Ich bin fünfzig Jahre alt und war noch Schülerin, als ich von meinem damaligen Freund schwanger wurde. Auch er war noch Schüler. Keiner von uns hatte einen Job. Als meine Familie davon erfuhr, war ihre Reaktion sofort und unmissverständlich: Sie warfen mir vor, Schande über das Haus gebracht zu haben und betonten, dass sie kein Kind aufziehen würden, das “nicht ihres” sei. Eines Abends wurde ich gezwungen, meine Sachen zu packen. So stand ich mit einem kleinen Koffer in der Hand auf der Straße, ohne zu wissen, wo ich am nächsten Tag schlafen würde.
Die Eltern meines Freundes, Klaus und Ingrid Weber, waren es, die mir die Tür öffneten. Sie nahmen uns noch am selben Abend bei sich auf. Wir bekamen ein kleines Zimmer im Obergeschoss, und sie machten klare Ansagen: Das Einzige, was sie von uns erwarteten, sei, dass wir beide unser Abitur zu Ende bringen. Sie kümmerten sich um alles, was zum Leben gehörte Essen, Strom, Miete, sogar die Arztbesuche während meiner Schwangerschaft. Ich war damals vollkommen auf ihre Hilfe angewiesen.
Als unser Sohn geboren wurde, war es Ingrid, meine Schwiegermutter, die an meiner Seite im Krankenhaus blieb. Sie half mir, das Baby zu waschen, zeigte mir geduldig, wie man Windeln wechselt und beruhigte meinen Sohn, wenn er nachts schrie. Während ich mich von der Geburt erholte, nahm sie ihn oft nachts zu sich, damit ich wenigstens ein paar Stunden Schlaf abbekam. Klaus besorgte das Babybettchen und alles, was wir für die ersten Monate brauchten.
Einige Zeit später kamen sie selbst auf uns zu: Sie sagten ganz offen, sie wollten nicht, dass wir uns in dieser Situation verlieren und am Ende “steckenbleiben”. Sie schlugen vor, meine Ausbildung zur Krankenschwester zu finanzieren. Ich nahm dankbar an. Morgens saß ich in den Lehrsälen und ließ unseren Sohn bei Ingrid. Mein Freund, später mein Mann, begann ein Studium der Systemtechnik. Beide drückten wir wieder die Schulbank, während seine Eltern tapfer die meiste finanzielle Last stemmten.
In jener Zeit mussten wir viele Opfer bringen. Unser Alltag lief nach einem strikten Zeitplan ab. Luxus gab es keinen, manchmal reichte das Geld gerade so, dass wir über die Runden kamen. Aber wir mussten nie hungern, und Unterstützung fehlte nie. Wenn einer von uns krank war oder die Hoffnung verlor, waren sie da sie übernahmen das Kind, damit wir zu Prüfungen gehen oder stundenlang Praktika machen konnten, wenn sich eine Möglichkeit bot.
Mit der Zeit fanden wir Arbeit. Ich wurde Krankenschwester, er arbeitete als Systemingenieur. Wir heirateten, zogen in eine kleine Wohnung und erzogen gemeinsam unseren Sohn. Heute bin ich fünfzig Jahre alt. Unsere Ehe ist immer noch stark, unser Sohn ist inzwischen erwachsen und hat hautnah erlebt, was harte Arbeit und gegenseitige Unterstützung bedeuten.
Zu meiner eigenen Familie habe ich mittlerweile nur noch sporadisch Kontakt. Es gab keine großen Auseinandersetzungen mehr nach all den Jahren, aber Nähe ist da nie wieder entstanden. Ich fühle keinen Hass, aber unser Verhältnis bleibt distanziert.
Wenn ich heute sagen müsste, welche Familie mein Leben gerettet hat dann war es nicht die, in der ich geboren wurde. Es war die Familie meines Mannes, die Weber, die mir damals die Hand reichten und mir halfen, mein Leben neu aufzubauen.





