Vor vielen Jahren, als meine Mutter in den Ruhestand ging, tat sie etwas, womit niemand gerechnet hatte: Sie entschied sich, uns das Gemüse aus ihrem eigenen Garten zu verkaufen. Sie sagte, wir wären kaum zu ihr gekommen und hätten auch nicht geholfen, also müsse es eben so laufen. Dass wir längst vergessen hätten, wer für die Wasseranschlüsse, die Gewächshäuser und die Helfer bezahlt hatte, die all die schweren Arbeiten verrichteten, betonte sie kaum noch.
Das meiste Gemüse und Obst kauften wir ohnehin preiswert auf dem Markt in Köln.
Eine eigene Datsche hatten wir nie. Wir lebten in der Stadt, Vater hatte vermutlich nie einen Kartoffelacker gesehen, jedenfalls nicht bevor er seinen Fuß in einen Supermarkt setzte. Mama hingegen war auf dem Dorf aufgewachsen und hatte ihre Liebe zum Gärtnern in der Jugend ausgelebt und danach hatte sie eigentlich genug davon.
Zu Lebzeiten meines Vaters gab es keinen Bedarf für den Eigenanbau. Vater sorgte für die Familie, selbst in schwierigen Zeiten. Mutter arbeitete ebenfalls, aber am Ende trug Vater doch die Hauptlast.
Nach Vaters Tod änderte sich zunächst kaum etwas.
Solange ich alleinstehend war und arbeitete, half ich, wo ich konnte. Wir lebten gemeinsam und teilten die Ausgaben. Erst als ich vor zwei Jahren heiratete, bin ich ausgezogen.
Vergangenes Jahr, nach der Pensionierung, erfüllte sich meine Mutter dann ihren Wunsch: Sie kaufte sich ein kleines Grundstück mit einer Laube am Stadtrand von Düsseldorf. Sie sehnte sich nach der großen Gartenidylle ihrer Kindheit, bei ihrer Großmutter am Niederrhein. Das Geld dafür hob sie vom Konto ab. In meinen Augen etwas unbequem aber meine Mutter war glücklich, und das war entscheidend.
Natürlich wurden mein Mann und ich gebeten, das Haus und das Grundstück finanziell zu unterstützen. Wir verdienten beide gut, daher halfen wir mit. Zwar reichte es nicht für ein Schloss, aber doch dafür, das Häuschen zu sanieren, Wasser aufs Grundstück und in die Hütte zu legen und die Veranda mit Fenstern zu versehen.
Uns als Arbeitskommando einspannen zu wollen, lehnten wir jedoch höflich ab. Es fehlte uns schlicht an Zeit und Lust. Als echte Großstädter wollten wir lieber ausschlafen, Freunde treffen oder gemeinsam ausgehen, statt Beete umzugraben.
Für diese Gleichgültigkeit gegenüber Mamas Gärtnern bekamen wir oft einen Rüffel, doch sobald sie wieder finanzielle Hilfe brauchte, war alles vergessen. Es gab ständig irgendetwas zu finanzieren: Neue Gewächshäuser, Hochbeete, Umgestaltungen des Gartens wir zahlten brav, mama musste sich damit nicht belasten.
Selbst das Taxi zum Garten, wenn sie schwere Einkäufe hatte, übernahmen wir.
Gelegentlich berichtete meine Mutter enthusiastisch von ihren Gartenabenteuern, zeigte mir Fotos der bunten Vielfalt wie ordentlich alles war, wie prachtvoll die Blumen blühten. Ich hielt mich meist mit Begeisterung zurück, da es mich damals wenig interessierte.
Bis zu jenem Sommertag, als Mama mir ein Bild von ihren prächtigen Erdbeeren schickte: groß, tiefrot, saftig ich erinnerte mich sofort an ihren Geschmack aus Kindertagen. Ich bat sie, mir ein Schälchen zurückzulegen, und erklärte, ich käme nach Feierabend vorbei, um sie zu holen.
Niemals hätte ich gedacht, dass sie mir wenig später Bilder von verschiedenen Einmachgläsern und eine Preisliste für die Erdbeeren schicken würde.
Ich las es mehrmals, sicher, ich hätte etwas missverstanden. Nach einem kurzen Anruf jedoch blieb es dabei: Meine Mutter wollte mir tatsächlich Erdbeeren verkaufen.
Und was erwartest du? Ich schufte hier für jede einzelne Frucht, während ihr beide nie da seid. Warum sollte ich euch das umsonst geben? Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, gab sie mir sachlich zu verstehen.
Ich erinnerte sie daran, dass wir ja den Garten und alles drum herum schon mehrfach unterstützt hatten. Empört warf sie mir vor, nun für Hilfe zahlen zu wollen: Wie kannst du so mit deiner Mutter reden?
Seitdem kaufe ich aus Prinzip kein Gemüse oder Obst mehr von meiner eigenen Mutter. Sie kann ihre Ernte gerne anderen verkaufen. Mein Mann und ich kaufen alles Nötige auf dem Markt, das ist heute kein Problem.
Auch ihre Versuche, uns Zucchini oder Gurken anzubieten, lehnten wir ab.
Für die Gartenarbeit geben wir nun keinen Cent mehr aus. Natürlich helfen wir ihr weiterhin, wenn sie Geld für wichtige Dinge braucht wie Medikamente, Rechnungen oder Dinge für die Gesundheit aber für den Garten, das machen wir nicht mehr.
So sehr mir diese Geschichte auch im Kopf geblieben ist, fällt mir beim Nachdenken heute auf, wie sich der Wert von Arbeit, Familie und Unterstützung immer wieder neu definiert wie sehr sich unsere Wege damals auseinandergelebt haben.





