Bruno, könntest du mich vielleicht heute Abend nach Hause fahren? Nach einem langen Arbeitstag hoffte Jana, sich die vierzigminütige Busfahrt zu ersparen.
Liebling, könntest du mich bitte von der Arbeit abholen? Sandra rief ihren Mann an, in der Hoffnung, dass sie sich nach den anstrengenden Stunden nicht noch in die U-Bahn quetschen müsste.
Ich habe gerade zu tun, kam die knappe Antwort. Im Hintergrund lief deutlich hörbar das Fernsehen, also saß Martin gemütlich zuhause.
Die Worte trafen Sandra tief. Ihre Ehe war inzwischen auf einem schmalen Grat, während Martin sie vor wenigen Monaten noch auf Händen getragen hätte. Was war nur in so kurzer Zeit geschehen? Sie verstand es nicht.
Sie achtete stets auf ihr Aussehen, verbrachte viel Zeit im Fitnessstudio, kochte hervorragend nicht umsonst arbeitete sie in einem angesagten Restaurant in München. Niemals bat sie um Geld, machte keinen Aufstand, erfüllte ihrem Mann beinahe jeden Wunsch
Du wirst ihm bald überdrüssig, wenn du dich immer nur anpasst, rümpfte ihre Mutter die Nase, als Sandra ihr ihr Herz ausschüttete. Man darf es dem Mann nicht immer so leicht machen.
Ich liebe ihn doch einfach, lächelte Sandra hilflos. Und ich weiß, dass er mich liebt
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Am Ende bin ich ihm wirklich zu langweilig geworden, kaute Sandra nervös auf ihrer Lippe, während sie den Verlauf im Browser durchsah. Martin hatte in seiner Freizeit nur auf Kontaktbörsen verbracht und schrieb gleichzeitig mit mehreren Frauen.
Warum konnte er nicht einfach ehrlich mit mir sein? Ich hätte ihn gehen lassen. Warum sich und mich weiterhin quälen?
Also Scheidung. Sie war stark, sie würde es überleben. Doch so einfach wollte sie ihn nicht davonkommen lassen. Ein kleiner, süßer Racheakt war durchaus verdient.
Schon am selben Abend meldete sich Sandra auf derselben Dating-Plattform an, auf der sie Martin erwischt hatte. Sie fand ihn, nahm einen bearbeiteten Internet-Avatar und war sich sicher, dass er anbeißen würde. Natürlich tat er das.
Es folgte ein hitziger Nachrichtenwechsel. Mit jeder Zeile behauptete Martin, ledig zu sein, sehnte sich angeblich nach einer ernsten Beziehung und Kindern. Über seinen großartigen Charakter ließ er kein gutes Haar an der Tastatur Sandra hätte sich darüber fast totgelacht. Sie kannte schließlich genau, wie schwierig es war, mit ihm auszukommen.
Wollen wir uns treffen?, schlug Sandra schließlich vor und wartete atemlos auf Antwort.
Sehr gerne!, kam die Nachricht prompt zurück. Aber meine Schwester wohnt aktuell temporär bei mir und bereitet sich auf ihre Prüfungen vor. Lass uns lieber an einem neutralen Ort treffen und danach einen schönen Abend im Hotel verbringen.
Ach wirklich? murmelte Sandra beim Lesen. Wie kommt er darauf, dass jede Frau gleich mit ins Hotel geht? Das wäre doch jedem seltsam. Aber gut, für mich umso besser.
Wir könnten uns auch bei mir treffen. Ich wohne draußen vor der Stadt, ganz allein. Da stört uns niemand Fragte sie sich im Stillen, ob er darauf eingehen würde.
Großartige Idee! kam es von Martin begeistert zurück, wahrscheinlich weil er so kein Geld ausgeben musste. Sag mir die Adresse, und wann ich kommen soll. Ich stehe auf Liebe in Fahrt!
Alleenstraße 25, um zehn Uhr abends. Passt das?
Perfekt! Ich freue mich.
Gegen neun Uhr abends tat Martin so, als hätte ihn seine Arbeit dringend gerufen. Suchend nach seinen Autoschlüsseln fragte er widerwillig seine Frau, ob sie den Bund gesehen habe.
Die lagen eben noch auf der Kommode, antwortete Sandra mit unschuldiger Miene, während sie die Schlüssel heimlich in ihrer Jackentasche spürte. Vielleicht hat der Kater sie mitgenommen?
Sie selbst machte sich allerdings nicht die Mühe zu warten. Warum auch? Stattdessen nutzte sie die Zeit, um ihre Sachen zu packen. Glücklicherweise hatte sie eine eigene Wohnung geerbt, die ihr den Absprung erleichterte. Das Einzige, was sie zurückließ, war ein unterschriebener Scheidungsantrag gut sichtbar auf dem Esstisch.
Martin kehrte erst am nächsten Morgen heim, wütend bis ins Mark. Nicht nur, dass die Fahrt eine Ewigkeit gedauert hatte auch die angebliche Angela von der Internetseite war dort nicht zu finden gewesen.
Die Adresse war zwar echt, das Haus stand tatsächlich dort. Doch es öffnete eine Frau, die sicher das Dreifache seines Gewichts hatte. Gekleidet war sie lediglich in ein halbtransparentes Nachthemd, und Martin hätte all sein hart erspartes Geld in Euro gegeben, um diesen Anblick wieder aus dem Gedächtnis zu verbannen.
Überhaupt musste er sich regelrecht vor dieser Frau retten. Schließlich bestellte er hastig ein Taxi, nur um von dort wegzukommen. Das dauerte unendlich lang, so dass Martin in seinem dünnen Sakko ordentlich fror. Der Fahrer war dann auch noch ziemlich wunderlich und brachte ihn zunächst sonst wohin Es wurde eine nächtliche Odyssee voller Peinlichkeiten.
Als er dann endlich wieder die Schwelle seiner Wohnung überschritt und den Scheidungsantrag auf dem Tisch fand, wurde ihm schlagartig klar, wer sich diesen kleinen Racheakt ausgedacht hatte. Daneben, mit rotem Lippenstift auf dem Zeitungsstapel gekritzelt, stand: Dieser süße Triumph…




