ihr Glück war so groß, dass es in der Brust schmerzte.

Doch die Veränderungen kamen schleichend wie der erste Rauhreif: erst unsichtbar, dann plötzlich allgegenwärtig.

Martin kam immer später von der Arbeit nach Hause. Erst eine halbe Stunde, dann eine ganze, irgendwann hörte Klara auf zu zählen. Er ging schnurstracks an Jonas Kinderbett vorbei, warf seine Jacke achtlos an die Garderobe. Früher hatte er Jonas immer zuerst in die Arme genommen, ihm einen Kuss auf die Stirn gedrückt, ihn am Bauch gekitzelt. Jetzt als gäbe es gar kein Kind.

Du könntest Jonas wenigstens begrüßen, platzte es eines Abends aus Klara heraus.

Martin verzog das Gesicht, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt.

Der schläft. Soll ich ihn extra wecken?

Jonas schlief nicht. Er lag da, schaute seinen Vater mit großen dunklen Augen an so wie Martins eigene. Doch Martin sah es nicht. Oder wollte es nicht sehen.

Dann kamen die Sticheleien. Anfangs beiläufig, so, dass Klara sich selbst einredete, sie hätte sich verhört.

Willst du so rausgehen? fragte er eines Morgens abschätzig.

Klara betrachtete sich kurz: Jeans, Pullover, ganz normal.

Was stört dich daran?

Nichts. Schon gut… Er brach ab, doch sein Blick sprach Bände.

Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Er hielt sich mit seinen Vorwürfen nicht mehr zurück.

Hast du dich mal im Spiegel gesehen? schleuderte er ihr eines Abends entgegen. Du bist fett geworden, runtergekommen. Siehst aus wie fünfzig, dabei bist du zweiundzwanzig.

Diese Worte trafen wie ein Faustschlag in den Magen. Klara stand in ihrem alten Nachthemd mitten im Zimmer, unfähig, Luft zu holen. Ja, sie hatte nach der Geburt nicht gleich abgenommen, war noch nicht in Form aber durfte man so mit ihr reden?

Ich hab gerade erst entbunden, Martin, ihr Flüstern klang kläglich.

Vor einem Jahr! Andere sind nach drei Monaten wieder rank und schlank, du aber…

Er ging, ließ sie einfach stehen. Aus Jonas Bettchen ertönte leises Weinen, geweckt von ihren Stimmen.

Nimm das Kind, brüllte Martin aus der Küche. Er schreit die ganze Nacht, man kann ja nicht schlafen!

Klara nahm Jonas in die Arme, drückte ihn fest an sich, vergrub ihr Gesicht in seinem Flaumhaar. Tränen rannen über ihre Wange, tropften ihm in den Nacken. Jonas beruhigte sich, eingehüllt von ihrer Wärme und Klara wiegte ihn und sich selbst durch die Dunkelheit.

Mit wem hätte sie reden können? Ihre Eltern, ja. Doch immer, wenn Klara das Telefon griff, hörte sie die Stimme ihres Vaters: Du bist erst neunzehn. Konzentriere dich aufs Studium. Sie hatten sie gewarnt, sie hatten es gesagt. Aber sie hatte nicht auf sie gehört, meinte, die Liebe würde alles überwinden.

Und jetzt? Soll sie zu ihnen zurückkommen, eingestehen, dass sie recht hatten, dass sie sich ihr Leben ruiniert hatte? Klara stellte sich diese Konfrontation vor, sah die Tränen ihrer Mutter, die stumme Enttäuschung des Vaters und legte das Handy wieder weg. Sie hatte sich das eingebrockt, sie musste es selbst lösen.

An einem Tag machte Klara mit Jonas, wie immer, ihren Spaziergang. Sie umrundeten den Innenhof, gingen rüber zum kleinen Park mit den alten Kastanienbäumen und den blätterbedeckten Bänken. Da merkte sie plötzlich beim Griff in die Tasche, dass sie Jonas Snack vergessen hatte.

Sie ging rasch zurück.

Noch während sie die Tür aufschloss, bemerkte sie fremde Schuhe im Flur rote High Heels, lackiert, Frauenschuhe.

Die Beine trugen Klara wie von selbst durch den Flur, doch ihre Gedanken schrien: Geh nicht dreh dich um, lauf weg.

Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen.

Sie sah genug. Viel zu viel. Eine fremde Frau lag in ihrem Bett, auf ihren Laken. Und Martin, der nicht einmal Schuld zeigte, sich nicht einmal schämte.

Er warf Klara einen genervten Blick zu, als wäre sie eine lästige Fliege, die gerade im falschen Moment hereingeschwirrt war.

Was hast du denn erwartet? fragte er. Schau dich mal an. Ich bin fünfundzwanzig. Ein Mann in den besten Jahren und zu Hause… du weißt selbst, wie du aussiehst.

Klara stand im Türrahmen, klammerte sich am Rahmen fest, weil die Beine versagten. Die Frau im Bett zog wortlos die Decke bis zum Kinn und tat so, als ginge sie das alles nichts an.

Raus. Klara erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Tief und rau. Raus aus meiner Wohnung. Sofort!

Die andere Frau raffte hektisch ihre Sachen zusammen. Martin beobachtete sie mit einem spöttischen Grinsen.

Spar dir die Dramatik, meinte er, als die Tür hinter der Fremden zufiel. Mein Gott, als wärs das Ende der Welt. Das machen doch fast alle Männer. Und deren Frauen bleiben trotzdem sie wissen, dass sie mit Kind keine Chance mehr haben. Er zog seine Jeans an. Wen willst du denn noch? Mit Anhang?

Klara kannte später nicht mehr den Weg durch die Wohnung, nicht, wie sie Jonas den Schneeanzug anzog, wie sie ein Taxi rief und den elterlichen Adresse nannte. Die Fahrt über starrte sie mechanisch aus dem Fenster, strich Jonas den Rücken und spürte in sich nichts als verbrannte Leere.

Die Mutter öffnete die Tür, sah Klaras Gesicht und verstand alles ohne Worte. Sie trat vor und hielt sie fest, fest wie früher, als Klara mit aufgeschürften Knien nach Hause gerannt kam.

Mama, ich… Klara wollte erklären, doch die Mutter schüttelte den Kopf.

Später. Erstmal reinkommen.

Der Vater kam auf den Lärm hinaus, sah Tochter und Enkel an. Sein Gesicht erstarrte.

Was ist passiert?

Klara erzählte. Verstolpert, mit Tränen, stotternd, von den Vorwürfen, dem kalten Blick, den roten Schuhen im Flur, von wen willst du denn noch, mit Anhang. Der Vater hörte still zu dann zog er seinen Mantel an.

Los, wir fahren.

Wohin? Klara verstand nicht.

Zu ihm.

Papa, bitte nicht, ich schaffe das…

Jonas bleibt bei deiner Mutter. Jetzt komm.

Martin öffnete die Tür, als wäre nichts gewesen. Klaras Vater trat ein, sah sich um, wandte sich an seinen Schwiegersohn und sprach so leise, dass es Klara fröstelte.

Du packst jetzt deine Sachen und verschwindest. Aus der Wohnung meiner Tochter, die meine Frau und ich bezahlt haben. Hier wohnst du nicht mehr.

Martin wollte etwas von gemeinsamen Rechten, von Eigentum sagen, doch der Vater fiel ihm ins Wort.

Rechte? Er trat näher auf Martin zu, Martin wich zurück. Über Rechte können wir sprechen. Und darüber, wie du mit meiner Tochter umgegangen bist. Wie du sie behandelt hast. Wie du Fremde hierhergebracht hast. Noch ein Schritt auf Martin zu. In einer halben Stunde bist du hier raus, sonst hol ich die Polizei. Und glaub mir, ich hab genug Geld für Anwälte, um dir das Leben zur Hölle zu machen. Und jetzt: Raus.

Martin packte seine Sachen. Er ging, schweigend. Klara sah ihm nach, bis die Tür ins Schloss fiel.

Warum hast du dich nicht eher gemeldet? fragte der Vater, als sie allein waren.

Ihr habt mich doch gewarnt. Ich dachte, ihr sagt, ich bin selbst schuld.

Er drehte sich zu ihr um, und in seinen Augen war plötzlich ein Ausdruck, der ihr wieder Tränen in die Augen trieb.

Du bist unsere Tochter. Mein Mädchen. Hörst du? Du kannst immer zu uns kommen, immer. Ganz gleich, was passiert.

Klara trat zu ihm und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, wie früher als Kind. Sie weinte lange, alle Bitterkeit der letzten Monate heraus.

Zwei Jahre später saß Klara auf dem Fußboden ihrer kleinen Wohnung und schaute Jonas dabei zu, wie er konzentriert Türmchen aus bunten Holzklötzen baute. Ihr Fernstudiums-Diplom mit Auszeichnung bestanden lag auf dem Couchtisch. Eine SMS poppte auf: Unterhalt vom Amt war eingegangen.

Jonas blickte auf, strahlte sie mit einem Lächeln an, das so sehr an Martin erinnerte. Doch Klara störte das nicht mehr.

Mama, guck mal!

Ich sehe es, mein Schatz. Ein wunderschöner Turm!

Draußen senkte sich die Abendsonne und tauchte das Zimmer in warmes, goldenes Licht. Klara sah ihren Sohn an und lächelte. Alles war gut geworden. Nicht so, wie sie einmal geträumt hatte aber gut.

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Homy
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Wer braucht dich schon mit Anhang? – Die Geschichte einer jungen Mutter zwischen Liebe, Enttäuschung und Neubeginn
„Ich brauche kein gelähmtes Kind!“ – sagte die Schwiegertochter und verließ das Haus… Doch sie hatte nicht geahnt, was noch geschehen würde… In einem kleinen deutschen Dorf lebte ein einfacher älterer Herr, der am Wochenende gern einen Korn trank. Er hatte einen Traum: einmal einen reinrassigen Deutschen Schäferhund zu haben, und er wäre dafür sogar bis nach Bayern gefahren, um solch einen Hund zu finden und mit nach Hause zu bringen. Man nannte ihn den Altvater Dietrich – ob das nun sein Name war oder ein Spitzname, das wusste niemand mehr so recht. Alle sprachen ihn als Dietrich an und er ließ sie gewähren. Nach der Arbeit saß Dietrich gern auf der Bank vor seinem Häuschen und dachte an vergangene Zeiten. Ab und zu gesellten sich junge Leute dazu, um seine Geschichten aus dem Dorfleben von früher zu hören. Seine Frau Rosa hatte Dietrich schon vor langer Zeit zu Grabe getragen. Sie litt an einer schweren Herzkrankheit, doch sie wollte unbedingt ein Kind. Sie gebar Dietrich einen Sohn und war danach kaum noch gesund. Dietrich liebte Rosa sehr – er tat alles im Haus, ja selbst den Milchkarton ließ er sie nicht tragen. „Nicht erlaubt! Die Ärzte haben’s verboten!“, mahnte er liebevoll. Er kümmerte sich selbst um das Kind, kochte, erledigte den Haushalt. Rosa sorgte sich stets, dass die Leute tuscheln würden: „Du machst mich ja ganz lächerlich, Dietrich! Die Frauen lachen mich noch aus, weil ich nichts im Haus mache – alles bleibt an dir hängen!“ Doch die Frauen lachten nicht, sie waren eher neidisch: „Rosa, leihe uns doch deinen Dietrich mal aus – nur für einen Tag, um so zu leben wie du!“ Rosa antwortete nur mit einem Lächeln. Mit diesem Lächeln ging sie auch aus dem Leben. Dietrich fand sie früh morgens – sie war schon kalt. Er weinte wie ein Schlosshund, drei Tage lang, dann kümmerte er sich um den Sohn. Der Junge kam gerade ins schwierige Alter, mit vierzehn. Nach dem Bund heiratete er früh und blieb in der Gegend, wo er stationiert war. So lebte Dietrich ganz allein. Doch er ließ sich nicht hängen – er plauderte gern mit der Dorfjugend auf seiner Bank. Der Sohn bekam eine Tochter, und Dietrich wartete immer auf Besuch von ihnen, aber aus irgendeinem Grund kamen sie nie. Mal war es die Arbeit, mal fehlte die Zeit, mal dies, mal das. Die Enkelin kannte er nur von Fotos. Plötzlich bemerkten die Dorfbewohner, wie Dietrich immer griesgrämiger durch die Straßen ging, als hätte er einen Sack voller Sorgen zu tragen. Kein Lachen, kein Scherz, er saß nicht mehr auf seiner Bank. Sie erkundigten sich und erfuhren: Dietrich hatte ein Telegramm bekommen. Ein Unfall: Der Sohn war ums Leben gekommen, die Enkelin lag im Krankenhaus und die Schwiegertochter meldete sich kaum. „Ach, Dietrich, so ein Unglück – so viel Kummer!“ – das ganze Dorf sprach ihm sein Mitgefühl aus. Was sollte man auch in solchen Momenten sagen? Die Trauer wurde nicht leichter. Er vermisste seinen Sohn, wusste, dass er nicht zurückkommen würde, und noch mehr tat ihm die Enkelin leid – ein fünfzehnjähriges Mädchen, das nach dem Unfall im Koma lag. Sie hätte ihr Leben noch vor sich… Dietrichs ganze Seele schmerzte. Und von der Schwiegertochter kam gar nichts. Sie schrieb keine Briefe, reagierte auf keine Nachrichten, ging nie ans Telefon. Wie sollte er etwas über den Zustand der Enkelin erfahren? Er hatte sie zwar nie gesehen, aber trotzdem liebte er sie. Laut Fotos sah sie Rosa als jung sehr ähnlich. Dietrich wollte schon aufbrechen in die Stadt, in der sein Sohn gelebt hatte, als plötzlich eines Abends ein Auto vorfuhr. Ohne großes Klopfen stürmte eine elegante Dame ins Haus – erst im Nachhinein merkte Dietrich: das war seine Schwiegertochter. Hinter ihr trugen Helfer eine Liege, darauf lag die Enkelin. Sie legten das Mädchen wortlos auf Dietrichs Sofa und verschwanden. „Sie ist von Kopf bis Fuß gelähmt. So ein Kind brauche ich nicht! Ich finde bestimmt noch mal einen Mann und bekomme ein gesundes Kind!“, sagte die Schwiegertochter. „Aber ich bin doch kein Arzt!“, entgegnete Dietrich. „Ein Arzt kann ihr sowieso nicht helfen. Sie braucht nur noch eine Pflegerin. Wenn du dich nicht kümmerst, kannst du sie lebendig begraben, ich jedenfalls verschwende mein Leben nicht! Ich bin keine Pflegerin!“, rief die Frau und schlug die Tür hinter sich zu. „Du bist wohl keine richtige Mutter!“, rief Dietrich ihr nach. Da wurde ihm klar, warum der Sohn nie mit Frau und Kind zu Besuch gekommen war. Mit so einer Frau wollte man lieber auf dem Wochenmarkt streiten als Gäste besuchen. Was hatte den Sohn bloß dazu gebracht, so eine Hexe zu heiraten? Jetzt konnte er ihn nicht mehr fragen. Hätte Dietrich gewusst, dass seine Schwiegertochter das eigene Kind beim Älteren ablädt, hätte er sich wohl im Grab umgedreht. So blieben Dietrich und die Enkelin allein zurück. Das Mädchen war wirklich völlig gelähmt, doch Dietrich kannte sich schon mit Pflege und Haushalt aus. Nun hatte er wieder einen Sinn im Leben – sein Ziel war, das Mädchen gesund zu pflegen. Die Ärzte hatte sie schon aus dem Krankenhaus entlassen; sie verstanden nicht, wie das Mädchen den Unfall überhaupt überlebt hatte. Es blieben nur Hausmittel und Dorfheiler. Eine Heilerin gab es erst im Nachbardorf, weit entfernt. Ein gelähmtes Kind konnte man kaum dorthin bringen, sie selbst reiste auch nicht mehr – zu alt und gebrechlich. Dietrich fuhr fast jede Woche zu ihr, holte Kräuter und Tinkturen, damit behandelte er die Enkelin. Über ein Jahr lang blieb das Mädchen bewegungslos wie ein Brett unter der Decke. Nicht einmal sprechen konnte sie – sie produzierte laute, unverständliche Laute. Manchmal sah Dietrich eine Träne über ihre Wange laufen; sein Herz wurde ihm schwer. Er glaubte, die Enkelin vermisse Vater und Mutter. Er sprach lange mit ihr, las ihr Geschichten vor, aber antworten konnte sie nicht. Für beide war es schwer. Eines Abends geschah etwas Unerwartetes. Dietrich saß wie immer am Krankenbett, da polterte eine betrunkene Jugendgruppe ins Haus – er hatte versehentlich vergessen, die Haustür zu schließen. Die Jugendlichen kamen von der Dorfdisco und sahen das Licht im Fenster. Sie wussten, dass hier eine gelähmte Jugendliche wohnte. Da schlug einer vor, mal „Spaß zu haben“ – sie könne sich ja ohnehin nicht wehren. „Na los, Opa! Zieh die Decke weg, mach die Beine frei! Wir losen aus, wer zuerst drankommt!“, stänkerte der Betrunkenste. „Habt Mitleid! Sie ist doch erst 15!“, bat Dietrich. „Warte mal kurz, ich putze eben noch die Zähne!“, sagte Dietrich und eilte zur Küche, öffnete die Kellertür und rief: „Los!“ Da sprang ein riesiger Schäferhund heraus – Max! Er schnappte nach den Hosen der Eindringlinge und verscheuchte sie, einem hätte er fast die Kronjuwelen abgebissen, den anderen zerfetzte er die Hosen am Hintern. So rannten die Jungs mit blanken Hintern durchs Dorf – alle lachten, und Max jagte sie bis zum Feldrand. Dietrich kam ins Zimmer – da saß die Enkelin aufrecht auf dem Bett und rief zum Fenster hinaus: „Max! Max! Schnell, Opa, halt ihn fest, damit er nicht wegläuft!“… Da kamen Dietrich die Tränen. Von diesem Tag an ging es bergauf mit dem Mädchen – bald lernte sie wieder zu laufen. Ob nun die Kräuter der Heilerin halfen oder der Schock, den der Hund ausgelöst hatte – jedenfalls kam die Sprache zurück und bald plapperte sie unaufhörlich. So viel wie nie zuvor. Und wie kam eigentlich der Hund ins Haus? Ganz einfach: Max war der Hund von Dietrichs Sohn, und als die Schwiegertochter die Tochter abgeladen hatte, brachte sie Max gleich mit, verschwieg aber alles dem Alten. Als sie ging, sah Dietrich, dass bei seinem Gartentor ein Hund saß – mager, erschöpft, traurig wie eine kranke Kuh mit Tränen in den Augen. Er wusste nicht einmal, dass sein Sohn einen Hund hatte. Aber Dietrich konnte den Hund nicht abweisen. Max war fortan ein treuer Begleiter, und als die Halbstarken kamen, saß er gerade im Keller – im heißen Sommer ließ Dietrich den Schäferhund dort untertags ruhen. An jenem Abend hatte er Max noch nicht rausgelassen. Wäre der Hund schon draußen gewesen, hätten die Jungs sich gar nicht erst reingetraut. Später erzählte die Enkelin, dass sie anfangs gar nicht wegen der Eltern geweint hatte, sondern weil sie Max so sehr vermisste. Der Opa ließ ihn zwar nie ins Haus, sondern behielt ihn tagsüber draußen, und sagen konnte sie ihm nicht, dass sie so sehr nach dem Hund verlangte. Nachdem Max die Schläger vertrieben hatte, kam er zurück und schleckte glücklich das Gesicht seiner kleinen Herrin. Er hatte sie ebenfalls schmerzlich vermisst. So lebten sie fortan zu dritt: Dietrich, das Mädchen und Max. Von der Mutter hat man nie wieder etwas gehört.