Du bist nicht krank, Mama. Du bist zu Tante Lotte geflüchtet und hast uns angelogen. Warum? – tobte der Sohn

Du bist nicht krank, Mama. Du bist zu Tante Gisela gefahren und hast uns angelogen. Warum? schimpft der Sohn.

Der Name Heike war für sie selbst stets mit Verantwortungsbewusstsein verbunden. Heike, die Organisatorin, Heike, die Retterin, Heike, die das Familienboot über Wasser hält, während ihr Mann Sven sich kaum darum schert.

Doch an Silvester gönnt Heike sich normalerweise immer eine kleine Auszeit. Das liegt an dem eisernen, unumstößlichen Versprechen: Schwiegermutter Anneliese, nimmt die Kinder für die ganzen Winterferien mit aufs Land nach Kleinried.

Allein der Gedanke daran löst in Heike dieses besondere Kribbeln aus, fast wie das sehnsüchtige Warten auf den Weihnachtsmann als Kind.

Zehn Tage. Zehn Tage Stille. Ausschlafen bis mittags, Bücher nicht nur kapitelweise lesen, und Filme mit Sven anschauen richtige, lange Filme für Erwachsene, keine Trickfilme.

Die Kinder, Lukas (8) und Greta (6), plappern schon seit Oktober: Zur Oma! Zu Oma aufs Dorf! Da gibts Schlitten, Schnee, Sauna, Apfelkuchen von Oma!

Anneliese, eine fitte, energische Dame Anfang sechzig, nickt stets nur und steckt sich dabei eine graue Strähne hinters Ohr:
Aber ja, meine Lieben! Wir fahren Ski, bauen einen riesigen Schneemann, backen zusammen! Eure Eltern sollen auch mal entspannen.

Heike glaubt daran so sehr, dass sie sich extra einen neuen Bademantel gekauft und das teure Stickset hervorgeholt hat, das seit zwei Jahren im Schrank Staub sammelt.

Am 30. Dezember, um Punkt vier am Nachmittag, bricht alles zusammen. Heike wickelt gerade eine gefüllte Forelle in Alufolie, als das Handy klingelt: Schwiegermutter steht auf dem Display.

Heikchen, mein Schatz, Annelieses Stimme ist schwach und schleppend, mir gehts ganz schlecht. Fieber, Halsweh, alles tut weh Grippe, fürchte ich. Ich kann die Kinder nicht nehmen, will sie nicht anstecken. Ihr müsst es alleine schaffen.

Die weihnachtliche Vorfreude verblasst augenblicklich. Heike blickt stumm auf den Fisch, auf die Vorratsberge im Kühlschrank, auf die leuchtenden Kinderaugen nebenan beim Rucksackpacken.

Anneliese, meinst du das ernst? Vielleicht nur eine Erkältung? Willst du nicht zum Arzt?

Nein, Heike, ich schaffs kaum aus dem Bett. Macht euch keine Sorgen. Und rutscht gut ins neue Jahr!

Heike legt auf, sinkt langsam auf den Küchenstuhl und ruft dann:
Sven!

Der Mann kommt mit Lötkolben in der Hand aus dem Arbeitszimmer er reparierte die Lichterkette.

Was ist los? Gehts um Mama?

Ja. Sie ist krank. Nimmt die Kinder nicht.

Sven seufzt.
Tja. Feiern wir halt zu viert. Ist doch nicht schlimm.

Nicht schlimm? fährt Heike auf. Ich hab keinen Moment für mich, arbeite wie ein Tier und hab mich so auf diese Ferien gefreut! Und deine Mutter zieht kurz vorher einfach zurück!

Nun, sie kann ja nichts dafür, wenn sie krank wird. Versuchs ruhig zu sehen.

Aber ruhig bleiben geht nicht. Dieser Tag, die Nacht danach, der Silvesterabend alles zieht schleppend vorbei.

Die Kinder quengeln, sie wollten doch zu Oma. Heike zählt die Minuten bis Mitternacht, um endlich schlafen zu gehen. Sven bleibt bis zum Morgen am PC, spielt World of Tanks.

Das Zauberhafte ist verflogen, zurück bleibt nur bleierne Erschöpfung.

Am Neujahrsmorgen schlägt Sven beim Frühstück plötzlich vor:
Wie wärs, wenn wir Mama kurz besuchen? Wir könnten ihr eine Suppe und ein paar Äpfel bringen. Sie ist doch sicher einsam, die Kinder sehen sie wenigstens aus der Ferne.

Heike stöhnt innerlich sie möchte die Quelle ihres Frusts eigentlich nicht sehen doch die Kinder jubeln sofort:
Zu Oma! Zu Oma!

Widerwillig gibt Heike nach.

Die Fahrt nach Kleinried dauert etwas über eine Stunde. Das Dorf liegt tiefverschneit, aus den Schornsteinen steigen Rauchsäulen in den klaren Winterhimmel.

Sie parken vorm gepflegten Haus von Anneliese. Zu Heikes Überraschung brennt Licht. Im Wohnzimmer blinken die Lichter am prachtvoll geschmückten Baum.

Sieh mal, Oma gehts ja schon besser, die hat sogar den Baum geschmückt! freut sich Greta.

Beim Klopfen öffnet niemand. Sven ruft an außer Reichweite. Heike verspürt ein mulmiges Gefühl.

Der Ersatzschlüssel ist unter der Fußmatte, erinnerst du dich?, sagt Sven. Er findet ihn und öffnet.

Drinnen riecht es nach Tanne, Mandarinen und Leere. Auf dem Küchentisch ein halb gegessener Kartoffelsalat, eine einzelne benutzte Tasse. Im Schlafzimmer das Bett penibel glattgezogen.

Heike betritt das Wohnzimmer. Auf dem Tisch neben der Fernbedienung liegt ein karierter Zettel. Darauf steht in großen, schwungvollen Buchstaben:
Gisela, Lichterkette ausmachen nicht vergessen. Fellmütze mitnehmen. Geschenk für Maren steht im Flur.

Plötzlich erkennt Heike das Bild.

Sven, sagt sie leise. Sie ist nicht krank. Sie ist gar nicht da.

Sven liest den Zettel, sein sonst so ruhiges Gesicht erstarrt.

Wer ist Gisela? fragt Heike.

Die Nachbarin. Und Maren ist ihre Tochter

Also wo ist Anneliese?

Sven zuckt ratlos die Schultern, nimmt sein Handy, tippt im Messenger, startet einen Videoanruf.

Lange wird nicht abgenommen, dann erscheint endlich Annelieses Gesicht. Heike staunt: Die Schwiegermutter sitzt an einer üppig gedeckten Tafel, wildfremde Küche im Hintergrund. Sie trägt statt ihres Hauspullovers eine schicke Bluse mit Brosche.

Die Wangen gerötet, ihre Augen glänzen vergnügt. Im Hintergrund hört man Lachen und Stimmen.

Sveni! Heikchen! Meine Lieben! plappert sie strahlend los. Frohes neues Jahr!

Die Kamera schwenkt zum Teil einer Festtagstafel, eine andere ältere Dame Annelieses Schwester winkt fröhlich.

Mama, sagt Sven eiskalt, wo bist du?

Für einen Moment wird es still, dann antwortet Anneliese etwas kleiner:

Ich bin bei meiner Schwester, im Allgäu. Gisela hat spontan eingeladen, im allerletzten Moment…

Wir sind gerade in deinem Haus, in Kleinried. Wollten dich besuchen, haben Suppe dabei. Dachten, du bist allein und krank.

In Annelieses Gesicht verschwindet schlagartig die Freude.

Ihr seid in meinem Haus? Aber ich sagte doch, ich sei krank

Du bist nicht krank, Mama. Du warst gar nicht da. Du bist geflohen zu Tante Gisela und hast uns angelogen. Warum?

Die Kinder werden still. Heike ballt die Fäuste, schaut zu, wie sich das letzte Restchen Vertrauen entzaubert.

Anneliese senkt den Blick. Dann schaut sie wieder hoch. In ihren Augen liegt etwas trotzig Schamesvolles.

Weil ich einfach nicht mehr kann! platzt es aus ihr heraus. Diese perfekte Oma sein, immer funktionieren Ich war es so leid! Gisela hat mich eingeladen auf den Skikurs mit Freundinnen. Ich wollte in meinem Leben einmal Ski fahren! Und ihr übergebt mir die Kinder für die ganzen Ferien. Zehn Tage! Ich liebe Lukas und Greta, sie sind wundervoll, aber es ist anstrengend! Ich wollte auch mal Urlaub nur für mich! Wie soll ich euch sowas sagen? Kinder, eure Oma will Spaß, nicht nur Pfannkuchen backen und Memory spielen… Ihr würdet mich nicht verstehen. Ihr würdet mich verurteilen. Heike würde sagen, ich sei selbstsüchtig.

Heike hält es nicht mehr aus:
Und zu lügen ist nicht selbstsüchtig? Uns hängen lassen, Pläne über den Haufen werfen, den Kindern die Freude verderben das ist was?

Ich wollte nichts verderben! Ich dachte, ihr regelt das schon Vielleicht mit deinen Eltern, Heike Oder halt alleine Ihr seid doch erwachsen!

Wir sind erwachsen und verlassen uns auf dein Wort! schreit jetzt Sven, der sonst fast nie laut wird. Du weißt, wie sehr Heike sich auf diese Pause gefreut hat. Du hast gesehen, wie die Kinder sich vorbereitet haben. Und du bist einfach weg. Wie

Er bricht ab. Anneliese hat Tränen in den Augen.

Es tut mir leid. Ich Ich wusste keinen anderen Ausweg. Ich hatte Angst, ihr verurteilt mich. Dass ihr denkt, ich liebe die Enkel nicht mehr.

Im Hintergrund ruft Tante Gisela:
Ach, lass mal gut sein, Anneliese! Feiert später.

Doch das Fest ist längst verdorben. Die Rückfahrt ist stiller als je zuvor.

Die Kinder, spürend dass etwas vorgefallen ist, schlafen auf dem Rücksitz ein. Heike starrt schweigend aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter. Sie spürt vor allem bittere, dunkle Enttäuschung und eine bodenlose Erschöpfung.

Und noch etwas anderes: die unerwartete Erkenntnis, dass sie und Anneliese eigentlich im selben Boot sitzen.

Beide sind sie müde davon, immer nur ihre Rolle zu erfüllen. Beide wollen einfach mal raus. Anneliese war mutiger oder einfach rücksichtsloser.

Zu Hause bringt Heike die Kinder ins Bett und sitzt dann mit kaltem Tee in der Küche. Sven läuft ruhelos auf und ab.

Ich kann ihr das nie verzeihen. Das ist Verrat.

Es ist kein Verrat, Sven. Sie ist geflohen, sagt Heike erschöpft. Ein Unterschied. Verraten werden die, die man liebt. Fliehen tut man aus etwas Erdrückendem.

Findest du das nicht auch erdrückend? Und du bist doch nicht abgehauen!

Ich habe keine Schwester im Allgäu, sagt Heike trocken. Und mein Pflichtgefühl ist wohl größer als das deiner Mutter.

Es herrscht ein paar Minuten lang Schweigen. Dann sagt Heike, was sie schon ewig mit sich herumträgt:

Weißt du, ich verstehe sie. Unheimlich gut sogar. Manchmal möchte ich auch alles hinschmeißen: in die Berge, ans Meer, allein. Nicht mehr Ehefrau, Mutter, Frau Verantwortlich sein, sondern einfach ich. Aber das geht nicht. Es hängt zu viel an mir: du, die Kinder, das Haus, die Arbeit. Ich bin nicht wütend, weil sie Freiheit wollte, sondern weil sie sie sich ohne Rücksicht auf uns geholt hat. Sie hat sie gestohlen. Und uns ihr Päckchen dagelassen.

Sven setzt sich ihr gegenüber. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sieht er nicht seine zuverlässige Heike, sondern eine erschöpfte Frau mit dunklen Ringen unter den Augen.

Es tut mir leid, sagt er leise. Ich wusste nicht, dass es dir so geht.

Du hast auch nie gefragt.

Tags darauf kommt eine lange Sprachnachricht von Anneliese. Sie entschuldigt sich tränennah, kündigt an, vorzeitig zurückzukommen und will die Kinder sofort übernehmen, egal wie kurz die Ferien noch sind.

Heike weiß jedoch: Das Zauberhafte an diesen Ferien ist verloren.

Am Ende schicken sie die Kinder nicht weg. Sie verbringen die Zeit gemeinsam, anders als sonst: ruhig, entspannt. Sie machen Spaziergänge, schauen alte Filme, spielen Brettspiele.

Heike stickt sogar ein paar Stiche mit dem alten Stickset. Sven übernimmt Kochen und Hausarbeit.

Anneliese ist, von Reue beseelt, nach ihrer Rückkehr besonders aufmerksam: Geschenke, Unternehmungen, Zuwendung.

Doch eine unsichtbare Wand steht nun zwischen ihr und den Erwachsenen. Heike spürt: Vertrauen aufzubauen, braucht mehr als ein Verzeih mir.

Was es braucht, ist Mut für Ehrlichkeit über eigene Wünsche, Erschöpfung und Grenzen.

Mut, der ihnen damals an Silvester gefehlt hat. Aber ausgerechnet die, die geflohen ist, hat den ersten Schritt gemacht.

Auch wenn es feige und kindisch war sie hat alle gezwungen, die Wahrheit zu sehen: Selbst perfekte Omas haben ein Recht auf ihr eigenes Leben.

Was man lernen muss, ist reden. Nicht weglaufen, wenn es zwölf schlägt.

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Homy
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