Schlüssel Nummer 13 Er rief morgens an und sagte es so, als sei es eine Kleinigkeit: — Kommst du vorbei? Ich müsste das Fahrrad mal hochholen. Allein hab ich keine Lust, mich damit abzumühen. Die Worte „Kommst du vorbei?“ und „keine Lust“ klangen ungewohnt nebeneinander. Eigentlich sagte mein Vater immer „muss“ und „ich mach das schon selbst“. Der erwachsene Sohn, mit ersten grauen Haaren an den Schläfen, ertappte sich bei dem Gedanken, in dieser Einladung einen Haken zu suchen, wie früher in alten Gesprächen. Aber es gab keinen Haken, nur eine schlichte Bitte, und gerade das machte es seltsam. Er kam zur Mittagszeit, stieg in den dritten Stock, zögerte auf dem Treppenabsatz, während der Schlüssel im Schloss drehte. Die Tür öffnete sich sofort, als hätte der Vater dahinter gewartet. — Komm rein. Zieh die Schuhe aus, sagte der Vater und trat beiseite. Im Flur war alles wie immer: Fußmatte, Kommode, ordentlich gestapelte Zeitungen. Der Vater sah aus wie immer, nur die Schultern schienen schmaler geworden zu sein, und die Hände zitterten einen Moment, als er den Ärmel richtete. — Wo ist das Fahrrad? fragte der Sohn, um nichts anderes fragen zu müssen. — Auf dem Balkon. Hab’s hingestellt, damit’s nicht im Weg steht. Wollt mich schon selbst drum kümmern, aber dann… — der Vater winkte ab und ging voran. Der Balkon war verglast, aber kalt, voll mit Kisten und Gläsern. Das Fahrrad stand an der Wand, mit einem alten Bettlaken zugedeckt. Der Vater nahm das Laken ab, fast feierlich, und strich vorsichtig über den Rahmen. — Deins, sagte er. Erinnerst du dich? Haben wir dir zum Geburtstag gekauft. Der Sohn erinnerte sich — wie er im Hof herumfuhr, stürzte, wie sein Vater ihn wortlos wieder aufstellte, den Sand von den Knien klopfte, die Kette prüfte. Lob gab es selten, aber der Vater blickte immer auf die Dinge, als wären sie lebendig und seine Verantwortung. — Die Reifen sind platt, bemerkte der Sohn. — Das geht noch. Die Nabe knackt auch und die Hinterbremse zieht nicht mehr. Hab gestern mal gedreht, mir wurde gleich anders, – der Vater schmunzelte, aber das Lächeln war kurz. Sie trugen das Fahrrad in das Zimmer, wo der Vater seine „Werkstatt“ hatte — eigentlich war es nur eine Ecke am Fenster: Arbeitstisch, Matte, Lampe, Werkzeugkasten. An der Wand selektierte Zangen, Schraubendreher, Schlüssel, alles ordentlich. Der Sohn nahm es nebenbei wahr, wie immer: Der Vater hielt Ordnung, wo er konnte. — Findest du den Dreizehnerschlüssel? fragte der Vater. Der Sohn öffnete die Kiste. Die Schlüssel lagen der Reihe nach, aber der 13er fehlte. — Zwölfer… Vierzehner… aber kein Dreizehner. Der Vater hob die Brauen. — Wie kein Dreizehner? Der… — Er stockte, als wollte er „immer“ nicht sagen. Der Sohn durchwühlte das Werkzeug, öffnete die Schublade am Tisch. Drin waren alte Muttern, Unterlegscheiben, Isolierband, ein Stück Schmirgelpapier. Der Schlüssel fand sich unter einem Packen Gummihandschuhe. — Hier ist er, sagte der Sohn. Der Vater nahm den Schlüssel, wog ihn in der Hand. — Dann hab ich den wohl selbst da hingetan. Das Gedächtnis… — Er schmunzelte. — Na los, hol das Rad her. Der Sohn legte das Fahrrad auf die Seite, ein Lappen unter die Pedale. Der Vater hockte sich dazu, langsam, als könnten die Knie versagen. Der Sohn bemerkte es und tat, als bemerkte er es nicht. — Erst mal das Rad rausnehmen, sagte der Vater. — Du hältst, ich löse die Muttern. Er nahm den Schlüssel, drehte. Die Mutter saß fest, der Vater spannte sich, presste die Lippen zusammen. Der Sohn griff zum Schlüssel, half, die Mutter löste sich. — Ich könnte das auch allein, brummte der Vater. — Ich wollte nur… — Weiß ich. Halt mal fest, dass es nicht kippt. Sie arbeiteten schweigend, sprachen nur im Pragmatismus: „Halten“, „nicht ziehen“, „hierher“, „vorsichtig mit der Scheibe“. Dem Sohn fiel auf, dass das sogar leichter war — wenn die Worte durch die Sache begrenzt sind, muss man nicht rätseln, was dahintersteckt. Das Rad lag am Boden. Der Vater holte die Luftpumpe, prüfte den Schlauch. Die Pumpe war alt, der Griff ausgeblichen. — Die Luft ist nur raus, der Schlauch hält bestimmt, sagte der Vater. Der Sohn wollte fragen, warum er sich da so sicher war, schwieg aber. Der Vater redete immer sicher, auch im Zweifel. Während der Vater pumpte, prüfte der Sohn die Bremse. Die Beläge waren runter, das Seil rostig. — Das Seil muss ersetzt werden, sagte er. — Seil… — Der Vater hielt inne, wischte sich die Hand am Hosenbein. — Da war noch eins in Reserve. Er wühlte unter dem Tisch im Schränkchen, holte eine Kiste heraus, dann noch eine. In jeder lag Zubehör, mit Zettelchen beschriftet. Der Sohn sah, wie sein Vater die Sachen durchging, und erkannte darin nicht nur Sparsamkeit, sondern ein Mittel, Kontrolle über die Zeit zu behalten: Solange alles geordnet und beschriftet ist, zerfällt nichts. — Find’s nicht, sagte der Vater und knallte die Schachtel zu. — Vielleicht im Abstellraum? schlug der Sohn vor. — Im Abstellraum herrscht Chaos, bekannte der Vater, als würde er ein Verbrechen gestehen. Der Sohn grinste. — Bei dir? Chaos? Das ist neu. Der Vater sah ihn schräg an, in den Augen ein Hauch von Dankbarkeit für den Scherz. — Geh mal gucken, ich pump hier weiter. Der Abstellraum war klein, voller Kartons. Der Sohn knipste das Licht an, kramte. Auf dem oberen Regal lag die Seilrolle, eingewickelt in Zeitungspapier. — Hab’s gefunden, rief er. — Siehste, murmelte der Vater. Sag ich doch. Der Sohn brachte das Seil, der Vater drehte es in den Händen, überprüfte die Enden. — Ist ordentlich. Wir brauchen noch Endkappen. Er suchte in der Kiste, fand kleine Metallhülsen. — Lass uns die Bremse zerlegen, sagte der Vater. Der Sohn hielt den Rahmen, der Vater schraubte die Aufnahme los. Seine Finger waren trocken, rissig, die Nägel kurz. Der Sohn dachte daran, wie diese Finger in seiner Kindheit unverwundbar wirkten. Jetzt lag darin eine andere Kraft: Geduld, Sparsamkeit. — Was schaust du so? fragte der Vater, den Kopf unten. — Ach, ich denk drüber nach, wie du dir das alles merken kannst. Der Vater schnaubte. — Das weiß ich. Nur, wo die Schlüssel hinkommen, weiß ich nicht immer. Witzig, oder? Der Sohn wollte „nicht witzig“ sagen, verstand aber, der Vater meint: „Es macht Angst“. — Ist normal, sagte der Sohn. Geht mir auch so. Der Vater nickte, als nähme er das als Erlaubnis, nicht perfekt zu sein. Beim Zerlegen fehlte plötzlich eine Feder. Der Vater schaute lange ins Leere, hob den Blick. — Gestern hab ich gebastelt, da könnte sie runtergefallen sein. Boden hab ich schon abgesucht. — Lass nochmal suchen, schlug der Sohn vor. Sie gingen auf die Knie, tasteten den Boden ab, spähten unter den Tisch. Die Feder lag an der Sockelleiste, neben dem Stuhlbein. — Da. Der Vater nahm sie, hielt sie ans Licht. — Gott sei Dank. Ich hab schon… — er brach ab. Der Sohn verstand, dass der Vater sagen wollte: „Ich dachte schon, jetzt ist alles vorbei.“ Aber er sagte es nicht. — Willst du Tee? fragte der Vater rasch, als könne Tee die Lücke überbrücken. — Gern. In der Küche stellte der Vater den Wasserkessel auf, holte zwei Tassen heraus. Der Sohn setzte sich, beobachtete, wie der Vater zwischen Herd und Schrank umherging — vertraute Bewegungen, nur etwas langsamer als früher. Der Vater füllte Tee ein, setzte eine Dose mit Keksen vor den Sohn. — Iss, du bist dünn geworden. Der Sohn wollte entgegnen, aber ließ es. In diesem Satz steckte alles, was sein Vater über Fürsorge ausdrücken konnte. — Wie läuft’s bei der Arbeit? fragte der Vater. — Ganz gut. — Und, damit es nicht leer klang: — Das Projekt ist vorbei, jetzt kommt ein neues. — Hauptsache, sie zahlen pünktlich. Der Sohn grinste. — Du immer mit dem Geld. — Worüber sollte ich mir sonst Sorgen machen? — Der Vater sah ihn direkt an. — Gefühle? Dem Sohn zog sich was zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass sein Vater das Wort selbst sagt. — Weiß nicht, antwortete er ehrlich. Der Vater schwieg, hob dann die Tasse mit beiden Händen. — Weißt du… manchmal denk ich, du kommst zu Besuch nur aus Pflichtgefühl. Meldest dich ab, dann fährst du wieder. Der Sohn stellte die Tasse hin. Der Tee war heiß, brannte an den Fingern, doch er zog die Hand nicht weg. — Glaubst du, es fällt mir leicht, zu kommen? — fragte er. — Hier ist alles… als wäre ich wieder klein. Und du weißt immer alles besser. Der Vater schmunzelte, aber ohne Zorn. — Ich glaub das wirklich. Ist halt so. — Und außerdem, — der Sohn atmete tief —, hast du nie gefragt, wie es mir wirklich geht. Der Vater blickte in die Tasse, als gäbe es darin Antworten. — Ich hatte Angst zu fragen. Wenn du fragst, musst du zuhören. Und das… — er sah auf. — Ich kann das nicht immer. Dem Sohn wurde leichter ums Herz. Es war kein „Es tut mir leid“, keine Erklärung. Einfach das Zugeständnis, es nicht zu können. Ehrlicher als alle schönen Reden. — Ich kann’s auch nicht. Der Vater nickte. — Dann lernen wir’s eben. Über das Fahrrad, — setzte er hinzu und lächelte schief, selbst überrascht von seinem Satz. Sie tranken aus und gingen zurück ins Zimmer. Das Fahrrad lag noch da, das Rad daneben, der Seilzug auf dem Tisch. Der Vater machte sich wieder ans Werk — mit frischer Entschlossenheit. — Also dann. Du führst das Seil durch, ich richte die Beläge. Der Sohn zog das Seil durch die Hülle, befestigte es. Seine Finger waren weniger geschickt als die des Vaters, was ihn ärgerte. Der Vater merkte es. — Keine Hektik. Es geht nicht um Kraft, sondern um Geduld. Der Sohn sah ihn an. — Meinst du jetzt das Seil? — Alles, antwortete sein Vater, noch bevor er sich abwandte. Sie richteten die Beläge, drehten die Muttern fest. Der Vater drückte mehrmals den Bremshebel, prüfte den Lauf. — Schon viel besser. Der Sohn pumpte den Reifen prall auf, prüfte, ob Luft entweicht. Die Kammer hielt. Sie montierten das Rad, zogen die Muttern an. Der Vater bat um den Dreizehnerschlüssel, der Sohn reichte ihn wortlos. Der Schlüssel passte in die Vaterhand wie ein vertrautes Werkzeug. — Fertig, sagte der Vater, als alles stand. — Lass uns mal testen. Sie brachten das Fahrrad in den Hof. Der Vater hielt es am Lenker, der Sohn ging nebendran. Vor dem Haus stand nur eine Nachbarin mit Tüte, sie nickte ihnen zu. — Setz dich drauf, fahr eine Runde, meinte der Vater. — Ich? — Wer sonst? Ich bin kein Akrobat mehr. Der Sohn stieg aufs Rad, der Sattel war tief wie früher, die Knie gingen hoch. Er drehte zwei Runden um das Blumenbeet, bremste. Das Fahrrad stoppte anstandslos. — Funktioniert, sagte er beim Absteigen. Der Vater schob das Fahrrad, probierte selbst langsam zu fahren, stoppte wieder, stellte den Fuß auf die Erde. — So ist’s gut. Hat sich also gelohnt. Der Sohn betrachtete den Vater und begriff, dass der nicht das Fahrrad meinte. Sondern dass es sich gelohnt hatte, ihn zu rufen. — Behalte das Werkzeug bei dir, sagte der Vater unerwartet. — Das Set da. — Er nickte zu den Werkzeugen, mit denen sie gearbeitet hatten. — Mir reicht’s. Kannst du sicher noch gebrauchen. Du machst ja sowieso alles selbst. Der Sohn wollte widersprechen, wusste aber, dass das die Sprache des Vaters war. Nicht „Ich hab dich lieb“, sondern „Nimm, damit es dir leichter fällt“. — Na gut, bleibt hier. Nur den Dreizehner behältst du. Der ist der Chef. Der Vater schmunzelte. — Den leg ich jetzt an seinen Platz. Sie gingen zurück ins Haus. Im Flur zog der Sohn die Jacke an. Der Vater wartete, ohne zu drängen. — Kommst du nächste Woche nochmal vorbei? fragte er beiläufig. — Da ist noch… die Klappe zum Schrank knarzt. Wollte sie ölen, aber die Hände… machen nicht mehr so mit. Er sagte es ohne Bedauern, einfach, als Einladung. — Ich komm vorbei. Ruf mich einfach rechtzeitig an, sonst komm ich wieder ganz spontan. Der Vater nickte und, als er die Tür schon schließen wollte, sagte er leise: — Danke, dass du dagewesen bist. Der Sohn ging die Treppen runter, die Werkzeuge in ein Tuch gewickelt in der Hand. Sie waren schwer, aber es beschwerte ihn nicht. Draußen warf er einen Blick auf das Fenster im dritten Stock, wo sich der Vorhang bewegte, als würde der Vater stehen und sehen. Er winkte nicht, ging einfach weiter zum Auto, im Wissen, dass er nun nicht nur „wegen der Sache“ kommen konnte, sondern wegen jener anderen Sache, die sie beide endlich als wichtig anerkannt hatten.

Schlüssel Nr. 13

Heute Morgen rief mein Vater an, seine Stimme klang beiläufig, fast gleichgültig:

Kannst du vorbeikommen? Ich müsste das Fahrrad hochholen. Allein mag ich mich nicht abquälen.

Das kannst du und mag ich nicht hörte ich so zum ersten Mal. Normalerweise hörte ich von ihm eher Sätze wie Das muss gemacht werden oder Ich mach das alleine. Schon längst bin ich ein erwachsener Mann mit silbernen Haaren an den Schläfen , und trotzdem ertappte ich mich dabei, dass ich wie früher etwas Misstrauen bei solchen Einladungen empfand. Aber diesmal gab es keinen Hintergedanken, nur eine schlichte Bitte. Das machte es fast unangenehm.

Ich kam gegen Mittag, stieg in den dritten Stock. Im Flur hielt ich kurz inne, während der Schlüssel im Schloss drehte. Die Türe öffnete sich sofort, als ob Vater direkt dahinter auf mich gewartet hätte.

Komm rein. Zieh die Schuhe aus, sagte mein Vater und trat beiseite.

Im Flur war alles wie immer: Der kleine Teppich, das Schuhregal, ordentlich gestapelte Zeitungen. Vater selbst war wie eh und je, nur seine Schultern wirkten schmaler und als er den Ärmel zurechtrückte, zitterte seine Hand einen Moment lang.

Wo ist das Fahrrad?, fragte ich um mich nicht nach etwas anderem erkundigen zu müssen.

Auf dem Balkon. Ich habs dahin geschafft, damits nicht im Weg steht. Hatte eigentlich vor, das alleine zu machen, aber Er winkte ab und ging voraus.

Der Balkon war verglast, aber kalt, mit Kartons und Einmachgläsern vollgestellt. Das Fahrrad lehnte an der Wand, eine alte Bettdecke lag darüber. Vater hob sie ab, als würde er etwas Wertvolles enthüllen, und fuhr sacht mit der Hand über den Rahmen.

Deins, meinte er. Weißt du noch? Zum Geburtstag damals gekauft.

Ich erinnerte mich. Wie ich damit durch den Innenhof fuhr, wie ich stürzte, Vater mich wortlos aufhob, den Sand von meinen Knien wischte und prüfte, ob die Kette noch oben war. Viel Lob gab es damals nicht, dafür diese Art, wie er Dinge anschaute als hätten sie eine Seele und er eine Verantwortung für sie.

Der Reifen ist platt, stellte ich fest.

Das ist das Wenigste. Die Nabe knackt, Bremse hinten geht auch nicht mehr richtig. Ich habs gestern probiert, da hat mir fast das Herz ausgesetzt, schmunzelte Vater. Das Lächeln war nur kurz.

Wir trugen das Fahrrad in sein Zimmer, seine Werkstatt. Kein eigener Raum nur eine Ecke: Schreibtisch am Fenster, Matte, Lampe, Werkzeugkiste. An der Wand hingen Zangen, Schraubendreher, Gabelschlüssel, alles sortiert. Wie immer bemerkte ich es nebenbei: Wo mein Vater Ordnung machen konnte, schuf er Ordnung.

Findest du den Dreizehner?, fragte Vater.

Ich öffnete die Kiste. Die Schlüssel lagen sauber geordnet, aber der Dreizehner fehlte.

Zwölfer, Vierzehner Dreizehn finde ich keinen.

Vater zog die Augenbrauen hoch.

Wie, nicht da? Der war doch immer, er brach ab, als wolle er das Wort immer nicht aussprechen.

Ich räumte weiter, öffnete die Schublade. Alter Krimskrams: Muttern, Unterlegscheiben, Isolierband, ein Stück Schleifpapier. Unter einem Stapel Einweghandschuhe fand ich den Schlüssel schließlich.

Hier.

Vater nahm den Schlüssel, wog ihn nachdenklich in der Hand.

Scheint, als hätte ich ihn selbst dahin getan. Mein Gedächtnis, brummte er und schnaubte. Na gut, holen wir das Rad rüber.

Ich legte das Fahrrad auf die Seite, ein Lappen unter der Pedale. Vater ging in die Hocke, langsam und behutsam, als könnten die Knie nachgeben. Ich tat, als ob ichs nicht bemerkte.

Zuerst das Rad ab, sagte er. Du hältst, ich löse die Muttern.

Er packte den Schlüssel. Die Mutter wollte nicht gleich, sein Gesicht spannte sich, die Lippen pressten sich zusammen. Ich griff zu, half mit, und schließlich bewegte sie sich.

Wäre auch alleine gegangen, murmelte er.

Ich wollte nur

Ich weiß. Halt fest, dass es nicht kippt.

Wir redeten wenig beim Arbeiten, dafür sachlich: Festhalten, Ziehen nicht so fest, Da hin, Vorsicht mit der Scheibe. Merkte, wie angenehm das war: Wenn die Arbeit die Worte vorgibt, muss man nicht zwischen den Zeilen suchen.

Das Rad war ab. Vater holte die Luftpumpe, prüfte den Schlauch. Die Pumpe war alt, der Griff abgegriffen.

Schlauch wird halten. Ist nur ausgetrocknet, meinte er.

Ich wollte fragen, woher er das wisse, ließ es aber. Vater äußerte sich immer mit Gewissheit, auch wenn er selbst zweifelte.

Während er pumpte, prüfte ich die Bremse. Die Beläge waren runter, der Zug verrostet.

Müssen wir ersetzen, sagte ich.

Der Bowdenzug? Vater hielt inne, wischte die Hand am Hosenbein ab. Da war irgendwo noch Ersatz.

Er wühlte im Schränkchen unter dem Tisch, holte eine Schachtel nach der anderen hervor. In jeder kleine Teile, sauber in Papier eingewickelt und beschriftet. Ich sah ihm zu und spürte: Das war mehr als Organisation es war sein Versuch, die Kontrolle über das Verstreichen der Zeit zu halten. Solange alles ein Fach und ein Zettelchen hat, bleibt es ihm erhalten.

Hier ist nix, knurrte er. Klappte die Kiste zu, etwas frustriert.

Vielleicht im Keller?, schlug ich vor.

Im Keller da herrscht das Chaos, gestand er, als hätte er ein Verbrechen gestanden.

Ich grinste.

Bei dir? Chaos? Das ist neu.

Vater schaute mich grimmig an, doch in seinen Augen blitzte für einen Moment so etwas wie Dank für meinen Witz.

Schau mal nach. Ich pump hier noch fertig.

Im Keller, eng und vollgestopft, schaltete ich das Licht an. Zwischen Tüten und Kisten fand ich ganz oben die Rolle Bowdenzug, eingewickelt in die Süddeutsche Zeitung.

Gefunden!, rief ich.

Na also hab ich doch gesagt, rief Vater zurück.

Ich brachte das Kabel, Vater begutachtete die Enden.

Guter Zustand. Wir brauchen nur die Endkappen.

Er kramte erneut eine kleine Tütchen mit Metallhütchen hervor.

Dann zerlegen wir die Bremse, sagte Vater.

Ich hielt den Rahmen fest, er schraubte die Verankerung ab. Seine Finger trocken, mit feinen Rissen, die Nägel kurz und gepflegt. Mir fiel ein, wie ich als Kind die Hände meines Vaters beinahe für unverwundbar hielt. Heute las ich darin eine andere Stärke: Geduld, Sparsamkeit.

Wieso glotzt du so?, fragte er, ohne aufzusehen.

Ich staune, dass du alles im Kopf hast.

Er schnaubte.

Im Kopf schon aber wo die Schlüssel sind, weiß ich nicht immer. Lustig, oder?

Ich wollte erwidern, dass es nicht lustig ist, merkte aber, dass er eigentlich von Angst sprach.

Ich kenne das, sagte ich. Geht mir genauso.

Er nickte, als hätte ich ihm die Erlaubnis gegeben, sich Fehler leisten zu dürfen.

Als wir die Bremse auseinandergebaut hatten, fehlte eine Feder. Vater starrte lange auf die leere Stelle, hob dann den Blick.

Gestern hatte ich die noch, wahrscheinlich runtergefallen. Auf dem Boden gesucht nichts.

Suchen wir nochmal gemeinsam, schlug ich vor.

Wir knieten nieder, tasteten den Boden ab, lugten unter Tische und Schränke. Ich fand die Feder beim Sockelbrett, hinter dem Stuhlbein.

Da ist sie.

Vater nahm sie, hielt sie nah vor die Augen.

Gott sei Dank. Ich dachte schon, er sprach nicht zu Ende.

Ich wusste, was er meinte: dass ich völlig den Überblick verliere. Aber er sagte es nicht.

Willst du einen Tee?, fragte Vater unvermittelt. Als könnte Tee eine solche Pause wieder füllen.

Gern.

In der Küche setzte Vater den Wasserkocher auf, nahm zwei Tassen. Ich setzte mich, sah ihm zu, wie er zwischen Herd und Schrank hantierte. Seine Bewegungen vertraut, etwas gemächlicher als früher. Den Tee stellte er vor mich, dazu einen Teller Butterkekse.

Iss mal. Du bist dünner geworden.

Ich wollte widersprechen, dass es bloß die dicke Jacke sei, aber schwieg lieber. In diesem Satz steckte so viel mehr Sorge, als ihm Worte machten.

Wie läufts bei dir auf der Arbeit?, fragte er.

Ganz gut. Um nicht auszuweichen: Das Projekt ist beendet, jetzt kommt ein neues.

Na dann. Hauptsache, das Geld kommt pünktlich.

Ich lachte.

Immer wieder das Geld.

Was soll ich denn sonst fragen? Er schaute direkt herüber. Über Gefühle, oder was?

Da spürte ich etwas in mir sich zusammenziehen. Hatte nicht erwartet, dass mein Vater das Wort selbst aussprach.

Weiß nicht, gab ich ehrlich zurück.

Vater schwieg und hielt die Tasse mit beiden Händen.

Weißt du, setzte er an, zögerte dann aber. Manchmal hab ich das Gefühl, du kommst nur, weil du musst. Haken dran und wieder weg.

Nun stellte ich die Tasse ab. Der Tee war so heiß, dass er meine Finger brannte, aber ich zog sie nicht zurück.

Du glaubst, mir fällt das leicht? Hier ist alles als wäre ich wieder Kind. Und du weißt immer alles besser.

Vater grinste, aber ohne Hohn.

Ich tu wirklich so. Hat sich halt festgesetzt.

Und weißt du was ich atmete durch du hast mich nie so richtig gefragt, wie es mir geht. Nie so richtig.

Vater sah in den Becher, als suchte er dort eine Antwort.

Ich hatte Angst zu fragen. Wenn man fragt, muss man auch zuhören. Und ich Er hob den Kopf. Ich kann das nicht immer.

Seltsamerweise wurde mir bei diesen einfachen Worten leichter ums Herz. Vater sagte kein Entschuldigung und auch nicht, wie es dazu kam. Aber er gab zu, dass er etwas nicht kann. Das war ehrlicher als jede Ausrede.

Ich kann das auch noch nicht so richtig.

Vater nickte.

Also üben wir. Zur Not an deinem Drahtesel, sagte er mit grimmigem Humor als staune er selbst über seine Aussage.

Nach dem Tee gingen wir zurück. Das Fahrrad lag noch da, das Rad am Boden, der Bowdenzug auf dem Tisch. Vater machte sich wieder ans Werk, diesmal mit Energie.

Du ziehst den Zug durch, ich mache die Backen ran.

Ich fädelte den Zug ein. Ungeschickt, meine Finger klobig das ärgerte mich. Vater bemerkte es.

Lass dir Zeit. Kommt auf Geduld an, nicht auf Kraft.

Ich sah auf.

Das sagst du nur über den Zug?

Über alles, erwiderte er und drehte sich weg, als ob es zu viel gewesen wäre.

Wir brachten die Backen an, zogen die Schrauben fest. Vater drückte mehrmals den Bremshebel, kontrollierte.

Ist schon besser.

Ich pumpte den Reifen auf, prüfte hielt dicht. Wir montierten alles wieder. Vater bat mich um den 13er, ich reichte ihn wortlos. Der Schlüssel lag in seiner Hand, als gehöre er dahin.

Fertig, sagte Vater dann. Teste mal.

Wir nahmen das Rad hinaus in den Hof. Vater rollte es mit sicherer Hand, ich ging nebenher. Im Hof niemand, nur Frau Stein, die Nachbarin, nickte uns beim Vorbeigehen zu.

Komm, steig auf. Mach eine Runde, sagte Vater.

Ich?

Na wer sonst?

Ich setzte mich aufs Rad. Der Sattel so niedrig wie früher, die Knie zogen hoch. Ich drehte eine Runde um die Blumenrabatte, zog an der Bremse. Das Rad stoppte wie gewünscht.

Funktioniert, sagte ich.

Vater versuchte es selbst, rollte ein paar Meter vorsichtig, stieg wieder ab.

Passt. Hat sich gelohnt.

Ich sah ihn an und plötzlich fiel mir auf: Es ging ihm nicht ums Fahrrad, dabei nicht. Es war wichtiger, dass er mich gebeten hatte zu kommen.

Behalt das Werkzeug, sagte Vater plötzlich. Das Set. Reicht mir, hab ja noch was. Du kannsts gebrauchen. Machst ja doch immer alles selbst.

Ich wollte widersprechen, merkte aber: Das war seine Art zu sagen, dass er mich mag. Nicht ich hab dich lieb, sondern nimm das, falls dus brauchst.

Gut, nehme ich. Aber lass deinen Dreizehner hier. Der ist Chefsache.

Er grinste.

Jetzt weiß ich ja, wohin er gehört.

Wir stiegen wieder hoch. Im Flur zog ich meine Jacke an. Vater stand neben mir, drängelte nicht.

Komm nächste Woche mal?, fragte er betont beiläufig. Ich muss noch die Tür oben quietscht. Schmieren wollte ich. Aber die Hände naja.

Völlig nüchtern, keine Entschuldigung. Ich hörte kein Jammern, sondern eine Einladung.

Ich komm. Ruf aber vorher an, damit ich nicht wieder so hetze.

Vater nickte und murmelte leise, als er die Tür fast schon zu hatte:

Danke, dass du gekommen bist.

Ich stieg die Treppe hinunter, hatte ein paar Schlüssel und Schraubendreher meines Vaters im Lappen in der Hand. Sie waren schwer aber nicht mehr belastend. Draußen blickte ich nochmal hoch zum dritten Stock, sah, wie der Vorhang sich leicht bewegte, als ob Vater dort stand und rausschaute. Ich winkte nicht. Ich ging einfach zu meinem Auto, mit dem Gefühl, dass ich jetzt nicht mehr nur auf Abruf kommen konnte, sondern aus genau dem Grund, den wir beide unausgesprochen gelernt haben: weil es dazugehört.

Wenn ich etwas heute gelernt habe, dann wie schwer und wichtig es ist, mit seinem eigenen Vater ehrlich zu sein und wie viel schon ein einfaches Ich kann das nicht immer bedeuten kann. Manchmal müssen wir nicht über alles reden. Manchmal reicht es, gemeinsam ein Rad zu reparieren und sich dabei langsam näherzukommen.

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Homy
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Schlüssel Nummer 13 Er rief morgens an und sagte es so, als sei es eine Kleinigkeit: — Kommst du vorbei? Ich müsste das Fahrrad mal hochholen. Allein hab ich keine Lust, mich damit abzumühen. Die Worte „Kommst du vorbei?“ und „keine Lust“ klangen ungewohnt nebeneinander. Eigentlich sagte mein Vater immer „muss“ und „ich mach das schon selbst“. Der erwachsene Sohn, mit ersten grauen Haaren an den Schläfen, ertappte sich bei dem Gedanken, in dieser Einladung einen Haken zu suchen, wie früher in alten Gesprächen. Aber es gab keinen Haken, nur eine schlichte Bitte, und gerade das machte es seltsam. Er kam zur Mittagszeit, stieg in den dritten Stock, zögerte auf dem Treppenabsatz, während der Schlüssel im Schloss drehte. Die Tür öffnete sich sofort, als hätte der Vater dahinter gewartet. — Komm rein. Zieh die Schuhe aus, sagte der Vater und trat beiseite. Im Flur war alles wie immer: Fußmatte, Kommode, ordentlich gestapelte Zeitungen. Der Vater sah aus wie immer, nur die Schultern schienen schmaler geworden zu sein, und die Hände zitterten einen Moment, als er den Ärmel richtete. — Wo ist das Fahrrad? fragte der Sohn, um nichts anderes fragen zu müssen. — Auf dem Balkon. Hab’s hingestellt, damit’s nicht im Weg steht. Wollt mich schon selbst drum kümmern, aber dann… — der Vater winkte ab und ging voran. Der Balkon war verglast, aber kalt, voll mit Kisten und Gläsern. Das Fahrrad stand an der Wand, mit einem alten Bettlaken zugedeckt. Der Vater nahm das Laken ab, fast feierlich, und strich vorsichtig über den Rahmen. — Deins, sagte er. Erinnerst du dich? Haben wir dir zum Geburtstag gekauft. Der Sohn erinnerte sich — wie er im Hof herumfuhr, stürzte, wie sein Vater ihn wortlos wieder aufstellte, den Sand von den Knien klopfte, die Kette prüfte. Lob gab es selten, aber der Vater blickte immer auf die Dinge, als wären sie lebendig und seine Verantwortung. — Die Reifen sind platt, bemerkte der Sohn. — Das geht noch. Die Nabe knackt auch und die Hinterbremse zieht nicht mehr. Hab gestern mal gedreht, mir wurde gleich anders, – der Vater schmunzelte, aber das Lächeln war kurz. Sie trugen das Fahrrad in das Zimmer, wo der Vater seine „Werkstatt“ hatte — eigentlich war es nur eine Ecke am Fenster: Arbeitstisch, Matte, Lampe, Werkzeugkasten. An der Wand selektierte Zangen, Schraubendreher, Schlüssel, alles ordentlich. Der Sohn nahm es nebenbei wahr, wie immer: Der Vater hielt Ordnung, wo er konnte. — Findest du den Dreizehnerschlüssel? fragte der Vater. Der Sohn öffnete die Kiste. Die Schlüssel lagen der Reihe nach, aber der 13er fehlte. — Zwölfer… Vierzehner… aber kein Dreizehner. Der Vater hob die Brauen. — Wie kein Dreizehner? Der… — Er stockte, als wollte er „immer“ nicht sagen. Der Sohn durchwühlte das Werkzeug, öffnete die Schublade am Tisch. Drin waren alte Muttern, Unterlegscheiben, Isolierband, ein Stück Schmirgelpapier. Der Schlüssel fand sich unter einem Packen Gummihandschuhe. — Hier ist er, sagte der Sohn. Der Vater nahm den Schlüssel, wog ihn in der Hand. — Dann hab ich den wohl selbst da hingetan. Das Gedächtnis… — Er schmunzelte. — Na los, hol das Rad her. Der Sohn legte das Fahrrad auf die Seite, ein Lappen unter die Pedale. Der Vater hockte sich dazu, langsam, als könnten die Knie versagen. Der Sohn bemerkte es und tat, als bemerkte er es nicht. — Erst mal das Rad rausnehmen, sagte der Vater. — Du hältst, ich löse die Muttern. Er nahm den Schlüssel, drehte. Die Mutter saß fest, der Vater spannte sich, presste die Lippen zusammen. Der Sohn griff zum Schlüssel, half, die Mutter löste sich. — Ich könnte das auch allein, brummte der Vater. — Ich wollte nur… — Weiß ich. Halt mal fest, dass es nicht kippt. Sie arbeiteten schweigend, sprachen nur im Pragmatismus: „Halten“, „nicht ziehen“, „hierher“, „vorsichtig mit der Scheibe“. Dem Sohn fiel auf, dass das sogar leichter war — wenn die Worte durch die Sache begrenzt sind, muss man nicht rätseln, was dahintersteckt. Das Rad lag am Boden. Der Vater holte die Luftpumpe, prüfte den Schlauch. Die Pumpe war alt, der Griff ausgeblichen. — Die Luft ist nur raus, der Schlauch hält bestimmt, sagte der Vater. Der Sohn wollte fragen, warum er sich da so sicher war, schwieg aber. Der Vater redete immer sicher, auch im Zweifel. Während der Vater pumpte, prüfte der Sohn die Bremse. Die Beläge waren runter, das Seil rostig. — Das Seil muss ersetzt werden, sagte er. — Seil… — Der Vater hielt inne, wischte sich die Hand am Hosenbein. — Da war noch eins in Reserve. Er wühlte unter dem Tisch im Schränkchen, holte eine Kiste heraus, dann noch eine. In jeder lag Zubehör, mit Zettelchen beschriftet. Der Sohn sah, wie sein Vater die Sachen durchging, und erkannte darin nicht nur Sparsamkeit, sondern ein Mittel, Kontrolle über die Zeit zu behalten: Solange alles geordnet und beschriftet ist, zerfällt nichts. — Find’s nicht, sagte der Vater und knallte die Schachtel zu. — Vielleicht im Abstellraum? schlug der Sohn vor. — Im Abstellraum herrscht Chaos, bekannte der Vater, als würde er ein Verbrechen gestehen. Der Sohn grinste. — Bei dir? Chaos? Das ist neu. Der Vater sah ihn schräg an, in den Augen ein Hauch von Dankbarkeit für den Scherz. — Geh mal gucken, ich pump hier weiter. Der Abstellraum war klein, voller Kartons. Der Sohn knipste das Licht an, kramte. Auf dem oberen Regal lag die Seilrolle, eingewickelt in Zeitungspapier. — Hab’s gefunden, rief er. — Siehste, murmelte der Vater. Sag ich doch. Der Sohn brachte das Seil, der Vater drehte es in den Händen, überprüfte die Enden. — Ist ordentlich. Wir brauchen noch Endkappen. Er suchte in der Kiste, fand kleine Metallhülsen. — Lass uns die Bremse zerlegen, sagte der Vater. Der Sohn hielt den Rahmen, der Vater schraubte die Aufnahme los. Seine Finger waren trocken, rissig, die Nägel kurz. Der Sohn dachte daran, wie diese Finger in seiner Kindheit unverwundbar wirkten. Jetzt lag darin eine andere Kraft: Geduld, Sparsamkeit. — Was schaust du so? fragte der Vater, den Kopf unten. — Ach, ich denk drüber nach, wie du dir das alles merken kannst. Der Vater schnaubte. — Das weiß ich. Nur, wo die Schlüssel hinkommen, weiß ich nicht immer. Witzig, oder? Der Sohn wollte „nicht witzig“ sagen, verstand aber, der Vater meint: „Es macht Angst“. — Ist normal, sagte der Sohn. Geht mir auch so. Der Vater nickte, als nähme er das als Erlaubnis, nicht perfekt zu sein. Beim Zerlegen fehlte plötzlich eine Feder. Der Vater schaute lange ins Leere, hob den Blick. — Gestern hab ich gebastelt, da könnte sie runtergefallen sein. Boden hab ich schon abgesucht. — Lass nochmal suchen, schlug der Sohn vor. Sie gingen auf die Knie, tasteten den Boden ab, spähten unter den Tisch. Die Feder lag an der Sockelleiste, neben dem Stuhlbein. — Da. Der Vater nahm sie, hielt sie ans Licht. — Gott sei Dank. Ich hab schon… — er brach ab. Der Sohn verstand, dass der Vater sagen wollte: „Ich dachte schon, jetzt ist alles vorbei.“ Aber er sagte es nicht. — Willst du Tee? fragte der Vater rasch, als könne Tee die Lücke überbrücken. — Gern. In der Küche stellte der Vater den Wasserkessel auf, holte zwei Tassen heraus. Der Sohn setzte sich, beobachtete, wie der Vater zwischen Herd und Schrank umherging — vertraute Bewegungen, nur etwas langsamer als früher. Der Vater füllte Tee ein, setzte eine Dose mit Keksen vor den Sohn. — Iss, du bist dünn geworden. Der Sohn wollte entgegnen, aber ließ es. In diesem Satz steckte alles, was sein Vater über Fürsorge ausdrücken konnte. — Wie läuft’s bei der Arbeit? fragte der Vater. — Ganz gut. — Und, damit es nicht leer klang: — Das Projekt ist vorbei, jetzt kommt ein neues. — Hauptsache, sie zahlen pünktlich. Der Sohn grinste. — Du immer mit dem Geld. — Worüber sollte ich mir sonst Sorgen machen? — Der Vater sah ihn direkt an. — Gefühle? Dem Sohn zog sich was zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass sein Vater das Wort selbst sagt. — Weiß nicht, antwortete er ehrlich. Der Vater schwieg, hob dann die Tasse mit beiden Händen. — Weißt du… manchmal denk ich, du kommst zu Besuch nur aus Pflichtgefühl. Meldest dich ab, dann fährst du wieder. Der Sohn stellte die Tasse hin. Der Tee war heiß, brannte an den Fingern, doch er zog die Hand nicht weg. — Glaubst du, es fällt mir leicht, zu kommen? — fragte er. — Hier ist alles… als wäre ich wieder klein. Und du weißt immer alles besser. Der Vater schmunzelte, aber ohne Zorn. — Ich glaub das wirklich. Ist halt so. — Und außerdem, — der Sohn atmete tief —, hast du nie gefragt, wie es mir wirklich geht. Der Vater blickte in die Tasse, als gäbe es darin Antworten. — Ich hatte Angst zu fragen. Wenn du fragst, musst du zuhören. Und das… — er sah auf. — Ich kann das nicht immer. Dem Sohn wurde leichter ums Herz. Es war kein „Es tut mir leid“, keine Erklärung. Einfach das Zugeständnis, es nicht zu können. Ehrlicher als alle schönen Reden. — Ich kann’s auch nicht. Der Vater nickte. — Dann lernen wir’s eben. Über das Fahrrad, — setzte er hinzu und lächelte schief, selbst überrascht von seinem Satz. Sie tranken aus und gingen zurück ins Zimmer. Das Fahrrad lag noch da, das Rad daneben, der Seilzug auf dem Tisch. Der Vater machte sich wieder ans Werk — mit frischer Entschlossenheit. — Also dann. Du führst das Seil durch, ich richte die Beläge. Der Sohn zog das Seil durch die Hülle, befestigte es. Seine Finger waren weniger geschickt als die des Vaters, was ihn ärgerte. Der Vater merkte es. — Keine Hektik. Es geht nicht um Kraft, sondern um Geduld. Der Sohn sah ihn an. — Meinst du jetzt das Seil? — Alles, antwortete sein Vater, noch bevor er sich abwandte. Sie richteten die Beläge, drehten die Muttern fest. Der Vater drückte mehrmals den Bremshebel, prüfte den Lauf. — Schon viel besser. Der Sohn pumpte den Reifen prall auf, prüfte, ob Luft entweicht. Die Kammer hielt. Sie montierten das Rad, zogen die Muttern an. Der Vater bat um den Dreizehnerschlüssel, der Sohn reichte ihn wortlos. Der Schlüssel passte in die Vaterhand wie ein vertrautes Werkzeug. — Fertig, sagte der Vater, als alles stand. — Lass uns mal testen. Sie brachten das Fahrrad in den Hof. Der Vater hielt es am Lenker, der Sohn ging nebendran. Vor dem Haus stand nur eine Nachbarin mit Tüte, sie nickte ihnen zu. — Setz dich drauf, fahr eine Runde, meinte der Vater. — Ich? — Wer sonst? Ich bin kein Akrobat mehr. Der Sohn stieg aufs Rad, der Sattel war tief wie früher, die Knie gingen hoch. Er drehte zwei Runden um das Blumenbeet, bremste. Das Fahrrad stoppte anstandslos. — Funktioniert, sagte er beim Absteigen. Der Vater schob das Fahrrad, probierte selbst langsam zu fahren, stoppte wieder, stellte den Fuß auf die Erde. — So ist’s gut. Hat sich also gelohnt. Der Sohn betrachtete den Vater und begriff, dass der nicht das Fahrrad meinte. Sondern dass es sich gelohnt hatte, ihn zu rufen. — Behalte das Werkzeug bei dir, sagte der Vater unerwartet. — Das Set da. — Er nickte zu den Werkzeugen, mit denen sie gearbeitet hatten. — Mir reicht’s. Kannst du sicher noch gebrauchen. Du machst ja sowieso alles selbst. Der Sohn wollte widersprechen, wusste aber, dass das die Sprache des Vaters war. Nicht „Ich hab dich lieb“, sondern „Nimm, damit es dir leichter fällt“. — Na gut, bleibt hier. Nur den Dreizehner behältst du. Der ist der Chef. Der Vater schmunzelte. — Den leg ich jetzt an seinen Platz. Sie gingen zurück ins Haus. Im Flur zog der Sohn die Jacke an. Der Vater wartete, ohne zu drängen. — Kommst du nächste Woche nochmal vorbei? fragte er beiläufig. — Da ist noch… die Klappe zum Schrank knarzt. Wollte sie ölen, aber die Hände… machen nicht mehr so mit. Er sagte es ohne Bedauern, einfach, als Einladung. — Ich komm vorbei. Ruf mich einfach rechtzeitig an, sonst komm ich wieder ganz spontan. Der Vater nickte und, als er die Tür schon schließen wollte, sagte er leise: — Danke, dass du dagewesen bist. Der Sohn ging die Treppen runter, die Werkzeuge in ein Tuch gewickelt in der Hand. Sie waren schwer, aber es beschwerte ihn nicht. Draußen warf er einen Blick auf das Fenster im dritten Stock, wo sich der Vorhang bewegte, als würde der Vater stehen und sehen. Er winkte nicht, ging einfach weiter zum Auto, im Wissen, dass er nun nicht nur „wegen der Sache“ kommen konnte, sondern wegen jener anderen Sache, die sie beide endlich als wichtig anerkannt hatten.
Eisenbahnromantik: Eine Reise durch die Gleise der Träume