Fast schlaflose Nächte: Als ihr Mann sie mit einem Stoß aus dem Schnarchen riss

Fast die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht: Mein Manns Schlag hat mich aus dem Schnarchen gerissen.
Beate lag praktisch die ganze Nacht wach. Gegen zwei Uhr morgens stieß ihr Mann sie grob in die Seite und schrie: Hör endlich auf zu schnarchen, es reicht jetzt! Früher hatte sie nur geschnarcht, wenn sie auf dem Rücken lag dann hatte er sie liebevoll auf die Seite gedreht. Jetzt schubst oder tritt er sie genervt, während er dann sofort wieder einschläft, Beate aber nach einer Beruhigungstablette wachliegt, unfähig zurück zur Ruhe zu finden.
Sie ist seit 27 Jahren mit Georg verheiratet. Vor zwei Jahren feierten sie ihre Silberhochzeit wobei feiern eigentlich übertrieben ist. Es gab kein Fest. Um ehrlich zu sein, hatte Georg das wichtige Datum schlicht vergessen. Damals war er gerade damit beschäftigt, sich einen neuen Wagen zuzulegen, ganz in den Kaufprozess vertieft. Den alten BMW gab er an ihren Sohn weiter.
Die Familie hatte lange fürs Eigenheim des Sohnes gespart. Er hatte inzwischen eine Freundin. Doch Vater und Sohn waren sich dann einig, dass ein neues Auto Vorrang hatte angeblich werde es immer teurer. Also zog der Sohn mit seiner Freundin ins alte Kinderzimmer. Beate wurde dazu nicht gefragt, obwohl das meiste Geld aus ihrem Gehalt stammte sie verdiente seit Jahren mehr als Georg.
Nach dem Autokauf begann Beate, ihr Geld auf ihrem eigenen Konto zu sparen. Ihr Mann war erst eingeschnappt. Beate erklärte ihm, dass sie das Vertrauen verloren hatte wahrscheinlich kämen sie sonst bald zum dritten Auto. Spare doch einfach dein Geld auf deinem Konto, wo ist das Problem?
Er konterte: Du weißt doch, ich verdiene nicht viel, was kann ich denn groß zurücklegen?
Beate hatte ein abgeschlossenes Studium. Gemeinsam mit ihrer Freundin Helga war sie damals aus dem kleinen Ort nach Köln gezogen, um Lehramt zu studieren. Sie beide bestand die Aufnahmeprüfung ohne Probleme und schlossen das Studium erfolgreich ab. Helga unterrichtete nur ein Jahr, dann setzte sie sich ab. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Friseurin, lernte im Salon eines bekannten Meisters in Hamburg und eröffnete später ihr eigenes Geschäft.
Beate blieb zunächst an der Schule. Im ersten Jahr lernte sie Georg kennen. Damals begleitete sie Abiturienten zu einer Infoveranstaltung an der Technischen Hochschule, wo Georg als Fertigungsmeister arbeitete. Er war jung, groß, sehr charmant und hatte einen klasse Sinn für Humor.
Ich hätte nie gedacht, dass man so einen schnöden Job so spannend zeigen kann, hatte sie nach der Führung zu ihm gesagt. Georg war ebenso fasziniert von der jungen Lehrerin und nach ein paar Monaten waren sie ein Paar, heirateten nach einem halben Jahr standesamtlich. Die Hochzeit war schlicht, nur Beates Eltern waren eingeladen.
Die jungen Leute zogen zu Georgs Mutter in die Dreizimmerwohnung. Er war ihr einziger Sohn, der Vater früh verstorben. Später meinte die Schwiegermutter, ihre Pflicht getan zu haben, und zog zur Ostsee. Dort lernte sie einen Witwer kennen, der ihr einen Heiratsantrag machte. Die Wohnung blieb der kleinen Familie überlassen. Die Schwiegermutter schenkte das Zuhause letztlich ihrem Sohn.
Beates Mutter hatte ihr in der Kindheit eingeimpft, immer penibel Ordnung zu halten so, dass der Mann die ganze Arbeit nie bemerken sollte. Männer mögen es nicht, wenn die Frauen am Samstag den Frühjahrsputz machen, deshalb erledige alles, bevor er nach Hause kommt!
Beate stand um fünf Uhr morgens auf, bereitete Frühstück und Abendessen vor. Sie aß mittags in der Kantine im Lehrerzimmer. Nachmittags war sie meist vor dem Mann zu Hause, erledigte die Wohnung, pflegte und bügelte die Wäsche. Abends lernte sie für ihren Unterricht und korrigierte Hefte.
Mit 24 bekam Beate ihren Sohn Martin. Sie blieb zu Hause, war über diese Pause beinahe erleichtert, da sie so wenigstens nicht in die Schule musste den Haushalt erledigte sie, solange Martin schlief. Er war ein ruhiges Kind. Dennoch fehlte es an Geld. Georg verdiente wenig und die staatliche Hilfe reichte nicht.
Einmal kam Helga mit Geschenken für den Kleinen vorbei. Beate bat sie um ein kleines Darlehen bis zum nächsten Gehalt.
Helga half gerne, meinte aber: Martin ist jetzt zehn Monate alt. Komm abends in meinen Salon. Meine Maniküristin Sabine kann dir alles zeigen die Raummiete rechne ich dir nicht an. Dein Mann kann abends babysitten. Mach dein eigenes Studio auf. Mit Maniküre kannst du heute richtig was nebenbei verdienen. Egal wie knapp das Geld, Frauen pflegen immer ihre Nägel.
Beate lernte fleißig, erst Maniküre, später Pediküre. Nach kurzer Zeit mietete sie ein kleines Studio in der Nähe der Wohnung. Für das Startkapital borgte sie sich bei Helga das nötige Geld. Sie arbeitete von 17 bis 22 Uhr. Georg kümmerte sich in der Zeit um Martin. Dank vieler berufstätiger Kundinnen entstand rasch ein echter Kundenstamm. In die Schule kehrte Beate nie zurück.
Das Familienleben wurde schöner. Georg blieb im alten Betrieb, sie schafften sich ein zuverlässiges Auto an, renovierten die Wohnung, machten Sommerurlaub an der Nordsee. Drei Mal reiste Beate mit; im Sommer hatte sie besonders bei Pediküre Hochkonjunktur. Georg war stolz auf seine Frau.
Du bist unser Brot, sagte er oft liebevoll. Sechs Jahre nach Martin wurde die Tochter Frauke geboren. Beate wollte den Job nicht aufgeben, keine Kundinnen verlieren. Sie engagierte für Frauke ein Kindermädchen, verkürzte ihre Arbeitszeit auf den Zeitraum nachmittags bis 20 Uhr. Innerhalb eines Jahres kam Martin in die Grundschule. Sie war gleich um die Ecke; Martin lernte schnell, allein nach Hause zu kommen.
Seit Fraukes Geburt verging die Zeit für Beate wie im Flug: Die Kinder wurden größer, die Kosten und Sorgen auch. Richtig ausruhen konnte sie sich kaum. In die Heimat reiste sie nur noch zu Beerdigungen oder für ein paar Tage, um die Mutter zu sehen.
Inzwischen ist Martin 24 Jahre alt und hat Jura studiert. Ein gut bezahlter Job war nicht zu finden, er arbeitet für wenig Lohn. Frauke studiert an einer Fachhochschule.
Vor einem Jahr brachte Martin seine Freundin Veronika mit nach Hause. Sie stammt aus einer anderen Stadt, macht ihren Bachelor in Wirtschaft. Seit einem Jahr wohnt sie mit in der Familie, hält sich aber meist zurück. Nach den Vorlesungen verschwindet sie ins eigene Zimmer.
Irgendwann merkte Beate, dass ihre Familie nicht mehr so harmonisch und eng war wie früher. Sie redeten kaum noch miteinander, lebten wie Mitbewohner in einer WG. Ihr Mann war oft gereizt, ließ seinen Frust an ihr aus. Sie unterließ es, ihn etwas zu fragen oder Mitgefühl zu zeigen, um keinen Streit zu riskieren.
Ihr liebevoller Sohn war nur noch hinter verschlossener Tür mit Veronika. Beate ließ es geschehen. Einmal wollte sie ihr Zimmer putzen, ließ es aber bleiben sollen sie selbst klarkommen.
Auch die Tochter zwingt sie längst nicht mehr zum Aufräumen. Versucht sie es doch, kommt nur ein schnippisches Lass mich in Ruhe, nerv nicht! zurück.
Am Ende macht Beate den Großputz wieder alleine. Frauke lässt inzwischen alles liegen, verstreut ihre Klamotten im Bad, gibt sich nicht einmal Mühe, den Wäschekorb zu nutzen.
Gestern bat Beate, als sie zur Arbeit ging, Veronika darum, bitte das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen und die Küchenböden zu wischen.
Ich bin nicht Ihre Putzfrau, sagte Veronika und knallte ihr die Tür vor der Nase zu.
Schon nach Georgs erneuten Stubser letzte Nacht fand Beate keinen Schlaf mehr. Um fünf stand sie auf, bereitete Frühstück, kochte Eintopf für abends. Beim Kartoffelschälen kochte sie vor Wut. Wann war sie bloß zum Dienstmädchen für Mann und Kinder geworden? Wann hatten sie aufgehört, sie als Ehefrau und Mutter zu sehen?
Die Familie frühstückte zusammen Müsli und Omelett. Niemand bedankte sich. Georg ging als Erster; danach Frauke, die beim Gehen noch ihre Bluse auf den Stuhl warf: Die brauch ich heute Abend, wasch die mal schnell!
Veronika machte sich im Zimmer fertig, während Martin zur Mutter sagte: Bitte belaste Veronika nicht mit Arbeit. Sie war gestern ganz aufgelöst und hat geweint. Wenn du sie weiter kränkst, hast du für mich als Mutter verspielt merk dir das!
Alle gingen ihrer Wege. Beate hätte erst um zehn ins Studio gemusst. Sie nahm ihr Handy und sagte alle Termine ab. Sie ging zum Laden, packte ihre Arbeitsmaterialien zusammen, rechnete die Miete ab.
Zu Hause angekommen packte sie ein paar Sachen in ihren Koffer, suchte wichtige Unterlagen zusammen. Auf dem Kühlschrank klebte sie einen Zettel: Meine Lieben, ich habe verstanden, dass ihr mich weder als Ehefrau noch als Mutter braucht. Für den Job als Putzkraft bin ich zu müde geworden. Bestimmt geht es euch ohne mich besser.
Dann rief sie sich ein Taxi und fuhr zum Bahnhof. Ihre Mutter war überrascht, als Beate plötzlich vor der alten Haustür stand.
Beate, woher weißt du, dass ich krank bin? Ich wollte dich gerade anrufen, hatte aber Angst, dich zu stören ich weiß ja, wie viel du arbeitest.
Mama, ich ziehe erstmal zu dir. Ich muss mich selbst wiederfinden ich hab mich verloren. Ich fühl mich wie ein ausrangiertes Arbeitspferd, schluchzte Beate in den Armen ihrer Mutter.
Insgeheim hoffte Beate darauf, dass Georg ihr nachlaufen, dass die Kinder um Verzeihung bitten würden Doch Georg meldete sich nicht. Frauke rief einmal an: Wie konntest du nur? Die Bluse ist immer noch nicht sauber! Im Ernst, ohne dich ists echt besser niemand nervt mehr.
Nun lebt Beate seit fünf Monaten bei ihrer Mutter. Sie ist das einzige Kind. Die Mutter ist inzwischen sehr schwach, wird oft krank. In der alten Heimat hat Beate sich ein kleines Zimmer gemietet, macht weiterhin ihre Arbeit, arbeitet aber entspannter. Das Einkommen ist kleiner, aber auch die Ausgaben. Helga meldet sich oft, hält sie auf dem Laufenden.
Georg zog kurz nach Beates Weggang zu einer alleinstehenden Kollegin. Offenbar läuft da schon länger was.
Frauke hat nun einen Mitstudenten bei sich aufgenommen Wenn Martin seine Freundin mitbringen darf, warum ich nicht? Der Vater zahlt ihr etwas, aber es reicht nicht. Sie geht immer wieder zu ihm, um mehr zu fordern. Bei Beate schämt sie sich zu fragen, hat sie doch gesagt, ohne Mutter ists besser.
Das Leben der jungen Leute ist geprägt von Streit keiner will Haushalt oder Kochen übernehmen.
Beate sorgt sich, aber redet sich ein, die Kinder sind erwachsen und brauchen sie nicht sonst würden sie sich melden.
Georg hat sie schwer enttäuscht. Sie war so beschäftigt, dass sie die wachsende Distanz übersehen hatte.
Beate hat die Scheidung eingereicht, den Zugewinnausgleich beantragt. Es schmerzt, mit 49 Jahren alles verloren zu haben, woran man ein halbes Leben geglaubt und für das man 27 Jahre viel gegeben hat.
Am meisten tut es weh zu merken, dass sie selbst daran schuld ist.
Eine Frau sollte niemals ihr ganzes Vertrauen in die Familie setzen.
Denn eine Familie weiß das selten zu schätzen und macht einen am Ende zum Fußabtreter.
Das ist die traurige Lehre, die ich aus all den Jahren ziehe.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Fast schlaflose Nächte: Als ihr Mann sie mit einem Stoß aus dem Schnarchen riss
Bevor der Bus kam Ende Oktober in der Stadt – das ist ein ganz eigenes Gefühl. Die Luft ist kühl, duftet nach gefallenem Laub und verheißt den ersten Frost. An solch einem Abend steht Vika, in einen riesigen karierten Schal gehüllt, frierend an der Haltestelle und blickt sehnsüchtig auf den nicht enden wollenden Strom der Autos. In der Hand ein stummer, netzloser Handy, im Kopf der nervige Soundtrack der gestrigen Serie. Sie hat den Bus verpasst. Mal wieder, wie immer. Neben ihr steht noch jemand. Ein junger Mann. Sie nimmt ihn aus dem Augenwinkel wahr: Hände in den Manteltaschen, aufrechter Gang, ein Blick, nicht verloren, sondern aufmerksam. Er schaut nicht zur Straße, sondern zum Elsternnest im kahlen Ahorn gegenüber. Vika folgt seinem Blick. Die geschäftigen Vögel tragen die letzten Zweige, um ihr Nest für den Winter zu polstern. „Wahrscheinlich stecken sie dort auch im Stau“, sagt er plötzlich mit ruhiger, gelassener Stimme, ohne sie anzusehen. „Und eine Elster kommt immer zu spät.“ Vika schnaubt. Unerwartet. Ehrlich. „Und verliert ständig den Schnabel im Tunnel“, ergänzt sie. Er dreht endlich den Kopf und lächelt. Ein warmes, freundliches Lächeln. „Nico.“ „Vika.“ Der Bus kommt nicht. Sie warten weiter – nicht mehr einsam, sondern gemeinsam. Es ist eine stille, aber nun geteilte Ruhe. Angenehm. Dann kommt schließlich ihre Linie, sie streckt sich zum Einstieg. „Morgen gibt’s bestimmt Frost“, ruft er ihr nach. „Dann muss ein Tee-Thermos mit“, nickt sie, schon im Bus. Am nächsten „Morgen“ sehen sie sich wieder an der Haltestelle. Ganz ohne Verabredung. Sie hält diesmal einen Thermosbecher mit grünem Tee. Er reicht ihr ein kleines Tütchen mit zwei winzigen Windbeuteln. „Für den Fall von Kulturschmacht“, erklärt er. Ab da beginnt ihr „Warten“. Sie machen keine Dates aus. Sie treffen sich einfach um 18:30 an der Haltestelle, falls beide nach Feierabend hängenbleiben. Manchmal ist der Bus pünktlich, manchmal bleibt Zeit für Gespräche über alles Mögliche: nervige Chefs, verrückte Träume, warum Pizza Hawaii ein Verbrechen ist (da sind sie sich einig), welche Musik am besten zu einem Herbstabend passt (da nicht). Eines Tages kommt Nico nicht. Auch am nächsten Tag nicht. Vika ertappt sich, dass ihr Blick zum leeren Elsternnest wandert. Ungewohnt leer und einsam. Eine Woche später, schon im November, steht er wieder da. Blass, mit Schatten unter den Augen. „Mein Vater war im Krankenhaus“, sagt er kurz. „Jetzt ist alles wieder gut. Gott sei Dank.“ Sie stehen schweigend nebeneinander. Dann nimmt sie vorsichtig seine Hand. Er zuckt zusammen, lässt sie aber nicht los. Seine Finger sind kalt. Sie umschließt sie mit ihren warmen Händen. „Komm, heute lassen wir den Bus fahren“, sagt Vika leise. „Wir gehen jetzt heiße Schokolade trinken. Mit Sahne. Und zwei Windbeuteln.“ Von diesem Tag an ändert sich alles. Ihre Route ändert sich. Sie warten nicht mehr. Sie gehen. In die gemütliche Konditorei um die Ecke, wo es nach Vanille und Zimt riecht. Anfangs trinken sie einfach heiße Schokolade und reden. Bald aber werden die Gespräche tiefer, als hätten sie aufgehört, auf den Bus zu warten und sich endlich Zeit genommen, sich wirklich kennenzulernen. Hinter Nicos ruhiger Art verbirgt sich eine ganze Welt. Er ist nicht nur Bauingenieur – er entwirft Brücken und erzählt von ihnen, als wären sie lebendige Wesen mit eigenem Charakter. „Die da über die Alster“, zeichnet er einmal an die beschlagene Fensterscheibe, „ist alt und störrisch. Und die neue an der Ausfallstraße, die ist wie ein Kind. Lernt noch, Lasten zu tragen.“ Vika hört zu, staunt – entdeckt Poesie, wo andere nur Beton sehen. „Und die Brücke, auf der wir mal standen?“, fragt sie. „Ein Romantiker“, überlegt er. „Gemacht für Spaziergänge und Gespräche.“ Vikas Welt ist genauso spannend. Sie ist nicht bloß Bloggerin. Sie entdeckt das Unsichtbare. Beim Spazieren erzählt sie: „Hörst du? Das ist der Duft von Sauerampfersuppe aus dem dritten Stock. Da wohnt Oma Anna. Dienstags ist immer Suppentag. Und oben spielt jemand Für Elise am Klavier und verhaspelt sich immer an derselben Stelle.“ Nico, für den die Welt aus Plänen und Zahlen bestand, beginnt hinzuhören. Er bemerkt neue Geräusche, Gerüche, Details. Sogar die Farben der Vorhänge in fremden Fenstern. Bald gehen sie sich gegenseitig besuchen. Nicos Wohnung ist ordentlich, mit viel Licht, Vikas Arbeitsplatz chaotisch: Bücher, bunte Zettel, ein Becher mit kaltem Tee und vertrockneter Minze. Zum ersten Mal kostet er selbstgebackene Ingwerplätzchen – und versteht plötzlich, wie Geborgenheit schmeckt. Bei ihm entdeckt Vika einen alten Fotoalbum: der Vater als junger Mann, repariert eine große Wanduhr; daneben der kleine, ernste Nico. „Er hat mir gezeigt: Jede komplizierte Sache besteht aus einfachen Einzelteilen. Geht was kaputt, such das Teil und reparier es“, sagt Nico. „Über Uhren?“, fragt Vika. „Über‘s Leben“, grinst er. Sie versuchen nicht, sich zu beeindrucken. Sie legen Schicht für Schicht ab, entdecken Verletzlichkeit. Vika gesteht, heimlich Gedichte zu schreiben. Nico erzählt, dass er mal im Literaturkreis war. Als Vika im Winter krank wird, steht Nico mit Zitronen, Honig, Kräutertee und einem neuen Gedichtband vor der Tür. „Ich wusste nicht, was du brauchst. Also hab ich alles für eine Systemreparatur mitgebracht“, sagt er unsicher. Sie lacht, weint – aus Dankbarkeit. Schritt für Schritt werden sie „Koli und Vika“. Er weiß, sie trinkt Tee nur aus der blauen Tasse. Sie versteht, dass sein Schweigen kein Ärger, sondern Nachdenken ist. Sie werden füreinander ein verlässliches Zuhause im großen, manchmal rauen Hamburg. Ein Ort, zu dem man zurückkehrt. Selbst wenn man dafür den Bus verpassen muss. Ein Jahr vergeht seit jenem ersten Abend. Als sie bei Dinner in der Lieblingskonditorei sitzt, stammelt Nico: „Vik… Ich hab ein Anliegen, antworte aber nicht sofort!“ Sie legt den Löffel weg. „Meine Uroma wohnt in einem Dorf bei Kassel. Jedes Jahr erwartet sie mich zu Silvester. Es gibt Sauna, richtige Schneehügel, diese Stille, die in den Ohren klingt… Sie bat, ich solle endlich das Mädchen, von dem ich immer telefoniere, mitbringen. Es ist kein Wellnesshotel, das WLAN geht nur an der Post. Und Gänse – ziemlich aufdringlich… Du musst nicht mitkommen.“ Vika sieht ihn an, ihre Augen leuchten. „Gänse?“ „Sehr laut.“ „Viel Schnee?“ „Bis zu den Knien. Und knarzt wie alte Schallplatten.“ „Gibt’s einen Holzofen?“ „Das Herz des Hauses!“ „Dann packe ich die Koffer“, lacht sie und will eine Gänse-Bedienungsanleitung. Das Winterdorf übertrifft alles. Die Luft wie Zuckerwatte, Uroma Elfriede nimmt Vika herzlich auf, füttert sie mit Pfannkuchen und schickt sie mit Nico den Tannenbaum holen. Der Silvesterabend ist herzlich und lecker. Mitternacht stoßen sie mit Sekt an, die Oma erhebt ihr Glas „auf die Jungen“ und verabschiedet sich zwinkernd aufs Sofa. Die Stille nun ist ganz besonders – nur das Knistern von Holz, das Flackern am Baum. Draußen der Schnee, als wäre die Welt weit weg und hier drinnen die kleine, gemeinsame Welt. Nico legt noch ein Holz nach und sagt, die Stimme belegt vor Aufregung: „Als wir heute raus sind, den Baum holen, und du in Omas Mantel, dreimal zu groß, durch den Schnee gestapft bist… Da wurde mir alles klar.“ „Was denn?“, lächelt Vika. „Dass dieses Bild – du, das Lachen, der Schnee und die Wärme – für mich das größte Glück ist. Schöner als jede Brücke, jedes Projekt, jede Stadt.“ Er kniet sich hin, holt eine Schachtel aus der Tasche, nimmt ihre Hand, seine Finger sind jetzt warm, aber zittern leicht. „Vika. Das Mädchen von der Haltestelle, das mir die Welt eröffnet hat. Willst du meine Frau werden? Mit mir die Zukunft bauen, Platz für deine Texte, meine Pläne, Omas Pfannkuchen und… für alles?“ Tränen laufen über Vikas Gesicht, aber sie lächelt so hell wie nie zuvor. Sie sieht in seinen Augen nicht bloß Verliebtheit, sondern Sicherheit und Treue – das, worauf, wie Nico sagt, Brücken bestehen. „Ja“, flüstert sie. Es klingt wie Erleichterung und ein Heiratsversprechen zugleich. „Ja, Nico, natürlich.“ Er steckt ihr den Ring an den Finger – er passt, als gehörte er schon immer zu ihr. Draußen am Himmel knallt das erste Silvesterfeuerwerk, die bunten Lichter spiegeln sich in der vereisten Scheibe und in ihren jetzt gemeinsamen Blicken. Drinnen ist es hell. Vor Glück – das jetzt nicht mehr flüchtig ist wie Licht an der Haltestelle, sondern fest wie der Ring am Finger, wie das einfache erwartete Wort „Ja“. Ihr Weg, begonnen im nasskalten Hamburger Herbst an der Haltestelle, hat sie in ein Wintermärchen geführt – ans lodernde Feuer ihres gemeinsamen Zuhauses. Sie wissen: Was auch immer kommen mag, welche Brücken zu bauen oder zu überqueren sind – sie tun‘s gemeinsam. Denn die wichtigste Verbindung ihres Lebens ist längst geschaffen. Sie schlägt im Takt ihrer beiden Herzen, die sich gefunden haben, nur weil sie eines Tages beide zu spät zum Bus kamen.