Kuzya Die Hochzeit war vorbei, die Gäste abgereist und unsere Tochter zu ihrem Mann gezogen – plötzlich gähnende Leere in der Wohnung. Nach einer Woche in erdrückender Stille beschlossen meine Frau und ich, ein Tier anzuschaffen: Es sollte unserer Tochter würdig ersetzen und unsere Elterninstinkte – füttern, erziehen, Gassi gehen, hinterherputzen – frisch halten. Außerdem hoffte ich, das Tier werde nicht wie unsere Tochter widersprechen, meine Zigaretten klauen oder nachts am Kühlschrank rascheln. Welches Tier es werden sollte, wussten wir noch nicht – die Entscheidung wollten wir vor Ort treffen. So ging es am Sonntag zum Tiermarkt im Frankfurter Ostend. Schon am Eingang lockten niedliche Meerschweinchen. Ich sah meine Frau fragend an. „Kommt nicht in Frage“, schnitt sie ab. „Unser letztes war doch auch ein Landtier.“ Die Fische waren zu wortkarg, Sittiche – bunt wie sie waren – riefen bei meiner Frau heftige Federstauballergien aus. Mir gefiel ein Äffchen, das mit seinen Faxen frappierend an unsere Tochter in der Pubertät erinnerte. Doch meine Frau schwor Stein und Bein, zwischen uns lieber tot auf dem Boden zu liegen – also gab ich nach. Mit dem Affen waren wir kaum fünf Minuten bekannt, gegen meine Frau hatte ich mich seit Jahren gewöhnt. Blieben also Hund oder Katze: Hunde muss man ständig ausführen, bei Katzen gibt es ständig Jungen – ich kann mich nun mal nicht als Katzenzüchter an der U-Bahn sehen. Also Katze. Unsere Kätzin erkannten wir sofort: Sie lag in einem Plexiglas-Aquarium, umgeben von tapsigen Kätzchen, die sich an ihr dichtes, weiches Fell kuschelten. Die Katze schlief. „Kaiser“, stand auf dem Schild, aber die Verkäuferin sagte, sie höre ohnehin am besten auf „Kusja“. Sie erzählte rührend vom schweren Katzenkindheitsschicksal: Eine im selben Haushalt aufgewachsene Dogge hatte sie fast totgebissen und sie musste ausziehen. Unser auserwähltes Tier war äußerlich eine reinrassige Perserin, schiefergraues Fell – jedoch keine Papiere, die bestätigen, dass die platte Nase züchtungsbedingt und keine Verletzung war. Laut den verschollenen Unterlagen hieß sie offiziell „Kaiser“, praktischerweise hörte sie aber auf „Kusja“. Also gekauft. Nach Hause fuhren wir samt Kusja (die ganze Fahrt schnarchte sie leise unterm Autositz) ohne Zwischenfälle. Im Treppenhaus, ahnend, wie ich zu Körperverstümmelung stehe, fragte meine Frau süffisant: „Bist du sicher, dass ‚er‘ nicht kastriert ist?“ Ich wurde nervös. Nicht, weil ich Vorurteile hätte, aber ein kastrierter Kater erinnert mich immer an Quasimodo – schändlich durch Menschen entstellt. Also dehnte ich Kusja im Halbdunkel des Treppenhauses auf der Treppenabsatz und machte eine hektische urologische Erstuntersuchung. Das Fell war verfilzt, die Genitalien für mich nicht zu sehen. Ich zwang mich zur Tierliebe, strich mit der Hand über den Beckenbereich – Kusja jaulte, doch das Wichtigste schien da zu sein. An diesem Abend kam unsere Tochter vorbei, um den Kühlschrank zu inspizieren. Als sie Kusja sah, ließ sie den fast aufgegessenen Frankfurter Kranz stehen und stürzte sich auf das Tier. Gemeinsam mit meiner Frau bugsierte sie „ihn“ in die Badewanne und schrubbte mit Babyshampoo. Danach wurde Kusja in mein Handtuch gewickelt und mit dem Fön trocken gelegt. Frisch gestylt, begann meine Frau, die verfilzten Knäuel aus dem Fell zu schneiden. Die Katze maunzte jämmerlich. Ich ließ sie allein gewähren, nahm mein Bier und verzog mich in die Küche. Die Idylle in der Stube wurde jäh durch Schmerzgeheul und Flughafen zertrümmert, dann klirrte etwas aus Glas und aufheulende Stimmen. Ich stellte die Flasche beiseite und eilte zurück. Meine Frau saß auf der Couch, schwang die blutverschmierten, zerkratze Hände hin und her wie ein verstörter Orkan, um sie herum die Schere und Büschel von Fell. Wir versammelten uns ums „Opfer“. „Was ist passiert?“, fragte ich. Sie blickte uns verzweifelt an und klagte: „Die E-i-e-r …“ „Was Eier?“ „A-abgerissen …“ „Wessen?“ „Der Katze …“ Ich bin kein Mediziner, aber sowas reißt nicht einfach ab – schon gar nicht bei Katern. Lange, unter Tränen und Schluchzen, versuchten wir zu verstehen, was passiert war. Ich bin eigentlich ein gutmütiger Mensch, aber wenn eine Frau vor mir sitzt und heult, habe ich das dringende Bedürfnis, sie aus Mitleid zu erlösen – wie einen schwerverletzten Kameraden auf dem Feld gegen das Leiden. Schließlich öffnete meine Frau die bis dahin geballten Fäuste: Zwei blutige Haarbüschel mit wenigen Tropfen Blut lagen darin. Offenbar hatte Kusja gezuckt und meine Frau hatte versehentlich, statt einer verfilzten Haarsträhne, etwas mehr erwischt – angeblich genau die „Eier“. Die Katze jaulte vor Schmerz, flüchtete unters Sofa und zerkratzte vorher noch die Hände meiner Frau. Außerdem fiel, nebenbei, eine Vase zu Bruch. Ehrlich gesagt, unter diesen Umständen hätte ich als Kater den Menschen wohl auch die Köpfe abgebissen und die ganze Wohnung verwüstet. Unsere Tochter bewaffnete sich mit dem Besen, ich legte mich mit auf den Bauch. Ganz hinten im Staub strahlten in der Finsternis zwei Bernsteinaugen: Der frische „Kastrat“ fauchte. Auf freundliche Bitten, untermalt mit Wiener Würstchen, reagierte er nicht. Als Mann verstand ich ihn. Unsere Tochter bugsierte Kusja mit der Besenstange vorsichtig aus dem Staub, ich griff nach den Pfoten. Der Kater – pardon: die Katze – erwies sich als listig und widerspenstig, krallte sich fest, boxte mit den Pfoten Löcher in den Stiel. Schließlich krallte sie sich am Besen fest und kam widerwillig hervor: Von einer edlen Perserkatze war nach der Aktion nicht mehr viel übrig – wild aufgerissene, gelbe Augen, Fell voller Spinnweben und jahrzehntealtem Sofastaub. In einer halben Stunde mit meiner Frau war aus dem Perser offenbar ein obdachloser Kastrat geworden. Eine nachdenkliche Assoziation. Ich nahm den misstrauisch verstummten Stubentiger in den Arm und kraulte beruhigend hinterm Ohr. Kusja entspannte sich nach und nach: Und fing tatsächlich an zu schnurren! Laut und schön, die Augen halb zu. Offenbar, so dachte ich, muss meine Frau sich geirrt haben – man schnurrt schließlich nicht nach Kastration. Meine Frau tänzelte vorsichtig heran und fragte üblich besorgt: „Geht’s ihm schlecht? Er röchelt? Ich rufe den Tiernotdienst!“ Die Katze öffnete ein trübes Auge, fixierte die Peinigerin und verstummte. Sie schien tatsächlich kurz davor, jämmerlich loszuhusten. Ich scheuchte die Frauen raus und trug die Katze in die Küche. Da saßen wir – tranken zusammen ein Bier, redeten über Männerleid in einem Weibhaushalt, und Kater Kusja schnurrte verständnisvoll. Nach einer Weile lag sie – jetzt auf dem Rücken – auf meinem Schoß, wurde zutraulich. Die Vertrautheit schaffte Freiraum für intime Fragen; also warf ich nochmal einen vorsichtigen Blick zwischen die Hinterpfoten. Ich wollte sicher sein, dass das Opfer meiner Frau keine bleibenden Folgen hatte. Aber: Keine Spur männlicher Attribute. Ich trank noch einen Schluck, durchwühlte das Fell – nichts. Und allem Anschein nach hatte da auch nie etwas gefehlt. Bei mir auf dem Schoß lag eine Katze. Eine ausgesprochen hübsche, große Perserkatze mit rundem Bäuchlein. Was meine Frau versehentlich abgeschnitten hatte, war eindeutig nur ein verfilztes Fellbüschel gewesen, blutverschmiert von den Kratzwunden. Wir sind nicht losgezogen, um der Verkäuferin eine Szene zu machen – die gemeinsamen Abenteuer schweißten uns eh schon zusammen. Übrigens heißt unsere Katze jetzt nicht mehr Kusja. Und gestern hat die „Kozi“ vier flauschige Kätzchen zur Welt gebracht. Jetzt haben wir wieder Kinderlachen im Haus.

Kuno
Nach der Hochzeit kehrte endlich wieder Ruhe ein, die Gäste waren abgereist und unsere Tochter war zu ihrem Mann gezogen. Die Wohnung wirkte plötzlich unheimlich leer. Nach einer Woche in dieser Stille beschlossen meine Frau und ich, ein Haustier anzuschaffen. Es sollte uns dabei helfen, unsere elterlichen Instinkte weiter zu pflegen: umsorgen, füttern, erziehen, Gassi gehen und für Ordnung sorgen. Heimlich hoffte ich außerdem, dass das Tier wenigstens nicht wie unsere Tochter frech werden, meine Zigaretten klauen oder nachts im Kühlschrank herumstöbern würde.
Was wir uns anschaffen wollten, war uns noch nicht klar, aber wir dachten, wir würden es vor Ort entscheiden.
Am Sonntag fuhren wir zum Tiermarkt am Stadtrand von München. Gleich am Eingang saßen niedliche Meerschweinchen. Fragend sah ich meine Frau an.
Kommt nicht in Frage, beschied sie trocken, unsere war schließlich auch ein Landmensch.
Die Fische waren zu still, und Papageien, bunt und laut, waren bei ihr wegen ihrer Allergie gegen Vogelfedern tabu. Eine kleine Äffin brachte mich kurz zum Schmunzeln, ihr Verhalten erinnerte mich ziemlich an unsere Tochter in der Pubertät. Aber meine Frau drohte sofort humorlos: Über meine Leiche! Da blieb mir nichts übrig, als nachzugeben. Fünf Minuten Bekanntschaft wogen halt noch nicht so viel wie Jahr um Jahr Ehe.
Also blieben noch Katzen und Hunde. Aber für Hunde fehlte uns der Eifer beim täglichen Gassigang. Katzen wiederum machen Aufwand ich kann mich einfach nicht als Kätzchenverkäufer am U-Bahnhof vorstellen. Also: eine Katze.
Unseren Kater haben wir auf Anhieb erkannt. In einem Plexiglaskasten lag er, umringt von tapsigen Kätzchen, die ihre feuchten Nasen an sein graues, flauschiges Bäuchlein drückten und mit den Pfoten schliefen. Er selbst schlief ebenfalls. Auf dem Schild stand Kuno. Die Verkäuferin erzählte eine rührende Geschichte von seiner traurigen Jugend, wie ein Welpe, mit dem er aufwuchs, ihn fast totgebissen hätte, und wie er schließlich keinen Platz mehr in seiner alten Wohnung gehabt habe.
Äußerlich war unser Auserwählter ein prächtiger Perser, schönes graues Fell. Papiere, die belegten, dass seine eingedrückte Nase kein Unfall, sondern rassetypisch war, gab es nicht. Angeblich war er laut den verschwundenen Papieren Kaiser getauft, aber er hörte ebenso gut auf Kuno. Also kauften wir ihn.
Die Heimfahrt im Passat verlief ohne Zwischenfall Kuno schnaufte leise unter dem Sitz. Im Treppenhaus, wohlwissend, wie ich zu solchen Eingriffen stehe, fragte meine Frau mit spitzem Lächeln: Bist du dir sicher, dass er nicht kastriert ist?
Ich wurde hellhörig. Nicht, weil ich irgendeine Abneigung gegen Kastration hätte, aber ein kastrierter Kater erinnert mich einfach an Quasimodo, erbarmungslos von Menschen entstellt. Ich legte Kuno auf den Flur und startete eine erste Katzenurologen-Inspektion. Im dämmrigen Hausflur waren die vermeintlichen männlichen Merkmale schwer auszumachen. Das gesamte plüschige Bäuchlein war voller Filzstellen. Mit Mühe versuchte ich, mich in einen Tierfreund hineinzuversetzen und tastete den Katzenunterleib ab. Kuno jaulte empört, aber alles schien dran zu sein.
An dem Tag kam unsere Tochter zu Besuch, auf Kühlschrankbeute aus. Kaum hatte sie Kuno entdeckt, vergaß sie sogar das angeknabberte Stück Streuselkuchen und stürzte sich mit meiner Frau auf den Neuzugang. Gemeinsam steckten sie ihn in die Badewanne, schrubbten ihn mit Babyshampoo, wickelten ihn ein und föhnten ihn, warum auch immer, mit meinem Handtuch trocken.
Meine Frau begann, das Fell zu bürsten und verfilzte Stellen auszuschneiden. Kuno protestierte leise, ich zog mich derweil mit einem Bier in die Küche zurück.
Die Harmonie wurde jäh unterbrochen von einem markerschütternden Katzengebrüll und Gepolter. Es klirrte, Scherben spritzten, dann Geheul. Ich stellte mein Bier ab und rannte los. Meine Frau saß heulend auf dem Sofa, die Arme blutverschmiert und voller Kratzer. Daneben lagen Schere und Fellbüschel. Meine Tochter und ich eilten zur Stelle.
Was ist passiert?
Sie blickte uns mit tränenfeuchten Augen an und stöhnte: Ei-iiiii-er!
Was ist mit den Eiern?
Sie… sie sind ab!
Was ab?
Beim Kater!
Ich verstehe nicht viel von Medizin, aber solche Dinge reißen normalerweise nicht einfach so ab. Schon gar nicht bei Katzen.
Lange verzweifelt versuchten wir herauszufinden, was tatsächlich geschehen war. Eigentlich bin ich ein freundlicher Mensch, aber das Gejammer trieb mich an den Rand ich wollte meine Liebste fast erwürgen, aus Mitleid, damit sie und unsere Nerven erlöst wären.
Endlich öffnete meine Frau die seitlich verkrampften Hände. Inmitten von Blut und Tränen lagen zwei fellige, blutige Knäuel. Das, was sie zwischen den Hinterläufen wegschneiden wollte, hatte sich mit dem messerumspielten Filz verklumpt und augenscheinlich hatte sie wohl die Eier erwischt.
Zwischen Schluchzern und Schniefen stellte sich heraus: Kuno hatte vor Schmerz aufgeschrien, sich darunter verzogen, dabei ihre Arme aufgeschlitzt und natürlich unterwegs noch die Blumenvase geplättet. Ehrlich gesagt, bei so einer Behandlung hätte ich an seiner Stelle Schlimmeres angestellt. Das hab ich ihr auch gesagt, worauf sie wieder losheulte.
Meine Tochter und ich bewaffneten uns mit dem Wischmopp und legten uns auf den Boden. Ganz hinten, tief im staubigen Schatten unter dem Sofa, leuchteten die bernsteinfarbenen Augen des frischgebackenen Kastraten. Kuno knurrte bedrohlich. Sanfte Lockrufe, verstärkt durch Wiener Würstchen, verfehlten ihre Wirkung. Und ehrlich gesagt, als Mann verstand ich ihn voll und ganz.
Vorsichtig bugsierte meine Tochter Kuno näher an den Rand, während ich versuchte, seine Pfoten zu greifen. Doch er war clever und wehrte sich erbittert, schlug Kratzer in das Holz des Moppstiels. Schließlich klammerte er sich daran fest und rutschte näher zu uns heran. Mein Gott, sah der Kater aus! Leuchtend gelbe Irrenaugen, Spinnweben am Gesicht, am Schwanz ein halbes Jahrhundert Sofastaub nach einer halben Stunde mit meiner Frau war aus dem Perser ein verwahrloster Streuner geworden. Mir kam der bittere Vergleich.
Vorsichtig nahm ich das sich duckende Fellbündel auf den Arm, kraulte ihm beruhigend das Ohr. Allmählich entspannte er sich und schnurrte dunkel jedoch laut genug, dass ich stutzig wurde. So zufrieden schnurrt doch kein Kater, dem eben die Männlichkeit genommen wurde. Meine Frau schlich sich auf Zehenspitzen heran und wisperte: Gehts ihm schlecht? Er röchelt so komisch! Soll ich den Notdienst rufen?
Kuno öffnete, halb wach, ein trübes Auge und verstummte bei ihrem Anblick. Offenbar wollte er tatsächlich röcheln. Ich verscheuchte die Frauen aus der Küche und nahm Kuno mit.
Gemütlich saßen wir beide, ich mit einem Bier auf dem Küchentisch, und kamen langsam zur Ruhe. Ich klagte ihm mein Leid: Wie schwer das Leben eines Mannes ist, wenn man mit lauter Frauen zusammen wohnt. Kuno schnurrte verständnisvoll. Schließlich legte er sich mit dem Bauch nach oben auf meinen Schoß, und ich begann eine erneute Inspektion. Ich wollte sichergehen, dass er noch in der Lage war, Nachwuchs zu zeugen. Aber: Fehlanzeige. Da war nichts. Ich trank noch einen Schluck, strich nochmal durch das Fell nichts. Offenbar hatte er nie einen. Auf meinem Schoß lag eine große, hübsche, offensichtlich schwangere Perserkatze.
Was meine Frau abgeschnitten hatte, waren wohl nur Fellklumpen mit etwas Blut von ihren Kratzern gewesen. Wir verzichteten darauf, der Verkäuferin eine Szene zu machen. Die gemeinsamen Erlebnisse verbanden uns mit unserem Vierbeiner. Wir tauften sie kurzerhand Kosa. Und gestern bekam Kosa vier putzmuntere Kätzchen. Unsere Wohnung war wieder voller Leben, und wir bemerkten, dass Liebe und Fürsorge keinen festen Empfänger brauchen, sondern neu wachsen, wenn wir offen dafür sind. Das Leben überrascht uns, wenn wir es zulassen.

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Homy
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Kuzya Die Hochzeit war vorbei, die Gäste abgereist und unsere Tochter zu ihrem Mann gezogen – plötzlich gähnende Leere in der Wohnung. Nach einer Woche in erdrückender Stille beschlossen meine Frau und ich, ein Tier anzuschaffen: Es sollte unserer Tochter würdig ersetzen und unsere Elterninstinkte – füttern, erziehen, Gassi gehen, hinterherputzen – frisch halten. Außerdem hoffte ich, das Tier werde nicht wie unsere Tochter widersprechen, meine Zigaretten klauen oder nachts am Kühlschrank rascheln. Welches Tier es werden sollte, wussten wir noch nicht – die Entscheidung wollten wir vor Ort treffen. So ging es am Sonntag zum Tiermarkt im Frankfurter Ostend. Schon am Eingang lockten niedliche Meerschweinchen. Ich sah meine Frau fragend an. „Kommt nicht in Frage“, schnitt sie ab. „Unser letztes war doch auch ein Landtier.“ Die Fische waren zu wortkarg, Sittiche – bunt wie sie waren – riefen bei meiner Frau heftige Federstauballergien aus. Mir gefiel ein Äffchen, das mit seinen Faxen frappierend an unsere Tochter in der Pubertät erinnerte. Doch meine Frau schwor Stein und Bein, zwischen uns lieber tot auf dem Boden zu liegen – also gab ich nach. Mit dem Affen waren wir kaum fünf Minuten bekannt, gegen meine Frau hatte ich mich seit Jahren gewöhnt. Blieben also Hund oder Katze: Hunde muss man ständig ausführen, bei Katzen gibt es ständig Jungen – ich kann mich nun mal nicht als Katzenzüchter an der U-Bahn sehen. Also Katze. Unsere Kätzin erkannten wir sofort: Sie lag in einem Plexiglas-Aquarium, umgeben von tapsigen Kätzchen, die sich an ihr dichtes, weiches Fell kuschelten. Die Katze schlief. „Kaiser“, stand auf dem Schild, aber die Verkäuferin sagte, sie höre ohnehin am besten auf „Kusja“. Sie erzählte rührend vom schweren Katzenkindheitsschicksal: Eine im selben Haushalt aufgewachsene Dogge hatte sie fast totgebissen und sie musste ausziehen. Unser auserwähltes Tier war äußerlich eine reinrassige Perserin, schiefergraues Fell – jedoch keine Papiere, die bestätigen, dass die platte Nase züchtungsbedingt und keine Verletzung war. Laut den verschollenen Unterlagen hieß sie offiziell „Kaiser“, praktischerweise hörte sie aber auf „Kusja“. Also gekauft. Nach Hause fuhren wir samt Kusja (die ganze Fahrt schnarchte sie leise unterm Autositz) ohne Zwischenfälle. Im Treppenhaus, ahnend, wie ich zu Körperverstümmelung stehe, fragte meine Frau süffisant: „Bist du sicher, dass ‚er‘ nicht kastriert ist?“ Ich wurde nervös. Nicht, weil ich Vorurteile hätte, aber ein kastrierter Kater erinnert mich immer an Quasimodo – schändlich durch Menschen entstellt. Also dehnte ich Kusja im Halbdunkel des Treppenhauses auf der Treppenabsatz und machte eine hektische urologische Erstuntersuchung. Das Fell war verfilzt, die Genitalien für mich nicht zu sehen. Ich zwang mich zur Tierliebe, strich mit der Hand über den Beckenbereich – Kusja jaulte, doch das Wichtigste schien da zu sein. An diesem Abend kam unsere Tochter vorbei, um den Kühlschrank zu inspizieren. Als sie Kusja sah, ließ sie den fast aufgegessenen Frankfurter Kranz stehen und stürzte sich auf das Tier. Gemeinsam mit meiner Frau bugsierte sie „ihn“ in die Badewanne und schrubbte mit Babyshampoo. Danach wurde Kusja in mein Handtuch gewickelt und mit dem Fön trocken gelegt. Frisch gestylt, begann meine Frau, die verfilzten Knäuel aus dem Fell zu schneiden. Die Katze maunzte jämmerlich. Ich ließ sie allein gewähren, nahm mein Bier und verzog mich in die Küche. Die Idylle in der Stube wurde jäh durch Schmerzgeheul und Flughafen zertrümmert, dann klirrte etwas aus Glas und aufheulende Stimmen. Ich stellte die Flasche beiseite und eilte zurück. Meine Frau saß auf der Couch, schwang die blutverschmierten, zerkratze Hände hin und her wie ein verstörter Orkan, um sie herum die Schere und Büschel von Fell. Wir versammelten uns ums „Opfer“. „Was ist passiert?“, fragte ich. Sie blickte uns verzweifelt an und klagte: „Die E-i-e-r …“ „Was Eier?“ „A-abgerissen …“ „Wessen?“ „Der Katze …“ Ich bin kein Mediziner, aber sowas reißt nicht einfach ab – schon gar nicht bei Katern. Lange, unter Tränen und Schluchzen, versuchten wir zu verstehen, was passiert war. Ich bin eigentlich ein gutmütiger Mensch, aber wenn eine Frau vor mir sitzt und heult, habe ich das dringende Bedürfnis, sie aus Mitleid zu erlösen – wie einen schwerverletzten Kameraden auf dem Feld gegen das Leiden. Schließlich öffnete meine Frau die bis dahin geballten Fäuste: Zwei blutige Haarbüschel mit wenigen Tropfen Blut lagen darin. Offenbar hatte Kusja gezuckt und meine Frau hatte versehentlich, statt einer verfilzten Haarsträhne, etwas mehr erwischt – angeblich genau die „Eier“. Die Katze jaulte vor Schmerz, flüchtete unters Sofa und zerkratzte vorher noch die Hände meiner Frau. Außerdem fiel, nebenbei, eine Vase zu Bruch. Ehrlich gesagt, unter diesen Umständen hätte ich als Kater den Menschen wohl auch die Köpfe abgebissen und die ganze Wohnung verwüstet. Unsere Tochter bewaffnete sich mit dem Besen, ich legte mich mit auf den Bauch. Ganz hinten im Staub strahlten in der Finsternis zwei Bernsteinaugen: Der frische „Kastrat“ fauchte. Auf freundliche Bitten, untermalt mit Wiener Würstchen, reagierte er nicht. Als Mann verstand ich ihn. Unsere Tochter bugsierte Kusja mit der Besenstange vorsichtig aus dem Staub, ich griff nach den Pfoten. Der Kater – pardon: die Katze – erwies sich als listig und widerspenstig, krallte sich fest, boxte mit den Pfoten Löcher in den Stiel. Schließlich krallte sie sich am Besen fest und kam widerwillig hervor: Von einer edlen Perserkatze war nach der Aktion nicht mehr viel übrig – wild aufgerissene, gelbe Augen, Fell voller Spinnweben und jahrzehntealtem Sofastaub. In einer halben Stunde mit meiner Frau war aus dem Perser offenbar ein obdachloser Kastrat geworden. Eine nachdenkliche Assoziation. Ich nahm den misstrauisch verstummten Stubentiger in den Arm und kraulte beruhigend hinterm Ohr. Kusja entspannte sich nach und nach: Und fing tatsächlich an zu schnurren! Laut und schön, die Augen halb zu. Offenbar, so dachte ich, muss meine Frau sich geirrt haben – man schnurrt schließlich nicht nach Kastration. Meine Frau tänzelte vorsichtig heran und fragte üblich besorgt: „Geht’s ihm schlecht? Er röchelt? Ich rufe den Tiernotdienst!“ Die Katze öffnete ein trübes Auge, fixierte die Peinigerin und verstummte. Sie schien tatsächlich kurz davor, jämmerlich loszuhusten. Ich scheuchte die Frauen raus und trug die Katze in die Küche. Da saßen wir – tranken zusammen ein Bier, redeten über Männerleid in einem Weibhaushalt, und Kater Kusja schnurrte verständnisvoll. Nach einer Weile lag sie – jetzt auf dem Rücken – auf meinem Schoß, wurde zutraulich. Die Vertrautheit schaffte Freiraum für intime Fragen; also warf ich nochmal einen vorsichtigen Blick zwischen die Hinterpfoten. Ich wollte sicher sein, dass das Opfer meiner Frau keine bleibenden Folgen hatte. Aber: Keine Spur männlicher Attribute. Ich trank noch einen Schluck, durchwühlte das Fell – nichts. Und allem Anschein nach hatte da auch nie etwas gefehlt. Bei mir auf dem Schoß lag eine Katze. Eine ausgesprochen hübsche, große Perserkatze mit rundem Bäuchlein. Was meine Frau versehentlich abgeschnitten hatte, war eindeutig nur ein verfilztes Fellbüschel gewesen, blutverschmiert von den Kratzwunden. Wir sind nicht losgezogen, um der Verkäuferin eine Szene zu machen – die gemeinsamen Abenteuer schweißten uns eh schon zusammen. Übrigens heißt unsere Katze jetzt nicht mehr Kusja. Und gestern hat die „Kozi“ vier flauschige Kätzchen zur Welt gebracht. Jetzt haben wir wieder Kinderlachen im Haus.
Sie ist 32 Jahre alt, und ihr 12-jähriger Sohn hat soeben ihren neuen 22-jährigen Ehemann geheiratet.