„Wo bleibst du?! Meine Eltern sind da und das Abendessen fehlt! Komm sofort nach Hause!“, brüllte mein Mann ins Telefon – Wie ich zwischen Gästen, dreckigem Geschirr und meinen eigenen Träumen endlich den Mut fand, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen

Wo bist du?! Meine Eltern sind da, und das Abendessen fehlt! Komm sofort nach Hause, brüllte mein Mann Johannes ins Telefon.

Sabine schlüpfte erst am Fahrstuhl in ihre Schuhe. Vorher ging sie barfuß über die kalten Fliesen. Die Etikette war ihr egal Hauptsache, die Füße taten nicht weh.

Das Handy vibrierte, als sie bereits an der Bushaltestelle stand.

Sabine! donnerte Johannes so laut, dass sie das Handy vom Ohr nehmen musste. Wo bleibst du, Menschenskind?!

Bin gerade erst aus der Klinik, Johannes.

Arbeit hin oder her! Wir haben Gäste! Meine Eltern sind da! Es gibt nichts auf dem Tisch!

Sabine schloss die Augen. Gestern hatte er nichts gesagt. Absolut gar nichts.

Wann sind sie denn angekommen?

Vor zwei Stunden! Sie warten auf das Abendessen! Mama wirft mir schon vor, dass ich ganz schlecht geheiratet habe!

Johannes, vielleicht…

Was vielleicht?! unterbrach er sie. Verstehst du nicht? Familie zählt mehr als Deine Patienten!

Freizeichen. Er hatte aufgelegt.

Sabine saß auf der Bank und dachte nach. Der Bus kam erst in zwanzig Minuten. Zuhause fremde Menschen, die versorgt werden wollten. Ein schreiender Mann. Und sie mittendrin, wie immer.

Was kann ich schnell kochen?

In ihrem Kopf drehten sich nur Spaghetti, Würstchen und Salat aus der Dose. Einfach. Schnell.

Oder einfach nicht fahren?

Dieser Gedanke kam ganz plötzlich. Unerwartet. Was, wenn sie einfach einmal nicht fuhr?

Nein, sie würde fahren. Wohin hätte sie sonst sollen.

Zuhause hörte sie Stimmen aus dem Wohnzimmer. Johannes erzählte irgendetwas Lustiges, seine Eltern lachten.

Ach, Sabine ist da! rief mein Schwiegervater. Endlich!

Sie ging ins Zimmer. Die Schwiegermutter korpulent, mit einem bunten Schal taxierte Sabine kritisch:

Mensch, Kind! Wie dünn du geworden bist! In der Klinik gibt es wohl nichts Richtiges zu essen?

Guten Abend, murmelte Sabine. Entschuldigen Sie bitte die Verspätung.

Ach was, alles gut! winkte die Schwiegermutter ab. Wir sehens schon. Aber jetzt bist du ja da. Johannes sagt, du kannst ganz tolle Quarkknödel machen!

Sabine warf Johannes einen Blick zu. Der saß im Sessel und lächelte stolz. Wie ein Herr, der seinen dressierten Hund präsentiert.

Sabine, sagte er freundlich, deck doch mal den Tisch. Die Leute haben Hunger.

Natürlich.

Sie ging in die Küche. Bereitete das Abendessen für Menschen, die sie erst dreimal im Leben gesehen hatte.

Um neun Uhr abends stellte Sabine das letzte Gericht auf den Tisch. Kartoffeln mit Fleisch, so wie es die Schwiegermutter mochte. Oder war es der Schwiegervater? Sie wusste es nicht mehr.

Oh, Sabine! klatschte die Schwiegermutter in die Hände. Wir dachten schon, wir verhungern heute!

Tut mir leid, murmelte Sabine. Es hat etwas länger gedauert.

Ach was, Hauptsache es schmeckt!

Johannes schenkte Schnaps ein:

So, auf die Familie! Auf das Wiedersehen!

Sabine setzte sich an die Ecke des Stuhls. Sie wollte eigentlich nur eines ins Bett. Einfach hinlegen und bis zum Morgen nicht aufstehen.

Sabine, könntest du uns noch Brot bringen? bat die Schwiegermutter, ohne den Teller anzuheben.

Sie stand auf, holte Brot.

Und ein paar Gewürzgürkchen! rief der Schwiegervater. Habe welche im Kühlschrank gesehen!

Und Senf! fügte Johannes hinzu.

Sie lief hin und her. Brachte, was verlangt wurde. Ein Danke kam nie. Das galt als selbstverständlich die Ehefrau musste eben bedienen.

Am Tisch redeten alle über Arbeit, Kinder, Preise. Sabine fragte niemand etwas. Sie war nur die Servicekraft.

Erinnerst du dich noch, Johannes, lachte die Mutter, wie wir früher im Sommer ins Haus am Chiemsee gefahren sind? Oma hat da immer die besten Streuselkuchen gebacken!

Ja, das waren Zeiten, meinte er.

Übrigens, wandte sich die Schwiegermutter an Sabine, Johannes hat ja Glück, so eine fleißige Frau findet man heute selten.

Sabine versuchte zu lächeln. In ihrem Inneren zog sich alles zusammen. Mehr dachten die Leute also nicht über sie.

Um ein Uhr nachts verabschiedeten sich die Gäste endlich. Lange Umarmungen und Abschiedsworte.

Danke für das Abendessen! rief die Schwiegermutter beim Hinausgehen. Sehr lecker! Der Kaffee war richtig gut, nach deutscher Art!

Die Tür fiel ins Schloss. Johannes streckte sich:

War ein schöner Abend. Hatten uns lange nicht gesehen.

Sabine räumte schweigend das Geschirr ab. Berge von Tellern und Gläsern, Salatschalen.

Johannes, sagte sie leise, hilfst du mir?

Was? Er war schon beim Ausziehen. Ach, Geschirr. Das kannst du doch fix alleine machen. Ich muss morgen früh raus.

Ich auch.

Sabine, fang nicht an, verzog er das Gesicht. Ich habe eine verantwortungsvolle Arbeit. Und du hast doch nur ein paar Teller zu spülen.

Sabine stand mitten in der Küche mit einer fettigen Pfanne in der Hand. Ihr liefen die Tränen übers Gesicht.

Nur Teller spülen. Zwölf Stunden in der Klinik. Fremde Leben gerettet. Danach drei Stunden kochen. Jetzt noch bis zwei Uhr nachts Abwasch.

Nur Teller spülen.

Morgens ging Johannes, ohne sich zu verabschieden. Sabine fuhr wie im Traum zur Klinik.

Frau Dr. Weber, alles in Ordnung? fragte die Kollegin Martina. Sie sehen aus…

Schon gut. Nur Besuch gehabt.

Verstehe, nickte sie mitfühlend. Ich kenn diese Familienfeste.

Den ganzen Tag arbeitete Sabine wie auf Autopilot. Spritzen setzen, Verbände machen, Visiten.

Frau Dr. Weber, rief Dr. Schröder, kommen Sie morgen zur Konferenz? Es werden neue Behandlungsmethoden vorgestellt.

Ich weiß nicht. Daheim gibt es viel zu tun.

Schade. Vielversprechendes Programm. Und es tut gut, mal aus dem Trott rauszukommen.

Abends war Johannes ungewöhnlich gesprächig:

Mama hat angerufen. Sie bedankt sich noch mal für gestern. Sie meinte, du kochst großartig.

Ja.

Und sie sagte, ich habe mit dir richtig Glück gehabt, ergänzte er zufrieden.

Johannes, meinte Sabine plötzlich, morgen ist diese Konferenz im Medizinzentrum. Kann ich hingehen?

Was für eine Konferenz?

Über neue Behandlungsmethoden.

Und wer macht das Abendessen?

Einmal kannst du selber kochen.

Sabine, jetzt stell dich nicht so an. Was sollen denn diese Konferenzen? Hast du freie Zeit zu viel? Daheim gibts genug Arbeit.

Aber das ist für meinen Beruf!

Was sollst du da lernen? schnaubte Johannes. Spritzen setzen? Das machst du seit zwanzig Jahren. Keine Konferenzen mehr!

Sabine schwieg. Begann den Tisch abzuräumen.

Keine Konferenzen mehr. Dabei hatte sie einmal Ärztin werden wollen. Damals studiert und dann Johannes kennengelernt, sich verliebt, geheiratet.

Warum Ärztin werden? sagte er damals. Krankenschwester tuts auch. Du hast dann auch Zeit für die Familie.

Und sie hörte auf ihn.

Martina war am nächsten Tag auf der Konferenz. Kam zurück, bestens gelaunt:

Sabine, weißt du, dass im Medizinzentrum Yoga für Pflegekräfte angeboten wird? Kostenlos, abends!

Yoga?

Ja! Soll richtig gut gegen Stress helfen. Kommst du mit?

Sabine sah sich die bunte Broschüre an. Yoga für die Seele. Finde deine Balance.

Ich weiß nicht.

Ach komm! hakte Martina ihren Arm ein. Einmal probieren wirs. Was haben wir zu verlieren?

Sabine ging mit. Einfach weil sie es leid war, sich immer erklären zu müssen, warum nie Zeit war.

Im Saal lagen etwa fünfzehn Menschen auf Matten. Die Trainerin eine sanfte junge Frau bat alle, sich hinzulegen und die Augen zu schließen.

Spüren Sie Ihren Körper. Fühlen Sie Ihren Atem.

Sabine nahm nach langer Zeit ihren Körper wirklich wahr. Die müden Schultern. Die angespannte Nackenmuskulatur. Die zusammengebissenen Zähne.

Und endlich Ruhe im Kopf.

Und? fragte Martina nach der Stunde.

Ja. Echt schön.

Donnerstag wieder?

Ja, ich komm.

Zuhause empfing sie ein verärgerter Johannes:

Wo warst du? Ich warte seit einer halben Stunde auf Essen!

Ich war beim Yoga.

Yoga? er schnaubte. Mit deinem Alter noch? Sabine, spinnst du?

Zwei Wochen ging sie heimlich. Sagte, sie müsse länger arbeiten. Jeden Donnerstag fühlte sie sich lebendig.

Und dann kam der berühmte Anruf.

Sabine stand im Baum-Stand, hielt Balance, da klingelte das Handy.

Bitte nicht rangehen, sagte die Trainerin. Das ist Ihre Zeit.

Aber die Mailbox sprang an:

Wo bist du?! Die Eltern kamen überraschend, Abendessen fehlt! Komm sofort heim! tobte Johannes ins Handy.

Alle im Raum blickten zu ihr. Sabine stand ganz rot vor Scham.

Sie können später zurückrufen, flüsterte die Trainerin.

Sabine schaute aufs Display. Noch fünf verpasste Anrufe.

Irgendwas machte klick.

Nein, sagte sie. Ich rufe nicht zurück.

Schaltete das Handy aus.

Wir machen weiter, bat die Trainerin.

Sabine ging langsam nach Hause. Bereitete sich auf Streit vor.

Wo warst du?! Johannes tobte. Die Eltern sind enttäuscht abgereist! Blamage!

Ich war beim Yoga.

Was für Yoga?! Warum gehst du ans Telefon nicht?

Yoga ist meine Zeit. Das Handy habe ich extra ausgemacht.

Was?! kreischte er. Wenn ich anrufe, muss die Ehefrau rangehen!

Muss sie, nickte Sabine. Ehefrau. Nicht Sklavin.

Was redest du?

Wenn du Gäste hast, koch selbst. Oder bestelle was.

Ich kann nicht kochen!

Ich konnte früher auch keine Spritzen legen. Habs gelernt. Versuch es halt.

Sabine, bist du verrückt geworden?

Im Gegenteil, lächelte sie. Ich habe mich wiedergefunden.

Johannes starrte seine Frau an und erkannte sie kaum wieder. Diese gelassene Frau hatte nichts mehr von seiner gehorsamen Sabine.

Liebst du mich nicht mehr? fragte er unsicher.

Doch, antwortete sie ehrlich. Aber ich liebe auch mich.

Einen Monat später beantragte Sabine Urlaub.

Sabine, meinte Johannes beim Frühstück, vielleicht solltest du lieber bleiben? Ich bin total eingespannt, könntest daheim bleiben.

Ich habe schon gebucht.

Gebucht? Wohin?

In ein Wellnesshotel. Zehn Tage an der Ostsee.

Allein?!

Allein.

Aber das macht man doch nicht! Ehefrauen sind doch zuhause!

Doch, lächelte Sabine. Ich habe es überprüft.

Im Hotel wachte sie nach dreißig Jahren zum ersten Mal ohne Wecker auf. Draußen rauschte das Meer.

Das Handy lag ausgeschaltet auf dem Nachtisch.

Am Buffet alles zur Auswahl. Sie nahm sich einen Croissant mit Marmelade. Sowas gab es zu Hause nie.

Am Nebentisch saß eine Frau in ihrem Alter und las.

Spannend? fragte Sabine.

Sehr! lächelte die Frau. Es geht um eine Frau, die mit fünfundvierzig ihr Leben umkrempelt.

Hat es geklappt?

Bin noch nicht durch. Aber ich glaube schon.

Nach dem Frühstück ging Sabine zum Strand. Ließ sich in einen Liegestuhl sinken, schloss die Augen.

Vielleicht nie zurückfahren?

Der Gedanke war beängstigend. Und verlockend.

Natürlich würde sie zurückfahren. Sie hatte Arbeit, Wohnung, Leben. Aber jetzt wusste sie: Sie könnte auch nicht zurück. Wenn sie wollte.

Daheim kam sie gebräunt, mit neuem Haarschnitt an.

Na endlich! begrüßte Johannes sie. Ich hab dich vermisst!

Er umarmte sie. Sie ließ es zu, aber klammerte sich nicht wie früher.

Wie geht es dir? fragte sie.

Ganz okay. Hab ein bisschen abgenommen. Gab fast nur Brot.

Und Suppe hast du nicht probiert?

Wie hätte ich Suppe kochen sollen?!

So wie ich vor dreißig Jahren. Nach Rezept.

Sie ging in die Küche. Im Waschbecken stapelten sich Berge von Geschirr. Auf dem Tisch Verpackungen von Fertiggerichten.

Johannes, sagte sie ruhig, morgen arbeite ich wieder. Übermorgen ist donnerstags Yoga. Jeden Donnerstag.

Aber…

Es gibt kein Aber. Das ist meine Zeit.

Johannes sah sie an und merkte da war etwas endgültig anders geworden. Diese Frau würde nie wieder springen, wenn er rief.

Und Abendessen? fragte er unsicher.

Kochen wir gemeinsam. Oder abwechselnd. Wie Erwachsene.

Sie goss sich Tee ein und blickte meinen Mann an.

Was meinst du? Lernen wir kochen? Oder weiterhin Brot und Fertigessen?

Johannes seufzte:

Lernen wirs halt.

Gut, nickte Sabine. Fangen wir mit Linseneintopf an. Und dann schauen wir weiter.

Mal sehen, was sich noch alles ändern wird in ihrem neuen Leben. In diesem Leben, das sie sich endlich selbst zugesteht.

Ich habe auch das Recht, glücklich zu sein.

Und glauben Sie mir: Das ist tatsächlich wahr.

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Homy
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„Wo bleibst du?! Meine Eltern sind da und das Abendessen fehlt! Komm sofort nach Hause!“, brüllte mein Mann ins Telefon – Wie ich zwischen Gästen, dreckigem Geschirr und meinen eigenen Träumen endlich den Mut fand, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen
— Du schickst das Kind ins Kinderheim, weil es nicht von meinem Sohn ist! — lächelte die Schwiegermutter.