Deine Schwester geht mir inzwischen gehörig auf die Nerven – sie übernimmt das Kommando in unserem Zuhause. Jetzt musst du dich entscheiden: Entweder ich oder sie! Das habe ich meinem Mann klipp und klar gesagt.

Deine Schwester geht mir allmählich auf die Nerven, sie bestimmt hier alles. Entweder ich, oder sie. Entscheide dich, sagte ich irgendwann zu meinem Mann.

Damals war der Sommer noch warm, sogar das Wasser im Freibad fühlte sich angenehm an. Ich schwamm langsam meine Bahnen, zählte jeden Armzug: eins, zwei, drei … Beim fünfzehnten kam ich durcheinander. Das war nicht wichtig. Es zählte nur der Rhythmus, das Fließen, wie die Last von mir abfiel, wie die Anspannung an den Fingerspitzen und Fußsohlen verschwand, sich im gechlorten Wasser auflöste.

Du wirkst richtig wie ein Geist, meinte Oksana, meine langjährige Freundin, die schon am Beckenrand saß und mit den Beinen planschte. Wassertropfen liefen über ihren Badeanzug. Was ist los?

Ich tauchte auf, wischte mir das Wasser aus dem Gesicht.

Ach, nichts…

Erzähl keinen Unsinn. Ich sehs dir doch an. Du bist in den letzten Wochen ganz schön dünn geworden, die dunklen Schatten unter den Augen … Wegen ihr wieder, nicht wahr?

Sie. Juliane. Antons Schwester. Sie wohnte schon seit einem halben Jahr bei uns ganz vorübergehend, wie sie immer sagte. Das Vorübergehende zog sich. Erst eine Woche, dann ein Monat, und immer wieder: Nur noch kurz, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Sie suchte aber gar nicht, sondern hatte sich bestens bei uns eingerichtet.

Gestern hat sie mir erklärt, ich würze den Eintopf falsch, murmelte ich und zog mir die Badekappe auf, versuchte nicht in Oksanas Blick zu schauen. In meiner Küche. Mein Eintopf. Falsch.

Und wie reagiert Anton?

Ich schwieg, denn mir blieb das Wort im Halse stecken. Wie reagierte er? Anton lächelte, zuckte nur die Schultern: Ach Juliane ist halt direkt, du weißt doch, sie sagt immer, was sie denkt. Direktheit als wäre das eine Entschuldigung für jegliche Unhöflichkeit.

Oksana kam ins Wasser, legte die Hand auf meine Schulter.

Es wird Zeit für ein klares Gespräch.

Hab ich schon etliche Male versucht.

Dann setz eine Grenze.

Ich schnaubte, verschluckte dabei etwas Wasser.

Leichter gesagt als getan.

Versuchs. Entweder du, oder sie. Lass ihn entscheiden.

Wir zogen uns um und gingen auf die Straße hinaus. Der Oktober war ungewöhnlich warm, beinahe wie Sommer. Die Sonne blendete, ich kramte die Sonnenbrille hervor. An diesem Donnerstag war die Stadt voller Leben Mütter mit Kinderwagen, alte Damen mit Stoffbeuteln, Schüler mit Schultaschen. Alles war wie immer.

Komm, lass uns einen Kaffee trinken, schlug Oksana vor.

Gerne.

Wir setzten uns ins kleine Café an der Ecke es war wie immer ruhig dort. Ich bestellte einen Cappuccino, Oksana einen Filterkaffee. Vom Fenster aus blickte ich auf die Straße und fragte mich, wann alles sich so verschoben hatte. Wann war ich eigentlich eine Fremde in meiner eigenen Wohnung geworden?

Ich kenne das, murmelte Oksana, rührte Zucker um. Weißt du noch, wie mein Schwiegervater nach seinem Herzinfarkt zu uns zog?

Ja, klar.

Der blieb drei Jahre. Drei Jahre, Tanja! Und ich fühlte mich wie ein Gast. Morgens um sechs riss er den Fernseher auf volle Lautstärke an, polterte durch die Wohnung, suchte ständig etwas, machte Lärm. Und Sergej meinte immer: Sei doch nachsichtig, er ist alt, es ist schwer für ihn.

Was hast du gemacht, um da rauszukommen?

Ich hab ihm die Wahl gelassen. Entweder zieht er ins Altersheim, oder ich suche mir eine Wohnung. Sergej hat mir zuerst nicht geglaubt, aber als ich die Wohnungsanzeigen vorlegte, wusste er: Jetzt wirds ernst.

Und?

Eine Woche später bekam der Schwiegervater einen schönen Platz im Pflegeheim. Er war sogar zufrieden fand Freunde, bekam Beschäftigung. Und wir hatten unser Leben zurück.

Ich nickte und nahm einen Schluck vom heißen Kaffee.

Bei mir ist das anders, sagte ich leise. Es ist Antons Schwester, leiblich. Er hat sie immer beschützt, seit Kindesbeinen. Und nun …

Nun ist sie achtunddreißig und sollte langsam für sich selbst sorgen.

Sechsunddreißig.

Macht keinen Unterschied. Tanja, du schadest dir selbst. Du musst etwas tun.

Ich schwieg, weil Oksana recht hatte. Weil ich schon längst wusste, dass es Zeit war. Aber es schüchterte mich ein, Anton vor diese Wahl zu stellen. Was, wenn er sich nicht für mich entschied?

Als ich nach Hause kam, lag Juliane auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, das Handy in der Hand irgendeine Serie lief. Ihr billiges Parfum zog durch die Wohnung.

Ah, du bist schon da? sie hob nicht einmal den Kopf. Hab den Eintopf aufgewärmt. Deiner, übrigens. Er war angebrannt, hab noch Wasser dazu.

Ich blieb mitten im Flur stehen. Angebrannt, nachgegossen. Mein Eintopf. Mein Topf. Mein Herd.

Juliane, sagte ich ganz ruhig, während es in mir kochte, lass das bitte.

Du tust ja gerade so, als würde die Welt untergehen. Ich wollte nur helfen.

Helfen. Sie half überall. Im Schrank räumen aber nach ihrem Geschmack. Lebensmittel kaufen nach ihren Vorlieben. Wohnung aufräumen indem sie Möbel verschob, Geschirr umsortierte. Immer tat sie so, als wäre es eine Geste der Großherzigkeit.

Ich ging in die Küche. Der Topfboden war tatsächlich angebrannt, der Eintopf eine wässrige Brühe. Ich schloss die Augen, ballte die Fäuste, konzentrierte mich aufs Atmen eins, zwei, drei …

Warum bist du so verspannt? Juliane stand im Türrahmen und lehnte sich lässig dagegen. Entspann dich. Es ist doch nur Eintopf.

Nur Eintopf.

Klar. Ist kein Weltuntergang.

Kein Weltuntergang. Wie das, dass sie das Gästezimmer zur ihrer Höhle gemacht hatte. Wie das, dass meine Sachen irgendwohin verschwunden waren weil sie ~ Ordnung geschaffen ~ hatte. Wie das, dass Anton inzwischen jeden Abend erst zu ihr kam, um über irgendein Drama in ihrer Arbeit zu plaudern.

Juliane, sagte ich und sah ihr direkt ins Gesicht, wann willst du ausziehen?

Sie blinzelte.

Was?

Ich frage dich: Wann ziehst du aus?

Tanja, was ist denn los? Ihr Ton wurde dünn, klang beleidigt. Ich dachte, es läuft hier gut. Ich bemühe mich doch …

Du bemüht dich nicht. Du leitest alles. In meinem Haus. Verstehst du das?

Anton hat mir ausdrücklich erlaubt, mich hier einzurichten …

Eingerichtet. Nicht eingenistet.

Sie verschränkte die Arme, schaute mich skeptisch an.

Vielleicht liegts ja an dir? Du bist wohl eifersüchtig. Kannst nicht akzeptieren, dass Anton Familie hat, nicht nur dich.

Eifersüchtig war ich. Eifersüchtig auf seine Schwester, die sich wie selbstverständlich in unser Leben drängte, mitsprach beim Abendessen, morgens unangekündigt ins Badezimmer stürmte.

Geh, sagte ich ruhig.

Wie bitte?!

Geh. Jetzt sofort. Pack deine Sachen und geh.

Sie lachte laut und echt.

Du bist ja verrückt! Das steht dir gar nicht zu! Ich bin hier, weil Anton mein Bruder mich eingeladen hat.

Anton ist aber auch mein Mann.

Und? Deswegen kannst du mich nicht einfach hinauswerfen.

Ich starrte sie an. Und etwas löste sich in mir. Nicht schmerzhaft, nicht abrupt, sondern wie eine Schnur, die langsam nachgibt.

Gut, meinte ich. Dann gehe ich.

Ihr Lächeln erstarb.

Du gehst nirgends hin. Du bluffst.

Wir werden sehen.

Ich ging ins Schlafzimmer, holte meine Reisetasche aus dem Schrank. Legte Jeans, Pullover, Unterwäsche hinein. Meine Hände bewegten sich von allein, in meinem Kopf war Leere. Keine Gedanken, keine Gefühle, nur Handlung.

Tanja, warte, sagte Juliane hinter mir, mit versöhnlichem Klang. Lass uns reden …

Worüber?

Na … vielleicht haben wir uns alle missverstanden …

Ich habe alles verstanden. Ich schloss die Tasche, drehte mich um. Du meinst, du hast das Recht, hier zu wohnen, weil Anton dein Bruder ist. Und ich soll als Frau die Zähne zusammenbeißen.

So hab ich das nie gesagt …

Du musst es nicht sagen. Du hast es längst gezeigt.

Ich ging in den Flur, zog meine Jacke an, nahm die Autoschlüssel.

Wohin willst du?, murmelte Juliane und folgte mir. Tanja, bleib doch stehen!

Ich ruf Anton an. Er kann wählen.

Was soll er wählen?

Mich oder dich.

Die Tür fiel ins Schloss, dumpf. Ich stieg die Treppen runter unser Aufzug war mal wieder kaputt und trat hinaus in die frische Herbstluft. Setzte mich ins Auto, startete den Motor. Meine Hände zitterten nicht vor Angst, sondern vor Adrenalin.

Das Handy vibrierte Oksana schrieb: Wie läufts?

Ich antwortete: Habe meine Sachen gepackt. Gehe.

Sogleich kam zurück: Wirklich? Wohin?

Zu meiner Mutter. Ich weiß noch nicht.

Gut gemacht. Halt durch. Ruf mich an, wenn du was brauchst.

Ich startete und fuhr los. Die Stadt flog vorbei vertraute Straßen, vertraute Häuser. Hier hatte ich zwanzig Jahre gelebt, geheiratet, den Namen gewechselt, die Wohnung gekauft. Und jetzt floh ich. Wie lange? Keine Ahnung. Vielleicht für immer.

Meine Mutter wohnte am anderen Ende der Stadt in einer Altbauwohnung im fünften Stock. Ich parkte, stieg die Treppe hoch, klingelte.

Tanja? sie öffnete, erstaunt über die Tasche in meiner Hand. Ist was passiert?

Darf ich bei dir übernachten?

Natürlich, komm rein.

Sie machte Platz, ließ mich in ihre Wohnung. Es roch nach Apfelkuchen, Tee, Kindheit. Mein altes Zimmer war fast unverändert geblieben. Das gleiche Sofa, die gleichen Tapeten, der Blick auf den Hof …

Gabs Streit?, fragte sie vorsichtig an der Tür.

Nicht mit Anton, sagte ich, warf die Schuhe ab und setzte mich aufs Sofa. Mit Juliane.

Ach, Juliane …

Ja.

Sie seufzte und verschwand in die Küche. Brummte mit dem Wasserkessel, holte Tassen raus, kehrte bald mit einem Tablett zurück.

Erzähl.

Ich erzählte alles. Über die letzten Monate, den Eintopf, die Suppe, wie Juliane unser Zuhause und unser Leben übernommen hatte. Wie Anton kein Problem sah, mich abwies, sich schützend vor seine Schwester stellte. Mutter hörte zu, nickte, trank Tee.

Was willst du machen?

Dass sie auszieht.

Und Anton?

Er muss sich entscheiden. Ich oder sie.

Sie schüttelte den Kopf.

Tanja, das ist gefährlich. Ultimaten gehen selten gut aus.

Mama, ich halte es nicht mehr aus. Mein Wort stockte, Tränen stiegen auf. Ich verstummte, sonst wäre ich sofort in Tränen ausgebrochen.

Sie nahm mich in die Arme warm, fest, wie früher als Kind nach Stürzen vom Fahrrad.

Gut, sagte sie leise. Bleib heute Nacht hier. Morgen regelt ihr das in Ruhe.

Aber der nächste Tag war alles andere als ruhig. Am Morgen, als ich aufwachte, blinkten fünfzehn Anrufe von Anton und zehn Nachrichten am Handy. Die letzte kam um sieben Uhr: Wo bist du? Juliane sagt, du bist weg. Was ist los?

Ich rief ihn an. Er nahm sofort ab.

Tanja! Wo bist du?!

Bei meiner Mutter.

Warum?! Was ist passiert?!

Anton, ich kann nicht länger mit deiner Schwester zusammen wohnen.

Wovon redest du? Habt ihr euch gestritten?

Wir haben nicht gestritten. Ich will einfach nicht mehr mit ihr mein Zuhause teilen.

Tanja, übertreib es nicht … Juliane ist doch nur vorübergehend! Bald zieht sie aus!

Wann bald? In einem Monat? In einem Jahr? In fünf Jahren?

Sie sucht doch nach einer Wohnung …

Sucht sie nicht. Und das weißt du.

Er schwieg. Ich hörte nur seinen aufgeregten Atem.

Gut, sagte er irgendwann. Wir müssen reden. Treffen wir uns.

Kein Treffen. Entscheide: Ich oder sie.

Tanja, das ist Wahnsinn! Sie ist meine Schwester!

Ich bin deine Frau.

Du verlangst etwas, das ich unmöglich entscheiden kann!

Warum unmöglich? Es ist sehr wohl möglich.

Ich kann meine Schwester nicht auf die Straße setzen!

Dann bleibe ich bei meiner Mutter.

Er schwieg lange. Dann fragte er, die Stimme brüchig:

Du meinst es ernst?

Ich schloss die Augen. Mein Herz pochte wie wild.

Ja. Ich meine es ernst.

Dann legte ich auf.

Das Handy vibrierte weiter Anton rief immer wieder an. Beim fünften Mal schaltete ich den Ton aus, legte das Handy weg.

Mutter schaute herein.

Er ruft an?

Ja.

Was wirst du jetzt tun?

Ich zuckte die Schultern. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht. Mein Plan war einfach gewesen: Weggehen, ein Ultimatum stellen, Anton vor die Wahl stellen. Aber was dann? Darüber hatte ich nicht nachgedacht. Ich hoffte insgeheim, dass er es von allein verstehen und Juliane zum Auszug bewegen würde, sich bei mir entschuldigen würde.

Aber das tat er nicht. Er verteidigte seine Schwester. Wie immer.

Tanja, Mutter setzte sich zu mir, nahm meine Hand, bist du darauf vorbereitet, dass er sie wählen könnte?

Der Gedanke stand zwischen uns. Ich schaute auf meine Finger ohne Ehering wirkten sie nackt und fremd. Das Ring lag zu Hause, auf dem Nachttisch. Ich hatte es absichtlich zurückgelassen.

Ich weiß nicht … Mama, wie hast du damals mit Oma zusammengelebt? Sie war doch auch rechthaberisch …

Das war schwer, zehn Jahre lang. Bis zu ihrem Schlaganfall. Weißt du, ich habe im Nachhinein ganz vieles bereut.

Was denn?

Dass ich nicht den Mund aufgemacht habe. Alles geschluckt. Dein Vater dachte, wir würden uns verstehen. Ich wurde immer kleiner, leiser, und sie nahm den ganzen Platz für sich ein. Irgendwann habe ich mich wie eine Dienstmagd gefühlt.

Ich nickte. Genau so fühlte ich mich wie eine schweigende Hilfe, die nie widersprechen sollte.

Deshalb, Tanja, verstehe ich dich. Und ich unterstütze dich. Aber stell dich auf das Schlimmste ein. Männer mögen keine Ultimaten. Vor allem nicht, wenn es um Familie geht.

Der Tag verging langsam. Ich lag auf dem Sofa, starrte an die Decke, lauschte, wie Mutter in der Küche werkelte. Sie brachte zum Mittag Suppe, zwang mich zum Essen. Ich schluckte mechanisch, schmeckte nichts.

Gegen vier Uhr kam Oksana vorbei meine Mutter ließ sie herein, sie stürmte wie ein Wirbelwind ins Zimmer.

Was gibts Neues? Hat er angerufen?

Mehrfach.

Und?

Ultimatum gestellt, er sagte, er könne Juliane nicht rauswerfen. Ich habe aufgelegt.

Oksana pfiff leise.

Echt hart. Hätte ich nicht erwartet von dir.

Es ist nicht Härte. Es ist Endstation. Ich kann einfach nicht mehr.

Was macht er jetzt? Redet er mit Juliane?

Keine Ahnung. Handy ist aus.

Gut so. Lass ihn nachdenken. Oksana ließ sich neben mich fallen. Vielleicht solltest du wirklich eine Zeit lang ausziehen, Abstand nehmen, dich irgendwo erholen.

Wohin denn? In zwei Tagen muss ich wieder arbeiten.

Nimm doch einfach mal frei. Sag, du hast Stress. Das trifft ja sogar zu.

Ich überlegte. Vielleicht wirklich eine Pause machen? An die Nordsee fahren? Zu meiner Tante aufs Land? In Ruhe nachdenken.

Das Handy sprang wieder an, ich schaltete es ein, um auf die Uhr zu schauen. Sofort ploppten dutzende Nachrichten von Anton auf.

Tanja, bitte, lass uns reden.

Ich verstehe, dass du erschöpft bist.

Aber es ist meine Schwester. Ich kann sie nicht im Stich lassen.

Sie weint gerade. Sie wollte dich nicht verletzen.

Die letzte Nachricht war vor zehn Minuten geschickt worden: Komm nach Hause, wir reden zu dritt, finden eine Lösung.

Zu dritt. Also Anton, Juliane und ich. Hervorragend.

Geh nicht hin, sagte Oksana, als sie es mitlas. Das ist eine Falle. Die machen dir ein schlechtes Gewissen.

Sie werden mich nicht erdrücken.

Doch. Anton verteidigt Juliane, sie heult, du stehst als Böse da. Das kenne ich.

Vielleicht hatte sie recht. Aber das Gespräch war unvermeidlich, irgendwann.

Ich schrieb zurück: Ich komme nur, wenn Juliane nicht da ist.

Die Antwort kam sofort: Okay. Sie geht zu ihrer Freundin.

Los gehts, meinte Oksana und klopfte mir auf die Schulter. Ich warte hier, falls du mich brauchst.

Ich ging um sechs nach Hause. Die Treppen hinauf, mit meinem Schlüssel aufgeschlossen. Die Wohnung roch nach Kaffee und Spannung.

Anton saß in der Küche und starrte aus dem Fenster. Er sah mich, sein Gesicht müde, die Augen gerötet.

Hallo, sagte er leise.

Hallo.

Wir schauten uns lange an nach so vielen Jahren Zusammenleben wie Fremde.

Ist Juliane weg?

Ja, bei Rita.

Gut.

Ich setzte mich gegenüber, legte die Hände auf den Tisch.

Anton, ich will keinen Streit. Ich will nur ehrliche Antwort: Was ist dir wichtiger? Unsere Ehe oder deine Schwester?

Er atmete schwer, rieb sich das Gesicht.

Tanja … das ist doch keine Frage nach Entweder-Oder. Es ist Familie. Unsere gemeinsame Familie.

Doch, sagte ich. Denn zusammen leben geht nicht. Ich schaffe es nicht.

Warum?! Erklär es mir. Was hat sie dir getan?

Nichts Konkretes. Sie nimmt den Raum. Unser Zuhause, unsere Gespräche. Wir haben keine Zweisamkeit mehr. Alles dreht sich um sie.

Es ist nur vorübergehend …

Seit einem halben Jahr, Anton! Das ist nicht vorübergehend!

Er schwieg, presste die Lippen aufeinander.

Pass auf, schlug er schließlich vor, noch einen Monat. Ich rede ernsthaft mit ihr, wir suchen ihr eine Wohnung, helfen beim Umzug …

Noch einen Monat? Ich lachte bitter. Anton, merkst du eigentlich, was du sagst? Wieder ein neuer Grund zum Bleiben.

Sie wird ausziehen. Versprochen.

Deine Versprechen zählen nichts mehr.

Es klang heftig, aber ich bereute es nicht. Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geohrfeigt.

Vertraust du mir nicht mehr?

Nein.

Wir saßen da, und eine unsichtbare Wand wuchs zwischen uns. Ich sah ihn, hörte ihn, aber er war so weit weg.

Okay, sagte er müde. Was willst du?

Wenn ich morgen zurückkomme, soll sie weg sein. Ganz. Mit allem.

Das geht doch nicht.

Dann komme ich nicht zurück.

Er stand auf, ging zum Fenster, blickte hinaus auf unseren Hof, den Spielplatz, die Autos.

Weißt du, sagte er ohne sich umzudrehen, vielleicht hast du recht. Vielleicht brauchen wir eine Pause. Getrennt voneinander.

Mir wurde heiß. Pause. Trennung. Anfang vom Ende.

Abgemacht, sagte ich, stand auf. Melde dich, wenn du entschieden hast.

Ich verließ die Küche, die Wohnung, das Haus. Erst im Auto, als ich die Tür zuwarf, wurde mir klar: Jetzt steht alles auf dem Spiel.

Ich konnte nur abwarten.

Drei Tage vergingen. Kein Anruf von Anton. Ich blieb bei meiner Mutter, ging zur Arbeit, kehrte abends zurück. Funktionierte einfach.

Am vierten Morgen eine Nachricht hoch: Juliane ist ausgezogen. Hat eine Wohnung auf der Lessingstraße gemietet. Komm nach Hause.

Ich starrte aufs Handy. Juliane ist ausgezogen. Er hat sich für mich entschieden.

Am Abend kehrte ich heim. Die Stille war ungewohnt, ein wenig fremd. Anton stand in der Küche, goss Tee auf.

Ist sie gekränkt?, fragte ich.

Sehr. Aber das ist ihr Problem.

Er umarmte mich fest, fast verzweifelt.

Entschuldige, dass ich es nicht gleich erkannt habe. Entschuldige, dass ich dich zu so einem Schritt gezwungen habe.

Ich lehnte mich an ihn, schloss die Augen. Vielleicht war etwas zerbrochen in uns. Aber manches war auch wieder heil geworden.

Unser Zuhause gehörte wieder uns. Nur uns.

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Homy
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Deine Schwester geht mir inzwischen gehörig auf die Nerven – sie übernimmt das Kommando in unserem Zuhause. Jetzt musst du dich entscheiden: Entweder ich oder sie! Das habe ich meinem Mann klipp und klar gesagt.
Einfach ungeliebt: Die bittersüße Reise durch die Welt der unerwiderten Liebe