Die Schwiegermutter kommt zur Inspektion – doch wer ihr die Tür öffnet, hätte sie am wenigsten erwartet

Tagebuch Dienstag, 4. Juni

Ich fahre nach München zu meinem Sohn, der Regen trommelt so ordentlich gegen die Windschutzscheibe, dass sogar die Scheibenwischer scheinbar motivierter sind als sonst. Wie ich da im Auto sitze, gehe ich immer wieder das bevorstehende Gespräch mit Matthias durch. Heute werde ich Klartext reden. Endlich ohne die ständige Anwesenheit der Annette, die in ihrem bemühten Bemühen immer wie ein Fremdkörper wirkt schüchtern, immer darauf bedacht, es jedem recht zu machen.

Gut, dass Annette für ein paar Tage bei ihrer Mutter ist, denke ich erleichtert, als ich in den bekannten Innenhof einbiege. Wie wunderbar: jetzt kann ich mit meinem Sohn sprechen, ohne dass eine Fremde mithört. Annette ist mir auch nach all den Jahren fremd geblieben, egal wie sehr sie sich bemüht hat, sich in unsere Familie einzufügen.

Drei Jahre beobachte ich schon, wie Matthias mit einer Frau lebt, die nie richtig zu ihm gepasst hat. Früher war alles einfacher. Die Johanna zum Beispiel: Sie konnte Kartoffelsuppe kochen, dass Matthias noch eine zweite Portion wollte. Sie wusste, wie es nach Zuhause riecht, dieses warme, behagliche Gefühl. Aber Annette? Sie ist ständig bei der Arbeit, immer beschäftigt. In ihrer Wohnung wirkt alles stilvoll und edel, aber eben auch kühl wie eine Kulisse.

Die Vorstellung, dass ich gleich mit Matthias in der Küche sitze, einen Tee trinke und vorsichtig andeute, dass vielleicht ein Umdenken nötig wäre, gefällt mir. Johanna ruft schließlich immer noch an, erkundigt sich nach Matthias. Solche Frauen warten nicht ewig. Die Zeit läuft.

Ich lächle schon, als ich auf den Klingelknopf drücke endlich ein vernünftiges Familiengespräch.

Der Schlüssel dreht sich, die Tür geht auf.

Frau Weber? Johanna steht im Türrahmen in bequemer Pyjamahose und mit einem Handtuch in den Händen, feuchtes Haar, ungeschminkt sie sieht aus, als wäre sie zu Hause. Und sie ist wirklich zu Hause.

Ich spüre, wie mein Hals trocken wird.

Johanna?! Was machst du denn

Kommen Sie doch rein, stehen Sie nicht so im Flur, Johanna tritt zur Seite und lässt mich eintreten. Matthias ist gerade duschen. Warten Sie auf ihn in der Küche?

Ich trete ein wie im Traum. Im Flur duftet es nach Kaffee und frischem Apfelstrudel. An der Garderobe hängt eine Damenjacke eindeutig nicht die von Annette.

Ich verstehe das alles nicht, beginne ich, aber Johanna geht schon ins Wohnzimmer, wirft das Handtuch aufs Sofa wie früher.

Möchten Sie Tee? Oder lieber Kaffee? Ich habe gerade frisch aufgebrüht.

Johanna, kannst du mir das bitte erklären

Was gibt es denn zu erklären? Ihre Augen wirken müde. Wir wollten doch immer dasselbe, oder? Dass Matthias glücklich ist.

Bist du oft hier?

Johanna zuckt die Schultern, stellt den Wasserkocher an.

Wenn Annette außer Haus ist, komme ich vorbei. Was spricht denn dagegen? Wir sind schließlich keine Fremden. Vier Jahre waren wir verheiratet. Kinder hat leider nicht geklappt, aber das kann sich ändern.

Das klingt so nüchtern, dass mir fast schwindelig wird.

Der Wasserkocher blubbert, und Johanna brüht den Kaffee genau wie früher. Ich erinnere mich an diese kleinen Rituale und wie ich früher stolz auf sie war, die Ex-Schwiegertochter, die den besten Kaffee kocht.

Aber Annette

Was ist mit ihr? Johanna setzt sich gegenüber und hält die Tasse fest. Sie fährt ständig weg. Zum dritten Mal in diesem Monat. Zu ihrer Mutter, zu Freundinnen, arbeitet bis spät. Sie sehen doch, wie das hier läuft. Sie braucht das alles nicht Ehe, Familie, Kinder, das ist alles nur für später. Karriere, Erfolg, Geld das ist ihre Welt.

Von oben höre ich Schritte. Matthias läuft hin und her.

Wir haben gestern die ganze Nacht geredet, fährt Johanna fort. Er sagt, er will nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung. Mit Annette fühlt er sich wie ein Gast im eigenen Haus.

Ich möchte etwas erwidern es ist ja genau das, was ich mir all die Jahre gewünscht habe. Johanna zurück, Hochzeit, Kinder. Alles wie es sein soll.

Aber warum fühlt es sich so ungut an?

Mama? Matthias kommt endlich herunter, Jeans, frisches Hemd. Er sieht Johanna und lächelt.

Ich verstehe das alles nicht, beginne ich wieder.

Es gibt nichts zu verstehen, Matthias setzt sich neben Johanna und legt eine Hand auf ihre Schulter.

Wir haben entschieden. Wenn Annette zurückkommt, sage ich es ihr. Das Theater muss ein Ende haben.

Was für ein Theater?

Mama, du bist doch klug, sagt mein Sohn mit einem leichten Vorwurf. Siehst du doch selbst, dass es zwischen uns und Annette nie gepasst hat. Sie ist ehrgeizig, ständig unterwegs ich will ein Zuhause, Kinder, Familie.

Johanna schweigt, nippt an ihrem Kaffee. Ein kaum sichtbares Lächeln auf ihren Lippen.

Aber ihr wart drei Jahre zusammen

Drei Jahre haben wir es versucht, Matthias korrigiert mich. Ich wollte sie ändern, sie mich. Wir sind beide müde davon.

In diesem Moment dreht jemand den Schlüssel im Schloss.

Ich drehe mich so hastig zur Tür, dass beinahe die Tasse umkippt.

Ich bin wieder da, ruft Annette aus dem Flur. Früher zurück, meiner Mutter gehts besser.

Mit Tasche und Einkaufstüte kommt sie herein, bleibt im Türrahmen stehen. Sie sieht uns am Tisch und erstarrt.

Frau Weber, grüßt sie leise.

Annette, versuche ich aufzustehen, meine Beine gehorchen mir nicht.

Hallo, sagt Johanna beiläufig. Wir trinken gerade Kaffee. Möchtest du?

Annette stellt die Tasche ab.

Alles klar, sagt sie nur. Jetzt ist mir alles klar.

Annette, lass uns reden, Matthias steht auf, aber Annette hebt die Hand.

Weißt du, Matthias? Müssen wir gar nicht. Ich glaube, alles ist offensichtlich.

Sie sieht sich um Johanna, die heimische Atmosphäre, das betretene Gesicht von Matthias

Wie lange? fragt Annette sachlich. Wie lange läuft das schon?

Annette, du verstehst das falsch.

Nein, ich verstehe sehr gut. Die Frage ist nur: Wie lange lebe ich schon in einer Theateraufführung, in der ich die Rolle der Naiven spiele?

Endlich stehe ich auf und gehe zu ihr.

Annette, es ist alles ein Versehen

Ein Versehen? Sie sieht mir in die Augen. Etwas ist anders darin. Und dass Johanna ausgerechnet heute hier ist, wo ich eigentlich nicht da sein sollte, ist auch ein Versehen?

Johanna stellt ihre Tasse ab.

Annette, bitte übertreib nicht. Wir sind erwachsene Leute. Es hat eben nicht funktioniert. So ist das manchmal.

Hat nicht funktioniert, wiederholt Annette. Drei Jahre dachte ich, ich sei die Falsche. Dass ich nicht gut genug koche, zu viel arbeite, keinen richtigen Heimcharme schaffe. Drei Jahre wollte ich mich ändern. Und tatsächlich: Ich war einfach nur im Weg.

Annette, so ist das nicht, beginnt Matthias.

Doch, genau so ist es. Sie nimmt ihre Tasche. Und weißt du was? Ich werde nicht länger im Weg stehen.

Wo gehst du hin?

Zu meiner Mutter. Diesmal endgültig.

Annette dreht sich um und geht zur Tür. Ich haste ihr hinterher.

Annette, warte wir können doch reden, das klären

Wozu? Sie bleibt stehen. Drei Jahre lang habt ihr hier alles organisiert, damit Johanna immer wieder da sein kann? Drei Jahre lang versuchte ich, euch zu gefallen, während ihr die richtige Frau zurückgebracht habt?

Ich wollte nie ich dachte nur…

Ihr habt alles richtig gedacht. Annette zieht die Jacke an. Das hättet ihr gleich sagen sollen. Ehrlich. Kein Theater vorgaukeln.

Du kannst doch nicht einfach gehen!

Doch. Sie öffnet die Tür. Und ich gehe jetzt.

Und die Wohnung? Das Eigentum? ruft Matthias hinterher.

Annette schaut noch einmal zurück.

Die Wohnung war dein Eigentum sie bleibt es auch. Was ich mitgebracht habe, nehme ich mit und meine Würde. Die hab ich mir hier nicht kaufen können.

Die Tür fällt ins Schloss.

Ich stehe im Flur und spüre, wie eine unendlich schwere Last herabrutscht. Eigentlich ist alles so gekommen, wie ich es wollte. Annette ist weg. Johanna geblieben. Mein Sohn frei.

Weshalb fühlt es sich dann so schlecht an?

Und Mama? höre ich Matthias aus der Küche. Glücklich jetzt? War das so von dir geplant?

Langsam gehe ich zurück. Johanna spült schon ab, als wäre sie die Hausherrin. Matthias sitzt am Tisch, schaut aus dem Fenster.

Matthias, ich habe dich nicht gezwungen.

Ich weiß. Du hast mir nur drei Jahre lang erzählt, wie toll Johanna war und wie wenig Annette zu mir passt. Immer wieder, wie gut es doch mit Johanna lief. Immer diese seufzenden Blicke, wenn Annette mal etwas anders gekocht hat.

Ich schweige.

Weißt du was, Mama? Du fährst am besten nach Hause. Johanna und ich müssen reden.

Johanna dreht sich um.

Was sollen wir denn noch reden? Es ist doch alles klar. Wir leben jetzt weiter wie bisher.

Ja, sagt Matthias leise. Nur, will ich das eigentlich wirklich?

Matthias, was redest du? Johanna wirft den Schwamm weg. Wir haben doch alles besprochen!

Ihr und meine Mutter habt das entschieden. Mich gefragt hat niemand.

Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich plötzlich unsicher an.

Aber du hast doch selbst gesagt

Ich habe viel gesagt. Auch, dass ich Annette liebe. Aber das ging wohl an euch vorbei, oder?

Ihr passt doch nicht zusammen!

Woher willst DU das wissen? Du hast dich doch von Anfang an entschieden, dass wir nicht passen. Und darauf hast du alles ausgelegt.

Matthias steht auf, nimmt die Schlüssel.

Ich fahre zu Annette. Versuche zu erklären.

Sie wird dich nicht verstehen, sagt Johanna.

Woher willst du das wissen? Er sieht Johanna an, so frostig wie nie zuvor. Und die Schlüssel lässt du bitte auf dem Tisch. Komm bitte nicht mehr.

Matthias!

Johanna, du bist eine Gute. Aber das, was wir hier abgezogen haben, war schlicht unfair. Und das weißt du auch.

Mit lautem Klatschen verlässt er die Wohnung.

Ich sitze am Tisch und sehe, wie Johanna eilig ihre Sachen in die Tasche packt.

Tja, murmelt sie. Ich habe gedacht

Was denn?

Dass er mich liebt. Aber er ist einfach nur gewohnt an mich. Und ich habe mich auch gewöhnt. An diese Küche, dieses Haus. Das Gefühl, hier zu bestimmen.

Johanna.

Frau Weber, wissen Sie was? Johanna bleibt an der Tür stehen. Greifen Sie nicht in fremde Leben ein. Auch nicht ins Leben Ihres Sohnes. Er ist erwachsen, darf seine eigenen Fehler machen.

Die Tür fällt zum zweiten Mal ins Schloss.

Ich bin allein, in einer fremden Küche. Einer Küche, in der ich vor einer halben Stunde noch dachte, für Gerechtigkeit zu sorgen und nun ahne ich habe etwas zerstört, das mir nicht gehörte.

Auf dem Tisch stehen leere Tassen. Ich spüle sie ab, wische den Tisch, fahre heim. Unterwegs denke ich: Meine Kontrolle führte dazu, dass alles anders kam als geplant.

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Homy
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Die Schwiegermutter kommt zur Inspektion – doch wer ihr die Tür öffnet, hätte sie am wenigsten erwartet
Meine Mutter ist selbstbewusst und versteht es, mit ganzem Herzen zu lieben! Doch dieser Mann wollte das ausnutzen – zum Glück sind wir rechtzeitig eingeschritten.