Es war viele Jahre her, damals in einer kleinen Wohnung in München, als ich, Gertrud, meinen Mann Johann eines Abends unerwartet zu Hause überraschte. Meine Migräne plagte mich so sehr, dass ich auf der Arbeit keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mein Chef, Herr Schuster ein wahrlich guter Mensch schickte mich früher nach Hause: Geh, ruh dich aus.
Leise drehte ich den Schlüssel im Schloss, wollte keinen Lärm machen. Vielleicht saß Johann vertieft an seinen Bauplänen, wie so oft, ganz in seiner Welt, ganz konzentriert das liebte ich an ihm. Er konnte die Zeit vergessen, alles um sich herum ausblenden.
Die Tür öffnete sich. Doch aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen. Johann sprach leise und beruhigend. Dazu ein heller, nervöser Frauenton, fast wie ein Kichern. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Johann? Meine Stimme klang fremd, kaum wiederzuerkennen.
Stille.
Dann bewegte sich etwas, schnelle Schritte, die Schlafzimmertür fiel ins Schloss. Jemand versteckte sich ausgerechnet in unserem Schlafzimmer!
Johann trat in den Flur, kreidebleich, die Augen sprangen hin und her wie die eines ertappten Schuljungen.
Gerti, was machst du denn heute so früh hier? Versuch eines Lächelns, aber mehr ein schiefer Zug.
Wer war das?
Wer? Ach wer? Es klang bemüht, falsch.
Im Schlafzimmer raschelte es wieder. Da war eindeutig noch jemand. Ich wurde eisig ruhig.
Johann. Mein Ton war gefährlich leise. Wer ist in unserem Schlafzimmer?
Da quietschte die Tür, eine Frau trat heraus: groß, schlank, das Haar wirr. Wunderschön und ich konnte sie auf Anhieb nicht leiden.
Es tut mir leid, ich muss das erklären, begann sie. Ich bin Viktoria, eine Kollegin von Johann. Ich hatte einfach keine andere Zuflucht.
Ich sah auf Johann, dann auf Viktoria. Die Welt begann sich zu drehen, als wäre ich auf stürmischer See.
Keine andere Zuflucht? In unserem Schlafzimmer? Meine Stimme war ausdruckslos.
Gerti, bitte, denk nichts Falsches! Johann machte einen Schritt auf mich zu, hielt aber inne. Sie hat Probleme, ihr Ex-Mann
Er verfolgt mich, fiel Viktoria ein. Und Johann wollte mir nur helfen. Ganz menschlich.
Manchmal will man lachen, weinen und schreien am liebsten alles gleichzeitig.
Mein Ex-Mann bedroht mich. Heute stand er mit Kumpels, betrunken und wütend, vor meiner Tür.
Und da bist du sofort zu meinem Mann gerannt? Meine Worte waren schneidend.
Johann war der Einzige, der
der dich versteht? Der dich bemitleidet? Bei dem du unterkommen kannst?
Ich erkannte die Wahrheit. Frauen ahnen, was Männer nicht einmal sich selbst gestehen wollen.
Gertrud, hör bitte auf! Johann erhob zum ersten Mal die Stimme. Viktoria bat ausdrücklich um Hilfe. Wie hätte ich nein sagen können?
Da war es das Wort, das alles trennte. Nicht wollte nicht, nicht musste nicht sondern konnte nicht.
Gerti, sie ist ernsthaft bedroht!
Familienstreit das Schlimme daran: Alle haben recht. Und sind zugleich im Unrecht.
Viktoria brauchte wirklich Hilfe. Johann wollte wirklich helfen. Und ich hatte jedes Recht, eifersüchtig zu sein.
Hören Sie, sagte Viktoria, trat vor, ich gehe sofort. Ich will keine Ursache für Ihren Streit sein.
Nein! Johann wurde energisch. Du darfst nicht gehen. Dein Ex lauert da draußen.
In dem Moment begriff ich, was tatsächlich geschah.
Wie Johann Du darfst nicht gehen aussprach, wie er Viktoria ansah, wie er unbewusst schützend zu ihr trat, sie abschirmte.
Er beschützte sie.
Nicht bloß aus Mitleid. Nicht nur, weil er nett war.
So beschützt ein Mann, was ihm am Herzen liegt.
Verstanden, sagte ich leise, beinahe zu mir selbst.
Was meinst du?
Alles, Johann. Jetzt weiß ich alles.
Da klingelte das Telefon.
Mama? Die Stimme meiner Tochter, Brigitte, aufgeregt, fast ängstlich. Mama, bist du zu Hause?
Was ist los, Brigitte? Ich war sofort im Modus der fürsorglichen Mutter, obwohl innerlich alles tobte.
Vor dem Haus steht ein komischer Mann, fragt nach Viktoria. Er behauptet, sie sei bei uns. Und er stinkt nach Alkohol.
Ich sah Viktoria an.
Er hat mich gefunden, flüsterte sie. Wie nur?
Mama, was soll ich tun? In Brigittes Stimme schwang Panik mit. Der ist echt seltsam und total aufdringlich!
Brigitte, komm sofort rein, geh nach oben! Ich warf das Telefon beiseite.
Und dann begann der Tumult, auf den keiner vorbereitet war.
Ich muss weg!, rief Viktoria, panisch, wie ein Tier im Käfig. Sofort! Wenn der besoffen ist, geht der auf alles los.
Du gehst nicht! Johann herrschte sie an. Er ist direkt unten!
Und hier? Ich sah zu beiden. Hier ist meine Familie! Eure Probleme interessieren mich nicht!
Da pochte und hämmerte jemand gegen die Tür.
Viktoria! Die Stimme war schwer, alkoholtrunken. Ich weiß, dass du da bist! Komm raus!
Viktoria! Hör auf, dich zu verstecken! Ich finde dich sowieso!
Da passierte etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegriss.
Johann nahm Viktoria in den Arm.
Er nahm sie einfach automatisch und schützend.
Keine Angst, raunte er ihr ins Ohr, ich lasse nichts geschehen.
Johann!, meine Stimme zitterte, geh von ihr weg.
Was?
Ich habe gesagt geh weg von ihr!
Gerti, du verstehst das nicht, setzte Johann an.
Was verstehe ich nicht?! Dass du bereit bist, sie zu beschützen? Dass du für ihre Probleme unsere Sicherheit riskierst?
Gertrud
Schluss jetzt! Kein Reden mehr, keine Rechtfertigung!
Viktoria! Ich sage es zum letzten Mal!
Ruf die Polizei!, rief Viktoria. Der ist völlig außer Kontrolle!
Warum? Ich blickte sie eiskalt an. Das lässt sich doch noch einfacher lösen.
Ich ging zur Tür.
Gertrud, lass das!, Johann hielt mich zurück. Der ist gefährlich!
Für wen? Ich entriss mich ihm. Für deine kostbare Viktoria?
Dann geschah das Unerwartete.
Ich machte die Tür weit auf.
Nehmen Sie sie mit, sagte ich zum fremden Mann. Und verschwinden Sie beide. Für immer. Aus meinem Leben.
Viktorias Ex fuchtelte, schimpfte, drohte. Johann versuchte ihn zu beruhigen, sprach leise auf ihn ein.
Ich stand abseits, beobachtete.
Ich sah, wie Johann Viktoria einen Arm um die Schulter legte sachte, voller Fürsorge. Wie sie sich an ihn schmiegte vertraut, selbstverständlich.
Da war eine Welt zwischen ihnen, unerreichbar für mich.
Endlich zog ihr Ex von dannen schimpfend, wütend, dann war er weg. Johann blickte ihm nach, wandte sich mir zu, wollte reden.
Aber ich wusste bereits genug.
Geht!, sagte ich so leise, dass ich mich selbst kaum hörte. Geht beide. Jetzt.
Gertrud, das ist nicht, was du denkst.
Wag es nicht kein Wort. Keine Lüge mehr. Ich sehe doch alles.
Johann schwieg. Schaute zu Viktoria. Dann zu mir.
Und sagte kein Wort.
Nimm deine Sachen, wandte ich mich ab, ging ins Schlafzimmer. Und komm nie wieder.
Ich weinte nicht. Keine Träne kam. Nur Leere blieb.
Die Tür schlug zu.
Ich blieb zurück, allein in einer Wohnung, die am Morgen noch ein Zuhause war und jetzt nur noch Mauern bedeutete. Ich trat ans Fenster. Schaute hinab.
Johann und Viktoria gingen Seite an Seite. Er umarmte sie, ganz vertraut.
Ich wandte mich ab.
Es war vorbei.





