Ich will nicht mehr deine Verwandten bei uns im Haus sehen, das hier ist kein Hotel.
Ich möchte, dass deine Familie nicht mehr so oft bei uns ist, das hier ist kein Gästehaus! Annalena ist von den ständigen Forderungen der Gäste erschöpft
Keiner hatte es eilig, aber sobald Annalena ihr Psychologiestudium abschließt, macht Florian ihr einen Antrag, ganz so wie sie es sich gewünscht hatte. Die Hochzeit feiert das junge Paar im kleinen Kreis. Florians Tante und Onkel raten ihnen, das geschenkte und gesparte Geld zu nutzen, um ihr gemeinsames Leben angenehmer zu machen.
So wird Florian Eigentümer eines kleinen Grundstücks am Stadtrand von München. Annalenas Eltern verkaufen ihren Wagen und geben das Geld dem jungen Paar für den Hausbau. In der Großstadt brauchen sie ohnehin kaum ein Auto.
Annalena hat ein wenig Angst vor dem Landleben, stellt sich vor, wie unpraktisch es sein könnte: Wasser aus dem Brunnen, gelegentliche Stromausfälle, Hühner im Garten und einen Kamin heizen. Florian beruhigt lachend: Wir leben doch nicht mehr im letzten Jahrhundert! Für weniger als den Preis einer Wohnung in der Stadt bekommen wir hier viel mehr Komfort und richtig viel Platz!
Das Eigenheim entsteht erstaunlich schnell. Florian erhält eine Beförderung im Büro und Annalena bietet ihre psychologischen Beratungen bereits online an. Die Eltern unterstützen finanziell, und auch Florians Tante und Onkel helfen mit.
Gertrud besucht die Baustelle regelmäßig, unter wechselnden Vorwänden: Mal empfiehlt sie Farben fürs Wohnzimmer, mal sucht sie die passende Deckenleuchte aus. Sie meint es immer gut, doch Annalena fühlt, dass sie ihre eigene Freiheit immer mehr verliert. Eines Tages verschwindet sie dann komplett Florians Onkel Wilhelm bleibt über Nacht im fast fertigen Haus, ohne Bescheid zu sagen. Er musste etwas in der Nähe erledigen, war lange unterwegs und beschließt, einfach bei seinem Neffen zu schlafen.
Hätte er es wenigstens angekündigt, wäre es halb so wild gewesen. Aber Annalena erschrickt furchtbar, als sie ihn abends im Wohnzimmer findet. Seitdem schaut sie immer erst in jedes Zimmer, bevor sie es betritt.
Kinder, bringt die Taschen da hin, Gertrud wies energisch die Kinder an und dirigiert sie ins Gästezimmer, Beeilt euch, sonst verderben noch eure Lebensmittel! Annalena, räum im Kühlschrank Regale frei, die Kinder werden eigenes Essen mitgebracht haben, gibt sie Anweisungen.
Annalena wundert sich etwas, dass Gäste gleich einen ganzen Vorrat dabei haben, denkt aber, sie wollen einfach etwas Besonderes beisteuern.
Geht schon, macht es euch bequem. Annalenchen kümmert sich um alles, fühlt euch wie zu Hause, Gertrud sorgt weiter für Betriebsamkeit.
Wilhelm macht es sich bereits auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich, zappt durch Fernsehsender. Er bittet Florian um einen kleinen Schluck Cognac, den er zum Geburtstag bekommen hatte. Florian bringt eine Flasche und zwei Gläser.
Viktor, lass die Frauen mal machen, komm zu uns, hier ist es viel gemütlicher! ruft Wilhelm seinem Sohn zu.
Als alle ihre Sachen verstaut haben, ist es schon spät. Annalena sucht ständig nach Hausschuhen, warmen Socken gegen die Kälte, einem dünnen Teppich, falls jemandem zu warm wird. Mit Schrecken denkt sie an Ingeborgs Worte, sie seien nur eine Woche zur Einweihung zu Besuch hoffentlich war das nur so gesagt! Ihr passt es auch gar nicht, dass die Gäste sich einfach im Zimmer einrichten, das Annalena als Kinderzimmer geplant hatte. Im Obergeschoss ist schließlich ein eigenes Gästezimmer eingerichtet.
Annalena, brauchst du Hilfe? fragt Florian.
Endlich fragt jemand, antwortet Annalena leise und wirft einen Blick zum Tisch, von denen dort kommt bestimmt keine Hilfe.
Ach komm, so schlimm sind sie doch gar nicht, Florian lacht und schält schon mal Kartoffeln.
Danke dir, sagt Annalena, zwinkert und lächelt ihren Mann an.
Bis zum Mittag langweilen sich die Verwandten und machen einen Spaziergang im nahegelegenen Forst. Danach ziehen sie sich wie Gertrud sagt zum Ausruhen in ihre Zimmer zurück.
Florianchen, klopf bei uns, sollte ich bis fünf noch nicht wach sein damit wir alle um Punkt sechs am Tisch sitzen! sagt Gertrud müde und verschwindet.
Das ist ein Gericht mit Fisch, erklärt Annalena freudig, ein bisschen wie Pastete, ein bisschen wie Soufflé, ganz zart, probier mal! Sie reicht Ingeborg einen Teller.
Oh nein, für Viktor ist das nichts! Und Sascha hat eine Lachsallergie!
Da ist auch Lachs drin stammelt Annalena überrascht.
Für ihn auch, auf alle Arten von rotem Fisch, fährt Ingeborg kopfschüttelnd fort, und was ist das da?
Hähnchenflügel in einer süßsauren Soße, antwortet Annalena zunehmend vorsichtiger.
Klar, sagt Ingeborg und mustert den Tisch, Viktor, hol mal bitte die Pute aus dem Kühlschrank. Sie ist in Alufolie eingewickelt, riesig, du erkennst sie!
Viktor geht los, kramt im Kühlschrank und bringt den Braten, wickelt die Folie ab, legt ihn auf das Schneidebrett und schneidet dünne Scheiben ab.
Übrigens, Annalenchen, ich denke, ein zweiter Kühlschrank wäre für uns alle praktisch. Eurer ist zu klein für drei Familien. Ich hab online ein gutes Modell mit Rabatt gesehen ich schick Florian mal den Link, lächelt Gertrud.
Wozu denn bitte ein zweiter Kühlschrank und was meinst du mit drei Familien? staunt Annalena ehrlich.
Na, das ist doch zumindest teilweise unser gemeinsames Haus. Wir haben gemeinsam gebaut, ich habe euch mit dem Einrichten geholfen. Hier werden wir alle an Feiertagen zusammenkommen. Damit das miteinander funktioniert, habe ich schon Ideen gesammelt, Gertrud kramt in ihrer Handtasche nach dem Handy.
Annalena sieht ihren Mann fragend an, aber Florian ist genauso verwundert wie sie.
Mal sehen, was ich da noch hatte Gertrud setzt ihre Lesebrille auf, zieht die Kette hoch und mustert das Display, wo hab ich das bloß
Mama, das ist bei den Listen-Apps ganz vorne, hilft ihr Ingeborg und legt Viktor noch ein weiteres Stück Pute auf den Teller.
Aha, da! ruft Gertrud zufrieden aus, also: ein zweiter Kühlschrank, separates Hausgewand und warme Jacken für Spaziergänge, damit man nicht extra von zuhause alles mitbringen muss, erklärt sie, persönliche Hygieneartikel, natürlich Hausschuhe für alle. Sag mal, Wilhelm, hast du noch was beizutragen?
Wilhelm räuspert sich, nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Cognac und sagt knapp:
Eine Minibar!
Minibar? fragt Florian, wozu eigentlich?
Na, wir wollen hier doch Urlaub machen und nicht schuften also abends gemütlich auf die Couch, während deine Mutter mich in Ruhe lässt, er lacht zu seiner Frau hinüber, die ihm mit einem Lächeln antwortet.
Mama, wir reden doch vom Kinderzimmer für Sascha, erinnert Ingeborg.
Stimmt! Hätte ich fast vergessen der ist auf meiner Liste gar nicht, Sascha braucht natürlich ein eigenes Zimmer, genau das, in dem die Kinder jetzt gerade schlafen.
Das ist aber unser zukünftiges Kinderzimmer! Annalena verliert langsam die Fassung.
Erst mal ein Kind bekommen, Liebes, meint Gertrud sanft, mein Sohn will schließlich auch Nachwuchs!
Ihr habt mir immer geraten, nicht zu eilen, erst das Studium abzuschließen! Annalena wird rot und spürt Puls in den Ohren.
Jetzt hast du den Abschluss aber dir steht wohl die Karriere wichtiger, sonst würdest du dich mehr ums Schwangerwerden kümmern als um Beratungen.
Ich habe gearbeitet, damit wir das Haus so schnell wie möglich fertig bekommen, damit wir endlich einziehen können
Jetzt ist das Haus fertig, jetzt ist Zeit fürs Kind, bis wir hier alle gemeinsam einziehen, nicht wahr, mein Zimtstern? Gertrud betrachtet ihre Enkelin liebevoll.
Annalenas Geduld reißt sie läuft nach oben, schließt sich ins Schlafzimmer ein und beginnt, über all diese Ungerechtigkeit zu weinen.
Kurz darauf kommt Florian.
Was ist denn los, Annalenchen?
Hast du das da unten nicht mitbekommen? Hast du das alles nicht gehört? schluchzt Annalena wütend.
Das kann doch nicht dein Ernst sein! Die meinen das doch wohl nicht, diese Forderungen Minibar? Hausschuhe? Das kann keiner ernst meinen!
Florian versteht anscheinend nicht, wie ernst die Lage ist.
Florian, sie meinen es wirklich ernst. Lassen wir sie einfach mal direkt fragen wenn es ein Scherz war, entschuldige ich mich.
Und wenn nicht? fragt er vorsichtig.
Ich will keine deiner Verwandten mehr in diesem Haus antreffen, das hier ist kein Hotel! Annalena ist mit den Nerven am Ende.
In Ordnung. So ist es fair, Florian wischt Annalena die Tränen ab, sie wäscht sich das Gesicht mit kaltem Wasser, wartet ein paar Minuten, dann gehen beide nach unten.
Entschuldigung, dass wir so heftig reagiert haben, beginnt Florian mit freundlichem Lächeln, jetzt haben wir verstanden, dass ihr nur Spaß gemacht habt. Ein Scherz der Familie, auf den wir etwas seltsam reagiert haben. Können wir drüber hinwegsehen und zur Feier entspannen? Wie wäre es mit einem Tee und Kuchen?
Ein Scherz sollte auch lustig sein. Ich sehe nichts Lustiges daran, ein Haus zu haben, das nicht familiengerecht eingerichtet ist, antwortet Gertrud streng, sichtlich gereizt wegen Annalenas Verhalten.
Ihr meint also tatsächlich, wir sollen euch einen Kühlschrank, eine Minibar, neue Hausschuhe, Jacken und was weiß ich noch alles besorgen? Fehlt vielleicht noch was? Annalena zeigt jetzt offen ihre Gefühle.
Falls mir noch was einfällt, lass ich es euch wissen, sagt Gertrud schulterzuckend, aber fangt erstmal mit dem Kinderzimmer an, wir planen, bald wieder in unser Gemeinschaftshaus zu kommen.
Was dann folgt, erinnert sich Florian nur noch wie im Nebel. Annalena schreit seine Mutter an, die Mutter wirft Annalena vor, eine Psychologin zu sein, sich aber wie eine Verrückte zu benehmen, Wilhelm schenkt sich ihren Cognac nach, Ingeborg geht mit Sascha ins Zimmer und beginnt, ihre Sachen zu packen. Viktor steht daneben mit riesigen Augen und versteht gar nichts.
Schließlich nimmt Annalena Gertruds Mantel von der Garderobe, öffnet die Tür und wirft ihn hinaus.
Verlassen Sie bitte mein Haus. sagt sie keuchend, ich zahle Ihnen das Geld zurück, das Sie uns gegeben haben, und Sie brauchen sich hier nicht mehr blicken zu lassen.
Wir werden uns wiedersehen, zischt Gertrud zwischen den Zähnen, schnappt sich ihren Mantel, Wilhelm, hol meine Sachen!
Später wird Annalena schwanger und beschäftigt sich liebevoll mit der Einrichtung des Kinderzimmers. Sie arbeitet fast bis kurz vor der Geburt, dann spezialisiert sie sich auf die Arbeit mit Kindern. Ihre eigene Mutter kommt aus einem Nachbarort, um sie zu unterstützen.
Gertrud und Wilhelm kommen erst nach der Geburt des Enkelkindes zu Besuch. Sie sind höflich, bescheiden und rücksichtsvoll. Sie bitten Annalena um Verzeihung und darum, ihr Enkelkind sehen zu dürfen.
Annalena hat nichts dagegen.



